Eine Lehrerin fordert: Lasst uns mehr auf die Kinder schauen – und weniger auf die Lehrpläne!

Ihr Lieben, neulich hatten wir ja hier den Beitrag von Diana, die uns von ihrem Alltag als Grundschullehrerin berichtete. Heute hat uns Nina einen Gastbeitrag geschrieben, darüber wie wenig Wertschätzung Lehrer*innen oft erfahren und was ihrer Meinung nach JETZT an Schulen geändert werden müsste. Danke für diesen schönen Beitrag, liebe Nina!

Dienstags ist immer mein freier Tag – ich bin Lehrerin, arbeite in Teilzeit und ja, ich liebe meinen Beruf. Heute ist Dienstag und ich stehe in der Umkleidekabine meines Fitnessstudios, zusammen mit anderen Damen, die mich nicht kennen und damit auch nicht wissen, dass ich Lehrerin bin. 

„In der Schule läuft seit Wochen gar nichts mehr, entweder ist eine Beurteilungskonferenz oder die Kids machen Ausflüge und übernachten in der Schule. Lehrer müsste man sein, dann hätte man den halben Tag frei und noch sechs Wochen Sommerferien.“ – so eine der Damen. 

Ruhe! Ich höre nur zu und sage nichts, denn ich habe beschlossen, meinen Berufsstand nicht weiter zu verteidigen. Ich weiß, was ich leiste und was meine Kollegen und Kolleginnen Tag für Tag meistern.

Ich weiß, dass nicht immer alles gut läuft und dass alle Eltern das Beste für ihr Kind wollen. Ja, das weiß ich alles, ich kenne beide Seiten: ich bin Lehrerin und Mutter eines schulpflichtigen Kindes. Aber ich weiß auch, was es bedeutet, einen Ausflug mit einer Klasse zu planen und durchzuführen. Ich weiß, wie es ist, mit 30 Kids in der Schule bei einer Lesenacht zu übernachten oder stundenlang in Konferenzen zu sitzen, die so wichtig sind, um als Team im Klassenraum zu agieren und konkrete Absprachen zu treffen. Und ja – die meisten meiner Kollegen und Kolleginnen sind verbeamtet, wir haben sechs Wochen Sommerferien, wir können uns sicherlich die Hälfte der Arbeitszeit frei einteilen.

Das ist nur ein Teil der Privilegien, die wir genießen – ja, das weiß ich und schätze sie, auch wenn ich sie nicht alle gut finde. Aber trotzdem macht es mich traurig, dass die Arbeit, die wir Tag für Tag leisten, so wenig Anerkennung findet.

Die Schülerinnen und Schüler sind nach dieser langen Zeit der Pandemie erschöpft. Sicherlich sind fachliche Mängel erkennbar und müssen in den nächsten Jahren angegangen werden, das zeigt auch die viel zitierte Studie der Robert-Bosch-Stiftung. Doch was die jungen Menschen jetzt brauchen, ist Ruhe und Zeit, Geduld und Ansporn und vor allem soziale Kontakte.

Denn das zeigt auch die Studie der Robert-Bosch-Stiftung und wird so sehr unter den Teppich gekehrt. So findet eine Mehrheit, dass das psychische Wohlbefinden zu fördern wichtiger sei, als Lehrpläne zu erfüllen. Denn diese sind in den zwei vergangenen Jahren der Pandemie nie verändert worden. Zumindest nicht offiziell, Rahmenbedingungen bei Abschlussprüfungen wurden neu justiert und intern wurde sicherlich an der ein oder anderen Stelle inhaltlich gespart.

Was dabei aber völlig übersehen worden ist, dass dieser Teil der Schule, der so wichtig für die jungen Menschen ist, Zeit und Ressourcen benötigt, die wir einfach nicht haben. Schule ist mehr als ein Ort des fachlichen Lernens, Schule muss ein Raum sein, der Möglichkeiten der Entfaltung bietet, der soziales Miteinander fördert und der Bindung immer vor Bildung setzt. Und Schule muss ein Raum sein, der Lehrerinnen und Lehrern ermöglicht, ihr fachliches und pädagogisches Know-How entfalten zu können und dafür Ressourcen zur Verfügung gestellt zu bekommen, die es möglich machen, die Schülerinnen und Schüler in jeglicher Art auf ihren Lebensweg zu begleiten. Dass sich mehr als die Hälfte erschöpft fühlt, liegt nicht daran, dass wir einfach nicht belastbar sind, sondern dass wir so belastet sind, denn „Lehrerin oder Lehrer wird man aus Überzeugung“. 

Und um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, was ich der Dame im Fitnessstudio hätte antworten sollen. Ich habe geschwiegen, habe eine Runde auf dem Crosstrainer gedreht und bin anschließend wieder zurück an meinen Schreibtisch, um die Woche vorzubereiten. Lehrer müsste man sein…ich bin es glücklicherweise…

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9 comments

  1. In Bezug auf Schule gibt es 3 Bereiche:
    1 Lehrkräfte
    2 Schüler
    3 Erziehungsberechtigte

    In jeden Bereich gibt es unterschiedliche Menschen mit Fehlern, Unverständnis, Egoismus ect.

    Viele wissen wirklich nicht was zum Beruf Lehrkraft dazu gehört.Woher auch, man liest nichts darüber.Viele denken das die Lehrkraft nur in Schule ihre Arbeit macht, also auch korrigieren.

    Viele Lehrkräfte widerum wissen nix über den Familienstand der Kinder.Sind mehrere Geschwister Beruf der Eltern, Besonderheiten ect.

    Und über den Schulkind an sich, wissen beide Seite(Lehrkräfte/Erziehungsberechtigte) oft nichts.Kinder können zuhaus lieb sein und hilfsbereit und in Schule Tyrannen.Ja, das kommt vor.

    Wissen Sie als Lehrkraft wies manchen Müttern geht?Beruf, Haushalt,Familie ?
    Meine Schwiegertochter ist in Lehre und konnte Termine eben nicht so wahrnehmen wie es Lehrerin gewollt hätte.Die Lehrerin darauf: Man muss Prioritäten setzten.Lehre oder Kind.
    Das war schon heftig.

    Ich seh das Problem darin, das einfach kein richtiges Kennenlernen mehr da ist.
    5min Elternabende, des ist ein Witz.

    Bin ich froh ,das ich seit 1998 bis jetzt ,immer Kontakt gehalten habe zur Schule.Immer wieder drauf hingewiesen habe, bei Problem gleich mich kontaktieren und reden.
    Noch liegen 9 Jahre Schule vor mir.
    Ich versteh beide bzw alle drei Seiten.

  2. Ich finde es toll, was die meisten Lehrenden leisten und würde nicht tauschen wollen (die Armen Kinder….).
    Leider habe ich als Elternvertreter aber auch die teilweise m.E. unverschämten „Vorstellungen“ von einigen Eltern mitbekommen und habe deswegen mehr Verständnis für die Lehrenden entwickelt. Jedoch leider auch eine Grundschullehrerin „aushalten müssen“, welche paranoid auf den Ausspruch „das ist ja interessant“ reagierte und der Elternschaft mal pauschal „das Vertrauen“ entzog. Erst nach ca. 3 Monaten und diversen Gesprächen (mit Schulleitung, Vertrauenslehrein, Gewerkschaft, Co.-Lehrerin und Eltern) konnte ihr „Mißverständnis“ dann aufgeklärt werden. Aber „schwarze Schafe“ gibt es m.E. in jedem Beruf.

  3. Danke dir, wahre Worte! Bin auch Lehrerin mit drei eigenen Kindern und daran fast zerbrochen. Trotz „Teilzeit“. Ich pflege auf die Aussage „Lehrer:in müsste man sein“ immer lapidar zu antworten:“Ja, klar! Warum machst du es dann nicht?“ Dann geben sich die Menschen die korrekten Antworten meist selbst. („Was? Nee, wär mir viel zu stressig mit den ganzen Pubertieren…etc.“).

  4. Leider ist der Lehrer*innen-Beruf nicht der einzige, bei dem man oftmals wenig Anerkennung erfährt. Ich könnte den selben Bericht schreiben und einfach nur die Berufsbezeichnung austauschen. Und es gibt sicher noch viel viel mehr Frauen (Männer) in Berufen, die wesentlich mehr Anerkennung verdient hätten. Auch finanziell.

    1. Da stimme ich dir voll zu! Das macht mich oft wütend, wenn ich mit (auch Freunden) von mir spreche und die ihre Berufe als Banker, Steuerberater, Maschinenbauer oder Anwälte ganz selbstverständlich als „verantwortungsvoller“ (weil sie mit viel Geld umgehen) und damit als„wichtiger“ ansehen als den des Erziehers, Altenpflegers, Krankenpflegers, Lehrers etc.
      So grässlich, dass Geld höherwertig zu sein scheint als Menschen

  5. Liebe Lehrerin, ich bin keine und gehe eher noch etwas weiter. Es sind ist nicht nur Lehrpläne/ Bürokratie die im Weg stehen sondern auch die Eltern ( mit teils zuviel Einmischung in einen Bereich der eigentlich ihren Kindern gehört). Gerade in der Pandemie war es irgendwie nicht (!) möglich Onlineunterricht/ Chat ohne dabei sitzende Eltern hinzukriegen ( trotz Ansage der Lehrer, bei Viertklässlern!). Tiefes Mitgefühl empfand ich auch Ende letzten Jahres anlässlich der Gespräche zur Bildungsempfehlung und angesichts des “ Benehmens“ so einiger Miteltern. Vom 1. Elternabend des zukünftigen Gymnasiums meines Sohnes schweige ich lieber ganz, Hyänen sind Gold dagegen. Die Anstrengungen der Lehrer, Erzieher… in allen Ehren aber wenn es zu Hause hängt? Bin aber dankbar daß es immer noch so viele gute und empathische Lehrer/ innen und Horterzieher/ innen gibt (wie in der Grundschule meines Sohnes der dort 4 tolle / motivierende erste Schuljahre hatte). DANKE

  6. Liebe Nina,
    ich bin auch Lehrerin in Teilzeit (50%)und habe dienstags „frei“. Inzwischen bestehe ich aber darauf, zu sagen, dass ich im Home Office bin. Ich bereite an meinem „freien“ Tag nämlich von 8.30-12.30 Uhr Unterricht vor, korrigiere und plane Ausflüge, Buchstabenfeste, Choraufführungen und Schulgottesdienste. Manchmal nutze ich ihn auch zu Telefonaten mit Eltern, Psychologen, Therapeuten oder Trägern von Schulbegleitern.
    Es ist mein Traumberuf-obwohl ich die nächsten vier Wochen von 19.30-21.30 Uhr die Schulberichte meiner Erstis schreiben werde.

    Ich sage auch nix mehr zu meiner „Verteidigung“. Ich bin gern Lehrerin-auch wenn es mich regelmäßig fix und fertig macht:)
    Und das ist doch das Einzige, was wichtig ist!

    1. Liebe Sina, liebe Nina, ja ich sehe da echt ein großes Problem drin. Selbst Kinder haben und Lehrerin sein, ist trotz Teilzeit schwer vereinbar. Ebendie Schulberichte, Konferenzen, Weiterbildungen, Feste, Schul- und Klassenveranstaltungen, Bestellungen, Fachraumverantwortung, Vor- und Nachbereitungen… lassen gar keine echte Teilzeitarbeit zu. In mir kämpft es gerade sehr, wieder viel mehr zu arbeiten. Viel arbeiten mache ich ja sowieso. Aber nur eben für weniger Geld. Der Blick der Gesellschaft, man würde nur von 8-12 arbeiten und dann auch nur Kinder bespaßen, schmerzt mich auch sehr. Regelmäßige Verwunderung, dass ich auch phasenweise abends und am Wochenende zu tun habe und ob es an meiner mangelnden Organisation, meinem Perfektionismus oder Faulheit läge, muss ich auch an mir abperlen lassen. Das übe ich noch. Danke für deinen Bericht Nina. Ich finde mich und viele Äußerungen meiner Kolleginnen wieder. Und ja, auch ich liebe diesen Beruf. Wir sollten wahnsinnig stolz darauf sein, was wir leisten!

      1. Vielen Dank für den Beitrag. Endlich mal eine Lehrerin die sagt das Schule so viel mehr ist als nur ein Lehrplan abarbeiten. Und dass ist absolut Richtig. Kein Kind ist eine Maschine die nur funktioniert und nur wie ein Computer Fakten frisst. Schule ist ein Lebensraum indem Kinder in einem Klassenverband nicht nur Lernen sonder auch miteinander leben, fröliches erleben und sich gemeinsam weiterentwickeln. Hier finden Kinder Freundschaften und Erwachsene die sie weiterbringen wollen.
        Leider habe ich bei meinem zweiten Kind keine schönen Erfahrungen in der Schule während der Coronazeit gemacht. Er hatte eine Lehrerin die überhaupt keinenDraht zu ihm gefunden hat. Da ist sehr viel Schief gegangen.

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