Ihr Lieben, die spannendsten Geschichten entdecken wir oft in den Kommentarspalten. Da spielt sich unheimlich viel echtes Leben ab, da antworten unsere Leserinnen authentisch aus dem Leben. Bei unserer Leserin Jara hörte es sich so sehr nach Rushhour des Lebens an, was bei ihr grad alles los ist, dass wir sie baten, uns einmal mehr dazu zu erzählen.
Sie sagt: „Ich habe versucht, das alles möglichst ehrlich zu beschreiben“. Ihr sei es aber wichtig, wichtig, dass ihr Mann dabei nicht als schlechter Mensch oder desinteressierter Vater rüberkommt. Das würde ihm und unserer Situation nicht gerecht werden, vielmehr möchte er für alle alles richtig machen, was zu viel Anspannung führt: zwischen Job (bei ihm), Pubertät (beim Kind) und Perimenopause (bei ihr). In manchen Phasen kommt einfach alles zusammen.
Du Liebe, als wir den Artikel über den Papa mit Burnout bei uns im Blog brachten, schriebst du: „Wie bei uns! Ich warte nur auf den Burnout meines Mannes“ – was genau meintest du damit, wie ist die Lage gerade?
Natürlich meine ich das nicht wörtlich in dem Sinne, dass ich darauf warte oder es ihm wünsche. Im Gegenteil. Es ist eher eine Sorge, die ich schon lange habe. Mein Mann arbeitet sehr viel, hat einen enormen Anspruch an sich selbst und ich habe das Gefühl, dass er eigentlich dauerhaft unter Strom steht. Darunter leidet die Familie, aber natürlich auch er selbst, da wenig Zeit für anderes ist (Pausen, Freunde treffen, Hobbys).
Er sagt seit Jahren immer wieder, es sei „gerade eine stressige Phase“. Meine Wahrnehmung ist inzwischen genau andersherum: Der Stress ist der Normalzustand und zwischendurch gibt es mal Phasen, in denen es etwas ruhiger ist.
Das Schwierige ist, dass er durchaus da ist. Er ist kein Vater, der seine Kinder kaum sieht oder nicht weiß, was in ihrem Leben passiert. Er fragt, wie ihr Tag war, kennt ihre Freunde, interessiert sich für sie und übernimmt auch einzelne Dinge. Und trotzdem richtet sich unser Familienleben sehr stark nach seiner Arbeit.
Eine Frage hat mich vor einiger Zeit ziemlich getroffen: „Wenn dein Mann eine Woche nicht da wäre – was müsstest du zusätzlich übernehmen?“ Und mir fiel fast nichts ein. Vielleicht die Mülltonnen rausstellen. Das war ein Moment, in dem ich selbst gemerkt habe, wie selbstverständlich diese Verteilung für mich inzwischen geworden ist.
Du gehst mittlerweile in Therapie, u.a. auch weil du zu Hause viel auffängst. Deine Therapeutin und du seid euch aber eigentlich einig, dass ihm eine solche Unterstützung viel eher helfen würde?
Ich würde nicht sagen, dass ich wegen meines Mannes in Therapie bin. Das wäre unfair und auch zu einfach. Aber unsere familiäre Situation und die Frage, wie viel Verantwortung ich übernehme und wie ich damit umgehe, sind natürlich Themen. Meine Therapeutin hat mich einmal gefragt: „Was übernimmt Ihr Mann eigentlich komplett? Also etwas, bei dem Sie wissen: Darum muss ich mich überhaupt nicht kümmern?“ Und wieder fiel mir nichts ein.
Das ist für mich der entscheidende Unterschied zwischen „helfen“ und Verantwortung tragen. Natürlich macht mein Mann Dinge. Aber sehr vieles muss ich sehen, planen, anstoßen oder zumindest im Kopf behalten. Schule, Termine, Freizeit, Verabredungen, Geburtstage, Urlaube, Organisatorisches – dieses permanente Hintergrundrauschen läuft fast ausschließlich bei mir.
Meine Therapeutin ist tatsächlich der Meinung, dass auch ihm Unterstützung guttun könnte. Nicht weil mit ihm „etwas nicht stimmt“, sondern weil wir glauben, dass hinter diesem enormen Leistungsanspruch und der Schwierigkeit, wirklich abzuschalten, bestimmte Muster stecken. Aber die Bereitschaft, sich solche Dinge anzuschauen, muss von ihm selbst kommen. Das kann ich nicht auch noch für ihn übernehmen.
Du sagst, es würde dich nicht wundern, wenn er eines Tages zusammenklappt …
Weil ich nicht weiß, wie man dieses Tempo auf Dauer durchhalten soll. Es geht gar nicht nur um Arbeitsstunden. Es ist dieses ständige Gedanklich-bei-der-Arbeit-Sein, die Anspannung, die Gereiztheit und die Schwierigkeit, wirklich abzuschalten. Dann gleichzeitig aber auch der Anspruch, hier in der Familie präsent zu sein, auch seine Erkenntnis, wie schnell die Kinder groß geworden sind, wie viel er doch schon auch verpasst hat usw.
In dem Artikel über den Papa mit Burnout ist es sehr gut beschrieben, dieses Aufreiben zwischen Job UND Familie. Ich denke, der Wille ist da, etwas zu ändern oder präsenter in der Familie zu sein, aber es funktioniert eigentlich nicht.
Manchmal denke ich daher: Irgendwann wird der Körper oder die Psyche einfach sagen, dass es so nicht weitergeht und ihn zwingen hinzusehen und Dinge oder Ansprüche zu hinterfragen. Und gleichzeitig scheint er selbst diese Gefahr viel weniger zu sehen als ich. Das macht mir durchaus Angst. Denn bei allem Frust möchte ich natürlich nicht, dass mein Mann krank wird. Ich möchte eigentlich, dass er vorher merkt, dass etwas verändert werden muss – und zwar nicht erst, wenn gar nichts mehr geht.
Nach mehr als einem Jahrzehnt Beziehung hast du vieles auch drangegeben. Was zum Beispiel?
Vor allem habe ich aufgehört, bestimmte Gespräche immer wieder zu führen. Ich habe sehr lange erinnert, angesprochen, erklärt, eingefordert und versucht, deutlich zu machen, was mir fehlt. Irgendwann merkt man aber: Wenn man seit Jahren immer wieder dasselbe Gespräch führt und sich grundsätzlich nichts verändert, kostet einen irgendwann allein das Gespräch mehr Kraft, als man noch hineinstecken möchte.
Das ist wahrscheinlich eine Art Resignation, die sich bei mir eingeschlichen hat. Ich erwarte bei manchen Dingen einfach nicht mehr, dass sie anders werden. Ein gutes Beispiel ist Urlaub. Wir haben kürzlich eine wirklich große, wunderschöne Reise gemacht, die ein Lebenstraum von mir war. Aber die komplette Vorbereitung und Organisation lag praktisch bei mir. Als ich irgendwann sagte, wie wahnsinnig viel Arbeit das sei, kam sinngemäß zurück: „Aber du wolltest diese Reise doch. Sei doch froh, dass wir das machen.“
Und genau darin liegt für mich das Problem. Natürlich wollte ich diese Reise. Aber warum bedeutet das automatisch, dass ich deshalb auch die gesamte Arbeit übernehmen muss? Und umgekehrt: Wäre es sein Lebenstraum gewesen, hätte natürlich auch ich alles organisiert und vorbereitet.
Ihr redet offenbar sehr viel über eure Situation. Habt ihr euch auch schon gemeinsam Hilfe geholt?
Ja. Und das ist mir tatsächlich wichtig zu sagen, weil bei Beziehungsthemen schnell der Rat kommt: „Ihr müsst einfach mehr miteinander reden.“ Wir reden viel. Mein Mann weiß, wie es mir geht und was mir fehlt. Das sind keine Gedanken, die ich seit Jahren mit mir herumtrage und ihm gegenüber nie ausgesprochen habe.
Wir haben uns auch schon professionelle Hilfe geholt und eine Paartherapie gemacht. Viele dieser Themen haben wir dort sehr ausführlich besprochen. Ich glaube sogar, dass bei meinem Mann durchaus Einsicht da ist und dass er vieles nachvollziehen kann. Es ist also nicht so, dass wir ein einziges klärendes Gespräch bräuchten und danach wäre alles anders.
Das Schwierige ist vielmehr der Transfer in den Alltag. Nach Gesprächen verändert sich durchaus etwas, manchmal bemüht er sich sehr und eine Zeit lang funktioniert manches besser. Aber irgendwann greifen wieder dieselben Muster. Die Arbeit wird wieder dringender, der Alltag übernimmt und wir landen erneut in einer ähnlichen Aufgabenverteilung.
Ich möchte ihm dabei gar nicht absprechen, dass er sich bemüht. Im Gegenteil, ich glaube, dass er selbst durchaus das Gefühl hat, in den letzten Jahren einiges verändert zu haben. Vielleicht ist gerade das so schwierig: Wir können beide guten Willens sein und trotzdem erleben wir die Realität unseres Familienlebens sehr unterschiedlich.
Und genau das ist vielleicht auch ein Teil meiner Resignation: Nicht das Gefühl, nie gehört worden zu sein, sondern die Erfahrung, dass Verstehen und Verändern zwei verschiedene Dinge sind. Irgendwann möchte man nicht mehr das hundertste Gespräch darüber führen, was eigentlich längst ausgesprochen, verstanden und sogar mit professioneller Hilfe bearbeitet worden ist.
Hello Rushhour des Lebens: Du merkst bei dir zusätzlich auch die Menopause anklopfen. Was macht das mit deinen Launen?
Ich merke durchaus, dass sich hormonell etwas verändert und dass ich manchmal dünnhäutiger oder emotionaler bin. Gleichzeitig habe ich, seit die Kinder größer werden, wieder mehr Zeit für mich und auch mehr Raum zum Nachdenken und Reflektieren. Dabei kommen plötzlich Fragen auf, für die im jahrelangen Familienalltag oft gar kein Platz war: Wer bin ich eigentlich außerhalb meiner Rolle als Mama? Was möchte ich noch vom Leben? Wie soll mein Leben die nächsten Jahre aussehen?
Und vielleicht führt diese Lebensphase auch dazu, dass ich Dinge stärker hinterfrage, die ich jahrelang einfach so hingenommen habe. Diese Fragen zuzulassen, ist nicht nur befreiend, sondern auch ganz schön unbequem. Es fällt mir daher nicht immer leicht, da in mich zu gehen und mich damit auseinanderzusetzen. Denn wenn man ehrlich hinschaut, muss man vielleicht auch Antworten aushalten, die man gar nicht hören möchte.
Ich finde es aber auch wichtig, den eigenen Anteil zu sehen und daran zu arbeiten und nicht jede schlechte Stimmung dem Partner zuzuschreiben. Gleichzeitig möchte ich aufpassen, dass daraus nicht die einfache Erklärung wird: Die Frau ist in den Wechseljahren und deshalb plötzlich unzufrieden. Die Themen, über die wir sprechen, bestehen seit vielen Jahren.
Vielleicht habe ich heute weniger Kraft oder auch weniger Bereitschaft, manches einfach wegzustecken. Aber die Hormone haben unsere Aufgabenverteilung nicht erfunden. Vielleicht führen sie sogar dazu, dass ich deutlicher merke, wo meine Grenzen liegen und was ich so nicht länger möchte.
Trotzdem denkst du in dieser wilden Phase manchmal daran, dass du eigentlich gern noch ein weiteres Kind hättest. Wie erklärst du dir das?
Das klingt wahrscheinlich völlig widersprüchlich. Ich weiß rational sehr genau, dass ein weiteres Kind unser Leben nicht einfacher machen würde – im Gegenteil. Und trotzdem gibt es diesen Gedanken.
Ich glaube, dass das weniger der konkrete Wunsch ist, jetzt tatsächlich noch einmal von vorne anzufangen. Es ist eher Wehmut darüber, dass diese Lebensphase vorbei ist. Die Kinder werden größer, brauchen einen anders und lösen sich langsam. Und plötzlich merkt man, wie endgültig bestimmte Dinge sind.
Vielleicht kann man gleichzeitig völlig erschöpft vom Familienalltag sein und trotzdem traurig darüber, dass genau dieser Familienalltag irgendwann vorbei sein wird. Das widerspricht sich für mich inzwischen gar nicht mehr.
Euer großes Kind ist mitten in der Pubertät und hält sich nicht immer an eure Absprachen. Was macht das mit dir und deinem Mann?
Die Pubertät fordert uns gerade sehr. Es geht um Grenzen, Vertrauen, Regeln, Dinge heimlich zu tun und darum, wie viel Freiheit man geben kann und wann man eingreifen muss. Und das ist ohnehin schon emotional anstrengend. Für unsere Beziehung kommt hinzu, dass auch bei solchen Themen sehr viel bei mir landet.
Ich beschäftige mich damit, recherchiere, führe Gespräche, überlege Konsequenzen und frage mich nachts, ob wir gerade richtig reagieren. Mein Mann ist dabei und wir sprechen darüber, aber ich habe häufig trotzdem das Gefühl, dass die gedankliche Hauptverantwortung bei mir bleibt.
Und natürlich bin auch ich dabei nicht immer gelassen oder pädagogisch perfekt. Manchmal bin ich wütend, manchmal habe ich Angst, manchmal reagiere ich zu emotional. Aber ich wünsche mir in solchen Situationen auch einfach jemanden neben mir, der genauso viel Verantwortung dafür empfindet wie ich.
Ein Erweckungserlebnis war, als euer Kind neulich fragte, ob der Papa schon immer so gewesen sei oder ob die Arbeit ihn kaputtgemacht habe …
Das war tatsächlich ein Moment, der mich sehr getroffen hat. Eines unserer Kinder hat vor Kurzem nach einem Streit sehr harte Dinge über seinen Vater gesagt. Unter anderem fiel die Frage, ob Papa eigentlich schon immer so gewesen sei oder ob die Arbeit ihn so verändert habe.
Natürlich sind Kinder – gerade in diesem Alter und wenn sie wütend sind – gnadenlos. Ich würde deshalb nicht jeden Satz auf die Goldwaage legen. Mein Mann ist auch kein schlechter Vater. Er liebt seine Kinder und interessiert sich für sie. Aber diese eine Frage ist bei mir hängen geblieben. Vielleicht deshalb, weil ich mich selbst manchmal frage, was über die Jahre passiert ist.
Ich glaube nicht einmal, dass mein Mann bewusst entscheidet: „Meine Arbeit ist mir wichtiger als meine Familie.“ Wenn man ihn fragt, sagt er genau das Gegenteil. Aber wenn ich darauf schaue, wohin über all die Jahre Zeit, Energie, Geduld und Aufmerksamkeit fließen, dann nimmt die Arbeit sehr, sehr viel Raum ein. Und irgendwann spüren das eben auch die Kinder.
Das war schmerzhaft zu hören und hat gesessen. Vielleicht aber nicht nur, weil es von unserem Kind kam, sondern weil in diesem Moment jemand Anderes Dinge ausgesprochen hat, die ich selbst oft wahrnehme. Das hält einem den Spiegel vor, in den man nicht unbedingt schauen möchte. Ich habe mich danach schon gefragt, ob ich manche Dinge über die Jahre Dinge vielleicht stärker normalisiert habe, als mir bewusst war.
Was würdest du dir gerade am meisten wünschen, wenn eine Fee vorbeikäme?
Dass ich nicht mehr diejenige sein muss, die eine Veränderung herbeiführen muss. Ich wünsche mir gar nicht den Mann, der plötzlich jeden Nachmittag um vier Uhr den Laptop zuklappt, die Wäsche faltet und das Abendessen kocht. Und ich möchte ihn auch nicht zu einem anderen Menschen machen.
Ich würde mir wünschen, dass er selbst einmal innehält und sich fragt: „Wie möchte ich eigentlich leben? Was bekommen meine Frau und meine Kinder von mir – und was bekommt meine Arbeit?“ Und dass eine Veränderung dann von ihm ausgeht. Nicht weil ich zum hundertsten Mal darum gebeten habe. Nicht weil wir wieder gestritten haben. Und bitte auch nicht erst, weil er irgendwann tatsächlich zusammenbricht.
Vielleicht wünsche ich mir am meisten, wieder das Gefühl zu haben, dass wir gemeinsam für dieses Leben verantwortlich sind – und dass ich nicht diejenige sein muss, die es für alle zusammenhält.



