Stille Geburt: Eine Woche vor der Geburt starb unser Kind

Könnt ihr euch noch an diese Vorfreude erinnern, wenn es nur noch wenige Tage bis zum ET sind? Plötzlich ist alles so greifbar, alle Sinne bereiten sich schon auf die nahe Geburt vor. Es ist kaum vorstellbar, was Frauen durchleben müssen, wenn ihnen in dieser Zeit gesagt wird, dass ihr Kind im Bauch gestorben ist. Genau das hat unsere Leserin Kirsten erlebt. Heute erzählt sie uns davon. Wir danken dir für dein Vertrauen.

Liebe Kirsten, vor 13 Jahren hast du dein Kind eine Woche vor der Geburt verloren. Wie war die Schwangerschaft bis dahin verlaufen?

Es war eine ganz normale Schwangerschaft. Ohne Komplikationen. Ich hatte bereits ein Kind, das zu dem Zeitpunkt 2,5 Jahre alt war und auch diese Schwangerschaft war ganz „normal“.

Kannst du uns von dem Tag erzählen, an dem du erfahren hast, dass dein Kind nicht mehr lebt?

Das Baby war am Tag davor Abend sehr aktiv. Ich dachte, es läge daran, dass ich mit meinem Mann im Restaurant war und viel gegessen hatte. Am Morgen war alles ruhig, der Bauch war schwer. Ich hatte an diesem Tag einen Arzt-Termin und wurde dort wie üblich erstmal ans CTG angeschlossen. Die Arzthelferin konnte keinen Herzschlag finden, deshalb wurde ich sofort zum Arzt ins Sprechzimmer geschickt. Auch im Ultraschall konnte kein Herzschlag gefunden werden….

Ich wurde sofort ins Krankenhaus überwiesen, mein Schwiegervater hat mich dorthin gebracht. Rückblickend habe ich gar nicht realisiert, was da gerade vor sich hing. Im Krankenhaus wurde ich nochmal untersucht, dann teilten mir die Ärzte mit, dass das Kind nicht mehr lebt. Es war an einer Plazentainsuffizenz verstorben.

Wie ist dann die Geburt abgelaufen?

Ich wurde noch mehrmals untersucht, dann sagten die Ärzte, dass sie eine Einleitung machen würden. Ich dachte bis zu dem Zeitpunkt, dass ich automatisch einen Kaiserschnitt bekomme. Ich war wirklich völlig unwissend, weil ich mich vorher nie mit dem Thema stille Geburt auseinander gesetzt hatte.

Um 12 Uhr bekam ich erste Tablette, um 14 Uhr kam dann mein Mann ins Krankenhaus. Die Hebammen waren sehr einfühlsam und lieb zu uns, das hat uns geholfen.

Die Geburt war anstrengend und ich hatte die ganze Zeit sehr seltsame Gefühle, weil ich ja wusste, dass am Ende der Geburt nichts Schönes auf uns wartet…

Kannst du von deinen Gefühlen erzählen, als du Thor-Ole dann im Arm hattest?

Er sah so perfekt aus, so fertig. Ich dachte immer: Gleich macht er die Augen auf und fängt an zu schreien. Es war unbegreiflich. Wirklich einfach nicht zu fassen.

Wie habt ihr Abschied genommen?

Wir durften so lange im Kreißsaal bleiben, wie wir wollten und dann gemeinsam aufs Zimmer. Am nächsten Tag sind wir nach Hause. Eine Woche später, an seinem ET, am 30.4.2008 haben wir dann endgültig Abschied genommen und ihn beerdigt.

Sicherlich war zu Hause ja alles schon für das Baby vorbereitet, wie seid ihr damit umgegangen?

Wir wohnten damals in einer 2,5 Zimmer Wohnung, daher gab es kein extra Kinderzimmer für den Kleinen. Er sollte die erste Zeit ja bei uns im Schlafzimmer schlafen sollen. Aber natürlich stand da das Bettchen und auch ein Kinderwagen. Viel Schlimmer als diese Gegenstände fand ich die Reaktionen von anderen Leuten. Alle wollten gratulieren und ich musste immer und immer wieder erklären, warum es nichts zum Gratulieren gab. Das war sehr schwer.

Habt ihr als Paar unterschiedlich getrauert?

Wir waren zusammen in einer Trauergruppe für verwaiste Eltern. Das war zwar gut, hat aber auch nicht zu 100 Prozent gepasst, weil die anderen Eltern fast alle größere Kinder verloren hatten. Ich hatte keine Eltern zum Austausch, die durch die gleiche Situation durchmussten. Ein halbes Jahr später bin ich mit dem Großen auf Kur gefahren, habe dort viel geredet und das hat mit sehr geholfen.

Mein Mann hat viel weniger über all seine Gefühle gesprochen, er hat bis heute noch dran zu knapsen. Ich denke, er hat immer noch nicht ganz verarbeitet.

Was hat dir Kraft gegeben in dieser schweren Zeit?

Auf jeden Fall mein großer Sohn. Für ihn habe ich weiter gemacht, er hat mir so viele gute und auch schöne Momente geschenkt. Außerdem war meine Mama eine große Stütze für mich. Ich habe danach noch zwei Mädchen bekommen. Es war heilsam, Kinderlachen im Haus zu haben.

Wie verändert sich der Schmerz im Laufe der Jahre?

Es stimmt, dass die Zeit hilft, die Wunden zu heilen. Heute ist es viel leichter, über meinen Sohn zu sprechen als noch vor ein paar Jahren. Trotzdem binde ich nicht jedem meine Geschichte auf die Nase. Wenn ich gefragt werde, wieviele Kinder ich habe, sage ich: Vier.

Wenn ich abschätzen kann, wie mein Gegenüber reagiert, füge ich noch hinzu: Vier Kinder, wovon eins aber ein kleiner Engel ist.

Wie präsent ist Thor-Ole heute bei dir?

Sehr präsent, bei uns steht ein Bild von ihm in der Vitrine und ich denke oft an an Thor-Ole – ganz besonders natürlich an seinem Geburtstag, dem Tag, an dem wir ihn kennenlernen durfte -und er doch nicht bei uns bleiben durfte.

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