Fehlgeburt in Corona-Zeiten: Darf mein Mann bitte mit?

Kürettage

Foto: pixabay

Ihr Lieben, manchmal erreichen uns wirklich emotionale Mails unserer LeserInnen, die uns auch Tage später nicht loslassen. So meldete sich auch Simone bei uns, die fassungslos war, weil sie zur Trauer und zum Schock ihrer Fehlgeburt vom Krankenhaus erfuhr, dass wohl ihr Mann nicht als Begleitung für sie zum Eingriff mitkann. Wie es dann ausging? Anders als erwartet. Hier schreibt sie uns:

Ich habe mich gerade (mal wieder) durch eure Seite gelesen. Diesmal aus ganz aktuellem Anlass, denn leider hatte ich eine Fehlgeburt. Ich muss deshalb nächste Woche ambulant in ein Krankenhaus zur Kürettage (Ausschabung) und bin schockiert über die entsprechenden Corona-Regeln. 

Grundsätzlich werde ich von ärztlicher Seite und auch von meiner Hebamme gut betreut, aber dass mein Mann weder vor noch nach der OP bei mir sein kann, finde ich unmenschlich. 

Wir haben zu unserem ganz großen Glück bereits zwei Kinder. Die Zwei sind noch relativ jung (5 und 3) und fordern uns natürlich sehr, wir haben beiden zwar von dem Verlust erzählt und die Große trauert auch, aber nichtsdestotrotz wollen wir ihnen gerne so viel Normalität wie möglich aufrechterhalten. Das bedeutet aber auch, dass wir als Paar kaum Zeit zu zweit haben, umso wichtiger wäre es uns, diesen letzten Weg mit unserem Baby gemeinsam als Eltern gehen zu dürfen.

Die Anwesenheit des Vaters im Kreißsaal ist wichtig!

Relativ schnell während der Pandemie wurde den Vätern ja wieder der Zugang zum Kreißsaal gewährt. Man hat anerkannt, wie wichtig die Anwesenheit des Vaters bei der Geburt ist und zwar für alle Beteiligten. Geht es nun um das Ableben des kleinen Menschenkindes werden dem Vater aber alle Rechte abgesprochen! Und auch ich als Mutter fühle mich komplett alleine, im Stich gelassen, hilflos… 

Auch mein Mann leidet, für ihn ist die Situation ebenfalls belastend. Er möchte mich so gerne unterstützen, darf aber nicht. Ihm fällt es schwer, sich komplett zu öffnen, er würde vermutlich niemals mit einem Freund über die Fehlgeburt reden und erzählen, wie sehr ihn es belastet. Er hatte sich fast noch mehr auf unser neues Baby gefreut als ich und er war sich sicher, dass alles gut geht. Hinzu kommt seine Angst um mich. Er möchte für mich da sein, mich begleiten. Warum bekommen wir diese Chance nicht?

Es wird aus meiner Sicht schon zu wenig über das Thema Fehlgeburt gesprochen. Dann aber auch noch den einzigen Menschen auszuschließen, der in der Lage ist, mit mir mitzufühlen, ist für mich tatsächlich gesellschaftlich ein Unding. Warum wird es uns Frauen unnötig so schwer gemacht? Noch schwerer als es sowieso schon ist, ein Kind gehen zu lassen, auf das man sich gefreut hat? Warum wird damit der Trauerprozess – und zwar der der Mutter UND des Vaters – unnötig in die Länge gezogen?

Ausschabung
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Mein Mann hat sich für den Tag der OP extra freigenommen, um mich begleiten zu können. Er muss mich wegen der Vollnarkose abholen, da ich selbst nicht Auto fahren darf. Für diese Zeit wären die Kinder auch betreut. Im Krankenhaus hätten wir einen geschützten Raum für uns und unsere Trauer. Nun wird uns aber diese so wichtige gemeinsame Zeit genommen.

Fehlgeburt, Ausschabung: Ich möchte, dass mein Mann mich hält

Ich möchte gerne von meinem Mann gehalten werden, damit ich mich fallen lassen kann. Ich will nicht stark sein müssen, nicht Emotionen wegdrücken müssen, weil da niemand ist, der mir emotional nah ist, der mitleidet, weil wir gemeinsam in diesem Abschied drinstecken. Es ist doch unser gemeinsames Kind, mein Mann ist nicht weniger involviert, nur weil das Baby in meinem Körper wächst!

Ich befürchte, dass uns das Verwehren dieses gemeinsamen Abschieds irgendwann einholen könnte. Natürlich versuchen wir das zu vermeiden, aber ich sehe die Gefahr. Und wenn man seinen Gefühlen keinen Raum gibt, kommen sie irgendwann raus, nur in noch größerer Dimension. Und das bereitet mir Sorgen. Es fühlt sich an, als wäre unser kleines Baby gar nicht real für andere, als wäre es nicht „wert“, dass der Vater dabei anwesend ist. Aber für uns war und ist dieses Baby real!

Partnerschaften leiden darunter in einer sowieso schon schweren Ausnahmesituation. Ich könnte auch verstehen, dass mein Mann nicht mit darf, wenn alles kurzfristig umgesetzt werden würde. Aber meine OP ist seit über einer Woche geplant, ich war bei einem PCR-Test. Warum kann mein Mann, der wie ich auch doppelt geimpft ist, das nicht auch? 

Papa und Mama gehören zusammen in den Kreißsaal

Warum schreibe ich das alles? Ich habe null Reichweite, finde das Thema aber unglaublich wichtig und bin der Meinung, dass es unbedingt gehört und gelesen werden sollte. Weil ich ja nicht die Einzige bin, weil es so vielen Frauen genauso geht! Das kann doch so nicht bleiben! Die Pandemie wird uns leider noch eine Weile begleiten und vielleicht darf doch irgendwann und irgendwo in Deutschland ein Papa seine Frau und die Mutter seines Kindes in dieser sicher schwierigsten Situation für Eltern unterstützen.

Das waren die ersten Worte von Simone. Der Eingriff liegt mittlerweile hinter ihr und es kam dann doch noch anders als erwartet… Wir haben bei ihr nachgefragt, wie es ihr zwei Wochen nach der OP geht…

Es geht mir gerade so wie vielen Eltern…. Man ist am Limit und möchte irgendwie gerne für 2 bis 5 Jahre schlafen, aufwachen und ein Coronafreies Leben führen. Aber das wird wohl nichts. Der Verlust schmerzt immer noch, aber ich habe gar keine Zeit zum Verarbeiten, weil die Kinder erst krank waren und wir dann auch noch durch den Kontakt mit einer positiv getesteten Person in der Kita der Kinder in Quarantäne waren…

Am Ende hatten wir unfassbarer Weise doch noch Glück. Es war sehr nervenaufreibend, weil uns am Tag vor dem Eingriff erst nochmal Hoffnung gemacht wurde, abends dann aber alles wieder zunichte gemacht wurde.

Am Morgen sind wir also in das Krankenhaus und ich bin sicher davon ausgegangen, alleine sein zu müssen. Doch die Stationsleitung war so empathisch und verständnisvoll und hat dann tatsächlich eine Ausnahmegenehmigung für meinen Mann eingeholt. Sie muss meine Not gesehen haben. Es war für mich einfach so, so wertvoll und hilfreich, dass ich nach dem Eingriff nicht alleine sein musste und wir auch Ruhe hatten, um miteinander zu sprechen. Ich bin der Stationsleitung wirklich unendlich dankbar dafür.

Geburt und Abschied: Am Ende doch noch zu zweit

Ich bin mir aber auch sicher, dass nur ein oder zwei Wochen später mit dem Hochschnellen der Infektionszahlen keine Ausnahmegenehmigung mehr möglich gewesen wäre. Im Gegenteil. Hier bei uns ist in allen Krankenhäusern gerade absoluter Besuchsverbot.

Im April wird eine kleine Bestattungsfeier für Sternenkinder stattfinden, die wir mit unseren Kindern an der Hand begehen werden. Bis dahin bleibt mir die Dankbarkeit, doch nicht allein gewesen zu sein. Ich wünsche das allen Frauen, die so einen Verlust durchstehen müssen.  

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7 comments

  1. Liebe Simone,
    im Juli war ich in der gleichen Situation. Unser Baby war im Bauch verstorben. Trotz mehrfacher Versuche, die kleine Geburt mit Tabletten einzuleiten, kam ich nach vier Wochen nicht um eine OP herum. Ich musste sie alleine schaffen, mein Mann durfte nicht zu mir.
    Ich habe mich noch nie im Leben so alleine und verlassen gefühlt. Ich kann dich so gut verstehen.
    Liebe Grüße
    Liebe

  2. Hier nicht ich auch klar sagen: das gilt für mich deshalb, weil es um Geburt und Tod gleichzeitig geht. Auf andere Bereiche im Krankenhaus möchte ich meine Ansicht nicht bezogen verstanden wissen. Dazu ist diese Situation zu speziell. Das kann nicht für alles und jeden gelten in diesen Zeiten.

  3. Ich freue mich, dass es für die beiden Eltern eine Ausnahme gab! Sehr freu ich mich. Ich bin Hebamme.
    Für alle, die es in Zukunft betreffen könnte habe ich den Gedanken, ganz offen im Krankenhaus zu sagen, dass ohne Begleitung der Eingriff nicht stattfindet. Dass der Partner geimpft und frisch negativ getestet dabei ist, ist selbstverständlich für mich.
    Ich bin mir sicher, wer sich so klar definiert, wird am Ende zwar eventuell nicht sein bevorzugtes Datum oder Krankenhaus haben, aber eine Weg.

    Wie sagte meine Ärztin vor 4 Tagen zu mir: nach 2 Jahren Corona kann das Virus keine Ausrede mehr für gar nichts im Krankenhaus sein.

    Seid klar und standhaft, bleibt euch selbst treu. Wie gesagt. Voll geimpft und getestet ist die Basis dieser Haltung.
    Liebe Grüße

  4. Meine Lieben,

    Ich lese gerade euer Buch „Der Mama-Mutmacher“. Ich liebe es, einfach so unglaublich schön.

    Ich habe schon gelacht, geweint und viel nachgedacht.

    Ich bin eine Mami mit 2 Mädchen, 9 Jahre und 1,5 Jahre.
    Hab seit 18 Jahren eine unheilbare Autoimmunerkrankung Namens Lupus, die mir sehr erschwert hat meine Babys zubekommen, erst wurde ich lange nicht schwanger und dann waren es sehr große Risiko-Schwangerschaften.

    Beide Mädchen sind totale Wunschkinder und unsere jüngste war und ist eine kleine Kämpferin, weil bei ihr wir nicht wussten, ob sie gesund und lebend geboren wird.

    Beide Mädchen stärken mich jeden Tag aufs neue, auch wenn ich jeden Tag mit Schmerzen zu kämpfen habe, sind sie es jeden Tag aufs neue Wert aufzustehen und den Tag anzugehen.

    Durch euer Buch hab ich aber auch gemerkt, wie wenig ich doch noch Zeit nur für mich nehme und euer Buch bestärkt mich, mehr Zeit auch nur mir zu widmen….sei es nur Abends im Badezimmer, wenn die Kinder schlafen und der Mann im WZ auf der Couch ist 😁

    Ich freue mich immer wieder aufs neue, wenn ich in der Früh, wenn die Mädls noch schlafen, einfach Zeit für euer Buch habe und in Ruhe lesen kann.

    Vielen lieben Dank für euer tolles Werk.

    Macht weiter so…und ich freue mich schon jetzt auf etwas neues von euch .

    Ganz liebe Grüße
    Lucia

  5. Ich weiß, das klingt angesichts des Themas blöd und ich traue mich auch nur das zu schreiben, weil ich selber zwei Fehlgeburten mit Ausschabung hatte.
    Ich finde das Verhalten sehr egoistisch.

    Es gibt viele, viele, viele Menschen, die eine Ausnahmegenehmigung bräuchten! Unbedingt und dringend!!! Wer soll das aber entscheiden? Was ist notwendiger? Meine 96jährige Oma, die an den Augen operiert wird und nicht versteht, warum keiner zu ihr ins Krankenhaus kommt? Mein Vater, der eine Cardioversion bekommt und sehr darunter leidet, dass niemand nach ihm sehen darf? Oder doch die Ausschabung?

    Dürften alle rein, die dringend eine Begleitung bräuchten, würde irgendwann und irgendwo doch jemand infiziert werden und vielleicht schwer krank werden oder sogar sterben.
    Deshalb ist es wichtig, dass einfach keiner mit rein darf. Das ist ja keine fiese Regel, sondern eine Schutzmaßnahme für meine Oma und meinen Papa!

    1. Liebe Sina,
      Ich als betroffene Mama möchte gerne zu deinem Vorwurf des Egoismus Stellung beziehen. Dass du das so empfindest, ist für mich vollkommen ok und möchte ich dir auch nicht absprechen. Nichtsdestotrotz möchte ich dir gerne erklären warum ich das in unserer Situation nicht so sehe.
      Mein Mann und ich sind ein Haushalt, mein Mann arbeitet im Homeoffice, wir waren zu diesem Zeitpunkt beide doppelt geimpft und er wäre ebenfalls gerne bereit gewesen einen pcr test zu machen, um sich mit mir nach dem test in häusliche Selbstquarantäne zu begeben. Ich hatte ein Einzelzimmer, also neben den 2 Pflegerinnen keine weiteren Kontaktpersonen im Zimmer. Dementsprechend war definitiv kein höheres Risiko gegeben, ob ich alleine oder er mit mir da gewesen wäre.
      Konträr finde ich z.b, dass er mich durchaus hätte besuchen dürfen, wenn ich stationär aufgenommen werden würde, dann sogar OHNE Test.

      Und es dürfen ja immer noch Besucher oder Begleitpersonen mit in die Krankenhäuser. Dann nämlich, wenn es um eine Geburt oder den Tod auf palliativstationen geht. Und hier ging es um den Tod unseres Kindes. Aus diesen ganzen Gründen finde ich das nicht egoistisch.

    2. Sorry, aber du kannst nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Deine Verwandtschaft lebt und wird die Situation einer ärztlichen Versorgung allein bewältigen.Außerdem liegt deine Verwandtschaft nicht im Kreißsaal und wer sagt dir, dass der Pfleger, der heute noch negativ getestet wurde, morgen auch noch negativ ist? Das Personal, welches auf ner anderen Station arbeitet bewegt sich auch außerhalb vom Krankenhaus.
      Die Eltern haben nur diesen einen kurzen Moment um sich von IHREM Baby, einem Leben und ihrem erwarteten Leben zu verabschieden.
      In diesem Fall befürworte ich, dass man dieses Familienkonstrukt als 3 Patienten ansieht. Egal welche corona Regel gerade so angesagt ist,die ändert sich auch gefühlt ständig.

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