Ich bin eine Doula – von selbstbestimmten Geburten und Traumata

Liebe Ramona, Du bist Doula. Was hast Du vorher beruflich gemacht und wie kam der Wunsch, als Doula zu arbeiten?

Ich bin eigentlich diplomierte Fremdsprachenkorrespondentin und habe als  Chefsekretärin in einem amerikanischen Werkzeugunternehmen gearbeitet. Nach einigen Jahren dort unter einem sehr hohen Stresslevel musste ich entscheiden, ob ich weiter Karriere machen oder mit meinem Mann eine Familie gründen wollte. Wir haben uns dann für die Familie entschieden und es sind 2 Töchter, 3 Söhne sowie 2 Sternchen geworden. Die Erfahrungen unter den diversen Geburten (Entbindung unter PDA, normale Geburt ohne Schmerzmittel, vaginale Zwillingsgeburt ohne Schmerzmittel, Totgeburt nach der 21. SSW) haben dann dazu geführt, dass ich als „Geburtsexpertin“ galt und gerne um Rat gefragt wurde.

Über den Begriff bzw. die Tätigkeit einer Doula bin ich vor ca. 7 Jahren eher zufällig in einer Reportage zum Thema Hausgeburt gestolpert. Eine dreifach Mama wurde während ihrer Hausgeburt mit Hebamme und Doula von einem Fernsehteam begleitet. Das hat mich sehr angesprochen und ich fing dann an ein wenig zu recherchieren und bin so schlussendlich beim DID (Doulas in Deutschland e.V.) gelandet.

Beschreib mal, was eine Doula so macht?

Der Begriff Doula kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Dienerin der Frau“. Normalerweise ist eine Doula eine geburtserfahrene Frau, die mindestens ein Kind auf natürlichem Weg geboren hat. „Doula“ ist kein geschützter Begriff, daher besteht auch kein Zwang eine „Ausbildung“ zu machen. Jeder kann sich Doula nennen, aber man merkt am Angebot schon recht schnell, wer Erfahrung hat und wem man vertrauen möchte. Viele Doulas bieten neben der Geburtsbegleitung noch andere Dinge an, z.B. Schwangerschaftsyoga, Hypnobirthing, Entspannungsmassagen oder wie bei mir emotionale Geburtsvorbereitung sowie Traumabewältigung.

Als Doula begleite ich Frauen/Eltern vor, während, sowie bei Bedarf nach der Geburt. Ich habe immer ein Ohr für die täglichen Sorgen und Nöte bzgl. Schwangerschaft, Geburt oder dem Familienleben allgemein. Ich berate bei Stillproblemen (Milchstau, wunde Brustwarzen, etc.) und gebe auch Tipps zur Nabelpflege beim Baby oder zur der Nahtpflege der Mama. Meine Klientin muss sich sicher und angenommen fühlen, nur so kann ich ihr zu einer selbstbestimmten Geburt verhelfen und das ist stets mein Ziel.

Was ist der Unterschied zur Hebamme?

Der größte Unterschied ist mit Sicherheit, dass eine Hebamme eine medizinische Fachkraft mit richtiger Ausbildung ist, während eine Doula „nur“ eine geburtserfahrene Frau ist. Eine Doula versucht die Frau in ihrer ureigenen Gebärkraft zu bestärken und ihren Gebärraum zu schützen. Wenn eine Doula ihre Klientin im Krankenhaus begleitet, muss diese nicht fürchten, allein gelassen zu werden – denn im Gegensatz zur Hebamme, die ja im Schichtdienst meist mehrere Gebärende begleitet und evtl nach Schichtende auch an eine Kollegin übergibt, bleibt die Doula bis das Baby angekommen ist. Ganz egal wie lange es dauert. Somit ist die Doula eine Vertraute, die immer da ist und auf diese Weise Sicherheit gibt.

Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für eine Doula und wie oft kommst Du im Durchschnitt zu einer Frau?

Leider übernimmt die Krankenkasse die Dienste einer Doula nicht. Im Durchschnitt besuche ich meine Klientin 4-mal vor der Geburt, dann gehe ich 10 Tage vor bis 10 Tage nach ET in die Rufbereitschaft, bleibe während der Geburt egal wie lang sie dauert und besuche die Mama nach der Geburt noch 4 bis 6-mal. Immer so, wie es gebraucht wird und je nachdem, ob die Mutter eine Hebamme für die Nachsorge hat oder nicht.

Für welche Frauen eignet sich eine Doula ganz besonders?

Das ist nicht so einfach zu sagen, denn schließlich gibt es sogar Studien, die belegen wie wertvoll die Begleitung durch eine Doula für jede Frau ist. Es kommt deutlich seltener zu einem Kaiserschnitt und die Interventionsrate ist auch wesentlich geringer.

Ich würde aber auf jedem Fall einer traumatisierten bzw. sehr verängstigten Schwangeren zu einer Doula raten, da man bereits die Schwangerschaft nutzen kann, um das Trauma zu bewältigen bzw. die Ängste zu lösen.

Ich habe aber auch schon sehr junge alleinerziehende Schwangere sowie ausländische Frauen, denen unser Land sowie unsere Kultur fremd waren, begleitet. Diese Frauen waren froh und dankbar jemanden an ihrer Seite zu haben, auf den sie sich verlassen konnten und der in gewisser Weise im Krankenhaus für ihre Bedürfnisse und Wünsche eingetreten ist. Gerade wenn man – aus welchen Gründen auch immer – die Geburt ganz allein bewältigen muss, ist eine Doula empfehlenswert. Denn je nach Alter übernehmen wir die Rolle einer geburtserfahrenen Mama oder großen Schwester und können somit unterstützen, erklären, begleiten, aber auch behüten bzw. einfach nur da sein ohne zu erwarten oder zu bewerten.

Du hast schon einige Geburten begleitet. Was berührt Dich da jedes Mal?

Jedes Mal, wenn ich mit auf eine Geburtsreise genommen werde, fühle ich diesen Zauber, der über allem liegt. Diese Spannung, dieses Hoffen und Bangen. Immer wieder reißt mich der Moment mit, wenn die werdende Mama sagt, dass sie nicht mehr kann, nicht mehr mag, keine Kraft mehr hat. Dann weiß ich, dass sie auf der Zielgeraden ist und kurz davor steht, ihr kleines Wunder in die Arme zu schließen. Das ist Magie des Lebens in ihrer reinsten Form. Im besten Fall ist der Raum dann voller Oxytocin und alle sind völlig berauscht und glücklich. Das kann man noch so oft erleben – es ist immer wieder überwältigend

Gibt es eine Geburtsgeschichte, die Du nie vergessen wirst?

Eigentlich hat jede Geburt ihren ganz besonderen Zauber, aber es gab zwei Geburten, die ich bestimmt nie vergessen werde…

Die eine war die Begleitung einer sehr traumatisierten Zweitgebärenden. Die Frau hatte eine wirklich sehr unschöne erste Entbindung erlebt, bei der sie sich sehr entmündigt bzw. ausgeliefert gefühlt hat. Das Baby erlitt unter der Entbindung einen Schlüsselbeinbruch und die Mutter einen Bruch des Steißbeins. Verständlicherweise hatte sie große Angst vor der kommenden Geburt. Weil sie sich im Kreissaal einfach nicht entspannen konnte, wurde sie in ein Familienzimmer ganz ohne Überwachung und Intervention gebracht, wo sie sich endlich voll auf die Geburt einlassen konnte. Im letzten Moment haben wir die Hebamme dazugeholt und es war wirklich eine wunderschöne Geburt. Das hat mich sehr gefreut, weil ich das Gefühl hatte, zur Heilung dieser Frau beigetragen zu haben.

Die andere war die Begleitung meiner eigenen Tochter. Das ist was ganz besonderes und auch gar nicht so leicht. Normalerweise habe ich als Doula eine gewisse Distanz, ich bin empathisch, aber emotional nicht persönlich betroffen. Das war hier natürlich anders und ich hatte mir im Vorfeld doch ein wenig Sorgen gemacht, ob ich mein Kind wirklich unterstützen kann und mir nicht womöglich selbst im Weg stehe. Tatsächlich war diese Begleitung einfach wundervoll. Meine Tochter und ich brauchten keine Worte. Sanfte Berührungen und bei Bedarf gemeinsames Schaukeln waren völlig ausreichend, um mein Kind ganz bei sich zu halten. Sie hat in sehr kurzer Zeit ein kleines Mädchen im Wasser zur Welt gebracht. Unvergesslich wird für mich der Augenblick bleiben, in dem meine Tochter das Köpfchen ihres Kindes ertasten konnte und ihr dies noch einmal die Kraft geschenkt hat das kleine Wesen auf die Welt zu schieben. Dass mein Kind mir dies Erlebnis geschenkt hat, war schon ein ganz großes Glück!

Viele Frauen haben Angst vor der Geburt. Was sagst Du diesen Frauen, um Mut zu machen?

Das lässt sich nicht so einfach beantworten, denn jede Frau hat ihre eigene Geschichte und Angst ist nicht gleich Angst. Ich biete immer ein Gespräch an, um zu ergründen, wovor genau die Frau Angst hat und was wir dagegen tun können. Den meisten Frauen hilft es, endlich einmal erzählen zu dürfen, was ihnen passiert ist – ohne bewertet oder verurteilt zu werden (leider müssen sich zu viele Mütter anhören, dass sie sich doch bitte nicht so anstellen sollen, schließlich sei doch alles gut gegangen, Mutter und Kind haben es überstanden und außerdem gäbe es andere, die hätten viel Schlimmeres erlebt). Solche Aussagen sorgen dafür, dass viele Frauen überzeugt sind unter der Entbindung versagt zu haben, sie glauben es sei ihre Schuld.

Und dann gibt es da ja auch noch dieses unleidige Phänomen, das viele Frauen, sobald sie hören, dass eine andere Frau schwanger ist, ihre ganz persönliche „Horrorgeschichte“ auspacken. Es wirkt auf mich so, als wäre es diesen Müttern wichtig, dass eine andere werdende Mutter keine bessere Erfahrung macht, als sie selber. Meine Botschaft an alle werdenden Mütter lautet: Hört nicht hin! Das ist nicht Eure Geschichte, jede Mama schreibt mit ihrem Kind ihre eigene Geschichte! Die erzählte Geschichte ist Vergangenheit, sie ist vorbei, eure Geschichte findet aber jetzt statt!

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5 comments

  1. heutzutage fehlt viel zu oft die mutter/tante/freundin an der seite die erfahrung mit schwangerschaft und geburt und der zeit danach hat. die lücke füllt eine doula. ich denke jedem der sich mit diesem thema auseinander setzt weiß, das doulas keine hebammen ersetzen. aber in der heutigen zeit sind sie einfach wichtig damit die werdenden mamas und mamas nicht alleine sind. so viele könnten erzählen wie lange sie im kreißsaal alleine waren oder kein gehör bekommen haben.

  2. Aus Erfahrung: Danke an alle Doulas! Ihr seid so wertvoll! Ich habe noch immer eine tiefe Verbindung zur Doula aus der Zeit meines zweiten Babys.
    Ich schätze und danke auch meinen Hebammen, würde mir aber auch für Doulas mehr Bekanntheit und Finanzierung wünschen. Gerade wenn man im Krankenhaus gebären muss, sehr wertvoll.

    1. Ein schöner Bericht!
      Aber auch aus Erfahrung: Da man ja im Krankenhaus gebären darf und dort die Hilfe von Hebammen, Krankenpflegern und Ärzten in Anspruch nehmen darf, ist eine zusätzliche Geburtsbegleitung für einige (wenige?) Frauen vielleicht hilfreich.
      Kostentechnisch finde ich auch, dass das Geld der Krankenkassen lieber in bessere Bezahlung und eine größere Anzahl von Hebammen gesteckt werden sollte.

  3. So schön das auch alles klingen mag, sehe ich das trotzdem kritisch und finde es absolut richtig, dass die Krankenkasse die Leistungen einer Doula nicht übernimmt.

    Meines Erachtens bräuchte es eher eine anständige Bezahlung und mehr Wertschätzung für den hochqualifizierten Hebammenberuf als einen unkontrollierten Markt für Geburtsbegleiterinnen ohne fundierte Ausbildung.

    Oder man sollte zumindest verbindliche Standards für den Beruf der Doula festlegen.

  4. Wunderbar, dass es diese Begleitung gibt und in Zeiten, in denen die Hebammenbetreuung immer weiter zurückgeht, umso wichtiger.

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