Update von Dreifachmama zu Dreifachmama: Ist der Stress und das Chaos weniger geworden?

Dreifach-Mama

Liebe Andrea, unser letztes Interview ist nun ein halbes Jahr her. Im Januar war Dein drittes Kind gerade mal vier Monate alt und Du warst ganz schön erschöpft. Wie geht es Dir gerade?

Ich bin immernoch erschöpft. Irgendwie anders, aber doch gleich. Die Kinder werden ja älter, sind jetzt fünf und drei Jahre, das Baby zehn Monate. Und sehr agil. War er früher größtenteils dabei, aber auf dem Arm, ist er jetzt eben mittendrin. Man hört ja immer, dass die dritten Kindern bei allem eher schnell sind. Also für uns kann ich das bestätigen. Unser Baby steht zwischen seinen Geschwistern, klettert ÜBERALL hoch und wir müssen noch mehr aufpassen. Und die Größeren entdecken mehr und mehr ihren Willen, ihre Selbstständigkeit. Alle drei merken, dass die Ressource "Eltern" begrenzt ist, was zu Streitigkeiten führt. Das alles erschöpft mich sehr.

Was hat sich seit dem letzten Gespräch geändert?

Mein Mann ist in Elternzeit. Und wir haben eine Babysitterin, die einmal die Woche die Kinder von der Kita abholt und mit ihnen auf den Spielplatz geht. Ansonsten wuppen wir das Chaos aber nach wie vor komplett allein und ich frage mich oft, wie andere Familien das alles schaffen. Wir können ja nicht die Einzigen sein, die ohne Familie im Hintergrund drei Kinder großziehen.

Du hattest Dir besonders von der Elternzeit deines Mannes Entlastung erhofft…

Ja, das hatte ich wirklich gehofft. Ich hatte geglaubt, dass alles einfacher wird, wenn wir zu zweit sind. Stattdessen habe ich unterschätzt, dass ich eben keine Elternzeit mehr habe. Ich bin zwar selbstständig und deswegen die meiste Zeit im Home-Office. Aber das verwechseln irgendwie alle anderen Familienmitglieder sehr oft mit "Mama ist Zuhause".

Ich schreibe also meine Artikel zwischen Kindergeschrei, Babychaos und Orgakram und habe an schlechten Tagen das Gefühl, komplett überfordert zu sein. In der Elternzeit muss man sich weniger um seinen Beruf sorgen, da ist man in erster Linie eben fürs Kind da. Und alle Beteiligten wissen das. Wenn ein Elternteil in Elternzeit ist und der andere im Home-Office werden oft Grenzen verschoben. Klar will ich an warmen Sommertagen auch lieber mit meiner Familie an den See. Und abends merke ich dann, dass ich dafür doppelt soviel Arbeit auf dem Tisch habe. Es ist ein Balanceakt und ich schaffe es nicht immer, alle Bälle in der Luft zu halten.

Davon abgesehen, mein Mann fragte erst neulich, wann er denn mal Urlaub von der Elternzeit haben darf. Denn auch für ihn ist es natürlich stressig die Kinder immer zu beschäftigen, wenn ich zwar Zuhause, aber nicht erreichbar für sie bin. Ein externes Büro bedeutet aber zusätzliche Kosten, die im Moment einfach nicht drin sind.

Du hattest Dir das letzte Mal vorgenommen, Dir auch wieder mehr Zeit für Dich ganz alleine zu nehmen – hat das geklappt?

Äh… nein. Bei der Frage muss ich tatsächlich lachen. Ich bin mir sehr sicher, dass ich das genau so gesagt habe. Aber da war wohl der Wunsch Vater des Gedanken. Im letzten halben Jahr hatte ich, glaube ich, zwei Stunden, an denen ich mich mal ohne Baby oder Kinder mit einer Freundin getroffen habe. Das Baby kann besonders abends nicht ohne mich sein, er schläft auch nie alleine sondern nur auf mir gekuschelt. Also bleibe ich abends zuhause, während mein Mann schon mal unterwegs auf Konzerten ist oder sich mit Freunden trifft.

Andere Eltern sind da sicher anders und denken mehr an sich. Wenn ich so darüber nachdenke, dann glaube ich, dass der Fehler bei mir liegt. Aber dann wieder denke ich: Ist es denn falsch meinem Baby die Sicherheit zu geben, die es braucht? Meine Zeit wird kommen. Und bis dahin fragt ihr mich einfach in regelmäßigen Abständen nach meiner Zeit für mich, so dass ich es nicht ganz vergesse, ok?

Du bist damals sehr offen damit umgegangen, dass Du am Rande deiner Belastbarkeit angekommen bist – welche Reaktionen gab es darauf? 

Von euren Leser_innen habe ich in der Tat sehr sehr viel Zuspruch erhalten. Die allermeisten Reaktionen auf den Artikel waren total positiv. Ich habe so so viele Mails und Nachrichten bekommen, dass es tatsächlich drei Monate gedauert hat, bis ich die meisten beantwortet hatte. Viele Frauen haben mir von ähnlichen Erfahrungen berichtet. Das freut mich einerseits, weil ich ja wirklich dachte, ich sei ganz allein damit – es macht mich andererseits aber auch traurig, weil es ja zeigt, dass diese Erschöpfung eher ein strukturelles Problem ist.

Meinen Artikel haben fast 200.000 Menschen gelesen, da ist auch klar, dass nicht alle Kommentare positiv sind. Das, was mir am meisten in Erinnerung blieb, war der öfter geäußerte Vorwurf, dass ich ja selbst schuld daran bin. Weil mich ja niemand gezwungen hat, drei Kinder zu bekommen. Und auch über den geringen Altersabstand zwischen den Kindern wurde viel gesprochen, es sei halt falsch Kinder so nah beieinander zu bekommen. Diese Kommentare machen mich schon auch traurig, weil sie mir sagen "Du bist das Problem! Jammer nicht, mecker nicht, beschwer dich nicht, Du bist Schuld". Klar waren die Kinder meine Entscheidung. Aber woher weiß man denn vorher wie dieses ganze Familiending laufen wird?

Wie hat sich Deine Partnerschaft in den letzten Monaten durch die Belastung verändert?

Wir zoffen uns öfter. Ich glaube auch, weil mein Mann eben in Elternzeit ist und wir mehr aufeinander hocken. Weil auch er mehr an seine Grenzen kommt. Gleichzeitig sind wir in vielem aber auch gelassener und lachen öfter miteinander. Weil das irgendwie hilft dem ganzen Stress besser Stand zu halten. Und es hat uns tatsächlich auch noch mehr zusammengeschweißt. Weil wir eben wissen: Wir Zwei, wir schaffen das zusammen.

Erzähl uns mal von dem letzten richtig richtig schönen Familienmoment.

Mir fallen auf Anhieb ganz viele ein. Wie die Größeren sich ums Baby kümmern, wenn ich gerade noch irgendwas schnell fertig machen muss. Wie mein Dreijähriger aus dem Gebüsch einen riesigen Strauch zerrt, um dem Baby Schatten zu spenden.

Oder aber, wie wir mit der Bahn fahren, abends, alle schon müde. Und die Kinder so absurd laut sind, dass ALLE in der Bahn uns anstarren. Die Kinder reden irgendeinen Quatsch, ich versuche mehrfach sie dazu zu bewegen etwas leiser zu sein. Ich verstehe das ja, meine Kinder sind laut und nicht jeder möchte seinen Feierabend mit aufgeregtem Kindergeplapper verbringen. Jedenfalls müssen mein Mann und ich gleichzeitig aber auch lachen, weil die Kinder so fröhlich sind und soviel Quatsch im Kopf haben und irgendwie auch ziemlich niedlich sind. Ab und zu erhasche ich auch amüsierte Blicke der anderen Mitreisenden. Wir stehen auf, unsere Haltestelle ist die nächste und ich wende mich an die Menschen um mich. "So, nun freuen Sie sich, der Zirkus verlässt die Bahn, ich wünsche Ihnen einen ruhigen Abend. Genießen Sie die Ruhe, wir können das leider nicht." Und 10 Leute um uns herum fangen laut an zu lachen und versichern uns, dass sie großen Spaß mit uns als Familie hatten und die Kinder schon ganz richtig sind, so wie sie sind. Da denke ich gern dran zurück, weil ich zum einen dachte: Ach komm, du kannst deinen Kindern auch nicht immer sagen, dass sie leise sein sollen, und andererseits fremde Menschen meinen Kindern die Rückmeldung gaben, dass sie genauso wie sie sind, sie vollkommen in Ordnung sind. Das stärkt irgendwie Eltern und Kinder, oder?

Und was war der letzte "Hier ist Voll-Chaos"-Moment?

Eigentlich immer. Vor ein paar Tagen regnete es ziemlich heftig, wir mussten aber zu einem Termin. Ich bat die Kinder Gummistiefel anzuziehen, gab jedem einen Schirm, zog mir Gummistiefel an. Mein Mann weigerte sich, was dazu führte, dass er zum einen nasse Füße bekam, zum anderen aber dafür sorgte, dass mein Sohn ihm und mir bestimmt 30 mal (!) erklärte, dass er ja auf mich hätte hören sollen und einfach auch die Stiefel hätte anziehen können. Am Ende, als wir alle wieder zuhause waren dachte ich: Andrea, sei stolz auf dich. Nicht nur, dass alle fünf Familienmitglieder wieder einigermaßen trocken zuhause angekommen sind, nein, du hast es auch geschafft alle vier Schirme wieder mitzubringen. Es sind die kleinen Dinge, oder?

Du arbeitest ja auch als freiberufliche Journalistin – gibt Dir das Kraft oder ist es für Dich gerade nur noch mehr Druck?

Irgendwie beides. Einerseits setzt es mich wahnsinnig unter Druck, weil eben das Haushaltseinkommen zum größten Teil aus meiner Selbstständigkeit bestritten wird. Ich muss also Artikel schreiben, Aufträge finden, gut vernetzt sein und immer am Ball bleiben. Das ist wahnsinnig herausfordernd, wenn gleichzeitig ein 10-Monatsbaby an einem hängt und lieber Mama als Papa will. Mein Sohn wird noch voll gestillt, an Essen hat er wenig Interesse, weswegen mein Mann in seiner Elternzeit eben auch nicht stundenlang mit ihm unterwegs sein kann. Irgendwie beide Aufgaben inne zu haben. Geld verdienen UND Kinder großziehen, das ist viel.
Andererseits freue ich mich, dass es einige Auftraggeber gibt, die seit drei Kindern immer wieder darauf warten, dass ich mit ihnen zusammenarbeite. Die meine Arbeit schätzen.
Klar wäre es einfacher, hätte ich einen 9to5 Job, bei dem ich regelmäßig mein Gehalt bekomme. Aber dann würde mir vermutlich auch die Freiheit fehlen im Sommer eben doch spontan an den See zu fahren.
Ich sag mal so: Wenn jemand auf der Suche nach einer Journalistin (für Familienthemen) ist, meldet euch gern.

Was wünscht Du Dir für das nächste halbe Jahr?

Urlaub. Also im Ernst, die Elternzeit meines Mannes geht noch bis November. Und die wollen wir zum Reisen nutzen. Es ist das letzte Jahr bevor meine Tochter in die Schule kommt und sich sowieso wieder alles ändert. Also werden wir, wenn alles gut läuft, in den nächsten Monaten noch etwas reisen. Abgesehen davon wünsche ich mir, dass die stressigen Momente weniger werden. Dass ich es schaffe innezuhalten und nicht immer nur von Aufgabe zu Aufgabe zu Aufgabe zu springen.

— Wer mehr von Andrea lesen möchte, kann dies auf ihrem Blog Runzelfüßchen tun! 

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3 comments

  1. Ohja
    Danke für das tolle Interview… Es tut gut zu lesen, dass es in anderen Familien auch so stressig ist 🙂 am schwierigsten finde ich den Punkt, keine Familie im „backoffice“ zu haben… Diese kleinen Momente, in denen man sich gegenseitig unterstützen kann fehlen hier auch völlig… Und wenn alles auf zwei Erwachsene aufgeteilt ist, stresst das und belastet… Wir haben auch seit 9 Wochen 3 Kinder und es ist der helle Wahnsinn… Aber irgendwie geht es ja immer):) Lg Julia

  2. Danke für das schöne und
    Danke für das schöne und ehrliche Interview. Mir geht es ähnlich wie dir und irgendwie beruhigt es mich auch dass auch andere sich erschöpft fühlen und das auch sagen und nicht nur „heile Welt“ vorspielen. Ich hab zwar „nur“ 2 Kinder, aber arbeite neben der Betreuung meiner Kleinen (gerade 1 Jahr) geworden im Home Office. Sie isst immer noch schlecht, will immer gestillt werden (vor allem Abends), so dass ich auch nie Zeit für mich habe, auch wenn mein Mann dann Abends von der Arbeit kommt. Ich fühle mich erschöpft, aber ich weiß auch: es kommen wieder andere Zeiten… und so sehr ich die Zeit mit meinen 2 genieße, so freue ich mich doch such wieder mal Zeit für mich zu haben.
    Dir viel Kraft das weiterhin durchzuhalten.

  3. Liebe Andrea…
    …mit großer Bewunderung habe ich gerade Dein Interview gelesen. Respekt vor eurer Leistung aber v.a. vor DEINER als selbständige Mama dreier Kinder. Das Thema „Kinder und Job“ ist leider immer noch eines, das man (trotz 21. Jhdts) nicht so leicht auf die Reihe kriegt und daher ziehe ich meinen Hut ganz ganz tief vor dem, was Ihr, Du und Dein Mann tagtäglich wuppt!
    Ich bin Mama zweier kleiner Jungs (zweidreiviertel und 11 Monate) und kümmere mich mit meinem Mann zu gleichen Teilen um die Kinder (wir sind beide Lehrer, daher geht das ganz gut) und dennoch komme ich (bin noch einen Monat in Elternzeit) regelmäßig an meine Grenzen. Nächsten Monat fange ich dann wieder mit 80% an, in meinem Job zu arbeiten und ich muss sagen, dass ich davor schon einen riesen Respekt habe… Daher: Hier zu lesen, wie Du das mit Job und drei Kindern (!) auf die Reihe bekommst, gibt mir die Hoffnung, dass das alles doch irgendwie zu machen ist (oder zu machen sein MUSS). Ich wünsche Dir jedenfalls mehr Momente kleiner Auszeiten (10 Min. Kaffee trinken oder in Ruhe duschen…;-), wenn die lieben Kleinen erst Mal größer werden. Weiterhin ganz viel Kraft und ach ja: Danke für die ehrlichen Worte! Das entlastet einen enorm, wenn man liest, dass es anderswo auch stressig und chaotisch zugeht…
    Alles Liebe für Dich und Deine Family und viele herzliche Grüße
    Barbara und die Jungs

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