Ihr Lieben, wenn ihr ein Buch aufschlagt und euch sofort gesehen und arm umarmt und verstanden fühlt, dann haltet ihr etwas ganz Besonderes in den Händen. Das Buch We are family von Alexandra Klobouk ist genau so eines.
Patricia Cammarata schreibt dazu: „Das Buch, das ich gern gelsen hätte, bevor ich Mutter geworden bin“, aber ich finde, das greift noch nicht weit genug. Denn selbst ich mit bereits volljährigen Kindern hab mich so so sehr bestätigt gefühlt in meinen Struggles, Glücksmomenten und Gefühlen.

Es geht einfach um alles, was es in einer Familie braucht: Wie wir gewaltfrei kommunizieren. Wer uns von außen helfen kann. Was „Fremdbetreuung“ für ein doofes, belastendes Wort ist, weil wir unser Kind doch nicht an einer Ikea-Kasse bei einer fremden Person absetzen, sondern bei einer bekannten Bezugsperson!
Wie wir das untereinander mit den Familienfinanzen reglen können. Mit Listen zum Ankreuzen, wie der Mental Load in der Familie aufgeteilt ist. Ein Buch, das Augen öffnet, das zeigt, dass wir einfach ausreichend gute Eltern sein dürfen, und dass man, falls es die Partnerperson nicht direkt selbst liest, immer wieder vorlegen kann, weil da schon wieder ein Erkenntnisgewinn war.
Danke, dass du dir diese wirklich große Mühe gemacht hast, Alex! Hier kommen unseren Fragen an dich:
Liebe Alexandra, findest du, wir reden ehrlich genug über Elternschaft? Oder kursieren da immer noch zu viele Gerüchte um eine rosarote Scheinwelt, wenn ein Kind zur Welt kommt?
Ich habe den Eindruck, dass es da interessanter Weise gerade zwei gegenläufige Tendenzen gibt – besonders, wenn es das Elternwerden geht: Zum einen gibt es gerade im urbanen Raum immer mehr Menschen, die sich dagegen entscheiden, überhaupt Eltern zu werden: aus wirtschaftlichen Gründen und aus Angst vor den großen Anforderungen, die es bedeutet, wenn zwei Vollzeit arbeitende Menschen ohne unterstützende Familie in der Nähe Eltern werden.
Die andere ist quasi das Gegenteil: wir wollen werdenden Eltern nicht die Freude verderben und schonen sie deshalb mit allzu deutlichen Beschreibungen der ersten Zeit, die phasenweise auch sehr anstrengend sein kann, wie wir Menschen mit Kindern wissen. Das ist lieb gemeint, aber wir vertun damit eine riesige Chance: nämlich zukünftige Eltern auf das vorzubereiten, was da auf sie zukommt.
Denn es sind doch immer wieder die gleichen Herausforderungen: zu wenig Schlaf, gerechte Verteilung von Mental Load, Zeit, Geld, was wird eigentlich aus uns als Paar?, … Für all diese Fragen gibt es tolle Lösungen und wieviel leichter könnten es zukünftige Eltern haben, wieviel gleichberechtigter könnte Elternschaft sein, wenn sie die bereits kennen würden, ehe „das Kind in den Brunnen gefallen ist.“? Das war meine Motivation dieses Buch zu machen.
Du richtest dich mit deiner neusten Arbeit als Zeichnerin an werdende und junge Familien am Rande des Nervenzusammenbruchs, warum war klar, dass du genau diese Zielgruppe ansprechen möchtest?
Wie schon gesagt, bereiten sich die meisten werdenden Eltern gewissenhaft auf die Geburt vor, aber nicht auf das, was danach mit ihnen als Paar passiert. Die Geburt eines Kinder verändert ja alles. Ist es nicht Wahnsinn, dass wir Menschen quasi unvorbereitet in dieses neue Leben laufen lassen?
Wir würden ja auch niemanden der plant den Himalaya zu besteigen, sagen: „Wie toll, ein Berg! Du machst das schon – haben andere vor dir ja auch schon geschafft.“ Mit der Geburt unseres ersten Kindes durchlaufen wir als Paar wahrscheinlich die größte Transformation unseres Lebens.
Und unsere Partnerschaft ist die Grundfeste, auf die die kündigte Familie aufbaut. Da die Strukturen leider Ungleichheit begünstigen, nehmen fast alle von uns quasi automatisch diesen Weg, was früher oder später zur Überlastung wenigstens eines Elternteils und möglichen großen Konflikten führt: zu finanzieller Abhängigkeit, zu unterschiedlich verteilter Bindung des Kindes zu seinen Eltern, uvm.
Da hilft selbst die größte Liebe alleine nichts (die wird gerade in Zeiten von Stress und Schlaflosigkeit ziemlich strapaziert). Um dagegen zu halten, brauchen wir die richtigen Werkzeuge. Die habe ich in den sieben Kapiteln von We Are Family gesammelt. Und zwar so lustig erzählt und verständlich gezeichnet, dass die (zukünftigen) Eltern keine Angst bekommen, sondern Spaß haben dabei sich stabil aufzustellen.
Meine zweite Zielgruppe sind übrigens die Schenkenden: wir Eltern, die bereits die Kleinkindzeit hinter uns haben und unseren jüngeren Geschwistern, Freundinnen oder Kindern etwas wirklich Sinnvolles zur Geburt schenken wollen. Deshalb ist das We Are Family auch ein liebevoll ausgestattetes Geschenkbuch.
Du bist selbst Mutter, was hat dich zu Beginn am meisten überrascht?
Tja – der Vater meiner Kinder und ich waren, wie erstaunlich viele werdende Eltern, der Meinung, dass bei uns „alles anders“ sein würde: Wir würden 100% gleichberechtigt bleiben, uns blind verstehen, immer entspannt und souverän sein, nicht zu diesen gestressten, übermüdeten Eltern gehören, und mit unseren Kindern unser Leben weiterleben, statt es um sie herum zu organisieren. So kann man sich täuschen …
Unser erstes Kind war kein Schlafbaby – er war ein Nichtschlafbaby. Und unwissend und unvorbereitet wie wir waren sind wir in jede Falle getappt, die wir mit mehr Wissen vermeiden hätten können und waren binnen kürzester Zeit selbst „am Rande des Nervenzusammenbruchs“.
Dass es vielen jungen Eltern heute so geht, hat übrigens nicht damit zu tun, dass wir heute wehleidiger wären, als frühere Generationen. Sondern mit den Anforderungen, die an uns gestellt werden und die wir selbst an uns stellen. Die meisten Eltern sind auf zwei Einkommen angewiesen, haben aber viel zu wenig Betreuungsangebote und anderweitige Unterstützung.
Und wir wollen eine gute Bindung mit unseren Kindern haben, was so viel mehr Arbeit macht, als die Kinder wie früher üblich einfach schreien zu lassen.
Ich hab nach einer üblen Fußballplatzschlägerei neulich als Zeugin aussagen müssen, mein erster Gedanke war: Darauf hat mich im Geburtsvorberietungskurs niemand vorbereitet. Was müsste dort eigentlich gelehrt werden?
Wir alle brauchen Vorbereitung und Hilfestellung, wenn wir etwas ganz Neues beginnen. Und was könnte ein größeres Abenteuer sein, als einen neuen Menschen ins Leben zu begleiten? Wer noch nie Eltern war, hat keine Ahnung wie das geht, da wir heute meist nicht mehr in großen Famiienverbänden leben, wo wir andere Babies begleiten, ehe wir selbst welche bekommen.
In meiner jahrelangen Recherche habe ich die großen Herausforderungen herausgearbeitet, die sich auf die eine oder andere Art fast allen jungen Eltern stellen: Was wird aus unserer Beziehung?, wie bekommen wir genügend Schlaf?, wie werden wir ausreichend gute Eltern – statt „perfekte“, wie verteilen wir Mental Load gerecht?
Wie Geld und wie unsere Zeit? Und wie bauen wir uns unser „Dorf“. Auf jedes dieser Themen gehe ich in je einem der sieben Kapitel im Buch ein, erzähle in Beispielen und Anekdoten und liefere die wissenschaftlich belegt erfolgreichsten Lösungen.
Meine Mischung aus Text und Zeichnung ermöglicht es mir, diese komplexen Thematiken in verdauliche und appetitliche Häppchen zu verpacken, die man zur Not je auch in zwei Minuten auf dem Klo lesen kann, wenn man gerade mal einen Moment für sich hat.
Ich hab selten ein hauptsächlich gezeichnetes Buch zum Thema Elternschaft gesehen, bei dem ich mich SO warm umarmt fühle. Und dass mir SO praktische Hilfen an die Hand gibt. Gibt es Rückmeldungen an dich, dass du Beziehungen gerettet hast?
Das freu nicht sehr, vielen Dank! Ja, meine Lektorin (mit erwachsenen Kindern) meinte tatsächlich die Übung Emphatisch zuhören, aus dem Kapitel Beziehung hätte ihre Beziehung „gerettet“. Und ich habe schon von mehreren Elternpaaren gehört, die es zu Tränen gerührt hat und die sich sehr unterstützt gefühlt haben. Das freut mich natürlich unglaublich.
Außerdem biete ich einen Workshop zum Buch an, den Elternvorbereitungskurs, den es bisher noch nicht gab. Da waren Menschen mit Kinderwunsch, die sich informierten wollten, schwangere Paare und Eltern mit Kindern jenseits des Kleinkindalter. Und alle meinten, dass sie sich zum ersten Mal wirklich gut informiert gefühlt hätten. Und dabei auch noch gut unterhalten.
Was hat die Arbeit am Buch mit dir selbst gemacht? Als du all das mal zu Papier gebracht hattest? Hat es auch dein Leben verändert?
Es meinen Blick geändert – auf die Normen mit denen wir aufwachsen: was davon eigentlich wirklich gut für uns und was wir gehen lassen können. Darauf wie wenig Familien in unserer Gesellschaft wichtig genommen werden, obwohl wir für die Zukunft unseres Landes verantwortlich sind.
Wie wir uns gegenseitig stärken und unterstützen können, wenn wir Kinder als gemeinsame Aufgabe, nicht als Privatproblem sehen. Und ich muss gestehen, ich war geschockt zu lernen, was für drastische Auswirkungen Mutterschaft für das Lebenseinkommen von Frauen hat – sie verlieren im Durchschnitt mehr als die Hälfte davon im Vergleich zu Frauen ohne Kinder.
Deshalb ist es mir so wichtig über gleichberechtigte Finanzmodelle und die Auswirkungen unbezahlter Sorgearbeit zu informieren. Denn an diesen Punkt müssen wir aktuell leider noch selbst gegensteuern. Aber es geht, wenn man weiß wie!
Was möchtest du Familien in der heutigen Zeit mit viel zu hohen Miet- und Tankpreisen, mit Instagram-Vergleichs-Maschinerien und Bundeswehr-Anschreiben für 18Jährige, zu guter Letzt gern noch mit auf den Weg geben?
Bildet Banden! Ich glaube wir brauchen einander heute mehr denn je, denn der Druck auf uns alle steigt laufend. Wir sind dem aber nicht wehrlos ausgeliefert, denn die Menschen, die Gesetze machen, die Familien benachteiligen, an Sozialem und Kultur kürzen, und benachteiligte Gruppen gegeneinander ausspielen, sind in unserer Demokratie uns weisungsgebunden, nicht wir ihnen.
Druck machen lohnt sich, und je mehr wir sind, desto besser funktioniert das. Natürlich wird es mit steigenden Kosten immer schwieriger Zeit für ehrenamtliches politisches Engagement zu finden, aber wir können uns vernetzen, unsere Stimmen gegenseitig verstärken, und solidarisch miteinander sein, auch wenn wir uns einem ganz anderen Milieu zugehörig fühlen. Weil wir uns unseres gemeinsamen Wertes für unsere Gesellschaft bewusst sind.
Seit die Zeiten rauer werden, habe ich es mir angewöhnt Menschen mit Kindern – und Frauen überhaupt – anzulächeln, auch, wenn sie mir fremd erscheinen. Um als Erstes zu sehen, was wir teilen und wie wir uns gegenseitig stärken können, statt auf die Unterschiede zu achten. Wenn Familien gewinnen, gewinnen wir alle.
