Wie füllt Mama die Lücke? Jugend-Kolumne „Teen-Time“

Wie füllt Mama die Lücke

Und dann tut sich – bei den meisten recht plötzlich – diese Lücke auf. Die Kinder werden selbständiger, werden größer, schaffen mehr allein. Und du? Stehst da als Mutter plötzlich und denkst: Wow. Mein Anstrengungspfad wurde dermaßen ausgetrampelt, bei mir werden grad sooo große Kapazitäten frei, wie füllt Mama die Lücke?!

Wie oft musste ich sie an den Turnbeutel erinnern, musste beim Befüllen der Schulbrotdose helfen, musste vermeintlich verlorene Kleidungsstücke suchen helfen, bei den Hausaufgaben unterstützen, ans Klausurlernen denken – und dann fällt das alles plötzlich weg.

Ich möchte heute all jenen von euch Mut machen, die noch kleinere Kinder haben und in ihrem Alltag noch oft ordentlich struggeln und Muskelkater haben vom Spagat zwischen den Anforderungen. Ich kann euch sagen: Es wird anders. Und in Sachen Vereinbarkeit mit wachsendem Alter der Kinder definitiv besser. Machbarer. Leichter.

Wenn die Kinder selbstständiger werden

Die Kinder haben dann einen eigenen Wecker, stehen oft selbstständig auf, schmieren sich ihre Brote allein, kennen ihren Stundenplan und wissen, an welchen Tagen sie was brauchen. Wenn sie dann von der Schule heimkommen, essen sie noch kurz was – und verschwinden dann in ihre Zimmer oder sind mit der Clique verabredet.

Und du sitzt dann da und weißt erstmal nichts mit dir anzufangen. Weißt nicht, um was du dich jetzt als Erstes kümmern sollst. Nochmal zurück an den Rechner und ein bisschen weiterarbeiten? Dich hinlegen und ein kleines Nickerchen machen? Doch die Spülmaschine einräumen? Eine Freundin anrufen – ach nee, die hat ja noch kleinere Kinder, die ist ja noch in der Fürsorge. Hm.

Und dann sitzt da doch wieder ein kleines Teufelchen in deinem Nacken, das sagt: Solltest du sie aus den Zimmern holen? Oder sie in den Zimmern besuchen? Übersehe ich etwas? Brauchen sie doch bei irgendwas Hilfe? Zocken oder tiktoken sie hinter verschlossener Tür nur? Müsste ich da eingreifen? Oder geh ich jetzt einfach ne Runde walken und tu was für mich?

Von der Überforderung: Was mach ich denn jetzt?

All diese Möglichkeiten, die sich da plötzlich wieder auftun. Die können ganz schön überfordern, bevor sich wieder neue Routinen entwickeln. Braucht mich denn gar keiner mehr? Gerade, wenn ich den ganzen Tag im Homeoffice sitze, waren doch oft die Kinder die einzigen Menschen am Tag, mit denen ich reden und in den Austausch gehen konnte.

Sie brauchen natürlich jetzt ihren Freiraum. Sie sind ja jetzt schon groß. Und ja, sie sind für mein Glück nicht verantwortlich. Es ist nicht ihre Aufgabe, sich mit mir zu beschäftigen. Sie wollen und sollen jetzt liegen, um zu reifen oder rausgehen auf die Piste, ihr eigenes Ding machen. Das sagt jedenfalls die rationale Hirnhälfte. Das soll so, alles natürlich. Alles gut. Aber die emotionale Seite vermisst sie. Sehnt sich nach dem Gebrauchtwerden. Fühlt sich aussortiert. Justiert sich neu.

Du darfst jetzt wieder auf dich hören. Auf deine Bedürfnisse (darf ich das wirklich? Wirklich, wirklich? Einfach am Tag mal hinlegen und lesen? Und was, wenn ich bei den Kindern was verpasse? Und was, wenn sie jetzt doch handysüchtig werden? Und was, wenn sie die Schule vernachlässigen? Muss ich mehr eingreifen? Weniger?).

Und während deine Gedanken kreisen, ruft das erste Kind schon wieder, ob du es zum Kumpel fahren kannst. Oder hat Hunger. So viel Hunger. Kühlschranktür auf, Kühlschranktür zu. Auf zu, klipp, klapp, gefühlt den ganzen Tag über. Dieses Schleichen. Auf der Suche nach Beute.

Überlegt mal: Was hat euch früher Spaß gemacht?

Wie füllt Mama die Lücke
Endlich wieder reitenwie früher

Du weißt irgendwann, dass es okay so ist. Fühlst dich nicht mehr ganz so aussortiert. Akzeptierst die neuen Umstände und überlegst, wie du die Zeit für dich nutzen kannst. Gönnst dir Dinge. Sagst dir: Wow, so viele Jahre war ich für andere da, vielleicht bin ich jetzt einfach mal wieder dran. Was hat mir denn früher Spaß gemacht?

Überlegt euch das, geht mal in euch. Ich gebe nicht gern Tipps, aber ich habe gemerkt: Was mir als Kind Erfüllung schenkte, das erfüllt mich auch heute noch. Ich habe damals meinen Reitstall geliebt – und habe nun mit über 40 wieder zum Pferd gefunden und eine Reitbeteiligung, die mich glücklich macht.

Ich singe und tanze gern, also haben wir einen Chor gegründet. Einen, in dem nicht die beste Stimme zählt, sondern der größte Spaß. Wie viele Menschen sich darüber genauso freuen wie wir! Und mein Ehrenamt, meine Weiterbildungen zur Familientrauerbegleiterin und Notfallseelsorgerin… die gibt mir ein Stückchen vom Gebrauchtwerde-Gefühl wieder.

Ich fülle die Lücke nach und nach und komme stetig mehr zu mir zurück. Als ich in den Anfangszeiten der sich auftuenden Lücken damals vor meinem Mann stand und überlegte, ob ich nicht doch nochmal in die Fürsorge gehe – mit einem Baby oder einem Hund oder einem eigenen Pferd – da meinte er: „Lisa, du bist Anfang 40 und unsere Kinder sind groß. Geh raus und leb!“ Das was irgendwie was mit mir gemacht. Es liegt noch so viel vor mir, so viel Spannendes darf sein – in meinem eigenen Rhythmus.

Wie füllt Mama die Lücke?

Wie füllt Mama die Lücke
Endlich Singen im Chor. Wie lang hab ich mir das gewünscht

Und ja, ich gehe wieder los und lebe. Und horche in mich, was ich brauche und mir guttut. Und laufe wie eine Dokumentarfilmerin durch mein Leben und darf Ecken kennenlernen, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren.

Ich schaue mir die Kommunalpolitik an und den Jugendfußball, ich erlebe Chorgründungsflitterwochen und Netzwerktreffen, ich fahre in Hochhaussiedlungen zum Trauerbegleiten und begleite TV-Aufzeichnungen im neuen Job. Ich ziehe wieder um die Häuser, schaue Kinofilme oder besuche Premieren. Babysitter oder größere Absprachen brauchen wir dafür nicht mehr.

Wir alle 5 in dieser Familie haben unser eigenes Leben mittlerweile und können uns am Abend davon berichten. Und dann vielleicht doch nochmal mit auf den Mathlernplan schauen, den Praktikumsplatz organisieren oder beim Eignungstestbrainstorm helfen. Denn Eltern bleiben wir ja trotzdem und die Fürsorge vergeht nie. Die Selbstständigkeit der Kinder wirft grad keine große Lücke mehr in mein Leben, sondern Selbstbestimmung und Genuss. Denn in jedem Abschied steckt eben auch ein Neuanfang. Das durfte ich jetzt lernen…

Für alle, die ebenfalls große Kinder haben: Wie habt ihr die Lücke gefüllt? Nochmal im Job neu durchgestartet? Viel Zeit für Yoga? Sich endlich den Traum vom eigenen Roman erfüllt, einen Hund angeschafft oder sich neu verliebt? Erzählt gern mal und lasst uns allen mit kleineren Kindern Mut machen, dass ihre Zeit wieder kommen wird.

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3 comments

  1. Hallo,
    Unser jüngstes Kind wird in einem Jahr auf die weiterführende Schule wechseln und ist jetzt schon sehr selbstständig.
    Ich bekomme also einen Vorgeschmack …

    Meine Strategie: noch so viel zusammen machen wie möglich, auch mit jeweils einem Kind allein verreisen, um später viele schöne Erinnerungen zu haben und Fotos zum endlich Alben machen.

    So der Plan, wir werden sehen, ob der aufgeht oder der Schmerz umso größer sein wird …

  2. Bei mir war es vor 2 Jahren so weit. Ich war zuvor jahrelang selbstständig, mein Mann mit Vollzeitstelle, und ich war diejenige, die die Arbeit um die Kinder herumplante. Während der Lockdowns ein großes Glück, denn ich konnte in der Zeit komplett zu Hause sein.
    Dann wechselte unser jüngstes Kind auf die weiterführende Schule, und ich war zunehmend gefrustet. Bei meiner Arbeit war ich immer alleine, und es füllte mich einfach nicht aus. Dann bekam ein wirklich vielversprechendes Jobangebot in derselben Stadt, ohne Homeoffice, fest angestellt, und ich habe zugegriffen. Der Job macht total Spaß, ich habe wieder Kollegen und fühle mich fast wieder so unbeschwert wie damals ohne Kinder. Ich finde die neu gewonnenen Freiheiten herrlich und würde sie nicht mehr hergeben wollen!

  3. Ich hatte mir Stück für Stück einiges erobert mit der zunehmenden Selbstständigkeit meiner Kids. Ich habe zunächst mit Kampfsport angefangen, dann mich auch im Sportverein engagiert. Mein Mann und ich gehen zusammen zum Tanzkurs. Seit letztem Jahr lerne ich endlich Italienisch.
    Dieses Jahr ist alles anders, mein Kind ist schwer erkrankt und braucht mich wieder. Gleichzeitig aber auch altersgemäße Freiräume zu schaffen und nicht die ganze Zeit die Löwenmama oder die überbehütende Glucke zu sein, ist echt verdammt schwierig. Halt geben und loslassen irgendwie nicht einfach miteinander zu vereinbaren. Wo bleibe gerade ich? Bei mir ist gerade alles gestoppt. Keine Kraft und keine Zeit für diese Dinge. Ich möchte aber wieder loslegen, mit dem Kampfsport, dem Tanzen und erst recht mit Italienisch. Aber wann und wie?

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