Wut auf den Mann, Wut beim Kind: Nicola Schmidt hat Lösungen

Kind schreit

Foto: pixabay

Ihr Lieben, Nicola Schmidt gehört zu den Menschen, die ich am liebsten interviewe, weil ich selbst immer noch so viel dabei lerne, so viele Aha-Momente habe und mich danach irgendwie immer besser fühle. Weil ihr Ansatz eben nicht ist: Du musst alles immer super machen. Sondern: Niemand macht alles super, das ist vollkommen normal und menschlich – und auch wichtig für die Kinder! Zu sehen: Scheitern gehört zum Leben dazu.

Wir sind Menschen, keine Maschinen. Alle haben mal bessere oder schlechtere Tage. Aber solange die Grundidee eine zugewandte und liebevolle ist, wird uns das auch durch schwerere Phasen bringen. Nicola sagt: „Kinder artgerecht beim Aufwachsen zu begleiten ist ein toller Ansatz, um Kinder großzuziehen – wenn nur der Alltag nicht wäre!“

Da ist der morgendliche Stress, der ständige Geschwisterzoff, die Schwiegermutter, die eine spitze Bemerkungen macht… Da fragen wir uns als Eltern dann, wie wir damit bedürfnisorientiert umgehen sollen. Wie wir unserem Kind und unserer Familie gerecht werden können.

Nicola Schmidt

In ihrem neuesten Buch „artgerecht durch den Familienalltag: …weil das echte Leben auch echte Lösungen braucht“ gibt Nicola Schmidt Antworten auf die häufigsten Elternfragen. Mit ganz konkreten Situationen und Lösungsansätzen und lebensnahen, schnell umsetzbaren Tipps.

Gleichzeitig beleuchtet sie auch die Frage hinter der Frage: Was ist es, das uns eigentlich zu schaffen macht? Warum triggert mich das jetzt so? Wo kollidieren meine Wünsche mit der Realität? Wo können wir Kompromisse machen – und wo bleiben wir unseren Idealen treu? Damit hilft sie, falsche Glaubenssätze zu überwinden und einen eigenen artgerechten Weg zu finden.

Wir dürfen heute drei ganz konkrete Situationen plus Lösungsansätze aus dem neuen Buch von Nicola Schmidt publizieren:

Was kann ich tun, wenn ich mich trotz Partnerschaft mit allem, was die Familie betrifft, alleingelassen fühle?

Nicolas Soforthilfe: Sprecht miteinander. Darüber, wie ihr euch eure Leben vorstellt. Sprecht darüber, was es mit euch macht, wie es sich anfühlt, was ihr euch wünscht – nicht darüber, wer schuld an der Situation ist. Vermeidet dabei die apokalyptischen Reiter jeder Beziehung.

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Autorin Nicola Schmidt. Foto: Natalie Menke

Die apokalyptischen Reiter – in der Bibel waren es ursprünglich vier – hat der Liebesforscher John Gottman in seinem »Ehelabor « an der Universität von Washington in Seattle entdeckt. Er beobachtete Paare bei Auseinandersetzungen. Anschließend blieb er mit ihnen in Kontakt, um sich immer wieder nach ihrer Ehe zu erkundigen. Es zeigte sich: Diejenigen, die später unglücklich waren oder sich scheiden ließen, hatten schon beim Streit Jahre zuvor fatale Verhaltensweisen an den Tag gelegt. Gottman taufte diese Beziehungskiller die »Apokalyptischen Reiter«.

Verblüfft stellte er fest, dass sich mit ihrer Hilfe das Schicksal einer Ehe mit geradezu mathematischer Präzision vorhersagen lässt. 10 bis 15 Minuten Streit reichen dem Gefühlsgeometriker, und er kann vorhersagen, welches Paar zusammenbleibt und welches sich trennen wird – Trefferquote: annähernd 90 Prozent. Nachdem sie also ziemlich zentral für die Frage scheinen, ob ein Konflikt gelöst werden kann und ob es zum Beispiel gelingt, die Belastungen in einer Beziehung besser zu verteilen, sehen wir uns die fünf Faktoren noch einmal genauer an.

1. Kritik.

Kritik könnte sich so anhören: »Immer lässt du alles rumliegen, du bist sowas von faul!« Wir formulieren besser eine sachliche Information zu einer konkreten Situation: »Es stört mich, dass deine schmutzigen Socken auf dem Küchentisch herumliegen. Kannst du die bitte jetzt wegräumen?«

2. Verteidigung.

Auf Kritik reagieren viele Menschen mit einer Rechtfertigung: »Ja, aber ich arbeite den ganzen Tag und hab nicht die Zeit, ständig aufzuräumen.« Die Verteidigung ist zwar verständlich, aber sie ist unproduktiv, weil sie den Streit eskalieren lässt. Wir reagieren besser empathisch: »Ich sehe deinen Punkt, ich kann das verstehen. Ich bin abends so müde, lass uns mal überlegen, ob wir den Wäschekorb woanders hinstellen.«

3. Verachtung.

Diese krasse Form der Kritik zielt nicht darauf ab, das Verhalten des anderen zu verändern, sondern nur darauf, zu verletzen: »Na toll, kein Wunder, dass du keine Freunde hast, so egozentrisch wie du bist!« Wir tun besser daran, die Situation zu deeskalieren und nicht auf Provokationen oder Verletzungen einzugehen, indem wir zum Beispiel sagen: »Ich sehe, dass du verärgert bist. Lass uns herausfinden, was dich verletzt und was wir beide brauchen, damit wir eine Lösung finden können.«

4. Rückzug.

»Mauern« ist ein anderes Wort für dieses weit verbreitete Problem. Einfach weggucken. Nicht mehr reagieren. Aufstehen und den Raum verlassen. Wenn es passiert ist, können wir später oder am nächsten Tag wieder aufeinander zugehen: »Ich habe noch mal über unseren Streit nachgedacht und ich würde gerne noch mal in Ruhe mit dir sprechen und sehen, wie wir aufeinander zugehen können …«

5. Machtdemonstration.

Der Wissenschaftsjournalist Bas Kast hat diesen fünften Reiter ausfindig gemacht. Machtdemonstration könnte so daherkommen: »Ich kann meine Socken liegen lassen, wo ich will. Ich zahl hier ja die Miete.« Dies ist eine Kampfansage, die wir unbedingt vermeiden sollten. Wenn wir diesen Impuls haben, lohnt es sich, mit einem Dritten darüber zu sprechen. In der Situation hilft es auch, unser Gefühl offenzulegen: »Ich bin so verärgert, ich will dich eigentlich nur noch zurückärgern und dann aus dem Kontakt gehen. Aber ich würde so gerne wieder friedlichen Kontakt mit dir aufnehmen.« Wenn wir so aufeinander zugehen, haben wir eine große Chance, beieinander anzukommen.

Die Frage hinter der Frage

Was steckt wirklich dahinter? Welche Hilfe brauchen wir? Wenn ein Partner sich nicht mehr in die Familie einbringt, kann das viele, viele Gründe haben. Es kann sein, dass er oder sie gar keine Kinder wollte, dass er oder sie überfordert ist, keinen Kontakt mehr zum anderen Elternteil findet, zu viel Stress im Außen hat, sogar eine psychische Erkrankung wie eine Depression kann dahinterstecken. Es lohnt sich also, hinzusehen und sich auch einen Blick von außen zu holen. Menschen sind eine kooperativ aufziehende Art, es gibt immer Probleme, die man am besten mit anderen zusammen löst.

Was also tun?

Wir müssen mit den Menschen um uns herum in Kontakt kommen und bleiben. Es ist der einzige Weg zu ihren und unseren Herzen.

Wie kann ich reagieren, wenn mein Partner mich als Helikopter-Mom abstempelt, obwohl ich vielleicht einfach nur das Gespräch mit einer Erzieherin gesucht habe?

Nicolas Soforthilfe: Dies ist keine Erziehungsfrage, sondern eine Paarfrage. Und eine Paarfrage gehen wir am besten mit Empathie und noch mehr Fragen an, nämlich solchen, die wir unserem Partner stellen können:

Was ist für dich eine Helikopter-Mum?

Welche Sorge hast du?

Was ist das Schlimmste, das passieren könnte?

Wie würdest du es machen?

Welche Optionen haben wir in dieser Situation?

Wie könnten wir es gemeinsam machen?

Was wünschst du dir von mir?

Was hättest du dir als Kind gewünscht?

Was, glaubst du, braucht unser gemeinsames Kind?

Und dann können wir in den Austausch gehen. Dabei sollten wir aufpassen, dass wir dem anderen ein »Ja« geben – ja, ich höre dich und ich nehme deine Bedenken ernst. Genauso wichtig ist es, Du-Botschaften zu vermeiden (also Sätze wie »Nie verstehst du mich!«) und über unsere Gefühle zu sprechen, statt nach Richtig und Falsch zu fragen. Was wir unbedingt vermeiden sollten, sind die vier apokalyptischen Reiter, die ein gegenseitiges Verstehen in jeder Beziehung unmöglich machen können:

1. Zerstörerische, allumfassende Kritik: »Weil du immer, weil du nie, wieder mal, schon wieder, dein Problem ist …«

2. Reflexhafte Rechtfertigung: »Stimmt doch gar nicht! Ja, aber ich! Und überhaupt, du …!«

3. Bewusste Verletzung des Partners durch Sarkasmus, Zynismus oder Spott: »Na toll, du Oberchecker! Genauso ein Patriarch wie dein Vater!«

4. Rückzug: Wir verweigern den Kontakt, reden nicht mehr miteinander und sind gemeinsam einsam.

Wenn wir es schaffen, ohne diese Strategien auszukommen, können wir aus diesem ersten Streit in einen interessanten Dialog kommen über Sorgen, Ängste, Außenwirkung, unsere eigene Erziehung, unsere Wünsche und Sehnsüchte. Es kann ein Dialog sein, der uns einander näherbringt, statt uns zu entfremden.

Die Frage hinter der Frage

Was tut hier weh? Oft stecken hinter diesen und ähnlichen Streitpunkten unsere eigene Erziehung – und die Narben, die wir davongetragen haben, die jetzt vielleicht immer noch schmerzen. Es können auch Sorgen dahinterstecken, unterschiedliche Menschenbilder und Erziehungsziele, aber auch Paarthemen wie Macht, Dominanz, Unsicherheit, sich nicht gesehen fühlen, die Angst, unangenehm aufzufallen, Umstände zu machen, sich unbeliebt zu machen. Wenn wir darüber sprechen, werden diese Ursachen sichtbar, besprechbar und verhandelbar.

Was also tun?

Wir sollten in solchen Momenten immer versuchen, in Kontakt miteinander zu bleiben. Machen wir es, wie es der persische Sufi-Mystiker Rumi aus dem 13. Jahrhundert vorschlug: »Zwischen Richtig und Falsch gibt es einen Ort – dort werde ich dich treffen.«

Mein Kind kriegt krasse Wutausbrüche, wenn ich kein zweites Eis erlaube, warum reagiert es so heftig – und wie schaffe ich es, trotzdem bei meinem Nein zu bleiben?

Nicolas Soforthilfe: Warum das Kind so ist? Stellen wir uns einfach ein junges, hochvernetztes Gehirn vor, das zwar dreimal so viele Neuronenverbindungen hat wie das unsrige und dadurch unglaublich schnell lernt (zum Beispiel eine zweite Fremdsprache). Aus demselben Grund arbeitet es aber leider auch sehr, sehr ineffektiv.

Jeder Stressimpuls hat viele Wege, die er in diesem Gehirn findet, und jede Frustration ist ein Weltuntergang. Das liegt daran, dass das Gehirn des Kindes noch nicht die Erfahrung gemacht hat, dass die Welt in Wahrheit nicht untergeht, und die Nervenverbindung »Welt-kommt-wieder-in-Ordnung« noch nicht ausreichend klar ist.

Es braucht viele Übungsmomente, bis die wichtigsten Bahnen im Gehirn stabil funktionieren, Erfahrungen, bei denen das Kind erst lernt: dass man mit Frustration klarkommen kann, dass die Welt wider Erwarten doch nicht untergeht, dass es später noch Abendessen gibt und eine Menge mehr. Stellen wir es uns wie einen Wald vor, in dem noch nie jemand spazieren gegangen ist.

Es gibt gute, ebene Verbindungen zwischen zwei Punkten und steinige, gefährliche. Wenn jemand wie wild in den Wald hineinläuft, gelangt er natürlich ständig auch in die steinigen, gefährlichen Ecken. Aber je öfter jemand die ebenen, sicheren Verbindungsstrecken läuft, desto mehr entstehen erste kleine Trampelpfade, dann Wege, schließlich richtige breite Alleen, auf denen die Waldläufer (in unserem Fall die Nervenimpulse) sich bewegen können und wissen: Hier ist es sicher, das ist ein guter Weg.

Das Gehirn eines dreieinhalbjährigen Kindes ist so ein schöner Wald – mit ganz viel Potenzial für wunderbare Spazierwege, aber eben noch im Aufbau. Je öfter wir ruhig bleiben und dem Kind helfen, desto besser kann es lernen.

Die Frage hinter der Frage:

Die eigentliche Frage ist die zweite, die angeklungen ist: Wie halte ich das aus? Ein Kind in dem Alter braucht sehr viel Begleitung und eigentlich wäre es ideal, hätte es eine große Cousine oder einen anderen liebevollen Menschen, der den ganzen Tag auf den »kleinen Wilden« aufpasst und alles sanft abbiegt. Und dazu bräuchten wir noch einen Großelternteil, der mit endloser Geduld das Kind ablenkt, ihm alles erklärt, es beschäftigt – was wir in unserer Welt oft beides nicht haben. Und da sehen wir wieder: Wir sind alle nicht artgerecht gehalten. Und an den Kindern merken wir es dann.

Was also tun?

Wenn wir wissen, dass die extremen Gefühlsreaktionen unseres Kleinkindes normal sind und dass Ruhe am meisten hilft, kann das hilfreich sein. Es hilft aber dann nicht, wenn wir einfach am Ende von Kraft und Nerven sind. Dann brauchen wir Hilfe – brauchen mehr Unterstützung und weniger Druck und Stress.

Diese Aufgabe können Eltern nicht allein in ihrer Familie lösen, denn das heißt auch: bessere finanzielle Absicherung von Alleinerziehenden, qualitativ hochwertigere Betreuung und alles von der Steuergesetzgebung bis hin zur Stadtplanung konsequent familienfreundlich, damit wir diese hochgradig herausfordernden Zeiten gut durchhalten können.

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8 comments

  1. DIverse Ratgeber reden immer nur um das eigentliche Thema vorbei. Man könnte, man sollte. Aber wie reagiert man bei Wutausbrüchen usw, das wird nicht ordentlich analysiert. Da hat mir Katja Saalfrank im TV oder auch jetzt als Ratgeber besser geholfen.

    Vor 3 Jahren habe ich wieder mal einen Ratgeber gelesen, der war komplett umsonst. Trallala aha ok und weiter?

  2. Immer, wenn hier Ratgeber vorgestellt werden, hält mich die Vorstellung vom Kauf ab, weil so viel geschwafelt wird ohne auf den Punkt zu kommen. Sind die Bücher dann auch so nichtssagen, so viel heißer Dampf ohne konkret zu werden? Oder verschweigen die AutorInnen das Wichtige mit Absicht, damit man das Buch kauft? Die Taktik funktioniert bei mir nicht. Gebt mir einen richtigen, brauchbaren Tipp und ich kaufe das Buch aus Lust nach mehr. Schwafelt um den heißen Brei herum wie hier in dem Text und ich entscheide für mich, dass das Buch reine Zeitverschwendung ist…

  3. Mir haben die Antworten leider überhaupt nichts gebracht, ich bin nicht klüger als vorher oder weiß besser, wie ich jetzt die Wutausbrüche meines dreijährigen mit ihm durch stehe. Ruhig bleiben ist klar (und schwer). Aber was macht man, wenn es so weit geht, dass er beißen will und tritt und dabei enorme Kraft entwickelt.
    Da weicht die Autorin auch aus in ihrer Antwort und wechselt zu der anderen (absolut richtigen) Binse, dass es zu wenig Unterstützung für Alleinerziehende gibt.

    1. Marie
      Ging mir auch so. Es steht nichts wirklich Neues drin, das Thema Erziehung steckt auch nicht drin sondern nur Paarbeziehung ( was man aber alles schon wusste) und zum Abschluss noch paar Allgemeinplätze.

  4. Schön und gut alles. Aber wenn der Partner nicht einsieht, dass er selber keinen konstruktiven Streit führen kann, dann steht man genauso dumm da. 😉
    Mit meinem Mann kann man nicht streiten, das kann ich jetzt akzeptieren oder mich ewig daran aufreiben.

    1. Liebe Wiebke, das geht mir genauso. Es ist leider derart eskaliert, dass ich an Scheidung denke. Die Streitkultur seiner Familie, insbesondere seiner Mutter, hat ihn geprägt und leider lebt er diese genauso aus. In den 15 Jahren, vielen Tiefs, die wir durchliefen, hatte ich mich ihm so angepasst, dass ich mich selbst nicht wieder erkannte und versuchte, alles etwas sachlicher im Streit anzugehen. Eben so, wie ich als eigene Person für mich selbst eigentlich fühle und lebe. Trotz der Änderung der Art, wie ich diskutiere bzw. streite, gibt es keine seinerseits. Es sind gute Tipps, wenn beide Partner diese verinnerlichen und danach handeln. Jedoch nur ein Rennen gegen die Wand, wenn man die einzige Person ist, die versucht, sachlich, ohne Demütigung, zu diskutieren.

    2. Bei uns das Gleiche. Immer wieder die gleichen Gespräche, Streits und Ergebnisse. Bei uns hauptsächlich um CareArbeit. Mein Mann hat eine komplett andere Perspektive auf die familiäre Situation. Er ist seiner Meinung nach objektiv und sachlich und ich bin hysterisch und mache mir den Stress selbst. Bin mit meinem Latein am Ende: Etwas durch Gespräche und Vereinbarungen ändern, führt zu nichts (Er macht ja alles richtig. Problem liegt bei mir). Ich reibe mich nur (emotional und nervlich) auf. Es ignorieren und alles weiterhin zu 80% schultern (neben 30h Stelle und ohne familiäre Unterstützung etc.), reibt mich auf Dauer auch total auf. Ein Dilemma!

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