Mein Vater ist obdachlos: Wie ich ihn durch eine Twitter-Suche wiederfand

Norman Wolf

Ihr Lieben, ich weiß nich, wie es euch geht, aber wenn ich im TV Familienzusammenführungen sehe, muss ich immer mitweinen. Norman Wolf hat auch so eine erlebt – aber ohne Fernsehkameras. Seit er zwölf war hatte er keinen Kontakt mehr zu seinem Vater gehabt – bis er sich irgendwann via Twitter auf die Suche machte. Und ihn fand.

Lieber Norman, 2018 wurde dein Name bei Twitter (@deintherapeut) öfter genannt als der von Jan Böhmermann – und zwar auch durch deine öffentliche Suche nach deinem Vater…

Verrückt, oder? Ich versuche mal, in Kürze zu erklären, wie es dazu kam: Mein Papa ist aus meinem Leben verschwunden, als ich zwölf war. Nach einigen Jahren schloss ich in meinem Kopf mit ihm ab, redete mir selbst ein, dass er tot ist.

Elf Jahre später – ich war dreiundzwanzig – erhielt ich ein Foto, das meinen Vater zeigte. Er sah gealtert aus, ungepflegt, irgendwie krank – aber er war am Leben. 

Der Fremde, der mir das Foto geschickt hatte, erklärte mir, dass er in Hamburg lebe und ein obdachloser Mann ihn angesprochen habe. Er suche nach seinen Söhnen. Der Fremde habe beschlossen, ihm zu helfen, und mich schließlich über Facebook gefunden.

Ich war verwirrt und überfordert, aber fest entschlossen, mit Papa zu sprechen. Doch der Fremde antwortete nicht mehr auf meine Nachrichten. Auch die Polizei konnte mir nicht helfen und ich hatte bereits meine Koffer für ein Au-pair-Jahr in den USA gepackt.

Je länger ich dort war, desto mehr rückte der Gedanke an meinen Papa in den Hintergrund. Bis Weihnachten kam und ich es nicht mehr aushielt. Irgendwas musste ich tun. Und dann dachte ich: Es gibt doch immer wieder Leute, die Twitter nutzen, um nach Jobs oder Wohnungen zu suchen. Könnte ich Twitter nutzen, um nach meinem Papa zu suchen? Also setzte ich kurzerhand einen Tweet auf, hängte das Foto an, das ich bekommen hatte, und drückte auf “Senden”.

Was dann passierte, war ein kleines Wunder. Innerhalb weniger Stunden wurde der Tweet tausende Male geteilt. Fremde Menschen sprachen mir Mut zu, gaben mir Tipps, hielten die Augen offen.

Und tatsächlich: Nur zwei Tage später war Papa gefunden. Und bereits im Januar flog ich nach Hamburg und schloss ihn in die Arme – zum ersten Mal nach zwölf Jahren.

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Norman als Kleinkind mit seinem Vater.

Du hast deinen Vater gesucht, gefunden, wieder gesucht… wann hast du ihn zuletzt gesehen, wann hattet ihr zuletzt Kontakt? 

Vor ein paar Wochen. Da bin ich mit meiner besten Freundin nach Hamburg gefahren, um ihn zu treffen. Beim letzten Mal hatte das nicht geklappt, da hatten wir die ganze Stadt nach ihm abgeklappert – aber keine Chance.

Dieses Mal hatten wir mehr Glück. Das liegt auch daran, dass ich inzwischen ganz gut abschätzen kann, wann er sich wo aufhält. Mit vielen der Menschen, die ihn kennen und täglich sehen, bin ich inzwischen vernetzt.

Ein- bis zweimal pro Woche bekomme ich eine Nachricht wie diese: “Hi Norman, habe eben deinen Papa gesehen. Ihm geht’s okay, hat eine neue Jacke. Ich soll dich grüßen!“

Wie kam es überhaupt zu dem Kontaktabbruch damals?

Als ich elf war, verlor Papa seine Arbeit. Am gleichen Abend kam er sturzbetrunken aus der Kneipe nach Hause. Ich weiß noch, dass Mama da schon schlief. Und wie verzweifelt ich war, als ich versuchte, ihm die Treppe hochzuhelfen.

Seitdem wurde es nur schlimmer. Er fand keine neue Arbeit, wir bekamen Geldprobleme, er verbrachte immer mehr Zeit in der Kneipe. Irgendwann stolperte er betrunken auf die Straße und wurde von einem Auto erwischt. Das war der Moment, als meine Mutter sagte: “Es geht nicht mehr, ich kann nicht mehr.”

Ich sah ihn nicht mehr oft, nachdem er ausgezogen war. Irgendwann verklagte Mama ihn auf den Unterhalt, den er uns schuldig blieb. Doch die Staatsanwaltschaft fand nur noch eine leere Wohnung vor.

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Nun werfen dir einige Medien Sensationsgier vor, bezichtigen dich der Lüge, vieles an deiner Geschichte sei fragwürdig, ein Therapeut seist du schon gar nicht, es gab einen Shitstorm bei Twitter, der Verlag, den du eigentlich angedacht hattest, wollte das Buch, das du über dich und deinen Vater plantest nicht mehr veröffentlichen…

Ich glaube, viele Menschen sind einfach misstrauisch – gerade im Internet. Für mich war es ärgerlich, immer wieder zu lesen, dass meine Geschichte “fake” sei. Weißt du: Ich muss seit fünfzehn Jahren mit dieser Geschichte leben. Und als ich mich dann endlich traue, darüber zu sprechen, werde ich der Lüge bezichtigt. Das tut weh.

Das Buch vorerst auf Eis zu legen, war schließlich eine gemeinsame Entscheidung des Verlags und mir. Wir hielten es nicht für den richtigen Zeitpunkt. Also habe ich mir Zeit genommen, meine Geschichte in Ruhe aufzuschreiben und sie mit einer sehr feinfühligen Lektorin auszuarbeiten. Dafür bin ich heute sehr dankbar.

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Normans Buch: „Die Fische schlafen noch (Affiliate Link)

Trotzdem haben mich die vielen negativen Kommentare belastet. Ich bin leider niemand, der ein besonders dickes Fell hat.

Man denkt immer: Dann mach das Handy doch einfach aus. Aber irgendwann hilft auch das nicht mehr. Stell dir mal vor: Einer der Hater hat die E-Mail-Adresse meines Gastvaters herausgefunden und ihm eine gehässige E-Mail über mich geschrieben. Ob er denn wirklich wolle, dass “jemand wie Norman” auf seine Kinder aufpasse? 

Am schlimmsten Tag, als ich tatsächlich eine Morddrohung bekommen hatte, fuhr ich mit dem Auto ans Meer und drehte die Musik so laut auf, bis es mir in den Ohren wehtat. Musik tröstet mich oft. Ein bisschen so, wie der Alkohol früher meinen Papa getröstet hat.

Wie geht es dir denn heute? 

Besser. Seit ich das Buch geschrieben habe und die Geschichte geordnet auf Papier steht, spukt sie nicht mehr so penetrant in meinem Kopf herum. Und auch, wenn mein Papa noch immer auf der Straße lebt, hat sich trotzdem einiges verbessert: Ich weiß, dass er lebt und wo er sich ungefähr aufhält. Und er weiß, dass es da draußen immer noch Menschen gibt, die sich um ihn sorgen und ihn liebhaben. Das ist viel wert, glaube ich. Und auch privat hat sich da etwas Wunderbares ergeben…

Du bist also frisch verliebt? 

Ja! Und so glücklich, oh man. Ich habe Niklas kurz vor Veröffentlichung meines Buches kennengelernt. Als dann der ganze PR-Kram anstand, hat mir das super viel Kraft gegeben. Er ist zum Beispiel die ganze Nacht aufgeblieben, um mich im Frühstücksfernsehen zu sehen und kam am selben Tag noch zu meiner Lesung.

Nun warst du ja bis vor kurzem noch in den USA als Aupair. Wie war das und was hat dir das gegeben? 

Was mir das gegeben hat? Eine zweite Familie, würde ich sagen. Ich vermisse die Kids jeden Tag. Wir skypen oft. Gerade dem Großen bedeutet das viel – er quietscht vor Freude, wenn er mich auf dem Bildschirm sieht, und sagt immer wieder, dass ich “nach Hause kommen“ soll. Das bricht mir jedes Mal das Herz.

Im Mai komme ich sie besuchen. Aber nichts verraten, das wird eine Überraschung!

Welche Konsequenzen ziehst du aus deiner Geschichte? 

Das Internet ist Fluch und Segen zugleich. Je mehr Leute dich kennen, desto mehr Leute sind dabei, die dich nicht leiden können und dich das wissen lassen. Inzwischen kann ich besser mit solchen Kommentaren umgehen.

Das sind Leute, die kennen mich nicht, die haben nicht erlebt, was ich erlebt habe. Sollen sie doch urteilen. Ich habe meine Familie, meine beste Freundin und meinen Freund, die mich alle großartig unterstützen.

Falls du mal selbst Kinder haben solltest: wie und in welcher Welt sollen sie groß werden?

In einer Welt, die ohne Vorurteile auskommt. Die nicht rassistisch ist und nicht homophob. Die Menschen mit Behinderung genauso inkludiert wie Obdachlose.

Meine Kinder sollen mal nicht über Menschen richten, deren Geschichte sie nicht kennen. Das wäre mir wichtig, so möchte ich sie erziehen. Ein Vorurteil kann ich ihnen da recht schnell nehmen – schließlich werden sie zwei Papas haben.

Wenn ihr mehr über Normans Geschichte erfahren wollt, sei euch sein Buch empfohlen: Die Fische schlafen noch – Wie ich meinen Vater an den Alkohol verlor und ihn auf der Straße wiederfand (Affiliate Link).

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