Bin ich schon depressiv oder ist das noch das Leben?

Melancholie

Ihr Lieben, die Zeiten des Lockdowns bringen viele von uns an ihre Grenzen. Und manche sogar darüber hinaus. Aber ab wann erkennen wir, ob wir einfach nur erschöpft sind – oder schon Hilfe brauchen, um aus dem Loch wieder rauszukommen? Autor und Familienvater Till Raether erzählt in seinem neuen Buch Bin ich schon depressiv oder ist das noch das Leben von den Graustufen zwischen Überforderung, weil er sie selbst kennenlernen durfte bzw. musste.

Bin ich schon depressiv?
Autor Till Raether. Foto: Stephanie Brinkkoetter

Lieber Herr Raether, mit Ihrem neuen Buch sprechen Sie mit Sicherheit einigen erschöpften Müttern und Vätern nach einem völlig unplanbaren Corona-Lockdown-Jahr aus der Seele. Gerade wenn Sie schreiben, dass Sie oft daran gedacht haben, sich hinzulegen – und einfach nicht wieder aufzustehen. Provakant gefragt: Ist das noch Erschöpfung oder sollten wir uns jetzt bereits alle Hilfe holen?

Ich denke, es ist nie verkehrt, sich Hilfe zu holen. Leider ist es in der Pandemie nicht einfacher geworden: Es gibt nicht genug Therapieplätze, das Prozedere ist noch komplizierter geworden, die Wartelisten sind lang. Es ist leicht, sich davon abschrecken zu lassen. Aber ich finde, es lohnt sich, dranzubleiben. Selbst, wenn man möglicherweise nur erschöpft ist. Und das nur würde ich in ganz große Anführungszeichen setzen.

Ihr Buch bietet echt hohes Identifikationspotential, weil es eben die Grauzone zwischen Erschöpfung und Erkrankung auslotet. Mögen Sie uns kurz mitnehmen in diese Grauzone?

Ich glaube, dass gerade bei Mehrfachbelastungen die Gefahr groß ist, sich immer wieder zu sagen: Ach, meine Erschöpfung, meine Überforderung, womöglich meine Niedergeschlagenheit – das liegt alles daran, dass ich so viel zu tun habe, dass alle was von mir wollen, dass ich keine Zeit für mich habe. Aber das wird wieder! Wenn man dann nach längerer Zeit merkt, nein, es wird nicht von allein, dann ist man, denke ich, womöglich langsam auf dem Weg raus aus der Grauzone, dahin, wo’s langsam doch immer dunkler wird. Und da komme zumindest ich auf die Dauer dann wirklich nicht mehr allein raus.

Welche Gefühle sind es in den grauen Tagen vor allem, die Sie heimsuchen? Hilflosigkeit? Sinnsuche? Müdigkeit?

Bei mir große Antrieblosigkeit, Gefühle von Sinnlosigkeit, und die feste Überzeugung, dass es mir nichts nützen würde, um Hilfe zu bitten.

Sie schreiben über sich selbst, dass Sie oft die Fassade wahren wollten, wenn Sie in die Depression rutschten. Das hat Sie viel Energie gekostet. Wie äußerte sich das und können Sie sich erklären, warum Sie sich so sehr bemühten, sich nichts anmerken zu lassen? Hatte das auch mit Scham zu tun?

Ich habe Depression lange als Zeichen persönlicher Schwäche gesehen. Vermutlich, weil meine eben auch mit einem so großen Schwächegefühl einherging: dem Gefühl, nicht mehr zu können, für alles zu schwach zu sein. Das passte nicht in das Bild, dass ich von mir selbst im Job und traditionellerweise auch als Mann und Vater hatte: Schwäche. Und, ja, dafür habe ich mich dann auch geschämt. Nicht gesellschaftlichen und meinen Erwartungen zu entsprechen.

Sie glaubten lange, Sie müssten sich einfach nur ein bisschen mehr zusammenreißen, oder? Beginnt hier nicht auch ein Teufelskreis der Selbstzermarterung?

Klar. Das mit dem Zusammenreißen ging bei mir eine ganze Weile gut, bis ich gemerkt habe, dass ich womöglich nur aus Angst und Schuldgefühlen so gewissenhaft bin und immer weiter durchhalte. Das hat mich auf die Dauer immer mehr Kraft gekostet, die mir dann wiederum anderswo gefehlt hat. Bis es eines Tages nicht mehr ging.

Ein gebrochenes Bein sieht man, eine gebrochene Seele nicht. Das macht es auch so schwer für Angehörige und Außenstehende, oder? Wie sind Ihre Nächsten mit Ihrer Erkrankung umgegangen?

Glücklicherweise sehr verständnisvoll. Mit wenig Druck. Aber auch mit Trauer und Mitgefühl. Aber ebenfalls, und das ist glaube ich ganz wichtig, mit dem klaren Signal: Wir können dir nicht helfen, aber wir können dich dabei unterstützten, dir von anderen helfen zu lassen. Das war sehr wichtig und sehr schön für mich.

Wie haben Sie Ihren Kindern Ihre Erkrankung erklärt, einmal hatten Sie ja sogar die Sorge, die Depression womöglich gar an Ihren Sohn weitervererbt zu haben…

Ich habe die Kinder, als sie kleiner waren, nicht damit konfrontiert. Als ich angefangen habe, Antidepressiva zu nehmen und mich um eine Therapie zu kümmern, waren sie zehn und dreizehn, und da habe ich recht offen und einfach zu ihnen gesagt: Ihr wisst ja, dass ich oft erschöpft und reizbar bin, das möchte ich nicht, und das ist leider immer schlimmer geworden, darum nehme ich jetzt Tabletten dagegen und mache eine Therapie. Das hilft mir, und ich bin ganz glücklich darüber. So, dass das nie ein Geheimnis oder ein Tabu war, aber auch ohne, dass sie jetzt ständig mit mir darüber reden müssen.

Bin ich schon depressiv?
Bin ich schon depressiv oder ist das noch das Leben?

Sie sehnten sich nach Anerkennung. Sie fühlten sich irgendwie verkehrt. Bis irgendwann der große Zusammenbruch kam. Mögen Sie darüber erzählen?

Ich bin irgendwann ans Ende oder an die Grenze des sich Zusammenreißens gekommen. Eine Situation, in der ich mit der ganzen Familie unterwegs war auf der Suche nach einem Restaurant, kurz nach Weihnachten, acht oder neun Personen – und wir fanden nichts und ich hatte das Gefühl, alles hängt von mir ab, und obwohl ich wusste, dass das nicht stimmte, hatte ich keine Reserven mehr, um rational darauf zu reagieren. Ich hab also irgendwann im meinem Viertel auf der Straße gestanden und geschrien: Mir reicht es, ich kann nicht mehr, lasst mich alle in Ruhe! Das will man ja nicht. Sich so aufführen. Und sich so schlecht dabei fühlen. Am Montag danach habe ich einen Termin in der Depressions-Ambulanz gemacht.

Wie geht es Ihnen heute – und was macht vor allem der Lockdown mit Ihnen?

Ich bin glücklich, weil ich das Gefühl habe, mit den depressiven Stimmungen und Episoden, die immer noch da sind, gut umgehen zu können. Sie beuteln mich noch, aber sie bestimmen nicht mein Leben. Am Anfang hab ich den Lockdown sogar als Erleichterung empfunden: Endlich nicht rausgehen müssen, sich verkriechen dürfen, es schien, als wäre mein depressiver Lebensstil plötzlich Mainstream und eigentlich gewollt. Aber jetzt, im 13. Monat, hat sich dieses Gefühl der Erleichterung doch stark abgenutzt, muss ich sagen. Also, ich freu mich auf die Impfung.

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3 comments

  1. Danke für diesen wichtigen Beitrag! Genau diese Frage stelle ich mir leider auch seit einer Weile. Muss ich mich einfach nur noch ein bisschen zusammen reißen und mehr anstrengen, dann wird es schon wieder? Oder steckt doch etwas dahinter? Leider zeigt mein Umfeld zum Teil wenig Verständnis. Da heißt es oft: „Euch geht es doch gut, ihr seid gesund/habt ein Haus…“ als würde das einen vor mentalen Problemen bewahren.
    Ich wünsche Herr Raether alles Gute für die Zukunft und danke für den Mut, so offen über dieses Thema zu sprechen!

  2. Vielen Dank für dieses authentische Interview! Ich dachte, das Buch ist ausschließlich ein Ratgeber….autobiographisch natürlich um ein Vielfaches besser und vor allem echt!!! Schön, dass Sie sich an die Öffentlichkeit wenden und trauen, vielerorts leider immernoch tabuisierte Themen, auszusprechen! Das Leben ist verdammt schnell und herausfordernd geworden, nicht erst seit Corona. Und es gibt viele Menschen, die einfach nicht klarkommen damit. Und das ist KEINE SCHANDE! Es gibt Hilfen, man muss sich aber trauen, sie aufzusuchen (Beratungsstellen, Ärzte, Therapeuten Jugendamt, etc.), ich finde DAS ist die größte Herausforderung: dieser erste Schritt.
    Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es sich lohnt!! Immer! Auch wenn es anstrengend ist, Zeit und Tränen kostet.
    In der Hoffnung auf eine gute Zukunft, alles Liebe!

  3. Lieber Herr Raether, DANKE für diesen tollen Beitrag, der bestimmt vielen aus der Seele spricht. Ich lese Ihre Artikel in der Brigitte Mom sehr gerne und habe dadurch schon so manchen Denkanstoß bekommen. Umso interessanter ist es zu lesen, was sich im Hintergrund bei Ihnen abspielt. Schön, dass Sie sich Hilfe geholt haben und das Thema in Form eines Buches ansprechen. Alles Gute!
    Und danke and stadtlandmama für den Beitrag bzw für alle eure tollen Posts! Gerade in dieser verrücktem Zeit helft ihr damit so vielen Menschen und gebt uns das Gefühl nicht allein zu sein.❤️

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