Muttertät: Die Wandlung von der Frau zur Mutter – wie die Pubertät?

Muttertät

Ihr Lieben, Natalia und Sarah sind Doulas – schwesterherzen.doulas – und begleiten Frauen auf ihrem Weg in die Mutterschaft. Für den Übergang von der Frau zur Mutter, so erzählten sie uns in einem Chat, gibt es Begriffe wie Matrescence oder Muttertät. Muttertät in Anlehnung an Pubertät, weil diese Phase im Leben einer Frau ähnlich turbulent und identitätsverändernd ist wie die Teeniezeit, in der sich alles neu sortiert – körperlich wie emotional. Habt ihr davon schon mal gehört? Wir nämlich auch nicht! Aber es klingt so spannend, dass wir von den beiden Frauen unbedingt mehr darüber erfahren wollten.

Ihr Lieben, ihr seid Doulas, begleitet also Frauen emotional bei der Geburt. Wie kamt ihr dazu?

Zuerst haben wir gemerkt, dass unser starkes Interesse für alle Themen rund um die Geburt nie abgeflacht ist und wir in unserem Freundeskreis immer mehr zur Anlaufstelle für Fragen zur Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft wurden. Dann hatten wir aufgrund unserer eigenen Erfahrungen das Bedürfnis, eine Unterstützung für schwangere Frauen anzubieten, um diese besser auf ihre Geburt und die erste Zeit danach vorzubereiten. Wir empfanden die bestehenden Angebote und Leistungen als sehr ausbaufähig ;). Bei der Recherche zu unserer geplanten Selbstständigkeit sind wir auf den Beruf der Doula gestoßen und wussten sofort, dass wir das von ganzem Herzen gern machen wollen.

Mit der Zeit und der Erfahrung habt ihr gemerkt, dass die Wandlung von der Frau zur Mutter ein ganz schön krasser Einschnitt im Leben ist – ähnlich turbulent und identitätsverändernd wie die Pubertät. Erzählt mal, wie ihr zu dieser Erkenntnis kamt.

Bei einem selbst merkt man es meistens erst etwas später, wenn die turbulenteste Phase langsam abklingt. Dann blickt man zurück und realisiert erstmal, wie stark einen die letzten Monate verändert haben. Bei den Frauen, die wir begleiten, sehen wir schon viel früher, dass sie in der Übergangsphase stecken. Wir hören die typischen Fragen, wir bekommen die Stimmungsschwankungen und Unsicherheiten mit und manchmal auch schon die ersten Veränderungen auf zwischenmenschlicher Ebene, denn auch Beziehungen verändern sich in dieser Zeit.

Auf die Analogie mit der Pubertät wurden wir durch einen Artikel, von Dr. Aurelie Athan aus den USA, aufmerksam gemacht. Sie ist es, die in ihrer Forschung bemerkte, dass es „Matrescence – like adolescence“ heißen muss. Es gibt ein Forscherteam aus Holland, das Bildaufnahmen (MRT Scans) von Gehirnen von Müttern mit Nicht-Müttern verglichen hat. Die Veränderungen am Gehirn sind so stark, dass der Computer anhand der Bilder mit 100%  Sicherheit zwischen Müttern und Nicht-Müttern unterscheiden kann. Und nicht nur das, die Hormone, die für diese Veränderungen zuständig sind, sind auch bei der Pubertät für den Umbau des jugendlichen (weiblichen) Gehirns zuständig. In keiner anderen Lebensphasen sind wir so einer Flut an Progesteron und Östrogen ausgesetzt wie in der Pubertät oder der Schwangerschaft.

Wir haben ein ganzes Buch geschrieben, um Mütter emotional durch ihr erstes Jahr mit Kind zu begleiten, weil das doch oft krasser ist, als man das vorab so denkt. Ihr habt dafür sogar einen Begriff, den der Mastrescence bzw. der Muttertät. Wie kamt ihr darauf und was möchtet ihr damit erreichen?

Über den Begriff Matrescence sind wir das 1. Mal auf IG gestolpert. Wir waren sofort neugierig und haben uns auf die Suche nach mehr gemacht. Leider mussten wir dann feststellen, dass es im gesamten deutschsprachigen Raum nicht einen einzigen Beitrag dazu zu finden gab. Selbst in den USA, Kanada und Australien ist das Thema erst wenige Jahre bekannt. Es ist noch wenig verbreitet und ein ziemlich neues Forschungsgebiet, wie die meisten Frauenthemen ;).

Im Deutschen gibt es eine Hürde mit der Aussprache von „Matrescence“, weil keiner so recht weiß, wie man es genau ausspricht und den Begriff deshalb sofort wieder vergisst. So kamen wir auf die Wortneuschöpfung „Muttertät“, in Anlehnung an die Pubertät. Klingt zwar auch nicht so sexy, aber jedem ist direkt klar, dass es eine Phase ist, die über Monate andauert, viele Veränderungen mit sich bringt und zu einer neuen reiferen Identität führt.

Worte haben eine enorme Macht, weil sie uns ermöglichen die Realität zu beschreiben, sie dadurch erst beherrschbar machen und auch Solidarität untereinander ermöglichen. Wir fühlen uns verstanden, „normal“ und nicht allein mit unserem Empfinden. Als es Anfang 1900 kein Wort für das Verhalten und die Emotionen während dem Übergang vom Kind zum Erwachsenen gab, wurden Jugendliche häufig als „verrückte Kinder“ bezeichnet. Heute ist die Pubertät mit all ihren Herausforderungen gesellschaftlich anerkannt und wir haben mehr Mitgefühl und Verständnis für diesen Lebensabschnitt. Keiner verlangt von Teenagern, dass sie sich sofort wie Erwachsene verhalten. Wir wissen, dass sie erst dabei sind zu werden und auch, dass das nicht immer leicht ist.

Dieses Mitgefühl möchten wir auch für Frauen, die dabei sind Mutter zu werden. Von der Gesellschaft, ihren Familien und auch von ihnen selbst. Wir wollen den Druck rausnehmen, dass Mütter möglichst schnell wieder die „Alte“ sein sollen, in ihre alten Jeans passen, in der Arbeit gleiche Leistung bringen, als wären sie nie weg gewesen oder hätten nur kurz Urlaub gemacht. Auf jeden Fall darf man ihnen den ganzen Wandel bloß nicht anmerken. Trotzdem sollen sie direkt nach der Geburt wissen, wie man eine gute Mutter ist und sich instinktiv richtig verhalten.

Gefühle wie Wut und Freude werden stärker empfunden in dieser Zeit, sagt ihr. Wir erleben, dass die Leserinnen unseres Buches dankbar sind, mal Schwarz auf Weiß zu lesen, dass das total normal ist. Erlebt ihr das auch so?

Die Elternschaft erweitert die Gefühlsskala, das ist nachgewiesen. Die Lows sind lower und die Highs sind higher. Oft wechseln bei Eltern die Gefühle auch innerhalb von Sekunden, weil es einfach plötzlich sehr anstrengend werden kann. Wir sorgen ständig für jemanden anderen und schieben unsere eigenen Bedürfnisse oft auf. Das bessert sich später natürlich, wenn die Kinder älter und selbstständiger werden. Jede Mutter, die hört, dass sie mit ihren starken Gefühlen nicht die einzige ist, fühlt sofort Erleichterung. Diese Erfahrungen erleben wir zu 100% und es ist auch aus anderen Lebensbereichen bekannt, dass es sehr hilft, wenn man sich mit „Leidensgenossen“ austauscht oder einfach nur weiß, dass es sie gibt.

Diese Gefühl der Ambilvalenz, dieses „Oh, Gott, ist mein Baby süß – aber oh Gott, ich wünsch mir mein altes Leben zurück“ – wo kommen die her?

Dr. Alexandra Sacks, Psychiaterin und Autorin aus den USA, beschreibt die Ambivalenz als das „Push and Pull Prinzip“. Auf der einen Seite ist da diese hohe Konzentration an Oxytocin (bedingt durch Geburt, Stillen, viel Körperkontakt etc.), die uns zu dem Baby hinzieht. Wir werden also von der Natur aus zum Kind hingezogen (pull), damit wir es umsorgen und die ganze Anstrengung auf uns nehmen. Auf der anderen Seite gibt es aber noch uns als Person, unsere Bedürfnisse, Vorlieben, Gedanken an all das, was unser Leben vorher ausgemacht hat. Das ist der innerliche Push zu uns, zu dem, was uns neben der Mutterschaft noch ausmacht.

Auch Schuldgefühle mischen sich in unsere Euphorie, Überforderung und Gereiztheit in die Müdigkeit, dabei wird uns in Werbung und Social Media noch immer so oft suggeriert, dass man als Mutter allzeit strahlend und sauber und glücklich durchs Leben mit Baby schwebt… ist die Erwartungshaltung auch einfach unrealistisch?

Unrealistisch und gefährlich! Schuldgefühle führen oft dazu, dass wir uns für unsere Gedanken und Gefühle schämen. Wir versuchen dann, sie für uns zu behalten und sie zu internalisieren, also zu glauben, dass mit uns etwas nicht stimmen kann, weil es allen anderen nicht so geht und auch viel leichter zu fallen scheint. Als Mutter spürt man häufig auch den Druck, immer dankbar sein zu müssen und jeden Augenblick zu genießen, weil sie ja so schnell rauswachsen und „unser Alltag ihre Kindheit ist“ etc.

Es ist sehr schwer, wenn nur die Highlights geteilt werden (dürfen) und die Realität dadurch so verfälscht wird. Wenn mehr Mütter wüssten, dass alle anderen Mütter auch mal auf die Uhr schauen und sich die Schlafenszeit herbeiwünschen, dann würden sich alle weniger schlecht fühlen und eventuell ehrlichere Gespräche führen, ohne ein schlechtes Gewissen. Wir haben diesen Muttertag zusammen mit Susi von HeySister! versucht, unter dem Hashtag #muttertät dazu aufzurufen, ehrliche Gedanken von Müttern auf Instagram zu teilen. Wir wollten reale Gedanken, Ehrlichkeit und Solidarität zum Muttertag verschenken.

Was für uns sehr wichtig ist, ist zu erwähnen, dass du sowohl dankbar für dein Kind sein kannst, es über alles liebst und trotzdem glücklich bist, wenn du es zur Kita bringst oder bei den Großeltern abgibst. Es ist super selten nur Schwarz oder Weiß, meistens ist es beides!

Die Veränderungen in er von euch so genannten Muttertät sind vielschichtig. Sie betreffen die berufliche Ebene, die psychologische, die spirituelle, die körperliche und die Beziehungsebene. Habt ihr hierfür Beispiele?

Zunächst möchten wir betonen, dass jeder Wandel individuell ist. Sowohl in der Intensität als auch auf die Ebene bezogen. Bei manchen ändert sich besonders viel auf der Beziehungsebene und körperlich, bei anderen kommt erst nach der 3. Schwangerschaft der große berufliche Wandel. Es ist bei jeder Schwangerschaft eine individuell erlebte Veränderung, die in beide Richtungen gehen kann, also sowohl aus „Verlusten“ als auch aus „Gewinnen“ besteht. Nun zu den Beispielen:  

Berufliche Ebene: Manche Frauen möchten sich nach der Geburt beruflich verändern oder überlegen sich, sich selbstständig zu machen. Bei anderen nimmt der Beruf jetzt einen anderen Stellenwert ein oder der Inhalt der Arbeit wird als nicht mehr sinnhaft/erfüllend empfunden und sie vermissen ihr Kind. Andere sind erst als Mutter richtig motiviert, genießen die Auszeit von zu Hause und freuen sich auf die mentale Abwechslung.

Psychologische Ebene: Auf dieser Ebene passiert oft am meisten. Angefangen von der oben beschriebenen Erweiterung der Gefühlsskala und dem plötzlich so starkem Empfinden von Wut oder Freude, berichten viele Frauen, dass sie neue Seiten an sich entdecken. Einige sind gestresster, fühlen sich mehr unter Druck gesetzt oder haben das Gefühl schneller kritisch beäugt zu werden. Besonders wenn sie zum ersten Mal Mutter werden, fühlen viele Frauen sich weniger kompetent, als sie es zuvor im (berufs-)Leben waren. Sie haben weniger Kontrolle über ihren Tagesablauf und das Gefühl nicht viel am Tag zu schaffen und trotzdem davon geschafft zu sein. Daran ist sicherlich auch die allgemein fehlende Anerkennung von Care Arbeit in unserer Gesellschaft mitverantwortlich. Schließlich gibt es für Hausarbeit und Kindererziehung keine Glückwunschkarten, wohl aber zu manch einer Beförderung.

Einige Frauen beginnen erst durch die Mutterschaft, sich mehr mit sich auseinanderzusetzen und an ihrer persönlichen Entwicklung zu arbeiten. Sie entdecken neue Hobbies oder versteckte Talente und finden endlich heraus wer sie wirklich sind.

Spirituelle Ebene: Manche Frauen fühlen sich nach der Geburt mehr verbunden mit der Natur oder öffnen sich erstmalig für Spiritualität, obwohl sie selbige zuvor belächelt haben. Auch ein bewussteres Auseinandersetzen mit dem Sinn des Lebens sowie mehr Verantwortungsgefühl für unsere Umwelt wird oft beobachtet.

Körperliche Ebene: Bereits in der Schwangerschaft ändert sich der eigene Körper stetig. Nach der Geburt gibt es Frauen, denen es schwer fällt, ihren neuen Körper anzunehmen. Sie fühlen sich nicht mehr wohl in ihrer Haut. Aber auch das Gegenteil ist oft der Fall und Frauen wissen ihren Körper viel mehr wertzuschätzen. Manche entwickeln vielleicht sogar zum ersten Mal eine Verbindung zu ihrem Körper und spüren jetzt viel besser, was er braucht, nehmen also zum erstmal ihre Körpersignale viel sensibler wahr.

Beziehungsebene: Viele Frauen merken in der Muttertät Veränderungen auf zwischenmenschlicher Ebene. Bestehende Beziehungen werden re-evaluiert, sei es die Beziehung zum Partner, zu den eigenen Eltern oder auch zum Freundeskreis. Manche Freundschaften gehen in der Mutterschaft verloren oder werden weniger intensiv. Einige berichten auch, dass sie sich plötzlich wildfremden Frauen aus einem Babykurs näher fühlten als jahrelangen Freundinnen. Ein Kind verändert die Familiendynamik in der Kernfamilie, aber auch der größer gefassten Gruppe und jeder darf seinen (neuen) Platz erstmal finden. 

Und dann muss man sich ja gleichzeitig auch noch ums Baby kümmern, während man selbst so mit sich beschäftigt ist…

Das ist wohl die größte Herausforderung, jemanden anderen beim Wachsen zu unterstützen und Sicherheit zu geben, während man sich selbst neuorientiert und oft ratlos ist.

Gibt es Gemeinsamkeiten in dieser Phase des Wandels bei den Frauen die ihr begleitet?

Die größten Gemeinsamkeiten sind der Mythos der perfekten Mutter und das Gefühl, dass man einfach nie gut genug ist. Gefolgt von einem schlechten Gewissen und Scham, die einen davon abhält, sich mit anderen ehrlich auszutauschen. Auch sehen wir sehr oft, dass Frauen sich nicht erlauben, widersprüchliche Gefühle zu empfinden. Sie denken sofort, dass etwas mit ihnen nicht stimmen kann, wenn sie nicht nur mit ihrem Kind sein wollen oder sich auch mal überfordert fühlen. Sie wissen nicht, dass der Wunsch mit seinem Kind zu sein, es zu lieben und Zeit für sich selbst haben zu wollen, beides gleichzeitig bestehen kann.

Manche Frauen versuchen sich gegen den Wandel zu wehren und möchten, dass man ihnen das neue Leben nicht anmerkt. Dieser Kampf erschwert den Übergang zur Mutter und kostet viel Energie bzw. bringt meistens nur Frust. Denn je mehr man sich wehrt, umso länger dauert diese Phase. Wir sehen jedes Mal, dass am Ende einer Schwangerschaft nicht einfach nur ein Baby und die Frau stehen, sondern ein Baby und eine neue Frau (ein Upgrade).

Wie ging es euch den selbst in diesem prägenden ersten Jahr?

Es war natürlich sehr herausfordernd, vor allem weil wir uns gerade selbstständig gemacht haben mit einem Beruf, der hauptsächlich aus nahen Kontakten zu Menschen besteht. Wir konnten aber auch viel mitnehmen und lernen. Vor allem, wie wichtig es ist, um Hilfe zu bitten. Es war nie der Plan, dass wir alles alleine schaffen müssen und ein ganzes Dorf ersetzen. Durch die Muttertät hat sich unsere Perspektive auf die Mutterschaft verändert und wir haben erkannt, wie wichtig Zusammenhalt und ehrlicher Austausch sind. Uns fiel eine Last von der Schulter, als wir erkannt haben, dass das was wir erleben, normal ist und es vielen so geht. Wir müssen uns selbst eine gute Mutter sein, um für unsere Kinder eine gute Mutter sein zu können.

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1 comment

  1. Mich wuerde interessieren, ob dieser Prozess – nach Meinung der beiden Interviewpartnerinnen – nur beim ersten Kind stattfindet oder bei jeder Schwangerschaft erneut.

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