Traumatische Geburt: „Ich dachte, dass ich jetzt sterbe“

Traumatische Geburt

***Triggerwarnung Traumatische Geburt****

Ihr Lieben, eigentlich sollten sich alle Frauen unter der Geburt sicher und wohl fühlen. Die Geburt eines Kindes ist ein enormer Kraftakt, bei dem wir über uns hinauswachsen. Es kann eine wunderbare Erfahrung sein, aber auch eine traumatische. Andrea hat vor zwei Jahren ein kleines Mädchen zur Welt gebracht, bis heute hat sie mit dieser traumatischen Geburt zu kämpfen. Heute erzählt sie uns davon.

„Mein Name ist Andrea, ich möchte euch heute unsere Geschichte erzählen. Der ET unserer Tochter war bereits verstrichen, ohne dass sich etwas getan hatte – obwohl ich einen Riesenhausputz veranstaltet hatte. Ich war total nervös und aufgeregt, konnte es kaum erwarten. Einen Tag später, am Vormittag, bemerkte ich dass mein Slip nass wurde. Ich machte einen PH Test: Fruchtwasser geht ab! Endlich!

Tatsächlich gingen mein Mann und ich nochmal einkaufen, wir wollten ein paar Fertiggerichte für die Zeit nach der Geburt im Haus haben. Ich spürte bereits Wehen, diese kamen allerdings unregelmäßig und waren nicht sonderlich schmerzhaft. Abends wurden die Wehen dann stärker, aber sie blieben unregelmäßig. Ich versuchte, etwas Schlaf abzubekommen, was aber nicht

Am Abend wurden die Wehen deutlicher, ich konnte sie nicht mehr verheimlichen und mich dabei auf kaum etwas anderes konzentrieren, aber sie waren weiterhin unregelmäßig. Ich versuchte daher zu schlafen, die Schmerzen hielten mich jedoch davon ab. Als die Wehen am Morgen schließlich alle 5 Minuten kamen, fuhren wir noch recht entspannt in die Klinik. 

Die Wehen ließen auf sich warten

Dort im Kreißsaal angekommen, folgte jedoch die Ernüchterung: Die Wehen waren verschwunden, mein Mädchen lag weiterhin eher im Brustkorb als im Becken und es sah nicht so aus, als wären wir in den nächsten Stunden zu dritt. Da ich aber weiterhin die ganze Zeit ein wenig Fruchtwasser verlor, wurde ich stationär aufgenommen. 

Auf dem Zimmer angekommen schaffte ich es endlich, noch ein paar Stunden zu schlafen. Mein Mann fuhr nach Hause und versprach mir, spätestens am Nachmittag wieder zu kommen.

Und tatsächlich tat sich dann etwas: Ich bekam wieder Wehen, die ich veratmen musste und unter denen ich kaum reden oder denken konnte. Meinen Muttermund oder mein Kind beeindruckte das allerdings nicht… Die Wehen hielten von Mittag bis in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages an, also war es erneut eine schlaflose Nacht. Um 4 Uhr morgens am Montag, den 19. Juni, nachdem ich bereits seit Samstag Mittag immer wieder starke Wehen hatte, platze endlich meine Fruchtblase. Ich war so erleichtert, dass ich weinte. Jetzt musste es doch endlich los gehen! 

Ich bekam keine Schmerzmittel

Mir ist nichts gegen Schmerzen angeboten worden, keiner hatte mich in den Wehen mit alternativen Möglichkeiten unterstützt, ich habe sie die ganze Zeit schlicht ausgehalten. Ich war bereits jetzt vollkommen erledigt. 

Innerhalb von 3 Stunden wurden die Wehen stärker und folgten in sehr kurzen Abständen. Als mein Mann da war, gingen wir gegen 7 Uhr erneut zusammen in den Kreißsaal. Der Muttermund war geöffnet, es sollte los gehen. 

Ich war so fertig, dass ich es kaum schaffte, mich auf dem Entbindungsbett zu bewegen, von laufen war keine Rede mehr. Ich hielt mich im Vierfüßlerstand und veratmete meine Wehen. 

Zur Kontrolle wurde ich nochmals ans CTG angeschlossen. Und dann folgte ein furchtbarer Schrecken: Die Herzfrequenz war viel zu niedrig! 

Die Hebamme wich mir nicht mehr von der Seite. Sie war großartig, sprach mir Mut zu, gab mir Tipps zur Atmung und feuerte mich an. Obwohl die ganze Situation überhaupt nicht so war, wie wir es uns gewünscht und vorgestellt hatten, fühlte ich mich bei ihr gut aufgehoben, sie strahlte Ruhe und Kompetenz aus. Sie würde mein Mädchen gut auf die Welt bringen.

Die Herztöne des Babys fallen ab

Sie und mein Mann drehten mich auf die rechte Seite. In der Position verbesserte sich das CTG unserer Tochter. Allerdings schwanden mir dabei die Sinne. Also drehten die beiden mich auf den Rücken. Ich fühlte mich wie ein Käfer, der aus eigener Kraft nicht mehr auf die Füße kommen würde. Ich hatte keine Schmerzen mehr, ich nahm kaum noch meine Umgebung war, ich sah nur noch meinen Mann und hörte was er sagte. Im Vordergrund stand das CTG mit der niedrigen Herzfrequenz. Dass der Monitor, an den ich mittlerweile angeschlossen worden war, ebenfalls alarmierte, merkte ich überhaupt nicht mehr.

Mein Mann erzählte mir später, dass meine Sauerstoffsättigung viel zu niedrig war. Ich wurde immer wieder bewusstlos, nur die Wehen holten mich wieder zurück. In diesen presste ich nach Ansage unserer Hebamme und mein Mann presste mir währenddessen eine Sauerstoffmaske auf Mund und Nase und rief, ich solle wach bleiben und atmen. Ich konnte nicht mehr denken. Bis es hieß, ich dürfe trotz Presswehen nicht mehr pressen. Es war kaum auszuhalten. 

Nach einer Weile hieß es, ich solle doch wieder pressen, doch dann kamen keine Wehen mehr. Wir sahen, wie die Hebamme den Arzt informierte und die Schublade mit der Aufschrift Notfall öffnete. Sie enthielt Geräte zur Beatmung. 

Traumatische Geburt: Ich fühlte mich so ausgeliefert

Ich bat meinen Mann, sich gut um unsere Tochter zu kümmern und dafür zu sorgen, dass sie wissen würde, dass ich sie liebe. Ich dachte, ich würde jetzt sterben. Und sollte er eine Entscheidung zwischen uns treffen müssen, sollte er unsere Tochter wählen.

Als der Gynäkologe kam, sprach er kaum mít uns, während die Hebamme weiter versuchte mich zu motivieren, aber auch sie wirkte nicht mehr entspannt. Der Arzt warf sich mit seinem ganzen Gewicht auf meinen Bauch – ohne Vorwarnung. Es war schrecklich, ich fühlte mich hilflos und ausgeliefert. 

Was auch immer passieren sollte, passierte nicht. Meine Beine wurden am Bett hochgeschnallt und plötzlich spürte ich etwas Kaltes in meinem Intimbereich sowie einen scharfen Schmerz. Ich hörte es tropfen und sah meinen Mann blass werden (Das heißt einiges, er arbeitet nämlich im Rettungsdienst.)

Plötzlich spürte ich, wie ich nach unten gezogen wurde. Ohne Vorwarnung. Die Hebamme ergriff meine Knie und stabilisierte sie, mein Mann hielt mich unter den Armen. Als der Arzt erneut zog, hatte ich das Gefühl als würde sich mein Körper in der Luft befinden, als würde ich zerrissen werden. Etwas löste sich unten, der Druck ließ nach, es fühlte sich an, als würde mir etwas entrissen werden. 

Die Unwissenheit war schlimmer als die Schmerzen.

Es war unsere Tochter. Der Arzt hatte mich schnell aufgeschnitten und sie per Zange aus mir raus gezogen. Eilig wurde die Nabelschnur durchtrennt und sie auf der Untersuchungsliege untersucht. Wieder keine Rückmeldung, auch kein Schrei. Die Hebamme blies ihr ins Gesicht. Und daraufhin der erlösende Schrei.

Man reichte mir meine Tochter. Ihr Gesicht war geschwollen und auf der Stirn war eine Narbe: Sie war wunderschön. Sie lebte. Ich lebte. Unser Mädchen hat bis heute und für den Rest ihres Lebens eine Narbe am Haaransatz. 

Ich spüre bis heute und wahrscheinlich für den Rest meines Lebens die Narbe am Damm und werde Probleme mit meiner Kontinenz haben, da mein Beckenboden nachhaltig geschädigt worden ist. 

Unsere Angst, dass sie einen hypoxischen Hirnschaden erlitten hat, hat sich nicht bestätigt. Ich war lange Zeit nach der Entbindung schwach, da ich viel Blut verloren hatte. Meine Verletzung heilte langsam und erschreckte selbst meine Nachsorgehebamme und meine Frauenärztin mit vielen Jahren Berufserfahrung. Es war eine heftige Erfahrung, ein Trauma, aber dennoch ich bin sehr dankbar, dass wir alle gesund zusammen sind.

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5 comments

  1. was den Dammschnitt angeht, möchte ich dir Mut machen…. bei mir hat es zwar auch einige jahre gedauert (vielleicht auch, weil noch weitere Kinder folgten, und auch bei Kind 2 ein Schnitt erfolgte (längst nicht so gr0ß wie der erste), aber seit ca. 3 jahren ist nun tatsächlich alles gut…. (unsere älteste ist 15, die mittlere 13)

  2. Es ist schade, so eine Geburt zu erleben, aber aus medizinischer Sicht musste schnell und beherzt zugepackt werden, sonst wäre das Leben der Tochter und der Mutter auf dem Spiel gestanden. Ich verstehe den heutigen Trend nicht, dass eine Geburt so verklärt wird und als ein Akt verstanden wird, der möglichst schön ist. Eine Geburt ist Höchstleistung für den Körper und eine Geburt ist mit vielen Risiken behaftet. Trends wie Hypnobirthing etc vermitteln ein komplett falsches Bild. Eine Geburt bedeutet viele Schmerzen, Ausnahmesituation, Umstellung eines fetalen Kreislauf, Stuhlabgang, Kommandos von der Hebamme und ist einfach medizinisch ein Wunder. Am Ende steht meistens das große Glück und eine Endorphinflut, die die Strapazen erträglich macht. Gewalt sollte nicht im Spiel sein, aber der Gynäkologe hat genau nach Leitlinie gehandelt. Ein früher eingeleiteter Kaiserschnitt Stunden zuvor wäre zu diskutieren gewesen. Aber zu dem Zeitpunkt steckte das Kind zu weit unten und jede Sekunde hat gezählt, dass der hypoxisxhe Hirnschalen nicht eintritt. Lieber dankbar sein, dass alle folgenlos überlebt haben.

    1. Für mich klingt der Geburtsverlauf auch so, dass dir Profis da richtig gehandelt haben, weil es eine lebensbedrohliche Situation war. Eine Trauma kann aber nicht nur durch Gewalt entstehen, sondern auch durch andere Situationen, die objektiv lebensbedrohlich sind oder auch nur subjektiv so wahrgenommen wurden. Warum willst du der Autorin ihr Trauma absprechen? Ich selbst habe durch eine viel weniger dramatische Geburt ohne Gewalt ein Trauma erlitten, weil das Erlebnis für mich persönlich so schlimm war. Übrigens diagnostiziert und behandelt, wenn es dadurch zählt… Und in meinem Fall hat das nichts mit falschen Vorstellungen einer tollen schmerzfreien Geburt zu tun. Aber nur weil einem erzählt wird, dass eine Geburt schmerzhaft und anstrengend ist, heißt das nicht, dass man sich vorstellen kann, dass es so extreme Schmerzen überhaupt gibt.

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