Wenig Bezahlung, viel Stress – darum will kaum noch jemand Erzieher werden

Ihr Lieben, in jeder vierten Kita fehlen Erzieher/innen. Der Berufszweig hat ein echtes Nachwuchs-Problem. Woran das liegt und wann der Personal-Mangel am Meisten zu spüren ist, haben wir fünf Erzieherinnen gefragt:

Liebe Katja, warum gibt es einfach zu wenige Erzieher?

Ich denke, dass liegt daran, dass das Gehalt viel zu niedrig ist. Heute machen doch viele Abitur und wollen einen Beruf mit Prestige. Dafür verdient man in unserem Beruf zu wenig. Deshalb schulen auch viele Erzieher irgendwann um und machen etwas anderes. Zum anderen ist dieser Job auch wirklich anstrengend, er geht an die Substanz und eigentlich kann man ihn nicht bis zur Rente machen.

Stichwort Gehalt: Was wäre eine angemessene Bezahlung?

Die Erziehergehälter sollten an die Gehälter von Grundschullehren angeglichen werden.

Was ist das Schönste an Deinem Beruf?

Die Arbeit mit den Kindern. Zu sehen, dass die Kinder sich mit deiner Hilfe weiter entwickeln, dass sie dich mögen und du abends ins Bett gehen kannst und weißt, dass du was Sinnvolles gemacht hast. Ja, dass man einen guten Beitrag für die Gesellschaft geleistet hat.

Und was das Anstrengendste?

Der Lärm. Und der Stress, wenn man den ganzen Tag unter Strom steht, weil es einfach zu wenig Personal gibt und man nicht weiß, wie man den Tag managen bzw. überstehen soll.

Fühlst du dich von den Eltern immer gewertschätzt?

Ja, eigentlich schon. Außer es kommt zu Notbetreeung durch Personalmangel. Dann werden die Eltern wütend und sagen: „Ich zahle hier ja nicht zum Spaß.“

Was müsste sich sofort ändern, damit dein Arbeitsalltag besser wird?

Mehr Personal! Angemessene Ruheräume für das Personal, Lärmschutz-Gesundheitsprävention für Erzieher und wie Entspannung/Sport/Rückenprogramme als Entlastung

Liebe Lissy, wie erlebst du die Eltern Euch Erziehern gegenüber?

Zu mir sind die Eltern eigentlich immer freundlich. Aber natürlich kommen Dinge vor, die grenzwertig sind. Wenn zum Beispiel ein Kind erst Punkt 17 Uhr abgeholt wird, obwohl die Kita um 17 Uhr schließt und die Mutter es dann mit dem Anziehen des Kindes gar nicht eilig hat – und wir Erzieherinnen so immer länger bleiben müssen. Manche Eltern geben auch richtige Anweisungen, wenn sie ihr Kind morgens abgeben, sie sagen dann: „Achten Sie darauf, dass das Kind genug trinkt“ oder „Gehen Sie regelmäßig mit dem Kind aufs Klo“ oder „Das Kind soll jetzt bitte langsam trocken werden.“

Was nervt dich an den Eltern?

Für mich ist es ein Unding, dass über alles ewig diskutiert wird. Viele Eltern trauen sich nicht mehr, einfach mal etwas durchzuhalten, weil sie dann gleich als Diktatoren gelten. Ich weiß, dass manche Eltern morgens ewig mit ihren Kindern über die Klamotten diskutieren. Die Kinder wollen in kurzen Hosen raus, obwohl es Winter ist. Da wäre es doch viel besser, dem Kind zwei Outfits rauszulegen, wovon es sich eins aussuchen kann. So spart man sich die Diskussionen und das Kind darf trotzdem mitentscheiden.

Jetzt ist Erkältungs-Hochzeit – hast du das Gefühl, dass kranke Kinder sich heute noch wirklich auskurieren können?

Nein! Auch Erzieher oder kranke Eltern können sich nicht auskurieren. Die Kids werden mit Zäpfchen „ruhiggestellt“, damit die Eltern zur Arbeit können, um keinen Ärger von Kollegen oder dem Chef zu bekommen.

Wenn bei uns Kollegen fehlen, hagelt es Kommentare wie „die wird bestimmt ne Woche fehlen“, „Die ist schon wieder nicht da/krank“, „müssen/muss schon wieder alles allein machen“, „ich bin auch erkältet und komme trotzdem“, „ich will meine Kollegen nicht im Stich lassen“. All diese Aussagen sorgen dafür, dass man nicht nur krank ist, sondern auch ein schlechtes Gewissen hat…

Wann in deinem Arbeitsalltag merkst du besonders, dass ihr einfach zu wenige Erzieher seid?

Ehrlich gesagt täglich. Ich bin momentan als Springer tätig, werde also immer dort eingesetzt, wo ich besonders dringend gebraucht werde. Ich merke schon, dass wir es kaum schaffen, den Kindern wirklich gerecht zu werden – das liegt auch daran, dass es heute so viele Kinder mit besonderen Bedürfnissen gibt.

Liebe Tessa, Du bist seit 20 Jahren Erzieherin. Wann merkst du, dass ihr einfach zu wenige Kolleginnen seid?

Bei uns arbeiten in jeder Gruppe 2 ausgebildete Erzieherinnen, davon nicht alle in Vollzeit, dazu sind noch 2 Kinderpflegerinnen angestellt. Dass das zu wenig ist, merkt man wenn Kolleginnen ausfallen. Es gibt Tage, an denen können wir tatsächlich nur noch beaufsichtigen. Von Angeboten oder pädagogischer Arbeit, Unterstützung oder Förderungen kann man da nur noch träumen. Wir haben ja nicht nur die Kinder, wir kümmern uns ja auch um die Küche (Frühstück, Mittagessen..alle hauswirtschaftlichen Tätigkeiten wie spülen, aufräumen usw…), fuhren Elterngespräche ,müssen organisieren und haben einige wichtige Gespräche z.B. mit dem Jugendamt zu führen. Das ist mit manchmal nur 4 Erzieherinnen bei knapp 70 Kindern kaum machbar.

Was bedeutet das für die Kinder?

Für die Kinder bleibt ganz klar die individuelle Betreuung auf der Strecke. Wir haben einige integrative Kinder, die nicht so gefördert werden können immer wie sie sollten. Die anderen Kinder genauso. Es ist oft sehr sehr unbefriedigend.

Warum gibt es so wenige Erzieher/Erzieherinnen?

Die Arbeitsbedingungen sind einfach nicht gut. Wenn wir Praktikanten haben, die mal zwei Wochen reinschnuppern, sind die meist danach desillusioniert und überlegen sich das nochmal… Dazu die Bezahlung. Ich arbeite Vollzeit, habe selbst zwei Kinder. Am Ende des Monats bin ich komplett pleite, ich kann nichts zurück legen. Die Bezahlung ist unter aller Kanone….

Liebe Anne, Du bist seit 19 Jahren Erzieherin. Worin liegen die größten Unterschiede zwischen damals und heute?

Zu Beginn meiner Tätigkeit waren die Kinder, die zu uns kamen, wesentlich älter und die Betreuung ging über einen wesentlich kürzeren Zeitraum. Die Haupterziehungsarbeit fand im Elternhaus statt. Es wurde ein Bruchteil an Dokumentation verlangt. Bildungspläne, welche es individuell für jedes Bundesland gibt, kannten wir damals nicht. Der Beruf des Erziehers ist über die Jahre immer komplexer geworden. Mittlerweile gehören Thematiken zu unserem Standartwissen, die vor einigen Jahren nur selten bis gar nicht vorkamen.

Warum gibt es so einen Erzieher-Mangel?

Bei uns dauert die Ausbildung zum Erzieher insgesamt fünf Jahre, wobei vier Jahre Schule in Vollzeit sind. Es ist für viele schwer, vier Jahre aufs Gehalt zu verzichten. Lediglich im Anerkennungsjahr erhältst du ein Entgelt.

Der Fachkräftemangel war auf lange Sicht absehbar. Der Beruf ist finanziell nicht wirklich attraktiv. Um eine Familie mit diesem Gehalt ernähren zu können, reicht es kaum. Gerade das Einstiegsgehalt ist niedrig, die Aufstiegsmöglichkeiten sind gering.

Immer wieder heißt es, dass Kitas heute nur noch Aufbewahrungsstationen sind…Ist das eine Übertreibung oder ist was Wahres dran?

Ich denke, es ist eine Mischung aus Beidem. Es gibt Phasen, da gleicht die Kita einer Aufbewahrungs/Krankenstation.
Die Kinder werden oftmals mehr krank als gesund gebracht. Sie bekommen nicht genügend Zeit, um sich richtig auszukurieren. Die Erzieher stecken sich dann regelmäßig an, kommen dann trotzdem krank zur Arbeit, weil Personal fehlt, Kinder eingewöhnt werden müssen, etc….
Erst wenn es gar nicht mehr geht, bleiben die Kollegen mit einem schlechten Gewissen zu Hause. Die Eltern sind zerrissen, da sie arbeiten müssen und die Kinder krank abgeben.

Meine Erfahrungen sind jedoch, dass das pädagogische Personal trotz Unterbesetzung alles gibt, um die Kinder bestmöglich zu betreuen, ihnen Zugang zu Bildung zu ermöglichen und um das pädagogische Angebot aufrecht zu erhalten.

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3 Kommentare

  1. Ich finde gar nicht mal mehr, dass es am geringen Lohn liegt. Ich bin seit acht Jahren Erzieherin und in den letzten Jahren ist das Gehalt deutlich angestiegen. Wenn man mich fragt, wieso der Beruf so unattraktiv geworden ist, antworte ich immer, dass es die Rahmenbedingungen sind. Zu wenig Personal, zu viele Kinder in den Gruppen, keine Vorbereitungszeit… Das ist auch das, was im Alltag am meisten belastet. Leider!

  2. Ich habe die letzten Jahre in Köln als Erzieherin gearbeitet und konnte mich bezüglich Gehalt und Personalauslastung nicht beschweren.
    Jetzt sind wir nach der Geburt meiner Tochter ins Kölner Umland gezogen.
    Ich muss also den Arbeitgeber wechseln.
    Da es ein neuer Träger sein wird, werde ich in meinen Erfahrungsstufen runtergruppiert.
    Meine komplette Berufserfahrung plus etlicher Zusatzqualifikationen werden weder anerkannt noch wertgeschätzt.
    Ich finde das ist ein Unding und muss ehrlich gestehen das damit auch meine Motivation sinkt.
    Bei einem anderen Arbeitgeber sind die Arbeitszeiten dermaßen familienunfreundlich, dass ich da gar nicht erst anfangen kann.
    Man hat das Gefühl, es gäbe Erzieher in Hülle und Fülle, so wie mit uns umgegangen wird, wenn man einen neuen Job sucht…

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