Erziehung früher & heute: Ich wollte es mit meinen Kindern anders machen

Autorität in der Schule

Foto: pixabay

Ihr Lieben, wie schön es ist, dass sich die Erziehung in den letzten Jahrzehnten so sehr verändert hat, oder? Dass es in den meisten Fällen nicht mehr um knallharte Hierarchien und Autoritäten geht, sondern ein wertschätzender Umgang möglich ist. Ich selbst hatte das große Glück, bindungsorientiert aufwachsen zu dürfen – in einer Zeit, in der es das Wort dafür noch gar nicht gab.

Erziehung früher und heute

Meine Mutter bekam mich als Hausgeburt, während nebenan im Zimmer mein zwei Jahre älterer Bruder mit der Babysitterin spielte. Sie trug mich im Tragetuch und war auch sonst zugewandt und achtete die Bedürfnisse aller Familienmitglieder – auch ihre eigenen. Sie hat sich mit anderen Müttern zusammengetan, die ähnlich drauf waren, hat uns in einem Kinderladen mit viel Mitbestimmung untergebracht.

Und so ähnlich hat es auch unsere Leserin Sabine Mehne mit ihren Kindern gemacht, sie ist lustigerweise im gleichen Jahrgang geboren wie meine Mutter, hat ihre eigene Kindheit allerdings mit sehr viel Strenge in Erinnerung. Wir finden es superspannend, auch mal einen Einblick von ihr und aus ihrer Generation zu bekommen.

Bestrafung durch Nichtachtung

„Ich kann mich nicht erinnern, je oft auf dem Schoß meiner Eltern gesessen zu haben“, erzählt Sabine. Trost spendeten sich die Geschwister untereinander, abends kuschelte sie sich mit ihrer jüngeren Schwester ins im Bett, mit der sie das Zimmer teilte. Hatte sie etwas angestellt, redeten ihre Eltern tagelang nicht mit ihr. „Ich wurde durch Nichtachtung bestraft“, erzählt die ehemalige systemische Familientherapeutin. Ihre 95jährige Mutter behauptet bis heute, sie und ihre Geschwister hätten nie geschrien und von Anfang an durchgeschlafen. „Selektive Wahrnehmung“ vermutet Mehne. Oder frühe Konditionierung.

Damals war es auch noch nicht üblich, dass Mütter die Zeit nach der Geburt mit ihren Babys verbrachten, Schwestern kümmerten sich um die Kleinsten, gewöhnten ihnen nicht selten direkt einen Rhythmus an und den Müttern mussten ihre Kinder bei der Entlassung aus der Klinik nach ein bis zwei Wochen erstmal erklärt werden. Das ist doch unvorstellbar heute, oder?

„Bei meinem Kind mach ich das anders!“

Für Sabine war nach dieser eigenen Kindheit jedenfalls klar: Ihre drei eigenen Kinder wollte sie anders erziehen, ihnen zugewandt begegnen. Und sie tat das dann auch. Sie gehört zu den Feministinnen der 80er Jahre, die sich antiautoritäre Erziehung anschauten, die ihre Kinder viel trugen, sie bei sich schlafen ließen, stillten, Kinderläden eröffneten, sich austauschten und den Weg für eine beziehungsorientierte Begleitung von Kindern ebneten.

Auch die Industrie sprang schließlich auf den Zug auf, entwarf Beistellbettchen, Tragesysteme, die Infrastruktur machte den Erziehungsstil immer besser möglich. Sabine Mehne sagt, für sie gebe es keine menschenwürdige Alternative zu diesem Weg. Zum Unverständnis ihrer Mutter.

„Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“

Oft mischte die sich in den Umgang mit Sabines drei Kindern ein. Warum sie sich die Pizza selbst belegen dürften, es müsse doch wohl gegessen werden, was auf den Tisch komme. Erst nach einer schweren Krebserkrankung im Alter von 38 Jahren traute sich Sabine, ihrer eigenen Mutter Kontra zu geben. Sie versuchte, mit ihr zurück in die eigene Kindheit zu schauen. Zu den Anfängen. Hätte sich Reflexion gewünscht. Aber sie blockte ab.

Im Buch „Unsere Mütter – wie Töchter sie lieben und mit ihnen kämpfen“ der Autorin Silia Wiebe erklärt Psychologin Stefanie Stahl, warum es Müttern so schwerfällt, Entschuldigung zu sagen. Weil sich, so erklärt sie, die Mütter zuvor eingestehen müssten, dass sie Fehler gemacht haben. Viele Mütter wehrten diese Schuldgefühle innerlich ab, weil sie nicht aushalten könnten, dass sie ihren Kindern möglicherweise zu viel zugemutet haben. Wer sich noch nicht eingestanden habe, Fehler gemacht zu haben, könne nicht „Es tut mir leid“ sagen.

„Meine Mutter hat sich nie entschuldigt“

Und so sehr sich Sabine das gewünscht hätte von ihrer eigenen Mutter, hat sie diesen Satz nicht gehört. Mittlerweile hat Sabine ihren Frieden gemacht. Kürzlich besuchte sie ihre hochbetagte Mutter, die trotz Demenz noch ihre alten Sprüche auf Lager hatte. Zu ihrer großen Überraschung zeigte ihre Mutter jetzt aber auch eine neue Seite, eine herzliche.

„Diese Sprache des Herzens schenkte uns ein tiefes Gefühl von Liebe, die auch ohne Worte auskam“, erzählt Sabine. Und obwohl sie die Chance hatte, es mit ihren Kindern anders zu machen, sagt sie heute auch: „Jede Generation macht ihre spezifischen Fehler und jede Generation hat das Potential aus diesen zu lernen.“ Zum Glück, oder?

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1 comment

  1. Super interessantes Thema, das Buch hab ich auch direkt bestellt. Ich denke mir so oft, dass es ein großer Fortschritt für die ganze Gesellschaft ist, dass der Kindheit heute so viel mehr Bedeutung beigemessen wird als früher.
    Sabines Kindheit dürfte in den 50er/60er Jahren gewesen sein, meine in den 90ern, da ist dazwischen schon einiges Gesamtgesellschaftliches passiert, was sich auf Kindererziehung niedergeschlagen hat (Stichwort Schlagen: Das „Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung“ ist aus dem Jahr 2000!). Doch auch meine Eltern stellen oft fest, was ich mit unseren Kindern heute alles anders mache, als sie damals bei mir. Kontrolle, Autorität und Mitbestimmung sind dabei zentrale Themen. Sie lieben mich und ihre Enkel über alles, und wenn sie sehen, dass es eben auch – und meistens sogar besser- funktioniert, wenn man den Kindern auf Augenhöhe begegnet, macht sie das oft betroffen und sie verspüren das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen. Es sind sehr bereichernde Momente, wenn wir dann gemeinsam über Erziehung und Familie reflektieren.

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