Fehldiagnose Fehlgeburt: Erst Trauer, dann ein schlagendes Herz

Schwangerschaftsabbruch

Ihr Lieben, in der Schwangerschaft war es aufregend, zu den Vorsorgeterminen zu gehen. Im Grunde fühlte es sich an wie ein Rendezvous mit dem eigenen Baby. Was aber, wenn plötzlich Auffälligkeiten auftauchen? Wenn der Segen der Pränataldiagnostik zum Fluch wird? Weil vielleicht eine Fehldiagnose gestellt wurde… unserer Leserin ist genau das passiert. es hieß, das Kind in ihrem Bauch lebe nicht mehr. Doch das stimmte nicht. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

„Die vierte Schwangerschaft: Zwei Striche auf dem Test, das Bild davon schicke ich meinem Freund am Montagvormittag per WhatsApp. Er ruft mich sofort an, wir freuen uns am Telefon, aber riesig. Als Bereits-Dreifach-Mutter weiß ich nun, wie es läuft, immerhin etwas Routine. Was aber dann in den nächsten Wochen passiert, ist nicht normal. Ein Schock, dann wochenlanges Grübeln – und das wohl völlig umsonst. Wegen einer Fehldiagnose, die vielleicht auch andere Frauen betreffen könnte.

„Ich sehe keinen Herzschlag mehr“

Aber von vorne. Als Mutter von drei Kindern, die erneut schwanger wurde, wusste ich: Der erste Termin beim Frauenarzt ist unspektakulär. Was soll er auf dem Ultraschall schon sehen? Ein kleines Bläschen im Schneesturm? Maximal. Die erste Untersuchung ist reine Routine, vielleicht schon ein Herzschlag, aber vermutlich noch viel zu früh. Und so setze ich mich relativ müde und gelassen auf den gynäkologischen Stuhl. Der Arzt braucht keine Minute beim Ultraschall, bis er sagt: „Ich muss sie enttäuschen.“ Ich schrecke auf. Er spricht unbeeindruckt weiter. „Ich sehe keinen Herzschlag. Sie hatten eine Missed Abortion.“

Tränen laufen mir über die Wangen. „Ich will aufstehen“, sage ich zum Arzt. „Die Untersuchung ist noch nicht zu Ende“, gibt dieser barsch zurück. Er führt seinen Ultraschall fort. Für mich gefühlt noch Stunden, tatsächlich nur eine Minute, die nicht vorbeigeht. Als ich mich anziehe, werden ich geschüttelt vom Weinen. Also ist es mir auch passiert. Wie Millionen anderen Frauen auch – eine Fehlgeburt in den ersten Wochen. Als ich mich anziehe, erklärte der Arzt einfach weiter. „Das Herz hat vermutlich nur kurz geschlagen.“ Ich bin fassungslos. Bürokratisch erklärt er das weitere Vorgehen. Er gibt mir einen Überweisungsschein ins nächste Krankenhaus. Da würden sie vermutlich eine Ausschabung vornehmen. Auf dem Formular steht es nochmal deutlich: „“Missed Abortion. Ausschabung erbeten.“

„Ich kann kaum aufhören zu weinen“

Vor der Praxis falle ich meinem Freund in die Arme. Und weine und weine. Er fährt mich ins Krankenhaus, ich will dort lieber alleine warten. Er fährt zu unserem Kleinkind nach Hause. 

„Wenn du eine Fehlgeburt hattest, behandeln sie dich im Krankenhaus wie der letzte Dreck“, hatte mir eine Freundin einmal gesagt, nachdem sie einen Tag lang auf ihre Ausschabung gewartet hatte. Da ich kein Notfall bin, widerfährt mir dasselbe. Ich warte vier Stunden – immerhin „nur“ den ganzen Vormittag. Die Ärztin in der Klinik schaut sich meine Schwangerschaft im Ultraschall an. Sie stutzt: „Ich kann nicht wirklich etwas sehen, aber das wird schon so sein.“

Dann sitzen wir uns noch ein paar Minuten an ihrem Schreibtisch gegenüber. Sie tippt den Befund, sieht mich irgendwann an: „Ich glaube, es würde Ihnen seelisch besser gehen, wenn wir noch eine Woche warten, bis wir etwas entscheiden.“ 

Eine Woche zum Abschied nehmen

Ich werde stutzig. „Warum“, frage ich. „Einfach, weil sie schon Ende 30 sind. Sie haben nicht so viele Chancen nochmal schwanger zu werden, so ist es besser.“ Ich nicke. Irgendwie fühlt sich das gut an. Und auch wenn es vielleicht absurd klingt, so früh in der Schwangerschaft – eine Woche Abschied nehmen würde mir guttun. 

Ich verlasse gebückt das Krankenhaus. Mein Freund holt mich ab. Eine Woche habe ich noch. Ich gehe arbeiten in dieser Zeit, dämmere auf der Couch vor mich hin. Mir ist schlecht, ich fühle mich bleiern müde. Ja, ich fühle mich schwanger. Und ich bin irgendwie wütend. Warum muss ich das nun alles erleben, wenn nicht für ein Baby? Warum fühlt sich eine Fehlgeburt denn überhaupt wie eine Schwangerschaft an? Das macht doch keinen Sinn!

Ich googele mich durch den Tag. Dabei finde ich heraus, dass die Symptome einer Schwangerschaft eigentlich nach einiger Zeit nach einer Missed Abortion verschwinden sollten. Bei mir ist das aber nicht so. Ich bleibe müde. Und ich werde skeptisch.

Wie oft wird eine Fehlgeburt fehldiagnostiziert?

Ich googele „Fehldiagnose Fehlgeburt“. Und stoße auf Hunderte von Einträgen. Sollte das am Ende ein verbreitetes Phänomen sein? Dass eine vorzeitig abgegangene Schwangerschaft mit einer intakten verwechselt wird? Zumindest die Erfahrungsberichte vieler Frauen im Netz legen das nahe.

Ich erzähle meinem Freund davon und komme mir dabei wie eine Verschwörungstheoretikerin vor. Die Frau, die nicht mit ihrer Fehlgeburt abschließen kann. Ich telefoniere mit meinem Onkel – auch ein Gynäkologe. Wir rechnen nach. Auch er traut sich nicht, der Diagnose seines Kollegen zu widersprechen, sagt aber dennoch: „Du bist wohl rein rechnerisch erst in der siebten Woche.“ Kein Arzt müsse da zwingend einen Herzschlag sehen. 

Ich lasse den Folgetermin im Krankenhaus verstreichen. Die Zweifel bleiben über zehn Tage. Am elften Tag halte ich es nicht mehr aus, auch weil nun etwas passieren muss. Ich gehe wieder ins Krankenhaus. Wieder warte ich vier Stunden. Mir ist schlecht – es fühlt sich an wie normale Schwangerschaftsübelkeit. Aber wie kann das sein?

Die Wende: „Ich sehe eine positive Herzaktion“

Der junge Arzt, der mich dann behandelt, ultraschallt über sieben Minuten lang. Aber ich gebe mich geduldig. Er will absolut sicher sein. 

„Es ist alles noch so klein. Ich kann nichts sehen“, sagt er. Aber ich vertraue ihm. So ein Gefühl. 

„Nehmen Sie sich die Zeit, die sich brauchen“, antworte ich. Es sollte sich lohnen. 

„Ich sehe eine positive Herzaktion“, sagt er eine Minute später. Ich greife völlig unerlaubt nach seinem Arm. Auch er scheint erleichtert. 

Schwanger! Im Januar werde ich wieder Mama!

Ich bin schwanger. Alles fällt von mir ab. Ich weine wieder. Diesmal aus Erleichterung. Die nächste Woche erlebe ich wie im Rausch. Ich finde eine neue Frauenärztin, die nächsten Untersuchungen verlaufen unauffällig. Doch mache ich mir die Schwangerschaft kaum bewusst. Zu groß, die Angst, dass noch etwas passiert. Ich bin wie in einem Schlafmodus, wohl eine Schutzfunktion des Körpers. 

„Ich finde, der Arzt, der Sie falsch diagnostiziert hat, sollte es wissen“, befindet meine neue Frauenärztin. 

Ich zögere bis heute. Ich will mein Baby nicht mit diesem Arzt teilen. Ich will gar nichts mehr mit ihm zu tun haben. Andererseits sollen nicht auch noch andere Frauen unter seinen Diagnosen leiden müssen. Bis heute bin ich hin- und hergerissen. Was mich wirklich stört ist, dass dieser Frauenarzt nicht einfach irgendwas vermutet hat, nein, er hat sich festgelegt, ich habe die Diagnose „Missed Abortion“ schriftlich. Ich überlege noch, was ich tun werde. 

Sicher ist aber und das ist das Wichtigste: Im Januar werde ich wieder Mutter.“ Und ich freue mich darauf. Diese Vorfreude soll mir jetzt bitte keiner mehr nehmen.

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9 comments

  1. Bei unserer Tochter gab es damals null Probleme, ich wurde schwanger, ging zum Frauenarzt, Herz schlug, alles super. Das US-Gerät des Arztes war uralt, weshalb er mich dreimal zu einem Kollegen überwies für die Feindiagnostik und kurz nach meiner Geburt ging er in den Ruhestand. Ich bin dann zu dem Kollegen gewechselt, bei dem ich die FD hatte.

    Unser Sohn hat auf sich warten lassen, da kam das ganze Thema mit Spermiogramm etc auf uns zu – doch bevor der Termin für meinen Mann da war, wurde ich dann doch „einfach so“ schwanger. Dachte ich.
    Meinen ersten Termin hatte ich bei 7+6, ich wollte auch keine ständigen Ultraschalls, die drei großen Untersuchungen hätten mir völlig gereicht. An besagtem Termin schallte der Arzt fast 10 Minuten lang und meinte dann, dass die Schwangerschaft entweder nicht intakt sei oder ich auf gar keinen Fall bei 7+6 sein konnte. (Musste ich aber sein, wegen einer längeren Dienstreise meines Mannes, was er (also der Arzt) aber nicht verstehen konnte, warum ich den Zeitpunkt der Zeugung so stark eingegrenzt hatte.)
    Er meinte dann, ich solle nach einer Woche nochmal wiederkommen, entweder man würde dann etwas sehen oder nicht.
    In der Nacht bekam ich Blutungen, nicht viel, aber immerhin genug, dass ich morgens erneut beim Arzt vorstellig wurde. Er machte einen erneuten Ultraschall – und das Herz unseres Sohnes schlug wie verrückt. So als wollte er sagen: Ich bin doch da!
    Der Arzt hat sich mit uns gefreut und sich zudem entschuldigt, ich muss wohl ziemlich aufgelöst gewesen sein.
    Der Rest der Schwangerschaft verlief normal und er kam termingerecht einen Tag vor dem Stichtag, den ich selbst von Anfang an errechnet hatte.

  2. Wow, was für eine emotionale Achterbahn! Zuallererst wünsche ich dir alles Gute zur Schwangerschaft. Was ist das denn bitte für ein Arzt?? Mir hat die Arzthelferin in der ersten Schwangerschaft bereits am Telefon gesagt, dass sie keine Ultraschalltermine vor der 8. Woche machen, weil man da eh noch nichts sieht und das die Eltern nur verunsichert. Dein Arzt hätte doch zumindest noch den HCG-Wert bestimmen müssen? Wenn der ansteigt, kann es doch keine Missed Abortion sein. Fahrlässig ist das! Und das mit dem „ich bin noch nicht fertig“ finde ich richtig übergriffig! Ein Arzt muss eine vaginale Untersuchung jederzeit abbrechen, wenn die Frau das fordert! Allein für deinen Seelenfrieden würde ich den Arzt noch einmal kontaktieren. Vielleicht einen Brief schreiben? Dann musst du ihn nicht sehen. Ich wünsche dir, dass du das Vertrauen in deinen Körper zurückgewinnst und deine Restschwangerschaft genießen kannst ❤

  3. Herzlichen Glückwunsch, ich hoffe, der Rest der Schwangerschaft verläuft reibungslos und du kannst die letzten Monaten trotz allem auch ein bisschen genießen.
    Ich fand die Tatsache spannend, dass du so früh beim Frauenarzt warst. Bei meiner Frauenärztin wurde immer gerechnet und mir wurde vor der 8. Woche nie einen Termin gegeben, weil man, so die Aussage der Arzthelferin, vorher nichts sieht auf dem Ultraschall. Vielleicht auch ne Möglichkeit, solche Fehldiagnosen zu vermeiden.
    Alles Gute dir und deiner Familie!

  4. Liebe Mama aus der Geschichte,

    Dazu muss ich einfach etwas schreiben. Erst einmal herzlichen Glückwunsch!! Und ich möchte dich ermutigen, den Arzt zu kontaktieren. Ich finde sein Verhalten absolut unprofessionell, skandalös, fahrlässig und mir fehlen eigentlich einfach die Worte dafür. Wäre die Ärztin im Krankenhaus nicht so bedacht gewesen, hätte man vermutlich dein gesundes Baby getötet. Und das nur wegen der Eitelkeit eines Arztes? Der nicht zugeben will, dass er auch mal in der 7. Woche keinen Herzschlag findet? Alleine der Satz ‚Die Untersuchung ist noch nicht zu Ende‘. Das ist absolut übergriffig und für mich ist das Gewalt. Zumal er ja dadurch nicht einmal seine Diagnose in Frage gestellt hat. Unfassbar, was Frauen heutzutage immer noch über sich ergehen lassen müssen! Denn in der Situation hat man keine Kraft, sich zu wehren, ich kenne das aus Erfahrung. Ich verstehe, dass du mit ihm nichts mehr zu tun haben möchtest, so geht es mir auch mit dem Arzt, der meine letzte Fehlgeburt ‚begleitet‘ (bzw eher nicht begleitet) hat. Gleichzeitig geht es nicht nur um die Fehldiagnose an sich, sondern vor allem um seinen Umgang mit der Diagnose. Ein Minimum an Empathie sollte ein Frauenarzt sich doch bitte irgendwie aneignen können. Die sofortige Überweisung ins Krankenhaus hatte ich auch und ist medizinisch auch bei richtiger Diagnose absolut nicht notwendig, solange keine Komplikationen vorliegen. Es ist immer Zeit zu entscheiden und Ärzte müssen auch beraten! Ich finde es wichtig, dass wir Frauen und Mütter für unsere Rechte einstehen (sonst macht es nämlich niemand). Und ich denke, da es dich offenbar beschäftigt, hilft es dir vielleicht auch ihm zu schreiben. Einer Ärztin habe ich nach einer Fehlgeburt geschrieben und sogar eine Rückmeldung bekommen. Dem letzten Arzt habe ich leider nicht geschrieben und jetzt nach 2 Jahren kommt es mir zu spät vor, ich denke aber manchmal immer noch drüber nach, daher hätte ich ihm im Nachhinein auf jeden Fall lieber kurz danach schon schreiben sollen, einfach um für mich besser damit abschließen zu können und eben für die vielen anderen Frauen. Alles Gute für deine Schwangerschaft und genieß die Vorfreude!

    1. Liebe Mama aus dem Bericht

      Es ist Wahnsinn wie, vorallem so übergriffig der Arzt sich verhalten hat.

      Ich war bei meiner ersten Schwangerschaft, nach dem ersten US mit meiner Frauenärztin sehr unzufrieden da sie mir plump vor kam.
      Der erste US wurde bei 6+0 gemacht, man sah die Fruchtblase, den Dottersack – aber kein Baby.
      Sie teilte mir in an einem angrenzenden Gespräch mit das vielleicht auch kein Baby vorhanden sei sondern es sich lediglich um ein Windei handeln könne.
      Wie man sich vorstellen kann, habe ich die zwei Wochen bis zum Termin gegoogelt und mich verrückt gemacht.
      Beim nächsten US sah man ihn samt Herzschlag, ich habe geweint vor Freude.
      Bei den weiteren Terminen war sie freundlicher etc

      Bei meiner zweiten Schwangerschaft alles prima und ich bin gerne zu den Vorsorgeterminen.

      Im März dieses Jahr teilte mir eine Freundin mit sie sei schwanger und habe an Tag Xy einen Termin bei der gleichen Gynäkologie und der selben Ärztin als sie Blutungen bekam.
      Es wurde sehr umsichtig mit Uhr umgegangen, regelmäßige HCG und US Kontrolle.
      Leider ist es zu den Sternen gezogen.
      Aber so wie bei ihr gehandhabt mit Betreuung und alle 2-3 Tage Untersuchungen sollte es sein.
      Und ich wünsche allen Frauen wie im Post, das sie sich Zeit nehmen und eine zweite Meinung holen bevor etwas überstürzt wird.

      Alles Gute für dein viertes Wunder.

  5. Ich bin beruflich (leider) in der Lage mit Sicherheit zu sagen: ja, gesunde Kinder werden nicht geboren, weil der Ultraschall falsch interpretiert wird und zu früh die Diagnose gestellt wird.
    Vor einer Ausschabung immer:
    Warten bis Woche 8+0, dann bei Verdacht auf missed abortion auf jeden Fall Kontrolle frühestens in einer Woche! Immer! Nie sofort ausschaben gehen und immer von zwei verschiedenen Ärzten eine Diagnose stellen lassen.
    Falls tatsächlich notwendig: nehmt euch immer die Zeit, die eure Seele braucht. Immer! Lasst euch nie ganz schnell auf eine Diagnose oder einen Eingriff ein.
    Ich freue mich unglaublich über diese Geschichte: weil das Baby lebt und weil es anderen helfen kann, gut auf sich zu achten in einer ähnlichen/selben Situation!

    1. Wieder einmal der Beweis, wie sehr man sich auf seinen eigenen Körper und Intuition eigentlich verlassen kann. Schade, dass manche Ärzte nicht einmal versuchen, sich hineinzuversetzen, was leichtfertig herausposaunte Diagnosen, die immer für den, der sie betrifft ein harter Schlag sind, in dem Menschen überhaupt auslösen. Gut, dass es auch tolle Ärzte gibt.

      Allerherzlichsten Glückwunsch zur Schwangerschaft und alles Gute!

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