Von Wut und überquillender Liebe: Unser Leben als Familie voller Gefühle

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Was ich ja mag ist: Authentizität. Ja, ich schreie auch mal die Wand an. Wenn ich wahnsinnig genervt bin.

Genervt vom Genörgel übers Essen, von umgekippten Saftschorlen nach dem hundertsten Mal Wischen, von Kinderstreitigkeiten darum, wer welche Gabel bekommt oder von "Du-Arsch"-Rufen (zum Geschwister) neben meiner Ohrmuschel während ich mit dem neuen Auftraggeber telefoniere. Das NERVT mich. Da werde ich sauer (und bis dahin braucht es, ich hab wirklich gute Nerven).

Und ich fänd nichts schlimmer, als dann – wie von einigen Seiten derzeit empfohlen – DEN FEHLER BEI MIR ZU SUCHEN. (Ist es nicht Dein Problem, dass Du telefonieren musst?) Wenn ich – wie ebenfalls zurzeit von vielen Seiten empfohlen – dann nicht meinem Impuls folgen würde, loszuschreien (führt zu Spätschäden, selbstredend, auch wenn ich gegen die Wand schreie).

Ich bin ein emotionaler Mensch und meine Kinder kennen mich nicht als roboterhaften Eisblock, sondern als Frau mit Emotionen. Sie haben mich schon weinen sehen. Vor Rührung, weil sich in der Sendung „Vermisst!“ Mutter und Tochter wiedersehen (ja, auch dann!) oder wenn Freunde heiraten. Oder vor Wut, weil mein eines Kind dem anderen wieder die Nase blutig gehauen hat (sorry, nicht extra!). Oder vor Traurigkeit, weil unsere Katze überfahren wurde.

Sie sehen mich aber auch lachen! Noch viel öfter sogar. Jauchzen auf dem Trampolin. "Süüüß"-rufend, wenn ich ein Fohlen sehe. Sie sehen mich auch nachdenklich. Wenn in Frankreich eine Redaktion überfallen und Menschen getötet werden. Sie sehen mich auch fürsorglich. Mit ihnen, mit anderen Kindern, mit Tieren, mit ihrem Papa. Wenn meine Liebe wie ein Hefeteig überquillt auf all diese fantastischen Menschen, die zu mir gehören. Meine Kinder kennen mich vergnügt-verliebt-veralbert-verstimmt. Und ich finde das wichtig. Für mich. Für sie.

Würde ich alles runterschlucken, würde ich vermutlich irgendwann platzen. Würde ich immer nur bei mir die Schuld suchen, würde ich vermutlich irgendwann depressiv.

Wir sind eine Familie. Wir haben mal gute und mal schlechte Tage. Manchmal hat einer von uns besonders gute Laune und zieht uns alle mit. Manchmal einer besonders schlechte. Und irgendwann alle. So ist das, ein lebendes Gefüge, das sich bewegt. Ein Netz an Verflechtungen, das Einfluss darauf hat, wie unsere nächsten Stunden verlaufen. Nicht einer ist schuld.

Wir sind eine Gemeinschaft. Wir rocken das zusammen. Mitgehangen, mitgefangen. An guten wie an schlechten Tagen.

Nichts ist emotionaler. Nichts ist wärmer. Nichts hat mehr Dynamik. Das ist Familie. Und jeder darf mal traurig sein. Und jeder mal fröhlich. Und die anderen sind dabei.  
 

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9 comments

  1. Verantwortung statt Schuld
    Liebe Lisa, ich glaube es geht nicht um „Schuld“. Es geht um die Verantwortung für die eigenen Gefühle, die man als Erwachsener (gegenüber seinen Kindern) tragen muss. So wie ich Dich verstehe, stehst Du für ein ungefiltertes „Rauslassen“. „Die anderen“ sind jedoch höchstens Anlass, nicht aber Ursache der eigenen Emotionen. Die Ursache liegt immer in und bei Dir. Und entsprechend verantwortlich müssen die eigenen Gefühle an der Umwelt „ausgelassen“ werden.

    LG SAS

  2. nur menschlich
    Ich glaube, die „einigen Seiten, die empfehlen, Fehler bei sich zu suchen“ meinen nicht, dass man immer nur Fehler bei sich suchen muss, sondern dass es den Alltag auch erleichtert, das Kind nicht nur immer als Quelle des eigenen Stresses zu sehen sondern zu schauen, welche Probleme man abbauen kann, um einen entspannteren Alltag zu haben 😉
    Ansonsten ist das doch ganz menschlich alles 🙂