Katy über den Weg aus der Trauer: „Mich hat der Sport gerettet!“

Überleben nach Mord

Liebe Katy, wow, nach deinem beeindruckenden Buch Larissas Vermächtnis legst du nun dein neues Werk „Seelensport“ nach. Wie schaffen wir es, mit der Stärkung des Körpers auch die Seele zu stärken?

Unser Körper und unsere Seele sind im Grunde genommen eins. Das eine steht mit dem anderen so stark in Verbindung, dass wir es nicht trennen können – leider aber noch viel zu oft tun. Für mich ist die Seele nichts Spirituelles, sondern eben unsere Hormonparty im Körper, die Gefühle mit sich bringt und entstehen lässt.

Wenn wir einen gestärkten Körper durch Sport, ausreichend Pausen etc. haben, dann geht das auf unser allgemeines Wohlbefinden über. Wir fühlen uns dadurch ausgeglichener, können besser mit stressigen Situationen umgehen, Dinge, die uns auch körperlich belasten besser „wegstecken“. Wir sind im Grunde genommen einfach widerstandsfähiger, leistungsfähiger und gut vorbereitet für die Herausforderungen im Leben.

Wie hat das ganz konkret in deiner Situation und nach dem Mord an deiner kleinen Schwester geklappt?

Bevor ich mit dem Sport begonnen habe, trank ich beinahe jeden Tag viel Alkohol, habe mich sehr ungesund ernährt und mich eben gar nicht bewegt. Als ich dann damit anfing, spürte ich in den ersten Trainings schnell, wie lebendig sich mein Körper plötzlich anfühlte. Ich spürte ihn plötzlich wieder, im positiven Sinn, fühlte mich leichter und freier, kraftvoller und stärker.

Ich konnte dadurch meinen Gefühlen Raum geben und ihnen einen Kanal schenken, über den sie nach außen gelangen konnten. Den Alkohol ließ ich dann auch ziemlich schnell weg und ernährte mich zunehmend ausgewogener. Mit den ersten Wochen dann veränderte sich meine Haltung.. Ich war aufrechter, spürte durch die zunehmende Muskulatur und Spannung in meinem Körper, dass noch viel Kraft in mir verborgen lag.

Es machte mich selbstbewusster, zielstrebiger und ich erlangte ein gewisses Vertrauen in meinen Körper zurück. Außerdem verbesserte sich meine Konzentration, meine Schlafqualität, meine unkontrollierten emotionalen Ausbrüche nahmen ab. Ich spürte, wie sich eine Sehnsucht nach Freude in mir ausbreitete und im Training und auch nach dem Training durch die Hormonausschüttung stattfand. Zuversicht, Hoffnung und Mut gewannen durch mein Training wieder ihren Platz zurück. Das ging nicht von heute auf morgen, und war ein intensiver Prozess, aber jede Bewegung half mir, mich selbst wieder zu finden.

Der Sport hat dir etwas gegeben, das dir in der Trauer nichts anders geben konnte. Was genau war das?

Die Möglichkeit meinen ganzen Körper in meinen Trauerprozess miteinzubeziehen und meine eigene Kraft direkt spüren zu können. Ein Freiheitsgefühl, das ich bei keinen anderen Angeboten sonst gefunden habe.

Freunde können mal verreisen, Therapeuten mal im Urlaub sein, aber den Sport, den können wir für uns überall mit hinnehmen.

Ist es auch diese Selbstwirksamkeit, die dir so geholfen hat?

Ja absolut! Dieses Gefühl der Unabhängigkeit und der Selbstbestimmtheit, die den Sport so wertvoll für mich machten. Ich war dann ja auch viel unterwegs, um immer wieder Abstand vom Alltag zu gewinnen. Egal ob es Sri Lanka war, London oder Berlin, ich stand morgens auf suchte mir einen Strand oder Park und trainierte einfach los. Freier konnte ich nicht sein.

Tränen nennst du im Seelensport „Gefühlsperlen“, das klingt so wertvoll…

Ja, beim Sport schwitzt man ja ordentlich im Normalfall, beim SeelenSport schwitzt man eben neben dem körperlichen Schweiß auch die Gefühle raus – und da kullern dann die Gefühlsperlen hinunter

Trauer bringt viele Gefühle mit sich, Wut, Verzweiflung, Angst. Brauchst du zu den unterschiedlichen Emotionen auch unterschiedliche Übungen?

Ja unbedingt. Wenn wir uns Wut vorstellen, dann sehen wir gleich Fäuste vor uns und ein Stampfen, lautes Schreien. Da ist ganz viel Energie, die raus möchte. Das braucht schnelle Bewegungen, ein Hauen und Boxen.

Wenn wir Angst spüren (aber nicht direkt in echter Gefahr sind), brauchen wir ein Sicherheitsgefühl, das kann zum Beispiel sein, indem wir uns neigen und den Arm über den Kopf ziehen und leise zu uns sagen: Ich bin sicher und beschützt.

Oder wir möchten die Oberhand gewinnen und kämpfen gegen die Angst für einen Moment, fühlen uns dadurch mächtiger und erlangen Kontrolle zurück über unsere Gedanken. Wenn wir traurig sind, brauchen wir Ruhe, Nähe, Geborgenheit, eine Umarmung. Dafür braucht es langsame, ruhige Bewegungen , die sich an mein Inneres richten.

Mit der Zeit hast du begriffen, wie sehr dich all diese Gefühle auch weiterbringen, auch tragen, so schmerzhaft sie in dem Moment auch sein mögen. Magst du uns zu diesem Annehmen, zu dieser Akzeptanz einmal mehr erzählen?

Ja ich habe irgendwann verstanden, dass es nichts bringt den Gefühlen aus dem Weg zu gehen, sie einzudämmen, zu unterdrücken oder ignorieren. Wir glauben oft, wenn wir traurig sind und die Traurigkeit wegdrücken, dann wäre die Traurigkeit fort. Aber so ist es nicht, sie schlummert und werkelt weiter in uns und zeigt sich dann meist durch körperliche Reaktionen wie Schmerzen und Verspannungen.

Wenn ich mir aber stattdessen Zeit und Raum gönne und dem Gefühl Aufmerksamkeit und einen Ausdruck schenke, dann kann es rausfließen, belastet nicht mehr. Seitdem ich das verstehe und so praktiziere, geht es mir körperlich und seelisch so viel besser. Ich bin gelassener und lebe mit meinen Gefühlen statt gegen sie. Ich höre ihnen zu, erkenne darin meine Bedürfnisse und nehme sie an, wie sie nun mal gerade daherkommen.

Du möchtest auch andere bewegen. Nicht nur mit deiner Geschichte, sondern wirklich auch körperlich bewegen. Du bietest Kurse an, wer besucht sie?

Es sind vor allem Menschen, die Verluste erlebt oder Lebenskrisen durchgestanden haben. Sie kommen mit dem Wunsch, sich wieder zu spüren, sich zu bewegen und mit ihren Gefühlen zu arbeiten. Die Jüngste war bisher 11, die älteste Dame 74. Sie kommen aus allen Berufssparten und familiären Konstellationen. Die meisten davon haben einen positiven Zugang zur Bewegung bzw. den Wunsch danach. Außerdem sind es fast ausschließlich Frauen, die zu mir kommen. Männer gehen eher zu den männlichen Trainern.

Neben den Kursen für Trauernde bietest du aber auch Lehrgänge für Menschen an, die selbst Seelensport-Trainer werden wollen, was genau hat es damit auf sich?

Die Nachfrage kam ziemlich schnell, ob ich mein Wissen und meine Übungen nicht auch in einer Ausbildung anbieten könnte, denn Vielen wollten das Konzept gerne in ihrem Ort mit ihren Kund*innen ausführen. Also habe ich das umgesetzt und mittlerweile gibt es fast 30 Trainer*innen in Deutschland, Belgien, Österreich und Italien. Es war immer mein Wunsch, dass Menschen die Möglichkeit haben, zu einem Gesprächskreis zu gehen und/oder daneben einen SeelenSport Kurs besuchen können. Für 2022 sind bald wieder neue Termine offiziell draußen, voranmelden kann man sich dazu schon.

Nun warst du in letzter Zeit nicht nur mit deinem neuen Buch schwanger…. Erzähl mal, was dein Körper im Privaten grad mit dir macht….

Ich hab ja schon viel erlebt, auch körperlich, aber eine Schwangerschaft war und ist wieder eine ganz neue Herausforderung. Mit den letzten Jahren habe ich mich selbst und meinen Körper sehr gut kennengelernt und plötzlich wurde er mir mit jedem Tag wieder fremder und ich erkannte mich selbst nicht mehr. So vieles veränderte sich so schnell. Spannend, aber auch seltsam.

Mir war die ersten Wochen sehr übel, ich kämpfte mit Kopfschmerzen und einer echt heftigen Erschöpfung. Ich konnte mich daher kaum noch sportlich bewegen, ging aber viel spazieren. Mittlerweile hat mich leider eine Symphysenlockerung erwischt, was ziemlich schmerzvoll ist und unangenehm. Spazieren geht nun also auch nicht mehr, was wiederum für meine hohe Thrombosegefahr gar nicht gut ist. Aber ich war noch nie so glücklich um mein Trainingswissen, wie jetzt gerade. Das hilft mir sehr, weil ich mich nun doch gut auskenne, was ich machen kann und schnell Alternativen finde.

Welche Rolle spielt deine Trauer in der Zeit der Schwangerschaft?

Ich dachte, sie würde eine viel größere spielen, als sie es gerade tatsächlich tut. Vielleicht auch weil ich eben derart körperlich beschäftigt mit mir war/bin. Aber es gab natürlich auch sehr emotionale Momente, in denen ich Larissa nun besonders vermisse. Ich wünschte, ich könnte sie nun an meiner Seite haben und mit ihr diese Erfahrungen teilen. Sie fehlt mir schon besonders stark gerade und ich glaube, das wird noch mehr, wenn dann die Geburt da war. Aber das ist okay so, ich gebe dem Ganzen dann seinen Raum und dann passt es auch wieder. Die Trauer nimmt mich also nicht ein, sondern ist eher wie eine liebevolle Begleiterin.

Schaust du in ruhigen Minuten manchmal staunend auf dein Leben und denkst: Krass, nicht mal in einem Film würde der Regisseur so übertreiben?

Ohjaaaa, tatsächlich. Ich denke oft, wow, mein Leben bzw. die letzten Jahre könnten eine Netflixserie sein. Ich glaube, einem Regisseur würden definitiv die Augen aus dem Kopf fallen, wenn er das Drehbuch sehen würde. Sowas kann niemand erfinden, solche Geschichten schreibt wirklich nur das Leben.

Wer noch mehr über Katy lesen will, wir hatten bereits zwei Interview mit Ihr: Wie sie nach dem Mord an ihrer Schwester zurück ins Leben fand und über ihr erstes Buch über den Umgang mit der Trauer

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