Selektive Essstörung: „Ich mag fast gar nichts und das ist keine Anstellerei“

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Ihr Lieben, wenn ein Mensch essenstechnisch nicht so viele Dinge mag, wird schnell gesagt: „Jetzt stell dich doch mal nicht so an“. Dabei kann auch eine Erkrankung, nämlich eine Selektive Essstörung verantwortlich dafür sein. Habt ihr das schon mal gehört? Jenny hat die Krankheit selbst, tauscht sich dazu viel in Gruppen aus und ist um Aufklärung bemüht.

Liebe Jenny, dein Speiseplan ist recht begrenzt, weil die Palette an Lebensmitteln, die für dich erträglich sind, stark eingeschränkt ist. Was kannst du denn essen und was gar nicht?

Es ist um einiges leichter aufzuzählen, welche Lebensmittel ich esse. Ich würde sagen, dass ich bis zu 70% aller Lebensmittel nicht essen kann. Dabei hab ich noch Glück im Unglück, denn es gibt auch Extremfälle, bei denen die Betroffenen nur ein Gericht morgens, mittags, abends essen können.

Die größten Schwierigkeiten habe ich mit Obst und Gemüse. Dabei ist nicht ausschlaggebend, wie gesund die Lebensmittel sind. Zum Beispiel esse ich wahnsinnig gerne Spinat, aber nur der mit dem Blubb und auch nur der ganz feine, Blattspinat geht wiederum nicht. Es kommt auf Konsistenz im Zusammenhang mit Farbe, Form und Geschmack an. Ich kann etwa auch Joghurt mit dem Geschmack von Erdbeeren essen. Erdbeeren selber könnte ich aber niemals essen. 

Fiel das bei dir schon in der Kindheit auf, dass du nicht besonders viel mochtest?

Ja, schon sehr früh, solange ich denken kann. Meine Mutter hat mir berichtet, dass ich zu Beginn der festen Nahrungsaufnahme zwar noch das meiste probiert habe, aber viel wieder erbrochen habe und irgendwann das Verweigern anfing und geweint habe. Sie hatte Gott sei Dank Verständnis dafür, dadurch hatte ich jemanden, bei dem ich mir wegen dem Essen keine Gedanken machen und wo ich keine Panik haben musste. 

Gibt es auch Fälle, in denen die selektive Essstörung nicht angeboren ist, sondern sich erst später, z.B. durch Zwang, entwickelt?

Ja, auf jeden Fall. Traumatische Erfahrungen wie „Du bleibst sitzen bis der Teller leer ist“ oder gar eine Portion auf ner Gabel, die einem dann gezwungen in den Mund gesteckt wird, können Auslöser sein. 

Hattest und hast du viel mit Vorurteilen zu kämpfen, giltst als kompliziert oder eben als zu wählerisch?

Damit habe ich immer schon zu kämpfen. Dabei sehe ich mich eigentlich als unkompliziert an. Ich brauche keine Saucen, Beilagen, Salate, denn ich würde es nicht essen können. Das erspart ja auch Arbeit, weshalb ich manchmal nicht verstehen kann, wieso es für manche so schwierig ist, mir halt nicht alles Mögliche auf den Teller zu packen. 

Ständig zu hören zu bekommen, dass man Dinge nicht isst, weil sie ja zu gesund für den Betroffenen sind, ist für niemanden schön, wenn man es selber nicht steuern kann. Leider prägt das extrem, aber seitdem es endlich eine Erklärung dafür gibt, versuche ich mein Gegenüber darüber aufzuklären. Die meisten bleiben dennoch skeptisch und stellen einen weiter als mäkelig hin und dass das ein Wohlstandsproblem ist. 

Wie ist das bei dir, fängt der Ekel schon an, wenn du nur an bestimmte Speisen denkst, wenn du sie siehst oder wenn du sie probierst?

Dran denken geht noch, sobald mir die Lebensmittel aber zu nah kommen beginnt der Ekel schon. Vieles kann ich nicht mal in die Hand nehmen, ohne mich zu ekeln. Probieren ist völlig unmöglich. 

Wie reagiert dein Körper dann?

Von leichtem Ekel bis zu Panikattacken vor Weihnachtsessen ist alles dabei. Ich mache mich wahnsinnig und kann nicht schlafen, wenn ich höre, dass ich zu einem Essen eingeladen werde. Ich muss genau wissen, was es gibt oder in welches Restaurant es geht. Und ich kann auch nicht mehr zählen, wie oft ich wegen „Krankheit“ das Essen dann doch habe ausfallen lassen. 

Würgen und Erbrechen gehören für viele Betroffene zum Krankheitsbild, stimmt das?

Ja, das ist richtig. Das gehört zum Ekel ja auch dazu. 

Die meisten Betroffenen denken, sie wären die Einzigen, die dieses Problem hätten. Gibt es denn auch Hilfsangebote und Anlaufstellen?

Mittlerweile haben sich über Social Media einige Leute zusammengefunden, die dasselbe oder ähnliche Probleme haben. Es tut unglaublich gut zu wissen, dass es anderen auch so geht und man nicht allein mit dem Problem ist. Man unterstützt sich und teilt Erfolge, wenn man doch mal etwas probieren konnte. Man hört sich zu und gibt Tipps.

Leider ist die SED noch nicht sehr weit erforscht, weshalb es noch nicht sehr viele Anlaufstellen für eine Therapie gibt. Dennoch befassen sich auch Therapeuten immer mehr mit dem Thema. Des Weiteren gibt es den Verein für Selektive und vermeidende, restriktive Essstörungen (SED/ARFID), sowie Facebook Gruppen. 

Am meisten hilft es den Betroffenen, wenn ihr Gegenüber sich nicht über sie lustig macht. Zwingen macht es nur schlimmer. Verständnis ist wichtig und vor allem: das „safe food“, also ein Gericht, dass der Betroffene ohne Probleme essen kann und dass niemals manipuliert werden darf. Das würde das Vertrauen zerstören und die betroffene Person hat wieder ein Gericht weniger, das sie essen kann. 

Was möchtest du Menschen mit auf den Weg geben, die vorschnell urteilen, wenn du wieder nur dasselbe im Restaurant bestellst?

Jeder kennt es doch, jeder hat ein Gericht, das er partout nicht essen kann. Jetzt muss man sich vorstellen, dass es nicht nur bei einem Gericht ist, sondern bei fast allem.

Die Betroffenen suchen sich das nicht aus, sie versuchen tapfer damit zu leben und verdienen es, unterstützt und verstanden zu werden.

Jeder hat sein Päckchen zu tragen und mit Unterstützung und Verständnis macht es einem das Leben doch einfacher, egal in welchem Lebensbereich. 

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4 comments

  1. Was hier gerade massivst stört, ist die Tatsache, dass die Erkrankung als Gott gegeben und quasi nicht therapierbar dargestellt wird. Das würde einem Menschen mit Spinnenphobie so nie in den Sinn kommen. Ich kann nicht nachvollziehen wieso hier dieser Darstellung überhaupt Raum gegeben wird. Ja, es gibt solche psychischen Erkrankungen und ja zu einem gewissen Teil spielt da sicher auch eine gewisse genetische Veranlagung mit rein, aber von vorn herein ein Therapiemöglichkeit quasi auszuschließen, finde ich persönlich problematisch. Das ist, wie wenn ich über meine ADHS Symptome jammere und gleichzeitig nicht bereit bin eine Verhaltenstherapie und eine medikamentöse Therapie anzustreben. Und dabei handelt es sich im Gegensatz zu einer Essstörung um eine nachweislich strukturell anders funktionierenden Hirnvernetzung. Ein bisschen Anstrengung und Eigenverantwortung in Sachen Heilversuch erwarte ich dann doch.

  2. Liebe Jenny. Danke, dass Sie sich getraut haben das öffentlich zu machen. Ich kann es, durch meinen Sohn, so gut verstehen.
    Viel Kraft und gute Nerven – v.a. bei Kommentaren von Leuten die keine Ahnung haben. Das fällt mir zB schwer.
    LG

    1. Nun stellen Sie sich vielleicht mal vor Sie hätten ein Kind mit dieser Erkrankung…. Und dann suchen Sie mal nach geeigneter Therapie in Deutschland…. Dann, evtl Jahre später, wächst vielleicht etwas Verständnis wie es Menschen geht deren Erkrankung überhaupt erst seit einigen Jahren als Diagnose existiert und zu der es leider noch immer sehr wenig Forschung und Therapie in erreichbarer Nähe oder Sprache gibt…

  3. Essstörungen sind mit die am schwersten zu therapierenden psychischen Erkrankungen, eine Heilung gelingt nicht immer, aber manchmal eben schon und eine deutlicheVerbesserung erzielen viele.

    Therapiemöglichkeiten gibt es, auch für atypische Esstörungen. Wenn man eine realistische Chance haben will, bedeutet das aber idR mehrere Monate sehr anstrengende stationäre Therapie.

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