Stille Geburt: Unsere lange Reise zurück zum Glück

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Liebe Ina, Euer drittes Kind kam in der 21. SSW still zur Welt. War das überraschend oder wie verlief die Schwangerschaft bis dahin?

Als wir von der ungeplanten Schwangerschaft erfuhren, war es erst einmal ein großer Schock. Unsere zweite Tochter war gerade einmal 7 Monate alt und wir hatten beide das Gefühl einem dritten Kind gar noch nicht gewachsen zu sein. Die Zeit zu viert war bis dahin mitunter von Kämpfen, Aushandlungsprozessen und Neufindungen geprägt gewesen. Unsere Älteste, damals 3 1/2 Jahre alt, brachte sehr deutlich zum Ausdruck, dass ein Geschwisterchen eine enorm große Veränderung für sie bedeutet und ich hatte diese Entwicklung im Vorfeld schlicht unterschätzt.

Wir starteten also mit sehr gemischten Gefühlen in eine weitere Schwangerschaft. Wobei mein Mann von Vorneherein eher zuversichtlich war und versuchte mir Mut zu machen.

Die Schwangerschaft verlief zunächst problemlos, mir ging es körperlich sogar besser als in den beiden vorherigen Schwangerschaften.

Kannst du erzählen, wie es weiter ging?

Ab der 16./ 17. SSW hatte ich allmählich ein mulmiges Gefühl. Ich spürte das Kind noch nicht und wartete täglich darauf, erste Bewegungen wahrzunehmen. Ich räumte diesem Gefühl nicht viel Platz ein, dennoch schien etwas in mir bereits Alarm zu schlagen.

Ein Tag vor der nächsten Routineuntersuchung beim Frauenarzt, in der 21. SSW, bekam ich nachts Schmerzen und am nächsten Morgen starke Blutungen. Mein Mann und ich fuhren ins Krankenhaus, es dauerte einige Zeit, bis wir behandelt wurden. Nach einem gefühlt endlos langen Ultraschall wurde das Alarmsignal zu trauriger Gewissheit und der Arzt sprach das Unfassbare aus: unser Kind lebte nicht mehr. Die Ärzte nahmen an, dass es möglicherweise schon einige Wochen nicht mehr am Leben war, da die Entwicklung auf Stand eines ca. 16 Wochen alten Fötus war.

Die Geburt musste eingeleitet werden und mein Mann und ich befanden uns plötzlich an einem Abgrund, der tiefer für uns nicht hätte sein können.

Wie lief die Geburt ab?

Die Tatsache ein totes Kind auf die Welt bringen zu müssen, hat mich schier um den Verstand gebracht. Wir waren in einem separaten Zimmer, weit ab von der Geburtsstation untergebracht und warteten auf den Beginn der Geburt. Nach zwei sehr schönen Geburten wussten wir einerseits was auf uns zukommt, andererseits hatten wir große Angst vor dem, was danach kommen würde. Das Gefühl glich bei mir einer Todesangst. Ich war zu diesem Zeitpunkt der Überzeugung, ich würde seelisch daran zerbrechen.

Ca. 12 h später war es dann so weit. Ich spürte wie sich die Plazenta löste und wir wurden in den Kreißsaal gebracht. Wir waren ab diesem Zeitpunkt sehr einfühlsam von einer Hebamme betreut und kurze Zeit nach Ankunft im Kreißsaal, fand auch schon die Geburt statt. Es kostete mich große Überwindung loszulassen, um das Kind tatsächlich zu gebären. Wieder war es mein Mann, der mir Mut machte und bis dahin wie ein Fels an meiner Seite stand. Unser Kind wurde schließlich in der Fruchtblase geboren. Ich fühlte mich auf einmal erleichtert und wollte unser Kind unbedingt sehen und anfassen. Mein Mann hatte plötzlich große Angst und musste zunächst den Kreißsaal verlassen, um sich wieder zu sammeln. 

Nach einiger Zeit kam mein Mann zurück und wir durften noch lange Zeit mit unserem Sohn verbringen, haben ihm einen Namen gegeben, die Hebamme fotografierte ihn und wir versuchten diesen ersten und letzten Moment mit unserem Kind so intensiv wie möglich zu erleben. Wir entschieden uns dafür die Nacht auf Station mit dem Kind zwischen uns liegend zu verbringen. Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns und fuhren ohne Kind und nicht mehr schwanger nach Hause zu unseren Töchtern.

So einen Verlust kann man nicht in Worte fassen. Kannst du trotzdem versuchen zu beschreiben, wie es Dir in den ersten Tagen, Wochen danach ging?

Ich habe täglich und jede Nacht versucht dem Abgrund zu entfliehen, der sich mit der stillen Geburt unseres Sohnes aufgetan hatte. Ich war bereits Mutter von zwei Kindern, die mich brauchten. Das forderte ungefragt eine Routine, einen Ablauf, ein Funktionieren, was in solch einer Lage sicherlich hilfreich ist, um sich in der Trauer und Ohnmacht nicht zu verlieren. Gleichzeitig brach ich immer wieder innerlich zusammen, konnte das Geschehene und die Wucht der Gefühle kaum ertragen und wusste nicht mehr weiter. Mein Körper war mir fremd, ich kämpfte mit meiner Körpermitte, den auf Stillen ausgelegten Brüsten (trotz abstillender Medikamente), den Blutungen, die mich tagtäglich an die Geburt meines toten Kindes erinnerten. Ich war geplagt von Schuldgefühlen und Ängsten aller Art.

Größere Ansammlungen von Menschen waren plötzlich zur Bedrohung geworden, immer wieder überkam mich im Alltag der Geruch von Blut und das Weitermachen, sich jeden Tag neu dafür zu entscheiden aufzustehen, kostete mich unglaublich viel Kraft. Mit der Zeit wurden diese emotionalen Stürme weniger, verloren jedoch erst einmal kaum an Heftigkeit.

Ihr habt ja auch noch zwei größere Kinder – wie erklärt man denen so eine Situation?

Unsere große Tochter hat bereits sehr deutlich wahrgenommen, dass etwas Schreckliches geschehen war. Wir entschieden uns bewusst, sie mit zur Beerdigung zu nehmen und sind auch sonst sehr offen in dieser Situation mit ihr umgegangen. Wir haben versucht, ihr kindgerecht zu erklären, was geschehen war. Wir haben uns darauf geeinigt, dass ihr kleiner Bruder nun einen Platz als Stern im Himmel hat. Dieses Bild ist bis heute geblieben. Unsere jüngere Tochter war noch zu jung, um sie aktiv in den Trauerprozess miteinbeziehen zu können. Dennoch glaube ich, dass sie unsere Trauer und die veränderte Situation deutlich wahrgenommen hat. Bis heute sprechen wir immer wieder von ihrem Bruder, sodass er unvergessen bleibt und auch sie ein Bewusstsein dafür entwickeln kann, dass sich kurz nach ihrer Geburt ein weiteres Kind den Weg in unsere Leben gebahnt hatte.

Du hast uns geschrieben, dass dein Mann und du sehr unterschiedlich getrauert habt. Wo waren die Unterschiede?

In den ersten Tagen waren wir in unserer Trauer sehr ähnlich. Wir haben viel geweint, das Gespräch innerhalb der Familie gesucht und dem Verlust unseres Kindes einen großen Platz eingeräumt. 

Mein Mann versuchte nach wenigen Wochen immer konkreter zur Tagesordnung überzugehen. Sicherlich hat ihm dabei geholfen, dass er wieder arbeiten ging. Er kümmerte sich viel um die Kinder und war im Alltag aktiv, wo er nur konnte. 

Ich war zunächst noch in Elternzeit und einigermaßen in der Lage den Alltag zu bewältigen. Allerdings war ich sehr dünnhäutig, hatte meinen Humor verloren und war nervlich unter Dauerstrom. Viele Tage quälte ich mich bis zum Abend, um dann weinend ins Bett zu fallen. Manchmal fühlte ich mich wie betäubt, unfähig zu mir und den Eigenschaften, die mich ausmachen, zurückzukehren.

Je mehr Zeit verstrich, desto weniger schien mein Mann aushalten zu können, dass ich weiterhin offensichtlich trauerte und nicht mehr dieselbe war. Ich wiederum machte ihm zum Vorwurf, dass er so tat, als wäre alles wieder beim alten. 

Was hat diese Unterschiedlichkeit mit Eurer Beziehung gemacht?

Aufgrund meine Dünnhäutigkeit kam es sicherlich zum mehr Konflikten im Alltag. Da das auch die Kinder betraf, war mein Mann darauf ausgerichtet, die Wogen zu glätten und das Familienleben emotional stabil zu halten. Dabei fühlte ich mich jedoch nicht gesehen und es kam immer wieder zu Auseinandersetzungen über die Frage, wer wie um den Verlust unseres Sohnes trauert.

Darüber hinaus war unsere Kommunikation beschränkt auf das Wesentliche und wir hatten wenig Zugang zum anderen. Wir trieben eine ganze Weile im offenen Meer nebeneinander her, ohne uns gegenseitig retten zu können.

Dabei versuchte ich auch immer wieder mich an ihm zu orientieren und tatsächlich zur Tagesordnung überzugehen, dabei scheiterte ich jedoch kläglich mit emotionalen Einbrüchen und dem Gefühl von Überforderung.

Gab es einen Punkt, an dem ihr beschlossen habt, dass es nun Hilfe von außen braucht?

Zunächst hatte ich den Eindruck, dass ich allein Hilfe benötige. Ich habe mich auf die Suche nach Unterstützung begeben. Von einer Bekannten, die einen ähnlichen Verlust erlitten hatte, bekam ich eine in diesem Bereich sehr erfahrene Therapeutin empfohlen. Ich erfuhr, dass diese auch Paargespräche anbot und erinnere mich noch genau, dass ich meinen Mann eines Abends beim Zähneputzen vorsichtig fragte, ob er sich vorstellen könnte, mit mir zu einem solchen Gesprächstermin zu gehen. Ich hatte mit Ablehnung gerechnet. Stattdessen erklärte er sich sofort bereit, mir zuliebe mitzukommen.

Wie genau sah diese Hilfe aus? Was habt Ihr dort über Euch gelernt?

Insgesamt haben wir drei Gespräche geführt. Dabei ging es vor allem darum, das Erlebte noch einmal von Anfang an und schrittweise aus unserer jeweiligen Perspektive zu schildern. 

Die Therapeutin unterstützte uns dabei uns gegenseitig genau zuzuhören, die Gefühle, Ängste und Gedanken zu formulieren und all dem Raum zu geben. So gelangten wir nach und nach auf eine gemeinsame Ebene des gegenseitigen Verständnisses. Wir konnten das Verhalten des anderen nachvollziehen und Irrtümer, welche sich durch falsche Interpretation ergeben hatten, ausräumen.

Wir konnten während dieser Termine ausschließlich uns als Paar und unseren persönlichen Gefühlen, Gedanken und Themen Zeit widmen. Danach sind wir auch nie nach Hause, sondern in unserer Stammkneipe gegangen, um das Gespräch ausklingen zu lassen.

Wir haben gelernt, dass wir ins unserer Gefühlswelt nicht sehr weit voneinander entfernt gewesen waren, jedoch unterschiedlich damit umgegangen sind, was letztlich zur Entfernung im Alltag beigetragen hatte. Ich war beeindruckt von der Offenheit meines Mannes über das Geschehene und die eigenen Empfindungen dabei zu sprechen. Bereits nach dem ersten Gespräch gestand er mir erkannt zu haben, dass diese Termine nicht nur mir, sondern auch ihm und uns gut tun würden. 

Wir machten ein Code-Wort aus, um dem anderen bei Bedarf unkompliziert zu verdeutlichen was gerade los ist, ohne viel erklären zu müssen. Wir lernten vor allem, uns gegenseitig zu stützen und über schwierige Gefühle miteinander zu sprechen.

Durch wenige, aber intensive Gespräche fanden wir wieder zueinander. Das Gefühl der Entfremdung verlor sich und wir hatten wieder eine gemeinsame Sprache über das Geschehene gefunden.

Und was hast du über dich selbst gelernt?

Letztlich wohl vor allem die Erkenntnis, dass das Leben weiter geht, selbst wenn der Abgrund unendlich tief ist und, dass ich in der Lage bin, aus einer solchen Tiefe wieder hervorzusteigen. Ich bin persönlich gestärkter und gefestigter. Ich weiß, dass es wichtig ist auf meine innere Stimme zu hören und vor allem gegenüber meinem Mann möglichst offen zu kommunizieren, wenn es uns als Paar betrifft. Voreilige Schlüsse sind selten richtig, wenn sie sich auch noch so richtig anfühlen.  

Wie geht es Euch heute? 

Heute, 3 ½ Jahre später, sind wir glücklich zu fünft! Nach einer langen Reise der Trauerbewältigung, welche vor allem für mich noch einige Zeit nach der Gesprächstherapie weiterging, haben wir uns gemeinsam für ein weiteres Kind entschieden. Wir durften eine weitere gesunde Schwangerschaft und glückliche Geburt erleben. Unsere jüngste Tochter ist nun ein Jahr alt und wir fühlen uns komplett – mit Stern am Himmel.

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1 Kommentar

  1. Eine sehr schöne Geschichte! Ich freue mich immer wenn die Sternenkinder einen festen Platz in der Familie gefunden haben und behalten!

    Wir denken auch ganz oft gemeinsam an den kleinen Bruder oben bei den Sternen

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