Offene Beziehung als Mutter und Vater: Geht das?

Polyamore Liebe

Sie tut einfach, was ihr guttut. Ihr und ihrem Partner. Und ihrer Familie. Svenja ist raus aus dem gesellschaftlichen Korsett der monogamen Beziehung, aber weiter mit ihrem Partner, dem Vater ihrer Kinder zusammen – und dabei so unaufgeregt und reflektiert, dass wir es nur beeindruckend finden können. Diese Frau nimmt ihr eigenes Glück in die Hand.

Liebe Svenja, du bist Mutter und Lehrerin und führst eine offene Beziehung. Seit wann ist das so oder war das von Anfang an so? 

Nein, das kam erst nach einer langen, ganz normalen monogamen Beziehung. Wir sind seit etwa 16 Jahren ein Paar und leben nun seit zwei Jahren so etwas wie eine offene Beziehung. Das schwanke immer mal. Wir hatten uns sogar mal getrennt und sind einfach unter einem Dach wohnen geblieben, da wir es irgendwie unpraktisch fanden, auseinander zu ziehen, da man durch die Kinder ja ohnehin ständig in Kontakt ist und durch das Zusammenwohnen alles viel unkomplizierter geblieben ist. Wir haben den Luxus, jeder ein eigenes Zimmer haben zu können – wir haben das Gäste- und Arbeitszimmer dafür gestrichen. Das hat schon Vieles entspannt, sodass wir mittlerweile wirklich wieder von einer Beziehung sprechen, aber wir haben sehr Vieles, was zu einer klassisch monogamen Beziehung gehört für uns gestrichen, weil es uns als Partner nicht gutgetan hat.

Wie habt ihr das damals angesprochen, dass ihr gern auch außerhalb eurer Exklusiv-Beziehung gern sexuelle Kontakte haben mögt. Und lief das konfliktfrei?

Bei uns ging das aus einer richtigen Krise hervor. Es war also alles andere als ruhig und vernünftig mal eben abends auf der Couch entschieden. Mich hat alles abseits einer monogamen Beziehung vorher überhaupt nicht interessiert. Ich fand das unnötig und irgendwie hatte es für mich immer den Touch des Gescheitertseins. Meine Einstellung war: Wer sich als Paar nicht genügt, bei dem stimmt was nicht. Als dann die Krise kam, war es für uns erstmal die einzige Option und wir sind mit der Zeit darüber wieder zusammengewachsen.

Wisst ihr immer voneinander, wann ihr Dates habt? Und falls ja: Wie ist das für dich, wenn dein Partner loszieht und dich quasi allein zu Hause zurücklässt. Ein komisches Gefühl? Eins, an das man sich gewöhnen kann? Oder gönnst du in diesem Moment einfach nur?

Zu Beginn ist das wirklich komisch und man sitzt zuhause und denkt ständig an den Abend des anderen. Ich habe dann bewusst schöne Dinge für mich getan und einfach mal geschaut, wie es sich anfühlt. Mit der Zeit wird es zur Normalität und es ist nichts mehr anders, als wenn der andere mit Freunden was Trinken geht. Ich weiß ja, dass die Familie für ihn sehr wichtig ist und alles da draußen nur ein Zugewinn ist und keine Gefahr. Insofern: Ja, wir sind immer offen damit und sagen uns das, wenn es vorkommt. Zum Teil kennen wir auch die Namen oder haben den/die andere schon mal gesehen.

Hättest du ohne diese Begegnungen das Gefühl, etwas zu verpassen? 

Nein und ja. Mittlerweile möchte ich es nicht mehr missen. Es ist einfach entspannt, wenn man unterwegs ist und nicht irgendwann die Reißleine ziehen muss und dann nach Hause geht. Aber es fehlt mir auch nichts, es ist genauso da, wie man mit anderen tanzt oder etwas trinkt.

Was macht den Mann an deiner Seite besonderer als die, mit denen du dich zusätzlich auf Abenteuer einlässt? 

Er ist der Vater meiner Kinder, war bei den Geburten dabei, hat mich durch schwierige Zeiten begleitet, kennt meine ganze Geschichte, meine Ängste und Struggles und hat für all das viel Verständnis. Wir haben zusammen das schönste Zuhause auf der Welt und sind unseren Kindern die bestmöglichen Eltern. Er supported mich bei allem, was ich nebenbei so tun möchte und in den vergangenen Jahren getan habe. Das kann kein anderer toppen, unmöglich. Ich habe mittlerweile gelernt, dass kurze Feelings normal sind, aber hinter jedem Flirt steckt ein Mensch mit Issues – und die kämen irgendwann ans Licht. Wir alle haben unsere komischen, unschönen Seiten, und die meines Mannes kenne ich. Das ist mir lieber.

Welche Rolle spielt Eifersucht bei euch?

Keine mehr. Eifersucht hat – das lernt man in einer offenen Beziehung – nur mit dem eigenen Ego zu tun. Wenn wir eifersüchtig sind, stehen wir gerade nicht im Mittelpunkt. Der/ die andere ist aber nicht zuständig für unseren Selbstwert. Wenn du dir selbst genug bist, wenn du dich selbst erfüllst, dann muss das der andere nicht tun und du kannst ihn/sie ganz gelassen auch gehen lassen. Solange du dich darauf verlassen kannst, dass er/ sie wiederkommt, weil ihr eben eine feste Basis habt, dann ist alles andere machbar. Worauf sollte ich eifersüchtig sein? Dass er einen schönen Abend hat? Den habe ich ja auch mal. Oder wir gemeinsam – es ist die größtmögliche Freiheit. Wir haben nicht ewig Zeit auf dieser Erde, warum auf etwas verzichten, was alle so gerne mögen.

Wo lernst du potentielle PartnerInnen kennen? 

Classic auf Apps oder auf Partys. Zweiteres am liebsten.

Welche Regeln habt ihr abgemacht? Keine weitere Beziehung oder doch? Nur Safer Sex? Nur ein Date pro Person, dann eine neue? Oder nur immer wiederkehrende ParternInnen? Wer darf wann was wie viel oder wird das nicht ausgesprochen?

Puh, eigentlich schauen wir bei diesen Fragen immer ganz frisch: Wie fühlt es sich an? Wenn ich jemanden habe, den ich regelmäßig treffen will – ok, dann ist das so. Das ist ein bisschen wie beim Einkaufen: Wenn man jahrelang zusammenlebt und immer mal kauft der eine und der andere ein, dann kommt man grob immer bei Null raus. Mal hat der eine, mal der andere mehr Dates. Einfach laufen lassen. Und Safer Sex – logo!

Eure Kinder wissen bislang nichts von eurer offenen Beziehung, wie und wann wollt ihr das ansprechen? Oder wollt ihr das gar nicht? Wie alt sind die Kids?

Ich antworte ehrlich auf alles, was sie fragen. Bisher kam noch nichts, aber die beiden bekommen davon ja auch nichts mit. Für Kinder ist entscheidend, dass wir als Eltern da und happy sind. Ich denke, das sind wir. Wenn sie später mal Fragen haben, werden wir das ganz entspannt erklären, so wie wir schon jetzt sämtliche Sexualitäten und Modelle mit ihnen normal besprechen.

Du redest recht offen über dein Leben, legst am Wochenende auch oft live auf und streamst das bei Instagram. Wissen deine SchülerInnen das? Schauen das? Wurdest du schon mal drauf angesprochen? 

Ja, das wissen viele. Vor allem die älteren unter ihnen. Die meisten finden es spannend und beeindruckend. Und ich mache das einfach, weil ich es eh nicht anders kann. Ohne diesen Part in meinem Leben würde ich eingehen. Für mich ist die Musik, das Schreiben und all das sehr wichtig.

Welche Vorbilder hast du in Sachen Beziehung, woher nimmst du den Mut und die Kraft, neue Wege außerhalb des gesellschaftlichen Korsetts zu beschreiten? 

Das muss man anders rum sagen: Es würde mich viel mehr Kraft kosten, es nicht zu tun. Ich tue das, was sich für mich am besten anfühlt, das, wohin es meine Seele zieht. Wenn man ein bisschen in sich hineinhorcht, bekommt man viele Antworten, was das angeht. Ich weiß, dass eine monogame Beziehung derzeit für mich sehr viel inneren Widerstand bedeuten würde. Es würde mich unglücklich machen. Insofern ist das, was ich tue, der Weg des geringsten Widerstands und deswegen auch sehr leicht. Das gesellschaftliche Korsett war selten mein Problem, ganz im Gegenteil, ich mag es zu provozieren. So filtert man recht leicht auch die Menschen raus, die es eh nicht gut mit einem meinen. Wer mich so akzeptiert wie ich bin, der wertschätzt mich offenbar.

Was bedeutet Liebe für dich? 

Gute Frage und ich habe keine Antwort darauf. Ich habe mich schon gefragt, ob ich das überhaupt kenne. Ich kenne Zuneigung, Verliebtsein oder Verbundenheit. Was Liebe genau bedeutet, weiß ich nicht. Ist es ein Zusammenspiel aus all dem? Für mich ist das Wort ein diffuses. Andere Gefühle kann ich sehr gut abrufen, aber Liebe ist mir irgendwie suspekt. Am klarsten empfinde ich das gegenüber meinen Kindern – da ist etwas sehr Bedingungsloses. Vielleicht ist das Liebe.

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1 comment

  1. Vielen Dank für diesen spannenden Beitrag! Ich arbeite gerade auch daraufhin in einer offenen Beziehung zu leben. Was ich schade finde, ist die Tatsache, dass die alternativen Beziehungsformen oft erst in Frage kommen, wenn die klassische Beziehung gescheitert ist. Dabei könnte man einige Probleme von Anfang an vermeiden, wenn die gegenseitigen „Besitzansprüche“ keine Selbstverständlichkeiten wären. Dieses Leben hat viel zu bieten und man macht sich und auch dem Partner /der Partnerin das Leben leichter, wenn man nicht alle Bedürfnisse von einer Person erfüllt haben möchte. Kannst du evtl. Bücher oder Blogs empfehlen, die sich mit dem Thema offene Beziehung und Familie beschäftigen? 🤗

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