Drei Fehlgeburten in einem Jahr – das hat niemand verdient

Ich heiße Carolin und bin Mama eines knapp vierjährigen Wirbelwinds. Max wurde nach einer völlig unkomplizierten Schwangerschaft im Dezember 2016 geboren.

Ich arbeite als Kinderärztin in einer großen Klinik auf der Neugeborenenintensivstation. Außerdem führe ich auf der Wochenstation die U1-und U2-Vorsorgen bei Neugeborenen durch. Dort sehe ich dann auch noch den Mutterpass der Frauen. Wenn eine Frau einmal schwanger war und dieses Kind entbunden hat, steht da: „1. Gravida, 1. Para“ Oft sehe ich bei den Müttern, deren Kinder ich untersuche, allerdings ganz andere Zahlenkombinationen. Das hat mich immer berührt, denn Fehlgeburten kommen so viel häufiger vor als man denkt. Und alle Fehlgeburten bedeuten Trauer, Verlust und Kummer.

Ich weiß das inzwischen selbst sehr gut. Denn in meinem Mutterpass würde heute stehen: „4. Gravida, 1. Para“. Ja, ich bin Mama von vier Sternenkindern, ich habe im letzten Jahr drei Fehlgeburten erlitten.

Im Dezember 2019 hat sich unser Baby ab der 8. SSW nicht richtig weiter entwickelt, letztlich hatten wir eine Missed Abortion, eine verhaltene Fehlgeburt. In der 11. SSW, genau eine Woche vor Weihnachten, folgte dann eine operative Curettage (Ausschabung), da eine medikamentöse Geburtseinleitung nicht funktioniert hat.

Im Mai 2020 war ich wieder schwanger, hatte allerdings von Beginn an Blutungen. In der 8. SSW haben wir unser Baby verloren; es ist spontan abgegangen. Zwei Tage später musste ich nachts akut in die Klinik, weil ich starke Schmerzen im rechten Unterbauch hatte. Dort stellte sich heraus, dass ich mit Zwillingen schwanger gewesen war, das zweite Baby hatte sich in meinem rechten Eileiter eingenistet, so dass ich noch am gleichen Tag laparaskopisch operiert werden musste.

Im August 2020 hofften wir so sehr, dass sich dieses völlig verkorkste Corona-Jahr für uns noch zum Guten wenden würde – denn ich war wieder schwanger. Mir war bald unendlich übel, ich war ständig müde – genau wie in der Schwangerschaft mit Max. Unser Baby entwickelte sich gut und bei den Ultraschallkontrollen konnten wir das Herzchen schlagen sehen. Ich nahm wieder brav Utrogest ein, unabhängig aller Nebenwirkungen, ich wollte einfach nur, dass es dem Baby gut geht.

In der 14. SSW, im Oktober, bei einem Routine-Ultraschall schlug das kleine Herz plötzlich nicht mehr. Wieder brach unsere Welt zusammen. Wieder wurden alle Hoffnungen und Wünsche zerstört, wieder alle Pläne über den Haufen geschmissen…

Dieses Mal hatten wir Max auch schon eingeweiht, er hatte sich so gefreut, endlich ein großer Bruder zu werden, hatte täglich den Babybauch gestreichelt und mit dem Baby geredet.

Nach dem erneuten Verlust haben wir gemerkt, wie schwer es unserer Familie, Freunden und Kollegen geht, mit uns umzugehen. Einige wenige melden sich regelmäßig, kommen vorbei und halten unsere Trauer, unsere Tränen und unser Schweigen mit uns aus. Eine meiner engsten Freundinnen, Max’ Patentante, hat mir geschrieben „Ich traue mich gar nicht nachzufragen. Ich fühle mich so hilflos dir gegenüber.“ Eine liebe Kollegin hat uns völlig unerwartet ein „Überlebenspaket“ geschickt. Uns tut jede Anteilnahme gut, jedes Gespräch hilft uns.

Drei Fehlgeburten in knapp einem Jahr, das hat niemand verdient. All diese Fragen, die wir uns jetzt stellen. Warum schon wieder wir? Sollen wir es nochmal versuchen? Könnten wir eine erneute Schwangerschaft überhaupt genießen? Und könnten wir eventuell noch einen Verlust verkraften?

Körperlich geht es mir inzwischen wieder besser; aber Kopf und Herz leiden. Ich fühle mich abwechselnd leer oder unendlich schwer. Wenn ich im Alltagstrubel bin, gehts. Wenn ich zur Ruhe komme, setzen die Gedanken ein…

Ich bin noch krankgeschrieben, aber ich werde bald wieder arbeiten gehen. Schon jetzt habe ich Angst vor der ersten Begegnung mit einer überglücklichen, frischgebackenen Mutter, die ich im Kreissaal oder auf der Wochenstation betreuen werde…

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15 comments

  1. Liebe Carolin,
    danke, dass du deine Erlebnisse teilst und so offen berichtest. Ich bin auch Kinderärztin, G2P0 (SSW 12 und SSW 23). Ich würde mich sehr über einen persönlichen Austausch, gerade auch über unsere spezielle Situation in unserem Arbeitsumfeld, freuen.
    Vielen Dank und alle guten Wünsche für dich!
    Tatjana

  2. Liebe Carolin,

    es tut mir sehr leid, dass du das durchmachen musstest.
    Ich hatte im letzten Jahr auch drei Fehlgeburten und mein Freund und ich sind sehr traurig. Ich versuche stark zu sein aber es ist sehr schwierig. Ich habe noch keine Kinder also habe ich auch Angst, dass ich nie welche bekommen kann.
    Jetzt werden wir ein bisschen Pause machen und mal sehen was die Untersuchungen bringen.
    Ich hoffe sehr, dass du es schaffst wieder positiv in die Zukunft zu blicken denn jede dunkle Wolke zieht irgendwann vorüber!! Das dürfen wir nie vergessen.

    Alles Liebe
    Laia

  3. Liebe Carolin,

    ich bin gerade zufällig auf deinen Beitrag gestoßen, weil mich dieses Thema auch sehr beschäftigt. Genau wie du hatte ich im letzten Jahr drei Fehlgeburten, einen natürlichen Abgang und zwei Missed Abortions, alle vor der neunten Woche. Die letzte war im September. Mein Freund und ich haben und daraufhin für eine genetische Untersuchung entschieden und vor ein paar Tagen die Nachricht bekommen, dass bei uns alles in Ordnung ist. Die Freude ist natürlich groß und wir wollen bald einen neuen Versuch starten. Aber schon jetzt habe ich unendliche Angst, dass es wieder schiefgeht. Wir haben noch kein Kind und ich bin bald 35. Wenn es jetzt schon so schwierig ist, wie soll es dann erst werden, wenn ich älter bin?
    Wir haben vielen Freunden erzählt, was uns passiert ist, weil es so leichter war, unsere Stimmung zu erklären. Aber jetzt warten natürlich auch alle darauf, dass es irgendwann klappt und ich fühle mich noch mehr unter Druck gesetzt.
    Es sind einfach so viele Dinge, die zusammenkommen.

    Ich bin erstaunt, wie vielen Frauen es genauso geht wie mir. Meine Frauenärztin hat mir den Eindruck vermittelt, dass so etwas äußerst selten vorkommt.

    Dir wünsche ich es genauso sehr wie allen anderen, die sich ein Kind wünschen, dass es eines Tages klappt und wir vor allem auch die Angst besiegen.
    Alles Liebe
    Lena

  4. Deine Geschichte berührt mich sehr, weil wir das Gleiche durchhaben wie ihr – ein gesundes Kind in 2016, drei Missed Abortions von der 8.ten bis 12.ten SSW in 03/2018, 12/2018 und 08/2019. Genetisch ist alles ok, Schilddrüse ist ok, ich habe nur Plasminogenmangel, was recht selten ist und schon bei der 3.ten Fehlgeburt mit Heparin probeweise mitbehandelt wurde.
    Ich verstehe auch eure Gedanken, ob man es nochmal wagen soll. Ich gehe recht offen mit dem Thema Fehlgeburten um, bin in meinem Umfeld aber die Einzige mit diesen Erfahrungen – viele haben mittlerweile ihr zweites Kind und reagieren auch sehr unterschiedlich auf unsere Geschichte. So schmerzhaft es war hat uns geholfen, dass wir nach dem 3.ten Verlust zum ersten Mal angefangen haben uns vom festen Ziel, mal 2 Kinder zu haben, etwas zu lösen und die Zeit mit unserem gesunden Sohn noch intensiver zu genießen. Da hilft mir manchmal auch der Vergleich, wie sehr andere sich oft von der Zeit her zweiteilen müssen, um ihren zwei Kindern gerecht zu werden zu können.
    Ich sortierte zudem bewusst großzügig Baby- und Kinderkleidung aus, was meiner Seele gut getan hat.

    Wir wollten einen letzten Versuch wagen, nun bin ich in unserem eindeutig letzten Versuch wieder schwanger, spritze täglich Heparin hochdosiert 4.000 I.E., bin in der 13.ten Woche und versuche die Ängste zu unzerdrücken. Ich weiß, dass es bei uns aufgrund der Vorgeschichte auch den Rest der SS keine komplette Entwarnung geben kann, da man bei den vorherigen Fehlversuchen in irgendeiner Form eine Unterversorgung der Kleinen vermutet hat (ausgehend von meinem Körper aus), die sich auch später noch entwickeln kann.

    Unser Sohn weiß seit eknem halben Jahr Bescheid, dass er drei Sternengeschwister hat, die als Schutzengel auf ihn aufpassen. Er weiß auch, dass es das aktuelle Baby im Bauch nicht unbedingt schaffen wird und wir einfach abwarten müssen was so kommt.

    Wie ihr euch auch entscheidet, ich wünsche euch ganz viel Kraft und fühle mit euch!!

  5. Liebe Carolin!
    Ich erkenne mich wieder in eurer Geschichte. 2013 hatte ich 3 Fehlgeburten (im Januar, im Mai und im August- immer innerhalb der ersten 12 Wochen).
    Und das nach einer absolut unkomplizierten Schwangerschaft in 2010.
    Ich bin dann auch in rin Kinderwunschzentrum und dort haben Sie bei relativ unauffälligen TSH Werten doch Antikörper und eine Hashimoto Erkrankung festgestellt.
    Dann habe ich L-Thyroxin bekommen und auch vorsorglich Heparin (habe aber auch ne leichte Gerinnungsstörung).
    Aber eigentlich wollte ich dich gar nicht mit so vielen medizinischen Details langweilen. Was ich eigentlich sagen will:
    Ich fühle mit dir und sehe deinen Schmerz.. dein Beruf ist in einer solchen Situation doppelt herausfordernd.
    Mir haben zwei Dinge geholfen: .Der Satz:Du darfst neidisch sein auf Schwangere und frische Mütter. Das ist ok.
    Und der Blick nach vorn und gleichzeitig rückwärts, also: wie wirst du in 5 oder 10 Jahren darauf zurückblicken.
    Und da gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man blieb zu dritt und dann wird es okay sein. Oder man hat noch ein gesundes Kind bekommen und dann ist es sowieso gut.
    Bei uns kam in 2014 meine zweite Tochter… und ich sage dir. Der Kummer und das Warten haben sich gelohnt. Genau sie sollte es sein.
    Ich wünsche dir viel Glück!

  6. Liebe Carolin, unser Jahr verlief ähnlich und ich bin mittlerweile auch gravida 4/para2. Nach 2 problemlosen Schwangerschaften und gesunden Kindern in 2015 und 2017, jetzt im Juni Missed Abortion in SSW 11 und ‚kleiner Geburt‘ daheim und im November wieder MA in SSW 14 mit sekundärer Curettage. Auch wir wissen nicht, ob wir es nochmal wagen sollen. In der Klinik wurde mir Angeboten, auch schon nach 2 Aborten eine Diagnostik durchzuführen. Mein Gynäkologen meint wir sollen da jetzt kein großes Fass aufmachen, weil es ja schon 2x geklappt hat. Ich weiß es ganz einfach nicht und werde mir jetzt auch genügend Zeit für die Entscheidung lassen. Mir hat die Seite ‚das Ende vom Anfang geholfen‘. Da berichten viele Frauen über ihre Fehlgeburten und man merkt, man ist nicht allein. Alles Gute für euch

  7. Liebe Carolin,

    Ich schicke dir ganz viel Kraft! Gerade die Begegnung mit Schwangeren und Neugeborenen empfinde ich als sehr schmerzhaft. Wird man doch immer auf die eigene Geschichte geschubst.

    Warum auch immer die Kinder uns so früh verlassen. Sie bleiben im Herzen.

  8. Liebe Carolin,
    das tut mir sooo leid. Fühl dich ganz lieb gedrückt! Ich hatte vier Fehlgeburten in knapp zwei Jahren, die fünfte Schwangerschaft hat dann geklappt. Meine absolutes Wunschkind wird bald vier… Ich hatte alle Untersuchungen von verschiedenen Abortsprechstunden unterschiedlicher Uniklinikum durch, bis mir eine Assistenzärztin an der Uniklinik Düsseldorf Herrn Dr. Pfeiffer, einen Immunologen aus Düsseldorf, empfohlen hat. Mithilfe seiner Behandlung hat es mit Cortison, Omegaveninfusionen (&Heparin) dann geklappt. Vielleicht hilft dir dieser Tipp weiter!
    Eine Bekannte, der ich ihn empfohlen hatte, ist dank seiner Behandlung nach mehreren Sternchen auch Mama eines gesunden Jungen geworden.
    Ich wünsche dir ganz viel Glück und alles Gute!

  9. Liebe Mali, Danke auch dir für deine lieben Worte. Heparin trotz unauffälliger Gerinnung hat meine Gynäkologin auch schon in Erwägung gezogen… und möchte mich mit dieser speziellen Fragestellung in eine Kinderwunschsprechstunde überweisen.
    Danke dir! Carolin.

    1. Liebe Carolin!
      Ich wünsche dir viel Kraft und Mut für deinen/ euren weiteren Weg.
      Die immer wieder aufkommende Hoffnung und dann der Schmerz und die Trauer über den Verlust und das Ende der Schwangerschaft. Und plötzlich ist da Hoffnungslosigkeit!

      Jeder Weg ist individuell und vermutlich auch eine medizinische Diagnose. Ich selbst habe meine drei Kinder zu einem späteren Zeitpunkt gehen lassen müssen. Daher habe ich keine persönliche Erfahrung mit Ärzten auf diesem Gebiet. Aber mit meiner Geschichte habe ich auf unterschiedlichen Wegen viele Frauen kennengelernt, die etwas ähnliches erlebt haben, wie du.
      Eine Anlaufstelle ist eine Kinderwunschklinik in Münster, sowie eine Ärztin/ ein Labor in Bayern. Beide Freundinnen halten mittlerweile ihre Wunschkinder in den Armen.
      Falls du mehr Informationen benötigst , melde dich sehr gerne !

  10. Liebe Anne,
    Danke für deine lieben Worte. Wir haben uns im Juni genetisch untersuchen lassen – da war alles in Ordnung, inklusive der Gerinnung. Dennoch Danke für den Rat. Beste Grüße, Carolin.

  11. Hallo Carolin, ich möchte dir wie meine Vorschreiberin auch Heparin ans Herz legen. Ich habe nach zwei Fehlgeburten vorsorglich Heparin in den Folgeschwangerschaften gespritzt – und das obwohl ich sogar (im nicht schwangeren Zustand) auf eine Gerinnungsstörung untersucht würde und keine festgestellt wurde. Da es mir aufgrund der Fehlgeburten jedoch sehr schlecht ging, habe ich mit meiner Ärztin beschlossen, alles an Unterstützungsmaßnahmen anzuwenden was geht und nicht schadet (auch Utrogest). So habe ich zwei gesunde Kinder nach den Fehlgeburten geboren. Letztendlich weiß niemand, ob es am Heparin lag, aber ein Versuch ist es aus meiner Sicht wert. Alles, alles Liebe für euch!

  12. Liebe Carolin,

    deine persönliche Erfahrung macht mich traurig. So viel Hoffnung und dann die Trauer im letzten Jahr. Das ist eine schwere Zeit für euch.
    Wir haben eine ähnliche Zeit erlebt und ich möchte dir gerne einen Tipp geben. Wahrscheinlich habt ihr auch schon viele Untersuchungen gemacht. Jedoch ist man manchmal, auch als Fachfrau, etwas hilflos.
    Hast du dich genetisch untersuchen lassen? Bei mir wurde nach mehreren Fehlgeburten eine Prothrombinmutation festgestellt.Die schnelle Gerinnung führte immer zum Abort.
    Ich habe ab dem positiven Schwangerschaftstest Heparin spritzen müssen und habe nun ein rundum gesundes Kind.
    Ich weiß, dass es jetzt in deiner Trauer keine Hilfe ist, aber vielleicht gibt es dir Mut noch einmal eine Schwangerschaft zu wagen.

    1. Liebe Carolin,

      ich kann gut nachvollziehen wie Du Dich fühlst. Wir haben unser erstes Kind verloren, Nummer 2 wird demnächst 10 Jahre alt. Als wir uns für ein weiteres Kind entschieden haben, ging es uns wie euch. 3 Fehlgeburten in einem Jahr. Wir haben es niemandem mehr erzählt, zu oft hatten wir gehört „Sei froh über dein gesundes Kind und lasst es gut sein.“.

      Ich hatte mir dann ein Datum gesetzt, wenn ich bis dahin nicht schwanger sein würde, dann wollten wir es bei einem Kind belassen. Aber es klappte und Schwangerschaft Nummer 6 hat uns unseren Sohn gebracht. Heute 6 Jahre alt.

      Ich war in dieser Schwangerschaft dann aber extrem unsicher. Dank toller Hebamme, sehr guter engmaschiger Schilddrüseneinstellung und Utrogest 2x am Tag ging es gut.

      Ich wünsche euch von Herzen alles Gute und weiter viel Unterstützung durch euer Umfeld.

      Herzliche Grüße Martina

      1. Mir liefen gerade die Tränen herunter als ich deine Worte gelesen habe. Ich habe dasselbe in diesem Jahr erlebt. Im März, im Juli und jetzt im Oktober. Und verdammt, es tut so weh! Und es ist einerseits schön zu lesen, dass ich nicht alleine bin und gleichzeitig schrecklich, das die Natur manchmal so erbarmungslos sein kein.

        Gib nicht auf. Bald halten wir unser Baby im Arm!

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