Meine Mutter hat mich vernachlässigt – ich leide bis heute darunter

Liebe Nora, du hattest keine schöne Kindheit. Wie bist du aufgewachsen?

Ich bin in einer kleinen Stadt am Niederrhein aufgewachsen – mit meinen Eltern und zwei Geschwistern. Mein Vater war berufstätig, meine Mutter Hausfrau. Damals war schon das Verhältnis in der Familie (Onkel/Tante, Großeltern mütterlicherseits) sehr schwierig, es gab also erstmal nur unsere „Kernfamilie“. Als mittleres „Sandwich“-Kind hatte ich immer das Gefühl unterzugehen, nicht wichtig zu sein.

Wie war dein Verhältnis zu deiner Mutter?

Meine Mutter war permanent überfordert und hatte selten Zeit, uns WIRKLICH zuzuhören. Wenn ich zum Beispiel von der Schule kam, fragte sie zwar, wie es war – ging dann aber in den Keller, um die Wäsche zu holen, ohne meine Antwort abzuwarten. Sie wollte oft ihre Ruhe haben und schickte uns Kinder zu Freunden. Ich hatte immer das Gefühl, dass sie schon meine bloße Anwesenheit stört. Das hat mich nachhaltig geprägt und ich habe immer mehr versucht, mich unsichtbar zu machen.

Wir Kinder hatten auch kein Recht auf eine Meinung. Gab es Streit und wir haben uns verteidigt, schmiss meine Mutter Sachen durch die Gegend oder es gab Ohrfeigen.

Das Schlimmste für mich aber war, dass ich zunächst nicht aufs Gymnasium durfte – weil meine Schwester es nicht geschafft hatte und nach einem Jahr abgehen musste. Erst in der 10. Klasse durfte ich endlich aufs Gymnasium wechseln.

Du sagst auch, dass Deine Mutter Euch nie unterstützt hat.

Ja, als ich meinen Führerschein bestanden habe, hat sie sich nicht mal gefreut oder mir gratuliert. Um den Führerschein abzuholen, bin ich 6 Kilometer gelaufen, weil mein Schülerticket nicht für diese Strecke galt und meine Mutter keine Lust hatte, mich zu fahren.

Fürs Abi habe nie zu Hause gelernt, weil meine Mutter lieber wollte, dass ich im Haushalt helfen. Ich würde sagen, wir wurden psychisch vernachlässigt. Nach einem Streit gab es keine Entschuldigung oder Versöhnung. Sie sagte immer, es gäbe nichts mehr zu reden und wir wurden weggeschickt.

Ich glaube, mit 14 habe ich das erste Mal daran gedacht wegzulaufen. Aber mir war klar, dass ich nirgendwo hin konnte und auf der Straße leben wollte ich nicht.

Hattest du Freunde oder Verwandte, denen du dich anvertrauen konntest?

Für Außenstehende war alles vollkommen normal. Meine Mutter prahlte auf Geburtstagen/vor Freunden damit, wie sie dies oder das uns gegenüber durchgesetzt hatte und bei Kindern alles nur ein Machtkampf sei. Darunter habe ich sehr gelitten und mich immer mehr zurückgezogen.

Wie ist er Kontakt heute zu deiner Mutter?

Heute ist der Kontakt oberflächlich. Über die Jahre gab es immer mal wieder Kontaktabbrüche von 1-2 Jahren meinerseits. Wenn es meinen Sohn nicht gäbe, würde ich sie gar nicht sehen. Mischt sie sich in die Art, wie ich mit meinem Kind umgehe ein, weise ich sie sehr bestimmt ab und dann ist auch erstmal wieder Ruhe.

Diese Kindheits-Erfahrungen haben dich natürlich geprägt. Wie ist deine eigene Mutterschaft?

Als mein Sohn geboren wurde, war ich überglücklich. Er war kein geplantes Kind und der Papa hatte trotz Heirat noch kein Visum erhalten – kurz vor der Geburt kam er für 14 Tage, er lebte im Balkan. Ich war furchtbar einsam, ein frühzeitiges Beschäftigungsverbot hat mich vorzeitig sozial lahm gelegt. Mein Sohn war ein absolutes Schreikind und ich alleine und vollkommen überfordert.

Ich habe nachts kaum geschlafen, sondern den Haushalt nachgeholt, den ich tagsüber nicht schaffte. Wenn ich überfordert war, habe ich mein Kind auf dem Boden abgelegt und bin aus dem Zimmer gegangen. Manchmal habe ich das Waschbecken volllaufen lassen, den Kopf untergetaucht und meine Verzweiflung und Schmerz ins Wasser geschrien.

Mein Mann kam nach drei Monaten dauerhaft nach Deutschland. In der ersten gemeinsamen Zeit wurde uns schnell klar, dass es mir sehr schlecht ging: Panikattacken, schlaflose Nächte und Zwangshandlungen. Ich konnte zB keinen Krümel am Kind dulden – die abendliche Waschroutine durfte nicht ein bisschen abweichen, sonst bin ich zusammen gebrochen. Und immer öfter brach ich scheinbar grundlos in Tränen aus.

Im Sommer bin ich immer erst abends raus, weil ich dachte, die Sonne könnte dem Kind schaden. Ich wollte unbedingt alles richtig machen.

Und eines Morgens wachte ich auf, sah mein Kind an und fühlte nichts mehr. Die Liebe, die da war, dieser Drang zu schützen, waren einfach weg. Ich hatte den Gedanken, dass mein Mann und Sohn ohne mich besser dran wären.

Da wusstest du, dass du dir Hilfe holen musst….

Ja, ich habe mit meiner Hebamme aus dem Rückbildungskurs gesprochen und parallel über Postnatale Depression gegoogelt. Ich habe einen Selbsttest zur Ersteinschätzung gemacht – so ungefähr mit voller Punktzahl. Die Kontakte der Hebamme führten mich dann zu einer Therapeutin der ProFamilia, die mich ohne Entgelt und Wartezeit sofort einlud. Die Diagnose: Postnatale Depression gepaart mit BurnOut. Die Lösung: Zeit für mich, Ruhe durchatmen, verzeihen.

Es hat etwas über ein Jahr gedauert, bis ich sagen konnte, dass es mir besser ging. Mein Mann war und ist mein Fels in der Brandung, er hat mich immer unterstützt. Ohne ihn hätte ich es nicht so gut geschafft und er trägt einen großen Teil der Verantwortung, dass ich heute bin wo ich bin.

Während dieser zwei Jahre Therapie habe ich viel gelernt. Über meine Stillgruppe bin ich an die Autoren wie Nora Imlau, Jesper Juul, und Renz-Polster gelangt. Die diversen Bücher und Blogbeiträge haben mir sehr geholfen, zu verstehen, warum ich so bin wie ich bin.

Was hast du konkret erkannt?

Ich kann mich in einer Diskussion nicht durchsetzen. Wenn mich jemand grob anspricht oder anschreit, wird mein Kopf leer und ich kann nicht mehr sprechen. Es formen sich einfach keine Worte mehr. Ich habe große Schwierigkeiten damit, meine Gefühle zu zeigen. Zärtlichkeiten im Alltag muss ich planen, ich muss mich immer wieder daran erinnern und es kostet mich unglaublich viel Kraft. All die Jahre des Unsichtbar-Seins haben sich sehr stark in meinem Verhalten fest gesetzt.

Wie geht es dir heute?

Mittlerweile weiß ich, dass Mutter-sein nicht perfekt-sein bedeutet. Und ich kann sehen, dass meine Mutter getan hat, was sie konnte. Dass sie ihr Bestes gegeben hat. Aber es hat einfach nicht gereicht, doch das ist nicht unbedingt ihre Schuld. Ein bisschen kann ich meinen Frieden damit machen, auch wenn ich weiß, dass es niemals ein klärendes Gespräch geben kann. Sie würde es nicht verstehen und wenn, könnte sie nicht damit umgehen.

Ich habe eine neue Therapie begonnen und arbeite nun an meinem Selbstbewusstsein und meiner Beziehungsunfähigkeit. Vieles holpert in meiner Ehe, aber wir sind auf einem guten Weg und ich möchte unbedingt eine Veränderung bewirken. Mein Sohn geht 35 Stunden die Woche in den Kindergarten, ich habe eine 30 Stunden Arbeit. Für mich ist klar, dass ich nicht nur Hausfrau und Mutter sein kann. Auch wenn die viele Arbeit manchmal schwer ist und nicht immer meinen früheren Vorstellungen entspricht, ist das für alle die beste Entscheidung. Die Kita hat ein unglaublich tolles Konzept und ich bin einfach nicht in der Lage, mein Kind über längere Zeit intensiv so zu betreuen, wie ich es gern zu würde.

Ich bin lieber voll da, wenn ich da bin – als mich wegzuwünschen, weil mich die Wutanfälle emotional herausfordern. Wir leben bedürfnisorientiert, mein Sohn darf mir immer alles sagen und mich auch anschreien – auch wenn gerade das für mich sehr schwer ist. Aber er soll lernen, dass alle Gefühle in Ordnung und richtig sind und wir lernen zusammen, mit allen Gefühlen umzugehen.

Im Dezember kommt ein Geschwisterchen. Ich habe furchtbare Angst, in der Elternzeit zu vereinsamen, deshalb kümmere ich mich um eine stundenweise Betreuung ab dem 6. Monat für mein zweites Baby. Dank meines Therapeuten weiß ich, dass ich bei depressiven Verstimmungen gut aufgefangen werde und ich habe eine wundervolle Hebamme. Heute weiß ich, dass ich viele Fehler gemacht habe – den größten zu glauben, ich könnte perfekt sein. Aber da das nicht möglich ist, beschränke ich mich darauf, die Mutter zu sein, die mein Kind braucht.


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1 comment

  1. Liebe Nora,
    deine Geschichte hat mich sehr berührt. Auch wenn meine Kindheit anders verlaufen ist, erkenne ich hier und da Parallelen. Ich finde es mutig und stark dass du dir Hilfe gesucht hast und ehrlich über deine Gefühle sprichst. Es klingt als wärst du auf einem sehr guten Weg zur Zufriedenheit. Ich dachte übrigens auch früher ich müsse perfekt sein, dabei ist niemand perfekt, und das ist auch gut so. Viel Erfolg auf deinem weiteren Lebensweg!

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