Lucie Marshall über das Lernen mit unseren Kindern # Teil 3 unserer Serie „Wir lieben Elternsein“

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Lucie Marshall alias Tanya Neufeldt ist Schauspielerin und Bloggerin und Mutter eines 4-jährigen Sohnes. Im Herbst kommt ihr erstes Buch „Auf High Heels in den Kreißsaal“ bei Goldmann raus, auf das wir schon gespannt warten. Für uns schreibt sie heute über das, was uns Kinder beibringen. Vielen Dank für diesen Beitrag! Und hier ist er:

Frühförderung, Pisa-Studie, die „richtige“ Schule, am besten schon ein besonders guter Kindergarten, um bloß nicht die „Zeitfenster“ zu verpassen, in denen sich die richtigen Synapsen bilden, sonst ist alles verloren… das Thema “Bildung“ ist so übermächtig und erschlagend groß geworden, dass ich schon während der Schwangerschaft Schnappatmung bekam, wenn es aufkam.

Im Januar sind wir nach London umgezogen und hier ist es keinen Deut besser. Im Gegenteil. Hier schreiben die Kindergärten auf ihre Homepage, auf welche Grundschulen die „Abgänger“ es geschafft haben. Autsch!

Mein Sohn Sam ist jetzt vier Jahre alt. Und ehrlich gesagt sitze ich ganz oft vor ihm und denke: „Verflucht, wer lernt hier eigentlich vom wem?“ Zugegeben, Basics wie mit der Gabel essen und die Hose zuknöpfen hat er von mir gelernt (oder abgeguckt). Aber die Neugierde, Dinge mal ganz anders zu betrachten oder sie sich überhaupt anzusehen, geht ausschließlich auf seine Kappe.

Star Wars zum Beispiel hat in meinem bisherigen Leben keine Rolle gespielt und ich habe ausgiebig mit den Augen gerollt, als Sam damit ankam. Aber wusstet ihr, dass in Star Wars so kluge Sätze gesagt werden wie: „Es kommt nicht darauf an, wer die Macht hat, sondern wie er sie einsetzt!“.

Das ist ja geradezu hochphilosophisch. Seitdem lerne ich mit ihm zusammen die Namen der „Starwarsmenshen“ und wer zu wem gehört. Im letzten Jahr hat Sam in einem Stickeralbum einen Waran entdeckt und wollte sofort alles über dieses Tier wissen. Ich hatte keinen blassen Schimmer und null Antworten parat. Und so haben wir zusammen Bücher gewälzt, haben im Internet gesurft und sämtliche Dokumentationen über Warane gesehen. Seitdem weiß ich, dass Warane die ältesten lebenden Echsen sind, sie 52 verschiedene Bakterien in ihrem Speichel haben und dass man sich nicht von ihnen beißen lassen sollte. Jetzt bin ich für die Komodo-Insel gewappnet!

Als wir das erste Mal durch die Straßen von London spazieren gehen, sagt Sam: „Mama, warum sind so viele Schornsteine auf die Häuser?“ Ich habe bis heute darauf keine Antwort gefunden, aber erschreckender finde ich, dass es mir gar nicht aufgefallen ist.

Sam hat mir beigebracht, dass eine Blaubeere am leckersten schmeckt, wenn man sie in die Himbeere reinsteckt (das ist wirklich sensationell) und dass man Nacktschnecken am besten in der Hosentasche sammelt, um sie so vor dem Regen zu beschützen.

Und vor ein paar Tagen krabbelte er morgen zu mir ins Bett, kuschelte sich an mich und sagte: „Mama, ish will heute im Bett bleibe.“ Und Recht hatte er. Wir sind in einem Megaspurt nach London umgezogen und sofort in den „normalen“ Alltag eingestiegen. Und während ich so tue, als ob das alles nicht der Rede wert ist, erinnert mich mein Sohn daran, dass ich mich gerade von rechts überhole und meine Seele wahrscheinlich noch irgendwo im Ärmelkanal hängt.

Ob mich Sam manchmal anstrengt? Na klar tut er das. Aber vor allem, weil er mich daran erinnert, dass ich flexibel bleiben muss, dass Pläne zum Ändern da sind und man aus einem ganz wichtigen Arbeitsvertrag großartige, bemalte Papierflieger basteln kann.

Das Problem ist nicht mein Sohn, das Problem ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die wahnsinnig wenig Spielraum für das Leben lässt. Because life is what happens while you make other plans.

Wie lässt sich das alles vereinbaren: Miete zahlen, Job, Schulpflicht und die eigenen Bedürfnisse? Keine Ahnung. Wie klingt es in den Ohren einer voll arbeitenden Mehrfachmutter, deren Partner spät nach Hause kommt, dass sie sich entspannen soll, den Augenblick genießen, ihren Kindern zusehen und von ihnen lernen soll? Wie eine akustische Ohrfeige wahrscheinlich.

Und doch: Ein Lächeln bewirkt physiologisch und muskulär mehr als jede Yogastunde, ein befreites Lachen über einen verschmierten Küchentisch, bescheuerte Mahnungen und nicht gemachte Hausaufgaben lässt mehr Dampf ab, als eine Keiftirade in große Kinderaugen, die gar nicht verstehen, warum Mama nicht so viel Spaß hatte. Wir hungern nach Anerkennung von außen, dabei wären wir unsere besten Bestärker. Es gibt keine Universallösung, aber wir müssen uns täglich daran erinnern lassen, dass wir trotz aller äußerlichen Zwänge „die Bestimmer“ sind.

Ein Versuch: Schreibt eine Liste, auf der alles steht, was ihr heute und gestern erledigt habt: Und zwar ALLES. Vom Klorolle auswechseln, Handtücher zusammenlegen, alte Socken hinterm Sofa herauspopeln und Dankeskarten für Geschenke schreiben. Sogar die Nachbarin grüßen zählt dazu und Windeln wechseln. Dann seht euch diese Liste an und sagt: Wow, das alles schaffst du an einem Tag? Das ist verflucht viel.

Um meinen Sohn zu zitieren: „Mama, weißt du Joda hat seine Feind durch die Luft geschmeißt! Aber nish mit seine Hände, sonder mit seine Kopf! Nur weil er gedenkt hat! Wirklish!“

Aber so lange wir diesen Jedistatus noch nicht erreicht haben, um das Leben durch die Luft zu werfen, müssen wir uns vielleicht mit Fancis Picabia’s Satz begnügen: Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann!

In diesem Sinne: Möge die Macht mit uns Müttern sein!

 

 

 


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8 comments

  1. Schön:o)
    Wunderbar!!! Was habe ich gelacht!!! So wahr!!! Toll, dass Ihr solche super Autorinnen bekommen habt:o)
    Es macht großen Spaß sich damit ein bisschen die Pause (Mittagsschlaf) zu versüßen:o)
    Liebe Grüße!
    Kirsten

  2. Oh Yes!
    davon bitte noch einen Kurztext „Lucie“, damit ich ihn mir ausdrucken und an den Kühlschrank hängen kann- das tut gut, jeden Tag!
    liebst *die lisa

  3. Danke!
    Wunderschöner Artikel, der mitten ins Herz trifft! Mamasein kann soooo schön sein… Lieblingssatz:
    „Das Problem ist nicht mein Sohn, das Problem ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die wahnsinnig wenig Spielraum für das Leben lässt.“

    Danke dafür!

  4. Dankeschön
    …für diesen tollen Beitrag. Den find ich super. Hab gar keine Kritik zu äußern 😉

    These: Noch besser als Lächeln und Yoga ist Lächeln BEIM Yoga. Zugegeben, mir gelingt das sicher nicht in den Momenten, in denen ich denke „Scheiße, mir brennt gleich der Oberschenkelmuskel durch“. Aber zuweilen, da klappt’s für einen Moment, und das ist richtig gut für die Seele. Äh, das war jetzt wohl off topic, sorry.

  5. Wundervoll
    ein ganz toller Text der mir meine Mittagspause (söhnchen macht Mittagsschlaf) versüßt und zum schmunzeln angeregt. Vielen Dank dafür 🙂