Gastbeitrag: Wie ich in sechs Monaten zwei Kinder bekam – oder warum ein syrischer Flüchtlingsjunge bei uns wohnt

vanessa fotor

Unsere Geschichte beginnt im Jahr 2006. Wir waren 25 und 30 Jahre alt, hatten uns ein Haus auf dem Land gekauft und im gleichen Sommer geheiratet. Ganz klassisch wollten wir auch mit dem Nachwuchs nicht mehr allzu lang warten, jung Eltern werden…

Acht Jahre später hatten wir alle medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft und mussten uns an den Gedanken gewöhnen, dass wir wohl kinderlos bleiben werden. DINKS – Double income, no kids. Im Laufe der Zeit, während wir uns langsam aber sicher vom Kinderwunsch verabschiedeten, beschlossen wir unsere zwei Gehälter zu nutzen, um doch nochmal selber zu bauen, in richtig guter Lage und sehr großzügig. Im Frühjahr 2015 war unser Eigenheim fertig und wir teilten uns mit unseren Katzen 210 m² Wohnfläche. Zusätzlich gab es noch eine Einliegerwohnung. 

Da ich selbst als Jugendliche als Austauschschülerin ein Jahr in den USA gewesen war, hatten wir schon lange mit dem Gedanken gespielt uns als Gastfamilie zu melden – Platz war jetzt da. Wir reisen gerne und interessieren uns für andere Länder, andere Kulturen und andere Sprachen. Im Sommer 2015 spitzte sich unterdessen die Situation in Deutschland zu, dass immer mehr Flüchtlinge kamen, darunter auch viele „umFs“ – unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Und so reifte die Idee, dass wir statt einem Austauschschüler auch einen „umF“ aufnehmen könnten.

Im Oktober meldeten wir uns beim Jugendamt, wo man sich zwar freute, uns aber auch mitteilte, dass das wohl nicht klappen wird – aus nachvollziehbaren Gründen: Niemandem wäre geholfen, wenn ein junger Mensch den ganzen Tag bei uns allein zuhause sitzt, da wir beide Vollzeit arbeiten. Dadurch lernt er weder die Sprache, noch kommt eine Integration zustande. Die Sache ließen wir erst einmal auf sich beruhen und schließlich verlief sie im Sande, denn knapp drei Monate später hielt ich plötzlich einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen. Den allerersten nach neun Jahren Kinderwunschzeit.

Im September 2016 wurde unser Sohn geboren und wir waren der festen Überzeugung, dass die „Lieferzeit“ so lang war, weil es so pflegeleichte Babys eben nicht so oft gibt. Stillen und schlafen klappte super und auch sonst war der kleine Fratz ein sehr umgängliches Baby. 

Als er auf den Tag genau fünf Monate alt war klingelte mein Telefon: Das Jugendamt erkundigte sich, ob wir noch Interesse hätten einen jungen Flüchtling aufzunehmen, „sie hätten da jetzt jemanden“. Ich teilte ihnen gleich mit, dass wir „da jetzt auch jemanden hätten“ und hörte mir dennoch grob an, um wen es ging: ein junger Syrer, gerade 16 Jahre alt, der bereits seit zwei Jahren bei uns im Ort wohnte und sich als äußerst freundlicher, umgänglicher und fleißiger Schüler in der „internationalen Klasse“ am Gymnasium hervorgetan hatte. Statt in einer WG wollte er lieber in einer Familie leben.

Ich war trotz der neuen Situation mit Baby immernoch sehr angetan von der Idee. Sicherlich trug dazu bei, dass unser Sohn ein freundliches, unkompliziertes Baby war und wir nach 5 Monaten gut aufeinander eingespielt waren. Hätte man uns drei Monate zuvor kontaktiert, wäre die Situation möglicherweise ganz anders gewesen. Bei meinem Mann fuhren allerdings sämtliche Beschützerinstinkte hoch. Er war sehr skeptisch, zu diesem Zeitpunkt jemand Fremden ins Haus zu holen.

Trotz aller Unsicherheit entschieden wir uns jedoch schnell zu einem persönlichen Gespräch mit den Mitarbeitern vom Jugendamt, um ein paar Details zu erfahren. Sie waren zu dritt, hatten bereits von Beginn an mit dem Jungen zu tun und schienen ihn wirklich gut zu kennen und gaben uns einen guten Überblick, was uns erwartet. In den nächsten Tagen wägten mein Mann und ich ab, diskutierten und ich telefonierte mit seiner Lehrerin, die ebenfalls absolut überzeugt von ihm war.

In Bezug auf unseren Sohn verließen wir uns darauf, dass das Jugendamt uns schon niemanden ins Haus schicken würde, wenn sie sich Sorgen um unseren Kleinen machen würden. Irgendwie sprach nichts so richtig dagegen und wir weihten auch unsere Eltern ein. Ihre Reaktion fiel überraschend positiv aus und sie meinten im Großen und Ganzen, dass wir das selber wissen müssten, und dass es eine interessante Aufgabe werden könne. Natürlich blieb auch hier eine gewisse Vorsicht „vor einem Fremden im Haus“, insbesondere bei Schwiegereltern, die nebenan in der Einliegerwohnung leben. 

Der nächste Schritt wäre ein persönliches Kennenlernen mit dem Jungen, Mohamad, im Jugendamt, dem wir zustimmten unter der Versicherung, dass es völlig unverbindlich sei. Da es keine Argumente gab es nicht zu versuchen, beschlossen wir, uns auf unser Bauchgefühl zu verlassen. Sollte er uns unsympathisch sein, würden wir die Sache absagen. 

Anfang März hatten wir also den Termin und saßen einem schüchternen Jugendlichen gegenüber, der zwar offenbar ganz gut deutsch sprach, aber sich kaum traute etwas zu sagen. Viele Dinge hatte er offenbar im Vorfeld mit seinem Erziehungsbeistand besprochen, der uns ein paar Informationen geben konnte. Aber was will man auch von einem ersten Kennenlernen erwarten. Wie hätten wir wohl als Jugendliche reagiert, wenn man uns plötzlich eine völlig fremde Familie in einem fremden Land vorgestellt hätte, um dort zu leben?

Wir beschlossen, dass wir uns übers Wochenende überlegen, ob wir Mohamad aufnehmen wollen würden. Erst dann wollten wir einen Termin bei uns zuhause abstimmen. Es schien uns unfair, den Jungen zu uns einzuladen, ihm sein Zimmer und sein Bad zu zeigen und dann noch einen Rückzieher zu machen. Wir besprachen uns erneut übers Wochenende, waren uns aber eigentlich recht schnell einig, dass wir das durchziehen.

Am Montag rief ich also beim Jugendamt an und bestätigte ein Treffen bei uns zuhause, damit Mohamad auch gucken konnte, wo er einziehen würde. Er hatte aber wohl schon am Freitag Bescheid gesagt, dass er sich vorstellen könne bei uns zu leben. Somit war die Entscheidung de facto gefallen. Der Besuch am Donnerstag geriet eher zur Formsache, auch wenn Mohamad weiterhin recht schweigsam war. Einige der wenigen Fragen, die er hatte, war, wie lange er abends raus dürfe. Nur zwei Tage später, am Samstagmorgen, stand er mit seinem Erziehungsbeistand bei uns vor der Tür. Wir tranken Kaffee zu viert und anschließend zog er ein – mit einem Rucksack und einer Reisetasche. In weniger als fünf Minuten waren wir zu viert!

Sobald sein Erziehungsbeistand zur Tür hinaus war zeigte sich allerdings, dass es sich um einen aufgeschlossenen Jungen handelte, der überraschend gut deutsch sprach. Er fragte uns alles Mögliche und schien gar nicht mehr so schüchtern zu sein, jetzt wo er niemanden mehr hatte hinter dem er sich verstecken konnte. In den ersten Tagen war er allerdings noch unsicher, entschuldigte sich, wenn er zu uns in die Küche kam, fragte uns gefühlt alle 5 Minuten, ob er nerve. Schon am nächsten Tag erkundigte er sich vorsichtig, wie lange er denn bleiben dürfe. Es schien ihn zu überraschen, dass er solange bleiben könne, wie er möchte. Das mussten wir ihm in den kommenden Tagen immer wieder bestätigen, wohl als Konsequenz einer jahrelangen Flucht, bei der selten klar gewesen sein dürfte, wie es in zwei oder drei Monaten weitergehen würde. 

Innerhalb kürzester Zeit gewöhnten wir uns aneinander und fanden einen Alltagsrhythmus. Er scherzte mit uns und ging auch mit „seinem kleinen Bruder“, wie er ihn schnell nannte, sehr liebevoll um. Er stellte uns seine Freunde vor, die ebenfalls alle einen sehr netten Eindruck hinterließen und schnell lief der Alltag reibungslos, selbst als ich Mitte April wieder begann zu arbeiten. Er schien einfach perfekt zu uns zu passen.

Mittlerweile lebt er fast 6 Monate bei uns und wir sind eine Familie. Er nennt mich Mama (und wird immer der erste Mensch sein, der das zu mir gesagt hat!) und für mich ist er binnen kürzester Zeit ein Sohn geworden. Ich spreche nur noch von „dem Großen“ und „dem Kleinen“. Mein Mann ist zwar vom Typ ein bisschen zurückhaltender, aber auch ihm ist Mohamad bereits sehr ans Herz gewachsen und aktuell sitzen sie beide neben mir auf der Couch und spielen zusammen Playstation. 

Ich kann es oft selbst kaum glauben, wie schnell das alles ging und wie sehr man jemanden ins Herz schließen kann, über alle kulturellen und sprachlichen Unterschiede hinweg.

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4 comments

  1. Danke!
    Ihr seid einfach nur toll. Ihr zeigt eine tiefe Menschlichkeit und eine gesunde Portion Mut. Ich hatte auch Tränen in den Augen vor Rührung. Ihr seid tolle Vorbilder und starke Persönlichkeiten. Danke für euren Bericht.

  2. vorbild!
    ich find es so toll, wenn leute ihre geschichte teilen, auch um andere zu inspirieren, denn genau das tut ihr. nachdem ich erstmal ne runde losgeheult habe (vor rührung!), habe ich mich im zweiten schritt informiert wie man ein flüchtlingskind aufnehmen kann und bin in 2 wochen für den ersten infoabend angemeldet. weiterhin alles erdenklich gute für eure tolle familie <3

  3. Finde ich toll!
    Wir haben selbst 2012 und 2016 jeweils einen unbegleiteten Flüchtling aufgenommen, der eine war 16, der andere 18. Da wir selbst 2 Kinder (2012 gerade mal 10 und 12) hatten und beide Vollzeit arbeiteten, waren wir unsicher, ob das funktionieren würde. Sämtliche Sorgen waren absolut unbegründet! Wie du es in deinem Text beschrieben hast, es wurde tausendmal gefragt, ob dies ok sei, das ok sein, ob er den Hund streicheln dürfe, ob er beim Aquarium behilflich sein könne, ob er uns etwas kochen dürfe… beide waren eine absolute Wohltat gegenüber unseren Kindern (und Gastkindern), welche sicherlich auch gut erzogen sind, den deutschen „Standart“ jedoch verinnerlicht haben. Wir alle haben sehr viel gelernt und als der junge Mann aus Somalia 2015 seinen Realschulabschluss machte und mit seiner Freundin zusammenzog, gab es viel Geheule auf beiden Seiten. Dennoch besucht er uns mehr als Regelmäßig. Beide sind wie zwei weitere Kinder für uns, etwas, was man mit den ganzen Vorurteilen im Kopf nicht erwartet hätte. Ein Vorteil war sicherlich, dass beide begeistert den Sport ausgeübt haben, den auch mein Mann und meine Kinder machen, sodass wir uns zusätzlich zum „normalen“ Familienleben auch mehrmals die Woche beim Sport getroffen haben. Sicherlich gibt es auch negative Beispiele, aber wir haben bisher vergeblich danach gesucht.