Gastbeitrag von Annika: Mit meinem Baby habe ich einen Teil meiner Zukunft verlorenn

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Ihr Lieben, jede fünfte Frau erlebt mindestens einmal eine Fehlgeburt – die meisten innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen. Eine von ihnen ist unsere Leser Annika, die uns diesen Text geschickt hat. Er hat uns sehr berührt und wir danken Dir, Annika, sehr für Dein Vertrauen:

„Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle, die Welt wird ein Blumenmeer,
aber in Deinem Herzen ist eine Stelle, die blüht nicht mehr.“ 

Wenig kann gerade besser beschreiben,  wie ich mich fühle, als dieses Gedicht von Ricarda Huch. Es ist Juni, draußen ist schönstes Frühlingswetter, auf meinem Balkon blüht es an jeder Ecke.  Ich denke daran, dass heute der 24. ist. Am 24. Juni vor einem Jahr musste ich von meinem zweiten Kind Abschied nehmen, meinem Baby, das ich in der achten Schwangerschaftswoche verloren habe.  

Ich bin 37 Jahre alt und habe einen Sohn, der inzwischen 7 Jahre alt ist. Sein Vater und ich haben uns getrennt, als er noch ganz klein war, so dass der Traum von der großen Familie und den vielen Kindern, die ich haben wollte, schon lange geplatzt ist.

Ich habe mich in den letzten Jahren auf die Arbeit konzentriert und den Kinderwunsch, der sich immer wieder regte, verdrängt. Im letzten Jahr gab es eine winzig kleine Affäre, und einen kurzen Moment des Unachtsam-seins.  Einige Wochen später hielt ich einen positiven Test in der Hand. Nach einem minimalen Schockmoment (Wie soll das gehen? Wie kriege ich das hin? Was mach ich jetzt?) kam auch schon die Freude. 

An 6+5 hatte ich einen Arzttermin, alles sah gut aus. Ich konnte es kaum fassen, aber ich dachte irgendwie, dieses Kind wollte zu mir kommen. Es hatte nur diese eine Chance, zu einem Zeitpunkt im Zyklus, der eigentlich gar nicht funktionieren konnte – und es hat sie genutzt.  Auf einmal war da ganz viel Stärke in mir – ich schaffe das, ich hab meinen Sohn auch ziemlich allein aufgezogen, und Liebe ist genug da – das ist das Wichtigste.

An 7+2 setzten dann jedoch Blutungen ein. Ich bin sofort zum Arzt gefahren, der mich untersucht  und zunächst beruhigt hat. Das Pünktchen hatte sich schon zu einem winzigen Gummibärchen weiterentwickelt, das Herz schlug. Ich wurde krankgeschrieben, sollte mich schonen.  Es wurde aber immer schlimmer und in der übernächsten Nacht habe ich das Kind verloren.

Körperlich habe ich mich sehr schnell erholt, aber die Fehlgeburt hat mich total  aus dem Ruder geworfen.  Ich habe viel geweint, mich sehr damit beschäftigt, gelesen, gemalt. Aber ich bin noch lange nicht so weit, dass es nicht mehr weh tut.

Ganz sicher ist es so, dass jeder weitere Tag der Schwangerschaft den Schmerz verschlimmert hätte. Und ganz sicher ist es auch so, dass ein weiter entwickeltes Baby, welches nach 6 oder 7 Monaten still geboren wird, welches man ansehen und halten konnte, ein größeres Loch reißt.

Und dennoch: Es ist ja nicht “nur“ das Kind, was man gehen lässt. Man verabschiedet sich von so vielen Träumen und Plänen. Man wird dieses Kind nie im Arm halten, nie die Hand bei den ersten Schritten halten, es nicht einschulen oder die ersten Liebeskummertränen trocknen. Ich habe all diese Bilder im Kopf gehabt, als ich beim Ultraschall das Herz schlagen hörte.  Und dafür ist es egal, wie weit man in der Schwangerschaft war. Und deswegen möchte ich mir auch nicht sagen lassen, dass ich kein Recht zu trauern hätte.

In meinem Bauch war das Baby erst ein winziger Fleck. In meinem Kopf und meinem Herzen war es ein „richtiges“ Kind, und ein Teil meiner Zukunft, den ich verloren habe. ..

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8 comments

  1. Fehler
    Meine lieben,leider ist es jede 3.Frau die ein Kind verliert und einige merken gar nicht das sie Schwanger waren.Mich hat es gleich drei mal erwischt ;.(

  2. Annika
    Liebe annika, nimm dir alle Zeit der Welt zu trauern, nimm dir was du brauchst . Ich möchte auf einen Satz deines Beitrages eingehen. Den dass du den Traum einer Großfamilie begraben hast. Tu das nicht! Du bist „erst “ 37. auch wenn du im Augenblick noch gar nicht bereit dazu bist, aber ich möchte dir etwas mit machen. Eine Arbeitskollegin hat ihr zweites Baby mit 41 bekommen. Eine Freundin ihr 4. mit 41, eine andere Freundin ihr 1. mit 43jahren. Es ist schwer jemand fremden die richtigen tröstenden Worte zu schreiben, aber ich möchte nicht dass du entmutigt bist!

  3. Die Frage nach dem Warum
    Hallo Annika,

    da wir denselben Namen tragen, möchte ich dir einfach mal antworten und mein Erlebtes niederschreiben.

    Im Moment geht es in den sozialen Medien vermehrt um das Thema Fehlgeburt. Ich sitze hier mit meinem Regenbogenbaby im Arm und denke wieder viel über das letzte Jahr nach.

    Im November 2014 hielt ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Die Freude war riesig, ich unendlich glücklich aber auch ängstlich wie nie in meinem Leben. Doch alles war gut. Das Baby wuchs und entwickelte sich prächtig, die 13 Woche überstanden und ich dachte „jetzt kann nichts mehr schiefgehen“.

    Dann der grosse Ultraschall in der 20 Woche. Ihr Baby hat eine Zyste im Kopf,aber das ist wahrscheinlich nichts. Trotzdem erst mal Feindiagnostik. Ich dachte noch so ganz naiv,da werde ich mein Baby ganz intensiv bestaunen können. Dort wurde noch eine andere Auffälligkeit entdeckt. Aber mir wurde wieder gesagt,“wahrscheinlich nicht schlimm“. Weitere Diagnostik habe ich abgelehnt. Ich wollte dieses Baby, auch wenn es nicht der „Norm“ entsprach. Ich liebte dieses Baby schon so sehr. Wir wussten nicht was es wird,wir wollten uns überraschen lassen. Am 26.03.2015 in der 22+3 Woche entschied unsere wunderschöne Tochter das es besser ist diese Schwangerschaft zu beenden. Mir sprang die Fruchtblase. Da es noch zu früh war konnte und wollte man uns nicht helfen. Ich habe gehofft. Es gab schon Babys die sich ohne Fruchtwasser weiterentwickelt haben. Jedoch nicht unser Baby. Am 28.03.2015 brachte ich unsere Tochter tot zu Welt. Die Welt blieb stehen und ich starb mit. Meine Gedanken gingen auch in die Richtung,was wäre wenn es früher passiert wäre. Es wäre genauso schlimm. Unser absolutes Wunschkind ging von uns. Egal zu welchem Zeitpunkt,es tut weh und die Frage nach dem Warum kann uns keiner beantworten.

    Nun genau vor einem Jahr am 01.Juli machte ich wieder einen Schwangerschaftstest. Das Ergebnis liegt neben mir. Meine zweite Tochter. Die Schwangerschaft war der Horror. Die Ängste machten mich bald verrückt. Aber es hat sich gelohnt. Ich war stark und habe mich nicht unterkriegen lassen. Und meine Kleine hat den besten Schutzengel der Welt.

    Unsere Erstgebohrene wird immer ein Teil von uns sein. Sie hat uns alle sehr verändert.

    Ich hoffe du kannst mit der Trauer lernen zu leben und wünsche dir das Beste. Es wird besser, versprochen.

    LG Anika

    1. Danke
      Dass Du Deine Geschichte mit uns teilst. Wir wünschen Dir alles Gute und drücken Dich

  4. mir ging es ähnich
    Liebe Annika mir ging es ähnlich wie dir, bei uns war es das 3 Kind was wir bei 7+2 ziehen lassen mussten und der satz naja ihr habt doch schon 2 gesunde kinder oder ihr könnt es doch nochmal versuchen das sind stiche die dir das herz zerreisen den DIESES KIND welches gehen musste hat man schon geliebt und sich seine Zukunft damit ausgemalt es war DIESES Kind was starb und das tut weh:(


    1. Ganz fürchterlich solche Sprüche. Mir ist das Ganze letztes Jahr bei 9+3 passiert. Von ganz vielen bekam ich lediglich den Spruch vor den Kopf geknallt „Naja … immerhin wisst ihr, dass es funktioniert. Ihr habt ja schon eins …“

      Alles Gute für dich Annika

  5. Mutter ab der ersten Sekunde
    Liebe Annika, danke für die offenen Worte. Das Recht auf Mutterschaft oder Elternschaft ab der „ersten Sekunde“ sollte dir keiner abschlagen. Und ja natürlich wächst die Zuneigung zum Kind mit jedem Tag denn es mehr heran reift, aber Trauer um einungeborenes (wenn auch noch so klein) ist doch nur natürlich. Freude über eine Frühe Schwangerschaft ist es doch auch! Verlust schmerzt immer. Wünsche dir noch viel Kraft und Freude mit deinem Sohn. Lg