Erzieherin: Liebesbrief an den für mich schönsten Job der Welt

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Ihr Lieben, es wird viel über Care-Arbeit diskutiert und über soziale Berufe gesprochen, es geht um Bezahlung, um fehelnde Wertschätzung, um Überlastung, weil das System zu sehr auf Kante gestrickt wird. Dabei fehlt unserer Leserin Anne aber vor allem eines: Der Blick auf die guten Seiten ihres Traumjobs Erzieherin. Abseits der strukturellen Probleme ist das für sie nämlich der schönste Beruf der Welt, der so viel mehr bedeutet, als einfach „nur mit Kindern zu spielen“. Ein Liebesbrief.

Liebesbrief an den Beruf der Erzieherin

„Als ich mich Ende der 90er Jahre entschloss Erzieherin zu werden, fragten mich viele, ob ich verrückt sei. Es gab kaum Schulplätze, noch weniger Praktikumsstellen und erst recht keine Stellen im Elementarbereich. Dennoch wollte ich unbedingt diesen Beruf erlernen. Ich hatte Glück, gehörte ich zu den wenigen, welche einen Schulplatz erhielten. Ich habe es bis heute nicht einen Tag bereut.  

Ich sah einige Einrichtungen mit verschiedenen pädagogischen Ansätzen, neuen Konzepte und diverse Vorgaben seitens des Landes. Den Rechtsanspruch für Ein- und Zweijährige, verschiedenste pädagogische Fachkräfte, wirklich heftigen Personalmangel sowie immer mehr Dokumentation. Kinder im Corona Lockdown plus dessen Folgen, geflüchtete Menschen mit Kriegstrauma, verschiedenste Kulturen und deren Lebensweise, erlebte viele schöne Momente mit Familien, aber auch viele traurige und belastende Situationen.

Ich darf mit wundervollen kleinen Menschen arbeiten

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In erster Linie aber sehe ich die Kinder – so viele individuelle wundervolle kleine Menschen, mit denen ich arbeiten darf. Nach all den Jahren in meinem Beruf fahre ich jeden Tag mit Freude zur Arbeit. Ich habe den Anspruch, jedes Kind bestmöglich zu begleiten, ihm die Hand zu reichen, wenn es diese beim Wachsen benötigt.

Mich selbst zurückzunehmen, das Kind die Erfahrungen machen zu lassen, ihm die Möglichkeit des Ausprobierens zu geben. Denn jede erste Erfahrung, die ich ihm nehme, ist eine verlorene Erfahrung für ein Kind. Ein lachendes und glückliches Kind ist für mich das schönste Geschenk.

Ja, wir haben alle viel um die Ohren, dennoch versuche ich jeden Tag die Kinder dies nicht spüren zu lassen. Sie sind es, warum wir diesen tollen Beruf ergriffen haben.

Sich mit den Kindern in den Dialog begeben

Begib dich mit den Kindern in den Dialog, höre ihnen zu, stelle Fragen, rege sie zum Nachdenken an. Mit Kindern zu philosophieren ist etwas ganz Wunderbares. Glaubt nicht, sie sind klein und haben keine Ahnung von der Welt, sie verstehen die Welt besser, als viele Erwachsene glauben. Kinder finden so viele logische Ansätze und fragen oft, warum man Dinge nicht einfach macht.

Ich wünsche mir, dass Kinder ihre natürliche Neugier möglichst lange behalten, nicht mundtot gemacht werden und sich trauen zu fragen, auszuprobieren und von erwachsenen Menschen ernstgenommen werden. All dies sind Dinge, welche ich den Kindern versuche, vorzuleben. Als Fachkraft muss man extrem reflektiert sein und das eigene Verhalten ständig hinterfragen und ggf. anpassen. Deine ehrlichsten Kritiker sind Kinder, sie spiegeln dir dein Verhalten wider, geben dir ehrliches Feedback. 

Kindergarten ist so viel mehr als „nur“ Spielen!

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Es ist so wichtig, dass Kinder ihre eigene Meinung haben dürfen! Von Anfang an lernen, miteinander in den Dialog zu treten, sich auszuprobieren! Ja, eine andere Meinung zu haben als die Freunde. Dies aushalten zu lernen, zu argumentieren, warum mir etwas anderes wichtiger ist oder besser gefällt, solche Situationen üben wir täglich mit den Kindern.  

Kindergarten ist so viel mehr als „nur“ Spielen!

Kindergarten bedeutet für Kinder vor allem eines: ganz viel lernen!

Konflikte aushalten, Lösungsstrategien entwickeln

Stellt euch vor, ihr habt einen Lieblingskuli im Büro, den finden noch fünf andere KollegInnen toll und jeder möchte den Kuli haben. Was macht ihr? Motzt ihr rum? Verteidigt ihn? Nehmt ihn euch einfach? Fangt an zu weinen? Sucht nach Kompromissen oder gar Lösungen?

Solche Entscheidungen müssen Kinder permanent treffen, denn in der Kita gibt es viele Dinge, welche die Begierde wecken. Dies führt zwangsläufig zu Konflikten, zu Frust, Wut, Enttäuschung, oder auch zur Freude (wenn man das Objekt der Begierde ergattert hat).

Fachliche Begleitung durch Erzieherinnen

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Wir als ErzieherInnen wurden über mehrere Jahre fachlich ausgebildet, um Kinder in solchen Situationen fundiert und qualifiziert zu begleiten. Ihnen zur Seite zu stehen und mit ihnen ihre Gefühle aufzuarbeiten, zu verbalisieren und zu verstehen. Allein dafür liebe ich meinen Beruf, er ist so vielfältig und abwechslungsreich. Jeder Tag ist anders, herausfordernd und mit vielen kleinen Herzmomenten versehen, die mich sehr dankbar machen.

Klar ist es auch mal stressig, aber dies sollte nicht das Problem der Kinder sein. Als Erzieherin musst du lernen, ruhig zu bleiben, mehrere Kinder gleichzeitig zu versorgen und vor allem, den Kindern zugewandt zu bleiben. Es gehört so viel dazu, diesen wunderbaren Beruf auszuüben.

Empathie, Flexibilität, Haltung, Wertschätzung, Toleranz

Wenn PraktikantInnen fragen, was wichtig ist als ErzieherIn, lautet die Antwort immer: „Empathie, Flexibilität, sich auf viele verschiedene Situationen einstellen zu können, die Welt mit dem Blick der Kinder zu sehen, eine offene und positive Haltung, Wertschätzung, Toleranz, die Bereitschaft seine Arbeit zu reflektieren…! Das Vertrauen in die Kinder und ihre Fähigkeiten. Eine gewisse Belastbarkeit, Resilienz und auch die Bereitschaft Lautstärke auszuhalten sind Aspekte die man mitbringen sollte.“

Die Freude an meiner Arbeit gebe ich gerne weiter und versuche, auf hohem Niveau auszubilden, weil Kinder dies verdient haben. Unser Beruf ist so komplex und verantwortungsvoll, nicht umsonst dauert die Ausbildung fünf Jahre! Es gibt viele pädagogische und entwicklungspsychologische Aspekte, die gerade bei Kindern sehr wichtig sind. Fachlich fundiertes Arbeiten ist elementar, dies gelingt in der Regel nur mit einer qualifizierten Ausbildung.

Personelle Lücken? Wir benötigen ausgebildetes Personal!

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Es macht mir Bauchweh, wenn nicht ausgebildete Menschen die immer größeren personellen Lücken schließen sollen. Kinder haben leider wenig Lobby und werden dazu nicht gefragt, sondern mal wieder mit Tatsachen konfrontiert. Diese wirken sich spürbar auf ihre Entwicklung aus, ich hoffe, nicht allzu negativ.

Wir benötigen dringend gut ausgebildetes Personal, Kinder sind unsere Zukunft, dafür lohnt es sich, das Beste zu geben! Es sollte selbstverständlich sein! Eltern vertrauen uns das Wertvollste an, was sie haben, ihre Kinder! Dieser großen Verantwortung sollte sich jede pädagogische Fachkraft und auch jeder Politiker bewusst sein.

Den Beruf der ErzieherIn würde ich sofort und jederzeit wieder erlernen, für mich ist es der schönste Beruf der Welt.“

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7 comments

  1. Gefällt mir sehr gut!
    Und ich bin uneingeschränkt der Meinung der Autorin: Kinder sollten einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft bekommen!

  2. Ich bin begeistert, so viel über den ‚Traumberuf Erzieherin‘ erfahren zu haben. Kann dem ‚Liebesbrief‘ uneingeschränkt beipflichten. Weiter so, es lohnt sich in jeder Hinsicht. Liebe Grüße,
    Barbara, Mutter einer engagierten Erzieherin!

  3. Ich mag diese wunderbare Liebeserklärung, die so vielfältig und bunt von der Tätigkeit im Kindergarten erzählt. Man merkt beim Lesen, dass die Autorin nicht mehr frisch verliebt ist, sondern ein inniges und tiefes Gefühl für den Bereich erworben hat und die schwierigen Seiten des Berufes nicht einfach wegstreicht, sondern offensich mit ihnen umgeht. So mein kleiner Eindruck…

    Viele Grüße
    Eva

  4. Das rührt mich zu Tränen. Ich wünschte, Gesellschaft und Politik würden es endlich verstehen, dass unsere Kinder das wertvollste sind, was wir haben. Ihren Blick auf die Kinder sollten alle Menschen haben. Vielen Dank für Ihre so wichtige Arbeit.

  5. Vielen Dank für diese Worte. Die Autorin hat mir aus dem Herzen geschrieben. Auch ich bin seit Ende der neunziger Jahre Erzieherin und liebe meinen Job immer noch. Ich freue mich auf jeden Tag an denen ich die Kinder begleiten und unterstützen darf.

  6. Sehr schön, auch einmal diese Sichtweise zu lesen.
    Die von der Autorin betreuten Kinder und deren Eltern können sich wirklich glücklich schätzen!

  7. So ein schöner Artikel! Ich glaube Du warst eine der wundervollen Erzieherinnen/ Erzieher, die meine Kinder im Kindergarten begleitet haben!

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