Kinder kriegen: Wenn das Selbstbewusstsein von Frauen durch die Mutterschaft ins Wanken gerät

Hey, Ihr Lieben, die tolle Gedankenpotpourri hat einen Text über das Alter(n) geschrieben, der mich zunächst einfach nur mein Interesse weckte, weil sie scheinbar genau wie ich im Mai 1982 geboren wurde und wir – bis auf wenige Tage Unterschied – gleich alt sind.

In ihrem Text schreibt sie von einem imaginären Zustand, den sie als junge Frau erwartete, wenn sie 34 sein würde. Mann, Kinder, Job, alles fertig, Ziel erreicht, zurücklehnen. Dass dieser Zustand nie eintritt, hätte sie damals nicht gedacht. Ihr kluges Fazit: Das Einzige, das eintritt, ist die Gewissheit, dass alles im Fluss bleibt und es dauernd Veränderung gibt.

Träume, die erfüllt werden

Ich glaube, diese Zukunft vor Augen zu haben, dieses Ankommen irgendwann zu erwarten, ist eine ganz schöne menschliche Eigenschaft. Sie treibt an und gibt Sinn. Auch ich hab mir mal eine Bucket List geschrieben, 2005, vor elf Jahren war das. Sie fiel mir neulich in die Hand und ich musste sehr schmunzeln. Ich wollte mit dem Mann glücklich werden, den ich dann geheiratet habe und mit dem ich in der kommenden Woche unseren zehnten Hochzeitstag feiere. Ich wollte Kinder, bitte beide Geschlechter, Junge, Mädchen. Ich bekam ein Mädchen und zwei Jungen. Sie sollten sich doch bitte für Reiten, Eislaufen, Musik und Fußball interessieren. Wer hier schon länger liest, weiß, dass genau das eingetreten ist. Ich wollte mir 30 fertig studiert haben. Okay, es wurde 32. Aber trotzdem: Faszinierend. Eine neue Bucket List habe ich nicht, der Alltag schluckt viel Gedankenzeit, ich habe gar keine Zeit, mir Neues auszumalen, aber vielleicht ist das Wichtigste auch schon da und soll einfach so bleiben?

Aber ich schweife ab. Gedankenpotpourri, sagt, sie habe sich noch nie so glücklich und wohl gefühlt. Sie schreibt:

„Nie in meinem Leben war ich zufriedener und glücklicher als heute.  Nie war ich freier von der Meinung und den Taten anderer Menschen.“

Ich finde das einen beeindruckenden Satz. Ist es nicht schön, wenn die Entwicklung einer Frau und Mutter da hin geht? Ich muss sagen: Bei mir ist das ganz und gar nicht so! Nichts hat mich mehr Selbstbewusstsein gekostet als das Mutterwerden oder das Erwachsensein oder wie auch immer man das nennen mag.

Das Selbstbewusstsein schrumpft

Ich bin nach dem Abi allein in eine neue Stadt gezogen, ich habe allein in einer 36qm-Wohnung gewohnt, ich habe entschieden, welchen Tisch, Schrank, Stuhl ich kaufe, in welcher Farbe ich meine Wand anmale und was in meinem Kühlschrank steht. Wie viel ich arbeite, wie viel ich für die Uni lerne, ich musste mich nach niemandem richten, außer nach mir.

Ich habe rückblickend das Gefühl, niemals mehr Selbstbewusstsein gehabt zu haben, als in dieser Phase. Selbstbewusst: Ich war mir meiner Selbst bewusst. Ich hatte die Zeit, mich mit mir auseinanderzusetzen und fühlte mich wohl.

Alles lag noch vor mir, alles war so spannend. Ich romantisiere das bestimmt und kann das natürlich jetzt sagen, nachdem ich weiß, dass alles seinen richtigen Weg genommen hat. Wahrscheinlich hab ich damals auch gedacht: Hoffentlich finde ich noch den richtigen, hoffentlich ist es der richtige Studiengang, aber im Rückblick: Wow, was für eine Zeit. Viele Leute kennengelernt, viele Erfahrungen gesammelt. Und dann kam die große Liebe und kamen die Kinder und nichts Schöneres hätte ich mir vorstellen können. Da bin ich ganz bei Gedankenpotpourri. Aber es brachte mein Selbstbewusstsein ins Wanken. Ich tauchte ab in die Familienwelt, drei Kinder in zwei Jahren. Kinderkosmos, Kindergespräche, echte Sorgen, Verantwortung, diese riesige Gefühlswelle aus Liebe und Stolz.

Auftauchen aus dem Babykosmos

Und als ich irgendwann wieder auftauchte, musste ich mich erstmal schütteln wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt. Und schauen, was da noch von der alten Lisa übrig und welchen Part die neue Lisa einnimmt und wie ich die beiden verknüpft  kriege.

Kann ich noch schreiben? Kann ich noch Smalltalk? Kann ich noch Umgang mit Erwachsenen, die nicht ausschließlich über Windeln reden? Schaff ich das mit der Vereinbarkeit, mit Job und Kindern und wo bleibe in dem ganzen Gefühle eigentlich noch ich? Wie wirke ich? Was denken andere? Bin ich gut genug? Als Mutter, als Frau, als Freundin, als Mitarbeiterin, als Auftragnehmerin? Solche Fragen habe ich mir früher nicht gestellt.

Vielleicht läuft das mit dem Selbstbewusstsein und der Selbstsicherheit ja auch wellenförmig. Einschneidende Erlebnisse wackeln daran und dann bauen sie sich noch fester wieder auf. Das könnte ich mir vorstellen. Und es wäre doch eine schöne Aussicht für uns Mütter, die sich beizeiten selbst nicht mehr so sicher fühlen. Wie ist es bei Euch?

Lest dazu gern auch unseren Text zur Mama-Identitätskrise!


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3 comments

  1. Weit weg
    Interessant, bei mir ist es genau anderherum. Als ganz junge Frau mit 20-24 habe ich enorm an mir gezweifelt, zukunftsängste gehabt. Das ist für jetzt mit Kind,Mann und Vollzeitjob total anders. Ich bin einfach stolz, dass ich als das geschafft habe. Ausgerechnet ich. So anders kann es sein.

  2. feedback
    Liebe Lisa,

    ich kann Dich gut verstehen, obwohl ich erst eine Tochter habe. Im Studium habe ich alleine gewohnt, hatte viel Zeit für mich und meine Hobbys und sogar eine Veranstaltungsreihe „Berufsbezogene Selbsterfahrung“, in der es nur um uns, unsere Sichtweisen, Wahrnehmungen, Wünsche und Ziele, Selbst- und Fremdwahrnehmung ging. Jetzt frag ich mich zwischendurch ab und zu, wer bin ich eigentlich? Aber um mir über Wünsche und Ziele Gedanken zu machen, fehlt mir zwischen Job, Kind, Familie und Freunde einfach die Zeit. Und wie ich auf andere wirke – dafür habe ich erst recht keine Zeit übrig und es ist mir tatsächlich, in guten Momenten, egal!
    Aber daher ein kurzes Feedback für dich zum Thema wie wirke ich: Ich kenne Dich eigentlich gar nicht, lese nur schon länger Euren Blog und hier und da mal einen Artikel von Dir. Trotzdem muss ich sagen, ich bewundere Dich. Ich bewundere, wie Du Deine Kinder und Deinen Beruf mit dem Blog und Deinem Mann unter einen Hut bekommst. Ich habe schon immer Zeitmangel und habe das Gefühl, Du machst das 10fache von dem, was ich so mache! Ich finde es toll, dass Du immer eine klare Meinung hast und da auch zu stehst, wenn mal Gegenwind kommt oder sie vielleicht mal nicht dem Mainstream entspricht. Ich bin nicht immer einer Meinung mit Dir, aber kann Deine Argumentation immer gut nachvollziehen. Du gehörst definitiv zu den Menschen, bei denen ich nur anhand von Texten und Fotos das Gefühl habe, sie zu kennen und mich darüber sehr freue, denn Du hast eine unheimlich sympathische, authentische, fröhliche, freundliche Ausstrahlung.
    Daher liebe Grüße und ich hoffe, das tut Deinem Selbstbewusstsein gut!

  3. Ich verstehe dich gut, mir
    Ich verstehe dich gut, mir geht es ähnlich. Ich bin stolz auf meine Familie, liebe mein Kind und meinen Partner. Aber mir fehlt die Selbstbestimmtheit sehr oft. In meiner Rolle als Mutter, Lehrerin, Partnerin und dazu auch Hausfrau fühle ich mich oft gefangen. Ich würde gern einfach was für mich tun. Ich habe auch oft das Gefühl, dass mein Partner in mir auch nicht mehr die coole Braut sieht, die ich mal war. Die ich nicht mehr bin.
    Ich habe mich durch meine neue Rolle verändert, das ist auch notwendig, sonst könnte ich nicht die Mutter sein die ich immer sein wollte. Ich denke ich mache das super, als Mama. Aber mein altes ich ist irgendwie weit weg. Es passt auch nicht mehr hierher, denn sonst würde ich meinem Kind nicht gerecht werden können.
    Meine Freundinnen haben alle Babys, wir sehen uns kaum und reden nur über die Kids. Deshalb tut es mir gut wieder zu arbeiten und mit meinem Kollegen auch über andere Dinge zu plaudern.
    Ich bin gespannt wie es sich in den kommenden Jahren entwickelt. Für mich ist der beziehungsaspekt der schwierigste. Mein Partner ist ein toller Mensch, ein toller Vater. Aber ich merke dass ich ihm fehle, also mein altes ich. Das Mädel in high heels, das die Nächte durchtanzt; das Mädel das durchs Leben schwebt, beschwingt und selbstbewusst, ohne sich groß zu sorgen.
    Das alles bin ich nicht mehr und werde es auch nicht wieder sein. Ist das nun gut oder schlecht? Ich weiß es nicht