Wie es mir gerade geht? Über gemischte Gefühle und Pandemie-Müdigkeit

„Und wie gehts Dir?“, fragt mich eine andere Kitamutter, als wir im Berliner Nieselregen stehen, um unsere beiden Kitakinder abzuholen. Ich gucke sie an und weiß keine Antwort. Ich suche das richtige Wort, aber ich kann nicht beschreiben, wie ich mich fühle. Ich fühle gerade gar nichts. Und dann wieder ganz viel.

Ich bin müde. Müde von diesen immer gleichen Tagen ohne Abwechslung, ohne Highlights. Ich bin müde von diesem Trott, alles verschwimmt, Tage, Wochen. Wir haben einen Mittwoch, Mitte März. Aha, gut zu wissen. Die Wochen beginnen wie sie enden. Alles Einheitsbrei – unterbrochen vom Summen des Druckers, wenn wir neue Arbeitsblätter für die Kinder ausdrucken müssen. 

Homeschooling, Distanzunterricht, Präsenzpflicht. Ich wünsche mir so sehr, dass die Kinder zur Schule gehen können, aber gleichzeitig schicke ich sie mit mulmigem Gefühl. Auf der einen Seite will ich, dass sie alles miterleben, was gerade möglich ist, weil ich immer damit rechne, dass wir bald wieder im Lockdown sitzen. Auf der anderen Seite gucke ich auf die steigenden Zahlen und denke: Das kann nicht gut gehen. Ich habe meinen inneren Kompass verloren, der mich sonst sehr stark leitet. Ich bin hin-und hergerissen, was sich nicht gut anfühlt. 

Von Beginn an ist diese Zeit der Pandemie wie eine Achterbahn-Fahrt für mich. Es gibt Wochen, in denen es mir gut geht. Wirklich gut. Da denke ich: Das geht schon alles. Da ist mir bewusst, wie glücklich ich mich schätzen kann, dass wir einen Garten haben. Dass ich von zu Hause arbeiten kann und dass wir alle gesund geblieben sind. Und dann gibt es die Tiefen, diese Phasen, in denen ich den Optimismus verliere. In denen ich spüre, wie sehr das alles an mir zehrt. Dann will ich nur noch alleine sein, breche oft in Tränen aus, bin dünnhäutig, gereizt, müde, kaputt. Dann zweifle ich an mir, denke, ich kriege gar nichts hin. Diese Tiefs dauerten letztes Jahr nur ein paar Stunden, jetzt sind die Tiefs tiefer und ich brauche länger, um aus ihnen herauszukrabbeln. 

Mir fehlt der Lichtblick, die Perspektive. Würde einer sagen: „Komm, durchhalten, bis Mai noch, dann ist es vorbei.“ – ich wäre die Erste, die motiviert einen Endspurt hinlegt. Aber das sagt niemand. Ständig neue schlechte Nachrichten. Impf-Stopps, fehlende Tests, steigende Zahlen, Schließungs-Forderungen. Manchmal verursachen diese Nachrichten bei mir Wut und Sorge, immer öfter aber stehe ich ihnen gleichgültig gegenüber. Ich stumpfe ab. Und das ist nicht gut. 

Ich vermisse meine Freunde und meine Familie so sehr. Zoom und Facetime können die Lücken längst nicht mehr schließen. Ich brauche die echte Nähe, damit Herzens-Nähe entstehen kann. 

Ich habe es so satt, dass ich seit einem Jahr mein Bestes gebe. Ich zerreiße mich zwischen meinem Job, den Kindern, der Schule, der Betreuung, der seelischen Begleitung der Kids, dem Haushalt, ich habe meine Kontakte krass reduziert, habe alles akzeptiert und mitgetragen – und nichts ändert sich. Ich begreife: So sehr ich mich auch anstrengen mag, ich habe es nicht in der Hand, wie es weiter geht. 

Wie es mir also geht? Dafür gibt es keinen Begriff. Ich weiß aber, dass ganz viele da draußen ähnlich fühlen. Zwischen Mutlosigkeit, Resignation und dem unbedingten Willen, sich nicht geschlagen zu geben. 

Während wir am Anfang alle noch Regenbögen in die Fenster gemalt und uns gegenseitig angefeuert haben, ist der Ton online und offline nun rauer. „Am Ende dieser Pandemie werden wir alle viel haben, was wir uns gegenseitig verzeihen müssen“, habe ich neulich irgendwo gelesen. Das stimmt. Viele von uns beißen mittlerweile um sich, aus Überforderung und Angst. Das macht was mit uns. 

Das Gute ist: Vor meiner Haustür blühen die Krokusse. Immer dann, wenn ich traurig und hoffnungslos bin, setze ich mich auf die Stufen, schaue die Blumen an und denke: Es gibt Farbe. Es gibt Freude. Es gibt einen Neuanfang. So wie der Krokus kommt all das von tief unten und muss sich erst durchkämpfen. Doch dann ist es zu sehen. Für uns und alle, die es sehen wollen. Es geht vorbei. Es geht vorbei. Nicht heute. Nicht morgen. Aber es geht vorbei. 

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22 comments

  1. Liebe Katharina
    Ich fühle mich genau wie du es beschreibst. Völlig leer und unendlich müde! Diese ganze Situation kostet so viel Kraft!
    Mein Großer (11) sitzt seit 3 Monaten mit der Jogginghose vor dem Laptop. Tapfer immer darauf wartend das es irgendwann wieder im die Schule geht. Dann die Hoffnung, dass es bald soweit ist.. nun Inzidenzwert über 100, also doch keine Schule und auch kein Fußball. Die Kleine (7) seit Mitte Januar im Wechselunterricht. Der Große versucht es ihr zu gönnen aber er würde so gerne wieder gehen.
    Ich bin inzwischen einfach nur noch traurig und resigniert. Egal wie gut wir uns an alle Regeln halten, egal ob wir alle zum wöchentlichen Schnelltest gehen, es wird einfach nicht besser. Ich würde für die Kinder auf alles verzichten und tuen was nötig ist (testen etc) Man ist der Situation einfach völlig hilflos ausgesetzt und hat das Gefühl völlig fremdbestimmt zu sein.
    Alles was ich möchte ist, dass meine Kinder glücklich sind und ihr Leben zurück bekommen! Und ich hätte meins dann irgendwann auch gerne wieder zurück!

  2. Liebe Katharina,
    vielen lieben Dank für die Worte. Du sprichst mir aus der Seele. Ich erlebe diese Zeiten mittlerweile auch mit diesen Tagen wo ich optimistisch bin und dann gibt es die Tage, die mittlerweile mehr geworden sind wo ich keinen Lichtblick sehe.
    Jeden Tag neue Nachrichten, die eher Panik und Angst machen. Hab mittlerweile das Gefühl, dass Gründe gesucht werden um weiter im Lockdown zu bleiben. Ich bin froh dass wenigstens Wechselunterricht ist. Meine Tochter ist in der ersten Klasse. Mein Mann hat wahrscheinlich bald wieder kurzarbeit und ich arbeite als Apothekerin mit den vielen Kunden auch in einem Bereich der momentan anstrengend ist. Genervte und teils aggressive Kunden und natürlich auch das Risiko sich anzustecken.
    Meine Oase in die ich mich momentan zurück ziehe ist mein Pferd. Ausreiten und die Natur genießen. Da vergesse ich für ein paar Stunden das ganze Chaos.
    Bleibt alle gesund und ganz liebe Grüße Steffi

  3. Danke. Wie Faust aufs Auge. Gefühlt habe ich auf diese Worte gewartet. Man fragt such ja, ob man normal ist. Trotz der Corona-Angst wünsch ich mir so sehr, dass die Kita und Grundschulen nicht wieder schließen. Bitte findet anderen Lösungen. meine Ängste vor Depression und Burnout sind inzwischen größer also Angst vor Corona. Diese Momente, in denen ich nichts mehr fühle, beängstigen mich auch.

  4. Mir laufen die Tränen. Und es tut gut zu wissen dass es okay ist und man nicht alleine ist. Ihr begleitet mich seit meiner Schwangerschaft mit meiner 2. Tochter. Gezeugt Dezember 2019…kurz darauf Ausbruch der Pandemie. Ehemann beruflich Krankenpfleger. Große Tochter erste Klasse. Ich denke mehr braucht man dazu nicht sagen. Es geht vorbei!!! Aber wann? 😑

  5. Wir sind „freiwillig“ wieder ins Homeschooling gegangen, nachdem von der Landesregierung groß getönt wurde, wie gerne sie alle wieder zeitweise in die Schulen holen, aber dann die Kontaktpersonen Stufe 1 quasi auf den ganzen Schulhof ausgeweitet wurden, man sich erst nach 13 Tagen mit PCR Test „freitesten“ kann (bis das Ergebnis kommt, vergeht nochmals eine knappe Woche) und vorher der gesamte Hausstand in Quarantäne sitzt (angeordnet bei der britischen Mutante, die schon mehr als 50% der Neuinfektionen ausmacht)…Nee danke, da gibt es lieber Schule zu Hause und wenigstens Freizeit mit Fußballtraining und Freunden draußen.

  6. Wahnsinn, genau, ganz genau so fühle ich auch.Und bis zu dem Moment gerade,-als ich deinen Artikel gelesen habe, dachte ich, dass ich damit alleine bin, was natürlich rational gesehen totaler Quatsch war. Danke, dass du dieses Gefühl so gut in Worte gefasst hast. Irgendwann wird es vorbei sein, irgendwann. Wir müssen nur die Zeit bis dahin irgendwie, so positiv wie möglich überbrücken. Mal ist mehr, mal weniger Hoffnung und Zuversicht in meinem Herz und in meinem Kopf. Immer der Kampf und die Sorge um den Gefühlszustand meiner Kinder am größten.

  7. Ganz herzlichen Dank für deinen Artikel. Du sprichst mir so aus der Seele und ich habe Tränen in den Augen, wie eigentlich ständig. Meine Kinder fragen immer: Mama was ist los? Es tut mir leid das ich vor Ihnen nicht stärker sein kann und sie damit belaste aber ich kann es einfach nicht mehr in mich reinfressen.
    Bleibt stark!

    1. Hallo Kathrin,
      mir geht es auch so. Ich breche immer häufiger seelisch ein. Es ist einfach die Summe vieler Pakete, Corona hat da neben chronischem Schlafmangel auf jeden Fall einen hohen Anteil. Alles Gute!

  8. Danke für den Artikel. Es tut gut zu hören, dass man nicht die einzige ist die so fühlt.
    Bei mir sind seit Montag alle 3 Kinder mit Fieber und Husten krank. Mein Mann und ich sind auch angeschlagen. Wir durfen, aber ein neues gemeinsames Erlebnis feiern. Wir sind alle Covid Negativ. Früher haben wir uns über gemeinsame Ausflüge gefreut heute freuen wir uns über einen Ausflug ins Testzentrum und anschließend über das negative Ergebnis.
    Hilfe, hoffentlich hat das ganze irgendwann ein Ende.

  9. Sosososo wahr… Könnte grad wieder los weinen, wenn ich das lese… Sehe uns auch schon wieder im kompletten Homeschooling… Aber es ist nix passiert, alles wie vor 1 Jahr… Keine Unterstützung.. 🤮

    1. Guten Morgen,
      Dieser Beitrag trifft mich am Herz…. So geht es mir auch und wahrscheinlich so vielen von uns. Wenn ich in diesem Tal stecke hilft es ein ganz kleines bisschen, an unsere Großeltern zu denken. Auch damals konnte niemand vorhersagen wann der Krieg endet, aber er tat es und irgendwann gibt es ein danach…auch für uns!!

      1. Ja… aber der Krieg war dann trotz allem doch etwas anderes als die Pandemie…. Hier hungert keiner, hier friert keiner ,es fallen keine Bomben und zerstören unser Heim usw. usw.

        Ich bin auch genervt, mein Kind seit Ende Oktober / Anfang November krankheitsbedingt in der Homeschool, auch jetzt, schon damit es nicht in Quarantäne muss, weil es derzeit wöchentlich Termine in der Klinik hat, wo es auf neue Medikamente vor Ort eingestellt wird .Auch morgen wieder. Ganz ehrlich, mir wäre ein wenig Alltag, „nur“ mit Homeschool und Arbeiten derzeit geradezu lieb. Her mit der Eintönigkeit, negative Aufregung habe ich genug.

        1. Hallo Blüte.

          Leider gibt es zudem auch krankere Kinder und auch Eltern. Wir vergessen was es heisst „gesund“ zu sein. Ich wünsche dir ganz viel Kraft, Mut und Lebensfreude. Auch eine gewisse Eintönigkeit.
          Wir lernen leider erst solche Dinge schätzen, wenn es uns auch erwischt mit einer neuen ungeahnten Erkrankung.

          Schau gut zu dir und deinem Schatz. Ich hoffe er/sie ist bald überm Berg !

  10. Och, Katharina, genau so fühle ich auch. Vor allem das Abgestumpfte…ich reg mich nicht auf, ich wünsch nix, ich mach einfach.
    Und den „Verlust des inneren Kompasses“-alles ist so einem Egal-Gefühl gewichen.
    Hast du total schön geschrieben, danke!
    Vor allem auch, weil du die einzige bist, die sich über Politiker aufregt und viel besser wüsste, wie sie die Pandemie handeln würde.
    Liebe Grüße und „Hier Schenk ich dir ein Stück Schokolade zum Durchhalten“

    1. Liebe Blüte, im Krieg sind die Menschen zusammengerückt, während Corona nicht. Das ist der kleine aber feine Unterschied. Deshalb finde ich, dass dieser Vergleich hinkt. Und jedem steht es zu, seinen Unmut über die Situation zu äußern. Alles Gute für Euch.

      1. Liebe Dani,
        so seh ich das auch. Corona spaltet die Gesellschaft… Immer mehr wie ich finde. Ich habe schon 2 Freundinnen, die ich schon lange kenne dadurch verloren. Nur dadurch, weil ich nicht alles gut heiße was uns die Regierung da als richtig verkaufen will.
        Im Krieg war es auch schlimm und ich bin froh dass wir dass in der Form wie unsere Grosseltern nicht erleben.
        Aber was mit Corona anders ist, ist diese Isolation… Kein Kontakt… Alles nur digital… Die Menschen draußen nur mit Maske, ohne lächeln, ohne Mimik… Das finde ich schlimm… Keine Umarmung und keine menschliche Nähe… Das ist für mich ehrlich gesagt schlimm… Diese Kälte die momentan herrscht und die uns auch immer mehr als Gesellschaft trennt

      2. Liebe Dani,

        jeder Vergleich hinkt, immer. Mein Vergleich bezog sich zunächst auf die äußere Situation von Pandemie (in Deutschland, in armen Länder ist das noch mal anders) und Krieg. Und die äußeren Umstände (Nahrung, medizinische Versorgung, Bildung, Unversehrtheit der Wohnung usw. usw.) SIND bei uns besser als Krieg. Ohne jedes Hinken. Sie sind 1000x besser. Mein Kind wäre in einem Krieg aufgrund mangelnder medzinischer Versorgung womöglich schon gar nicht mehr am Leben.

        Ob die Menschen im Krieg mehr zusammengerückt sind, mag ich nicht zu beurteilen. Mag es gegeben haben, aber eben auch das Gegenteil. Wenn ich höre wie meine Oma als Flüchtling mit 5 Kindern und gefallenem Mann als „DIE FLÜCHTLINGE“ in dem Dorf abgelehnt wurden, in dem sie dann untergebracht wurden, weil sie „ESSER“ waren (das hat meine Oma bis zu ihrem Tod nicht vergessen) wage ich zumindest zu bezweifeln, ob alle Menschen im Krieg zusammen gerückt sind.

        Und ich erlebe übrigens jetzt, während Corona, auch an vielen Stellen Gemeinschaft und Zusammenhalt, keineswegs nur negative zwischenmenschliche Entwicklungen.

        Das Leben ist halt nicht schwarz-weiß.

        Natürlich steht jedem zu, seinen Unmut zu äußern, das habe ich nie bestritten. Aber genauso steht es jedem anderen zu, eine andere Sichtweise auf diese Unmutsäußerungen zu haben. Das nennt man Meinungsfreiheit.

        Danke für die guten Wünsche, wir starten nun in die Klinik.

  11. Danke für diesen Text. So ähnlich geht es mir auch immer wieder…. es kommt und geht wellenartig. Das Gefühl es nicht in der Hand zu haben, obwohl ich mich so bemühe, dass ist wirklich zermürbend.
    Aber vielleicht war genau das der Grund, warum mein Mann und ich Ende letzten Jahres was geändert haben. Wir haben unsere Ernährung, unser Konsumverhalten und unseren Verpackungsmüll unter die Lupe genommen…und wir haben Erfolge.
    Wir reduzieren unser Körpergewicht kontinuierlich, wir kaufen viel strukturierter ein und zeitgleich achten wir auf Verpackungsmaterialien.
    Egal wie hoch oder niedrig die Inzidenz grade in unserem Gebiet ist, bei unseren Zielen sehen wir zwar noch kein Ende, aber deutliche Ergebnisse! Unsere Mühen lohnen sich. Ein Minus auf der Waage, ein Plus auf dem Konto und eine zu nur 1/3 gefüllte Restmülltonne einen Tag vor der Abholung.
    Da vergesse ich manchmal, dass unsere Welt seit gut einem Jahr nicht mehr dieselbe ist. Ich bin auch nicht mehr dieselbe, aber vielleicht bin ich in manchen Punkten über mich hinaus gewachsen.

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