EMPOWERYOU: Wir müssen Kinder in Pflege- und Adoptivfamilien stärken

EMPOWERYOU

Ihr Lieben, seit der Corona-Pandemie gibt es einen neuen Höchststand an Kindern, die nicht mehr in ihren Herkunftsfamilien leben können. Wir wissen zudem, dass unter unseren Leser*innen viele Pflege- und Adoptivfamilien sind – aus diesen zwei Gründen fanden wir das Projekt EMPOWERYOU besonders spannend. Denn das Projekt richtet sich speziell an Kinder und Jugendliche, die in Jugendhilfeeinrichtungen, Pflege- oder Adoptivfamilien aufwachsen. Wir haben mit der Psychotherapeutin Lucia Emmerich, die Bereich Reviktimisierung von Kindern und Jugendlichen in Fremdunterbringung, forscht gesprochen.

Liebe Frau Emmerich, heute geht es um das Projekt EMPOWERYOU. Können Sie kurz erklären, an wen sich dieses Projekt wendet und was das Ziel ist?

EMPOWERYOU ist ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderter Forschungsverbund, der das Ziel hat, Jugendliche und junge Erwachsene, die in Jugendhilfeeinrichtungen, Pflege- oder Adoptivfamilien aufwachsen, zu stärken. Insbesondere geht es darum, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene dabei unterstützen, frühere belastende Erfahrungen zu bewältigen und nicht (erneut) Mobbing oder Gewalt zu erleben. In der Forschung sprechen wir von „Reviktimisierung“, die wir reduzieren wollen.  

In diesem Rahmen haben wir, ein Team aus Psychologinnen, das Onlineprogramm EMPOWER YOUTH für junge Menschen im Alter von 14 und 21 Jahren, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen bzw. aufgewachsen sind, entwickelt. In EMPOWER YOUTH lernen die Teilnehmer*innen, wie sie andere und sich selbst in schwierigen Situationen besser schützen können. 

Viele Jugendlichen, die nicht mehr in ihren Familien leben können, haben einige Traumata erfahren. Können Sie uns mehr über die seelische Lage dieser Kinder sagen?

Junge Menschen, die nicht bei ihren leiblichen Eltern, sondern in Wohngruppen, Pflege- und Adoptivfamilien aufwachsen, sind besonderen Herausforderungen ausgesetzt. Viele dieser Kinder und Jugendliche waren in ihren Herkunftsfamilien mit diversen psychosozialen Belastungen konfrontiert. Häufig haben sie über längere Zeit bei psychisch-, somatisch-, suchtkranken oder delinquenten Eltern gelebt, die eine, für ihr Alter angemessene, Versorgung nicht gewährleisten konnten.

Aus wissenschaftlichen Studien wissen wir, dass zwischen 73% und 92% der fremduntergebrachten Kinder und Jugendlichen mindestens ein Trauma erlebt haben. Diese frühen Traumata, Mangelerfahrungen und Vernachlässigungen stehen in einem engen Zusammenhang mit psychischen Störungen wie der Posttraumatischen Belastungsstörung, aber auch Depressionen und Angststörungen. Außerdem zeigten sich bei fremduntergebrachten Kindern häufiger unsicheres oder desorganisiertes Bindungsverhalten, was zu zwischenmenschlichen Schwierigkeiten führen kann. Dies ist oft verbunden mit einem geringen Selbstwert und einer beeinträchtigten Emotionsregulation.

Was macht das mit den Kindern?

Aus der Forschung und klinischen Praxis wissen wir, dass Menschen, die früh Missbrauchserfahrungen erlebt haben, ein erhöhtes Reviktimisierungsrisiko aufweisen. Das bedeutet, dass die Betroffenen häufig im Laufe ihres Lebens erneut Opfer von Missbrauch oder Gewalt werden. So ist unter anderem bei Betroffenen von sexuellem Missbrauch in der Kindheit ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für eine erneute Missbrauchserfahrung anzunehmen. 

Neben der Erfahrung von Missbrauch und Vernachlässigung können natürlich auch pränatale Risiken, wie der Alkohol- und Drogenkonsum, in der Schwangerschaft einen schädlichen Einfluss auf die Entwicklung haben. Eine weitere zentrale Belastung entsteht durch häufige Beziehungsabbrüche und instabile Unterbringungsverhältnisse. 

Was sind die häufigsten Gründe, warum Kinder aus ihren Familien herausgenommen werden müssen? 

Über 220.000 Kinder und Jugendliche lebten 2021 in Deutschland nicht bei ihren leiblichen Familien. Ebenfalls in 2021 wurden 60.000 Kindeswohlgefährdungen festgestellt und rund 47.500 junge Menschen wurden aufgrund von akuten Krisen- und Gefährdungssituationen in Obhut genommen. Die häufigsten Gründe von Inobhutnahmen sind die Überforderung der Eltern, gefolgt von Anzeichen für Vernachlässigung, körperlicher Misshandlung, Beziehungsproblemen und Anzeichen für psychische Misshandlung. Bei 5% der Kindeswohlgefährdungen wird sexuelle Gewalt festgestellt. Seit der Coronapandemie haben die Zahlen festgestellter Kindeswohlgefährdung einen Höchstwert erreicht.  

Wie versuchen Sie ganz praktisch diesen Betroffenen zu helfen?

Bisher gibt es kein Präventionsprogramm für Kinder und Jugendliche in Fremdunterbringung, das sich gezielt gegen neue Viktimisierungserfahrungen richtet und die Risikowahrnehmung, die Selbstwirksamkeit und den Selbstwert von jungen Menschen fördert. Das wollten wir ändern. Das Internet bietet die große Chance, Jugendliche dort zu erreichen, wo sie sich ohnehin aufhalten, nämlich online. In den letzten Jahren haben viele Studien die Wirksamkeit von onlinebasierten Interventionen für Kinder und Jugendliche nachgewiesen. Onlineprogramme bieten den Vorteil, dass sie schnell für viele Teilnehmer*innen verfügbar gemacht werden können. Außerdem ist der der Onlinezugang niedrigschwelliger und weniger schambesetzt als traditionelle Face-to-Face Angebote.

Was erfahren Sie von den Jugendlichen bei diesem Projekt?

Zu Beginn unseres Projektes haben wir uns mit Jugendlichen, die nicht bei ihren leiblichen Eltern leben, zusammengesetzt und uns erkundigt, was Ihnen an so einem Onlineprogramm wichtig wäre. Dabei wurde deutlich, dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen vermehrt Viktimisierungserfahrungen in ihrem Alltag erleben sowohl online (z.B. durch Posten von Bildern mit sexuellen Inhalten, unerlaubte Kontaktaufnahme durch die leiblichen Elternteile, Online-Bullying) als auch im direkten Kontakt (z.B. Bullyingserfahrungen in der Schule oder Wohngruppe, Gewalterfahrungen).

Gleichzeitig wurde die Vielfalt an Lebenserfahrungen und Ressourcen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen deutlich. Daher steht bei EMPOWER YOUTH nicht die potentielle Hilfsbedürftigkeit der Zielgruppe im Fokus, sondern die Stärkung bereits vorhandener Fähigkeiten: die teilnehmenden Jugendliche und junge Erwachsene lernen im Programm, wie sie andere Jugendliche als EMPOWER YOUTH-Coaches in Risikosituationen unterstützen können. Durch das Coaching-Konzept wird unter anderem die Selbstwirksamkeit der Teilnehmer*innen gestärkt.

Konkret werden die Teilnehmer in der Fähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen und zu benennen gestärkt. Die Risikowahrnehmung wird geschult und es geht darum, wie Grenzen und Rechte im öffentlichen Raum als auch in den sozialen Medien durchgesetzt werden können. So werden die Teilnehmerinnen mit Skills und Fähigkeiten ausrüsten, die dazu beitragen sollen, dass sie weniger Viktimisierungserfahrungen machen. Beim Durchlaufen der sechs Module werden die Teilnehmer*innen von einer Psychologin begleitet und erhalten nach Abschluss jedes Moduls ein persönliches Feedback. Am Ende erhalten die Teilnehmer*innen ein EMPOWER-YOUTH-Coach-Zertifikat.

Was muss geschehen, dass diese Kinder und Jugendlichen die Chance haben auf ein „normales“ glückliches Leben?

Wie zuvor bereits angeschnitten, sind insbesondere regelmäßige Beziehungsabbrüche eine große Belastung für junge Menschen in Fremdunterbringung. Es ist daher wichtig, möglichst stabile Unterbringungsverhältnisse zu fördern und stabile Bindungsbeziehungen zu ermöglichen. Das ist natürlich im System der Jugendhilfe und insbesondere in Wohngruppen, wo häufige Betreuerwechsel stattfinden, nicht immer leicht. Bisher liegt der Fokus von vielen Unterstützungsangeboten und Präventionsprogrammen häufig auf den Pflege- und Adoptiveltern.

Natürlich ist es sehr wichtig, dass Familien in der Aufnahme von Kindern unterstützt werden, insbesondere auch um positive Bindungserfahrungen zu ermöglichen. Es ist aber auch wichtig, dass wir weiter wissenschaftlich fundierte Unterstützungsangebote entwickeln, die sich direkt an die jungen Menschen in Pflege-, Adoptiv- und WG-Unterbringung wenden. Für manche Kinder und Jugendliche kann auch eine Psychotherapie notwendig und hilfreich sein. Leider besteht bei Kindern in Pflege- und Adoptivfamilien eine noch größere psychotherapeutische Unterversorgung, als wir sie ohnehin beobachten. 

—- ALLE INFOS GIBT ES HIER: https://www.empower-youth.de

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