Corona-Tagebuch Teil 2: So geht´s uns nach zweieinhalb Wochen

19114 181 665x435 - Corona-Tagebuch Teil 2: So geht´s uns nach zweieinhalb Wochen - Zweieinhalb Wochen ohne Kita, Schule und Soziale Kontakte. Wie es Katharina und ihrer Familie geht, ob der Budenkoller schon eingesetzt hat:

Welcher Tag ist heute nochmal? Dienstag? Ne, Mittwoch. Oder? Was ich in Urlaubszeiten als absolute Entschleunigung empfinde, ist jetzt irgendwie lähmend. Die Tage sind gleichförmig und ohne Abwechslung. Die Woche ohne Zäsuren. Kein Leichtathletik für den Sohn, keine Flötenstunde für die Tochter. Keine Highlights, kein Input von außen, keine Abwechslung.

Stattdessen: Aufstehen, Essen, Schule, Essen, Spielen, Essen, Rausgehen, Essen, Medienzeit, Schlafen. Dann: Repeat. Warum essen die eigentlich alle so viel? Ständig sagt einer: Maaaaamaaaaa, ich habe Hunger.

Ich breche nicht mehr in Tränen aus, bin nervlich viel stabiler. Die große innere Panik ist bei mir vorbei. Sie ist einem gewissen Pragmatismus gewichen. In meinem Hirn ist angekommen: Ich kann mir noch so kräftig wünschen, dass es anders wäre. Ich kann mich noch so sehr dagegen anlehnen, noch so sehr alles scheiße finden – es wird an der Situation null Komma null ändern. Also setze ich jeden Tag einen Fuß vor den anderen und hoffe, dass die Tage gut vorbei gehen.

Der „körperliche Verfall“ hat begonnen. Meine Haut ist schlecht, ich schminke mich nicht mehr. Die grauen Haare am Ansatz sind nicht mehr zu übersehen. Jeden Morgen muss ich aktiv dagegen ankämpfen, in die Jogginghose zu schlüpfen. Dann der Test: Ist die Zahnbürste noch trocken? Hab ich heute schon Zähne geputzt? Familie Flodder, denke ich.

Letzten Sonntag haben wir alle gemeinsam über drei Stunden die Bude geputzt. Das war mehr als nötig. Und irgendwie total befriedigend. Als würden wir gegen die Eintönigkeit der Tage anwischen.

Die Kinder machen das wirklich alles gut. Ja, sie streiten. Aber viel weniger als befürchtet. Es scheint, als würde diese Zeit sie näher zusammen bringen. Ich bin stolz auf sie, wie gut sie mit der ganzen Situation umgehen.

Die Große macht immer noch freiwillig Hausaufgaben. Wir haben Glück. Unsere Lehrerin hat uns geschrieben: „Ein großes Lob und Dankeschön an Sie für das, was Sie zur Zeiten leisten müssen. Bitte bauen Sie keinen Druck auf. Kinder lernen auf so vielen Wegen und ständig. Das muss nicht immer auf dem Papier sein. Es wird keine Vergleiche oder negativen Bewertungen nach dieser schweren Zeit geben, wenn etwas nicht geschafft wurde. Wir werden alles positiv wertschätzen, was Ihr Kind geleistet hat.“

Gestern Abend saß ich auf der Couch und habe in meinem Kalender geblättert. Heute wäre der Spendenlauf in der Kita gewesen. Ein tolles Event mit Grillen und Zusammensein. Gestrichen. Im Mai die Taufe meiner Nichte. Gestrichen. Hospitieren meines Sohnes in der Schule – unklar. Geburtstagsfeier meiner Freundin – fällt aus. Dänemark-Urlaub über Ostern – gestrichen. Besuch meiner Mutter bei uns – abgesagt. So viele schöne Ereignisse können nicht stattfinden. Das macht mich traurig.

Noch immer kommt mir das alles so unwirklich vor. Manchmal denke ich immer noch: Gleich weckt mich einer auf und dann sitze ich kopfschüttelnd im Bett und wundere mich über den absurden Traum.

Gleichzeitig denke ich viel über unsere Generation nach. „Deine Großeltern wurden dazu aufgerufen in den Krieg zu ziehen. Du wirst dazu aufgerufen, auf dem Sofa sitzen zu bleiben. Das wirst du ja wohl schaffen.“ Da ist ja was Wahres dran. Warum tun wir uns so verdammt schwer mit dem Verzicht?

Wahrscheinlich weil die meisten von uns nicht gewöhnt sind, dass irgendwas irgendwann nicht geht. Ich will Avocado? Liegen in riesigen Haufen im Supermarkt. Erdbeeren im Winter? Auch kein Problem. Fernweh? Heute einen Flug nach New York gebucht, morgen los. Nachts um drei Bock auf saure Gummibärchen? Der Spätkauf in Berlin hat 24 Stunden offen. Schnell noch ein neues Outfit für die Party? Per Prime-Mitgleidschaft kein Problem. Alles geht, alles ist verfügbar. Immer und schnell. So kennen wir das. Nur: Ist das wirklich so erstrebenswert?

Was mir wirklich fehlt, sind meine Freunde. Wir telefonieren und facetimen. Aber ich meine: So mit zusammen auf dem Sofa Wein trinken, sich mal in den Arm nehmen. Zusammen in einem Restaurant sitzen und lachen, unbeschwert sein. Das wirkt so weit weg. Corona hat mich fest im Griff: Wenn sich zwei Menschen in einem Film die Hand geben, zucke ich zusammen und denke: ABSTAND HALTEN!

Ich glaube, das Blödste ist die Ungewissheit. Wenn mir einer sagen würde: So, jetzt Arschbacken zusammen kneifen und nach Ostern ist alles vorbei – damit könnte ich gut leben. Für mich ist es belastend, dass ich nicht weiß, wann ich meine Mutter wieder besuchen kann. Wann die Schule wieder beginnt. Ich wieder normal arbeiten kann.

Alle backen Bananenbrot, basteln Osterkarten, machen Home-Workouts. Wir essen zu viel Schokolade und gucken zu viel Peppa Wutz.

Wir haben Halbzeit – wenn wir Glück haben. Wir sind alle gesund und wurschteln uns so durch. Das finde ich ganz ok in diesen Zeiten.

8d869303bdc64705ae6f31800fb9cfab - Corona-Tagebuch Teil 2: So geht´s uns nach zweieinhalb Wochen - Zweieinhalb Wochen ohne Kita, Schule und Soziale Kontakte. Wie es Katharina und ihrer Familie geht, ob der Budenkoller schon eingesetzt hat:

Du magst vielleicht auch

14 Kommentare

  1. @ Kristina Zu deinem Kommentar fällt mir ganz Böses ein: Menschen, die mit sich selbst nichts anfangen können oder mit den Kindern , mit ihrem anspruchsvollen Beruf im Home-Office überfordert sind , kulturellen Interessen ausschließlich auf die Welt vor ihrer Haustür und denen es für ihren intellektuellen Anspruch nicht genügt mit den Kindern sich ausgiebig über -Puzzle zu beschäftigen …klar finden die es dann jetzt besonders öde.
    Menschen mit geistigem Anspruch und einem normalen Sinn für kreative Beschäftigung leiden tatsächlich nicht so sehr. Sehr geistreich war dein Beitrag jedenfalls nicht.

    1. Das stimmt! Meinem intellektuellem Anspruch genügt das sich-über-Puzzle unterhalten nicht. Deinem schon? Das freut mich tatsächlich für dich:)
      Und, ja, meine kulturellen Interessen (Konzerte, im Orchester spielen, in Ausstellungen gehen) finden tatsächlich vor meiner Haustüre statt! Dir reicht Musik in der Konserve? Filme im Fernsehen und nicht im Kino? Freunde im Video statt live? Glück gehabt! Genau das meinte ich! Dich trifft das „Öde“ weniger als mich (oder Katharina).

      1. Ich stricke, ich spiele meine Instrumente, ich gehe (soweit möglich) meinem Beruf nach, ich lese (soweit mit zwei Kleinkindern möglich), ich koche, ich bastle, ich lese vor und ich baue Lego. Ich gehe in den Wald, ich puzzle(!), ich backe und male Eier an. Ich fahre Rad!
        Das ist SUPER! Ich habe keinen Grund, mich zu beschweren und das tue ich auch nicht!
        Und trotzdem hat Katharina (und auch ich) das Recht, zu sagen, dass es EINFACH DOOF ist!

  2. Hallo Katharina. Ich verstehe dich. Selbst mein Sohn 6 wird nächste Woche 7! hat gestern gesagt: Mama ich muss hier raus. Ich kann den Hof nicht mehr sehen. Da wir einen Landwirtschaftlichen Betrieb haben mit einem kleinem Stück Wald können wir uns eigentlich überhaupt nicht beschweren. Doch wir sind unsere Museumstouren am Sonntag gewohnt. Familientag. Nur wir fünf.
    Mein zweiter Spross der sonst mindestens 2x die Woche kita blau machen will, will nun zu Hause blau machen. Sie wollen mit ihren Freunden nicht telefonieren da sie sie sonst noch schmerzlicher Vermissen. Meine Tochter 15 Monate ist mit so viel großen Brüder Zeiten völlig überfordert.
    Ich selbst rotieren wie verrückt. Versuche nebenher Bewerbungen zu schreiben, den Kontakt mit meinem Vater in England aufrecht zu erhalten, und warte noch immer auf ner zu oder Absage eines Kita Platzes für mein Löckchen. Geburtstagskuchen backe ich bis um Mitternacht, da mein Mann heute hat. Mein Sohn hat Angst das seiner Ausfällt da ja niemand kommen kann. Uroma die unter uns die Wohnung bewohnt, tägliche Besuche der Kinder ausbleiben schaut Sehnsüchtig aus dem Fenster und versteht nicht warum die Kids sie nicht sehen wollen. Selbst wenn ich wollte hätte ich erst Zeit mich zu schminken wenn ich die Küche Nachts auf halbwegs passabel wieder hergestellt habe, und der Nachtflasche des Löckchens….
    Tja und für mich liegen die schrecklichsten Sorgen darun was wenn es eines der Kinder ernsthaft erwischt? Wie planst du das? Was machst du? Diese Gedanken rauben mir die zwei drei Minuten Ruhe am Tag und ich laufen lieber wieder selbstständig in mein Hamsterrad mit der Hoffnung. BITTE NICHT SCHON WIEDER ICH. LIEBER GOTT

  3. Liebe Katharina, es ist völlig in Ordnung, wenn man sich mal sch..x. fühlt. Mir gehen im Moment am meisten folgende Dinge auf den Keks: 1. Leute, die einem erklären wollen, wie man sich zu fühlen hat (Euch geht es doch so gut! etc.). 2. Ältere, die partout nicht einsehen wollen, dass sie durch ihr ungeändertes Sozial- und Einkaufsverhalten sich selbst und andere gefährden (Stellt Euch doch nicht so an, ist ja nur eine kleine Grippe! oder auch gerne genommen: Ich lasse mir nichts vorschreiben!). 3. Die Ungewissheit, wie es weitergeht.
    Trotzdem: Wir schaffen das!

    1. Jede Zeit hat seine besonderen Momente. Auch diese Zeit bringt ganz viel positives mit sich und ich hoffe, du kannst dein Herz öffnen und es sehen.
      Jeder Mensch darf jeden Tag aufs neue entscheiden, was er aus dem Tag macht und ob er den Tag feiert oder lieber gammelt. Anscheinend brauchst du gerade die Gammelzeit. Aber vielleicht ist dir morgen nach Feiern, Musik aufdrehen und mit den Kindern Abenteuer erleben?
      Lasst uns diese Zeit doch als Chance sehen, unser bisheriges Leben mal überdenken und vor allem von so einem winzigen Virus nicht in die Knie zwingen lassen. Fühl dich feste gedrückt, ich schick dir ein paar positive vibes rüber!

    1. Wie schon bei Teil eins, bin ich ganz bei dir. Auch für mich ist die Ungewissheit das Schlimmste und täglich kämpfe ich gegen die einsetzende Lethargie.

      1. Gut, wenn es sich für dich nicht so anfühlt. Ich finde allerdings das Urteil, ob es übertrieben ist, steht keinem zu, schließlich empfindet jeder anders und bei Gefühlen gibt es kein Richtig und Falsch.

    2. Zu deinem Kommentar fällt mir ganz Böses ein: Menschen, die wenig mit Freunden unternehmen, keinen anspruchsvollen Beruf haben, keine kulturellen Interessen und denen es für ihren intellektuellen Anspruch genügt mit den Kindern 48-Teile-Puzzle zu machen…klar finden die es dann jetzt nicht so öde.
      Menschen mit geistigem Anspruch und engen sozialen Beziehungen leiden natürlich mehr!

  4. Für uns hat sich nicht so viel verändert. Mein Mann kann zum Glück normal weiter arbeiten, ich bin in Elternzeit und eh mit den Kindern zuhause. Aber ich wollte seit Januar gerne wieder mit Sport anfangen, mit der kleinen zum Musikkurs, den großen endlich regelmäßig in den kiga bringen. Wir waren seit Januar der Reihe nach dauernd krank, ein Kind hatte Geburtstag, ich Krampfadern gezogen/verödet bekommen,meine Mutter ihr Bein gebrochen und ich war seit Januar nur am machen und tun, ohne Pause weil genau jetzt die kleine keinen Mittagsschlaf mehr lacht oeer wenn sehr spät und somit wird es abends nur länger…. und was bleibt für mich? Nicht viel. Natürlich ist es im Vergleich zu anderen die zb noch arbeiten müssen oder Schulkinder mit Aufgaben haben, von außen betrachtet nicht so schlimm, aber für mich ist es das. Und das schwierigste: ich weiß nxiht wie lang das noch so geht, selbst mein Sohn der am liebsten zuhause in Ruhe spielt frag nach seinen Freunden und Cousinen zum spielen die wir jetzt nicht sehen können. Und ich kann noch nicht mal sagen wann es wieder gehen wird. Ich war froh wieder mehr Regelmäßigkeit und Vorausschau in unserem Leben zu haben und jetzt ist alles noch ungewisser.

  5. Liebe Katharina, wie parallelisiert schaue ich jeden Tag die Abendnachrichten und erwarte Entwarnung. Das Leben darf wieder normal laufen. Dabei hat sich an meinem Alltag gar nicht so viel geändert. Das haben meine Tochter und ich, bei einem Spaziergang festgestellt. Einkaufen einmal in der Woche, Wäsche machen, Kochen, Putzen, Schlafen, Essen, Fernsehen – alles wie immer. Was anders ist: Anstatt das ich in der Schulbetreuung arbeite, betreue ich nun mein eigenes Kind. Das hat sie sich immer gewünscht und jetzt, vermisst sie ihre Freunde. Wenn wir Ausflüge ab und an im Jahr machten, dann mit dem ÖPV. Das fehlt uns jetzt nicht. Was uns fehlt, ist der Kontakt zu anderen Menschen außerhalb unserer 2-Personen-Welt. Ja, wir telefonieren auf die ein oder andere Weise. Doch ihren Papa darf sie diese Osterferien nicht besuchen. Risiko-Patient. Ihre Geschwister in ganz Deutschland verteilt, gehören nicht zur Kernfamilie und kommen Ostern nicht zum Feiern nach Hause. Wir feiern zu zweit. Ich hätte es nie gedacht, dass ich von ihr den Satz“ Mir fehlt die Schule“hören würde. Auch mir fehlen meine Kollegen und die vielen Kinder. Was ich persönlich am erschreckendsten finde, ist, dass Kinder angefeindet werden, wenn sie draußen unterwegs sind. In unserem Fall, wenn mein Kind mich beim Einkaufen begleitet, weil ich alleine nicht alles nach Hause tragen kann. Mein Nachbar meckert mich an, weil ich ohne Mundschutz unterwegs bin. Es wird kälter um uns herum und ich fühle mich manchmal wie auf einer 2-Personen-Insel. Habe Angst draußen Menschen zu begegnen, nach dem Einkauf im Supermarkt fühle ich mich schmutzig. Dabei bin ich ein so positiver Mensch mit ganz viel Humor. Doch die Energie, die Stimmung im Land, drückt selbst mich zu Boden. Und dann komm so eine kalte Hundeschnauze und stupst mich an und zwei Kinderarme legen sich um mich. Dann ist meine Welt wieder ein kleines Stück heiler.

    1. Liebe Katharina, danke, für diesen ehrlichen Bericht. Bei uns ist auch zuviel Schokolade und Peppa Witz wird hier durch Feuerwehrmann Sam ersetzt. Da wir für meine Eltern mit einkaufen, sehen wir die zumindest zur Übergabe und letztes Wochenende haben auch die Kinder im Garten gewunken.
      Ich muss immer wieder einzelne Tage ins Büro, da schminke ich mich, obwohl ich das auch schon mal in Frage gestellt habe, weil es keinen Publimumsverkehr gibt und die Kollegen auch nur vereinzelt da sind. Ich mache jetzt überall Listen, was wir machen, wenn wir wieder normal leben. Ganz oben der Kaffee mit den Kolleginnen, die Playdates der Kinder, riesen Party mit allen, die wir so schrecklich vermissen. Natürlich geht es uns gut, weil wir nicht in den Krieg ziehen, sondern nur zuhause bleiben müssen. Aber trotzdem ist diese Ungewissheit für mich schwer auszuhalten. Es geht aber diese Woche bei uns etwas besser, weil ich den Eindruck haben, dass ein bisschen Normalität eingekehrt ist: die Supermärkte sind nicht mehr so leer gekauft (es gibt wieder Mehl!!!) und meine Lieblingsgeschäfte (der kleine Bastelladen und Buchladen) liefern, sodass ich Hoffnung habe, dass die auch irgendwann wieder öffnen werden.
      Verliert nicht den Mut und bleibt gesund, Maria

  6. Sehr sehr toll geschrieben! Genauso fühle ich mich auch. Nicht der Hausarrest macht mich fertig, sondern die Ungewissheit, wie lange es noch so weitergeht. Und immer diese Erkenntnis: wie frei wir vorher doch waren, wie selbstverständlich das war… Irre. Ich möchte auch aus diesem Alptraum aufwachen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*