Plötzlich alles anders: Wie ich nach dem Tod meines Bruders weitermache

Schicksalsschlag

Katharina und ihr Bruder.

Drei Wochen vor ihrem dritten Bergsommer erlebte Katharina das, wovor sich viele fürchten: ein Schicksalsschlag. Ihr jüngerer Bruder – ihr seht ihn auf dem Foto hier drüber – starb bei einem tragischen Unfall. Ein paar Jahre zuvor stand Katharina auf der „anderen“ Seite, betreute die Opferfamilien beim Unglück der Costa Concordia. Ihr persönlicher Schicksalsschlag hat sie verändert, mitfühlender gemacht, sich selbst und anderen gegenüber. Für ihr neues Buch „Manchmal sucht sich das Leben harte Wege“ sprach sie mit dreizehn Menschen aus ihrem Umfeld über ihre Schicksalsschläge und wie es ihnen gelang, wieder Lebensmut und Zuversicht zu schöpfen. Für uns hat sie diesen Gastbeitrag verfasst.

Tod des Bruders
„Manchmal sucht sich das Leben harte Wege“

Versuch einmal, dir folgende Situation vorzustellen. Stell dir vor, dass achtzig Prozent deiner Gedanken negativ sind. Und dass von diesen achtzig Prozent wiederum achtzig Prozent in Dauerschleife laufen. Der Großteil der Suppe in deinem Kopf ist also ziemlich trüb, und das meiste davon dreht sich in einem Strudel, der nicht enden will. Was meinst du, wie fühlt sich das an? Das, liebe Leserin, ist der ganz normale Alltag – von uns allen! Studien haben das herausgefunden, und Jay Shetty hat kürzlich in seinem Podcast davon berichtet.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir alle schon mal an den Punkt gekommen sind, an dem wir nicht mehr konnten und vor dem Gedankenkarussell in die Knie gehen wollten. Dann fühlt es sich an, als ob die ganze Welt gegen einen ist, und blöderweise fehlt uns ausgerechnet dann eine gehörige Portion Selbstliebe.

Und jetzt stell dir einmal vor, was mit deinem fiesen Gedankenautopiloten passiert, wenn in deinem Leben etwas richtig Schlimmes geschieht. Mehr als Liebeskummer. Mehr als ein Streit auf der Arbeit. Mehr als dass du aus der Wohnung raus musst. Wenn wir schon im ganz normalen Alltag alle Kraft dafür brauchen, dass die negativen Gedanken nicht Überhand nehmen, wie ist es dann erst, wenn das Schlimmste vom Schlimmen eintritt, ein Schicksalsschlag?

So fühlt er sich an, der totale Ausnahmezustand

Mir und meiner Familie ist das, was jedem jederzeit passieren kann, passiert. Ein Schicksalsschlag. Der totale Ausnahmezustand. Vor fünf Jahren hat ein 81-jähriger Mann meinen 35-jährigen Bruder überfahren. Nimm die schlimmste Grippe deines Lebens, addiere achtzig Lebensjahre, substrahiere alle Lebensfreude und schlepp dich in eine Höhle. Und hier bleibst du. Niemand kann dir sagen, wo das Licht angeht. Oder wo der Ausgang ist. Und den willst du auch gar nicht sehen, selbst wenn du könntest. Du willst noch nicht mal wissen, wo er ist oder ob es überhaupt einen gibt. Jetzt nicht und noch lange nicht. Niemand kann dir sagen, wann dein Appetit wiederkommt oder dein Schlaf. Geschweige denn dein Lächeln. Und du weißt, dass es das jetzt erst einmal gewesen ist mit der Leichtigkeit des Lebens.

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Ein Schicksalsschlag macht aus deinem Leben zwei: eins davor und eins danach

Der plötzliche Unfalltod meines Bruders machte aus meinem Leben zwei. Eins davor und eins danach. Natürlich hatte ich mich auch schon zuvor von anderen geliebten Menschen verabschieden müssen, von meinen Großeltern, meinem Onkel. Doch was ich jetzt erlebte, war mit nichts vergleichbar. Von jetzt auf gleich war die natürliche Ordnung außer Kraft gesetzt. Nichts stimmte mehr. Nichts machte mehr Sinn! Die Gedanken, die ja ohnehin oft genug machten, was sie wollten, konnte ich kaum noch kontrollieren, und oft war da nur noch Angst. Ob ich jemals wieder würde glücklich sein können, lag jenseits, weit, weit jenseits meiner Vorstellungskraft.

Es geht wirklich: gut und gern weiterleben nach einem Schicksalsschlag

Heute weiß ich, wie Millionen und Abermillionen vor mir, dass ich weiterleben, sogar gern und gut weiterleben kann. Das war und ist ein harter Weg, mit vielen Ups and Downs, und mindestens genauso oft, wie ich versucht habe, mich dem Schmerz zu stellen, habe ich einen weiten Bogen drumherum gemacht. Es tat einfach zu weh, und manchmal fühlte ich mich unendlich einsam. Sah denn keiner, wie es mir ging? Sah keiner diese riesige Wunde mitten in meinem Brustkorb?

Als ich mich mit der Zeit wieder an die Oberfläche gekämpft hatte, begann ich zu überlegen, was und wer mir in meiner Trauer geholfen hatte. Und ich begann darüber nachzudenken, wie es anderen ergangen war. Zum Beispiel meiner Bekannten Alexandra, deren Tochter mit zwei Jahren an Krebs erkrankte und von der sie sich nur ein Jahr später für immer verabschieden musste. Oder Martin, dessen halbe Familie von einem Geisterfahrer ausgelöscht wurde, als er auf Schüleraustausch in Frankreich war. Oder Vera, deren schwerkranker Vater sich dazu entschied, mit dem Essen und Trinken aufzuhören, weil es in Deutschland (noch) keine Sterbehilfe gibt.

Ein Buch über die vielen Wege aus der Trauer

Aus meinen Gesprächen mit anderen Betroffenen ist mein Buch „Manchmal sucht sich das Leben harte Wege“ entstanden. Darin erzähle ich meine eigene Geschichte und die Geschichten von Alexandra, Martin, Vera und weiteren Menschen aus meinem Umfeld. Es ist erstaunlich zu beobachten, wie jede*r einzelne einen Weg durch den dunkelsten Tunnel des Lebens fand und für sich Tools entwickelte, die dabei halfen, wieder das Gute und Schöne im Leben zu sehen. Ja, die Geschichten gehen unter die Haut. Und sie schenken so viel Hoffnung und Licht!

Ich möchte aber auch das noch anfügen: Die Protagonist*innen haben mir auch davon berichtet, welche zusätzlich schmerzhaften Erfahrungen sie in ihrer Trauer gemacht haben. Wenn Nachbarn oder Bekannte buchstäblich die Straßenseite wechselten, um den Betroffenen nicht unter die Augen zu treten. Wenn Freunde sich zurückzogen, weil sie mit dem Schmerz nicht umgehen konnten. Oder weil es ihnen schlicht zu anstrengend war, dass der/die Trauernde „immer wieder mit demselben Thema“ ankam.

Bruder gestorben

Das können wir alle tun: mehr mitfühlen

Was ich mir wünsche? Dass wir versuchen, mitfühlender zu sein. Wir wissen nicht, was im anderen gerade vorgeht, schon im ganz normalen Alltag, wenn bereits einfach so achtzig Prozent der Gedanken negativ sind … Und wir wissen erst recht nicht, wie es in jemandem aussieht, der einen Schicksalsschlag erlebt hat. Lass uns offen sein, zuhören, eine helfende Hand reichen. Denn ob wir wollen oder nicht – früher oder später erwischt es uns ja auch selbst und dann möchten wir doch auch Hilfe erhalten.

Katharina Afflerbach, geboren 1977, wohnt in Köln und ist Autorin, freie Texterin, Coach und im Sommer Sennerin in den Schweizer Bergen.

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1 comment

  1. Nirgendwo habe ich jemals eine treffendere Beschreibung des Trauerzustandes gelesen… Vielen Dank. Es tut so gut, das lesen zu können, was man selbst gefühlt hat, aber nicht in Worte fassen konnte.

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