Interviews

18/11/2019 - 06:00

Land-Mama Lisa

Gleichberechtigt leben: Wir teilen uns Kind und Haushalt halbe-halbe

Ihr Lieben, wie kann man das eigentlich im Alltag hinbekommen, wenn sich Mann und Frau wirklich alles teilen, wenn beide Jobs haben, sich beide ums Kind kümmern, beide sich verantwortlich für den haushalt fühlen? Das haben wir Sara gefragt, die genau dieses Modell lebt. Schaut gern auch mal in ihrem Instagram-Kanal vorbei, das lohnt sich.

Liebe Sara, du sagst, dein Mann und du, ihr teilt euch die Hausarbeit und die Betreuung eures Sohnes 50:50 - wie genau haben wir uns das vorzustellen?

Hallo Lisa, wir arbeiten beide 30 Stunden, seit unser Sohn in die Kita geht. Mein Mann bringt ihn montags zur Kita und muss dann bis Dienstagabend immer in einer anderen Stadt arbeiten, das heißt, ich habe bis dann alleine „Dienst“. Am Mittwoch habe ich dafür komplett frei, außer meiner Arbeit natürlich.

Ich muss weder hinbringen noch abholen und kann mir auch nachmittags allein was vornehmen. Donnerstag und Freitag teilen wir uns ebenfalls auf.

Wir haben dadurch nicht nur freie Nachmittage, um zum Sport zu gehen oder allein Freunde zu treffen, wir sind auch bei der Arbeit ziemlich flexibel. Ich kann 2-3 Tage die Woche auch Überstunden machen, die ich im Krankheitsfall von Niklas abbummeln kann, wenn wir keine Kind-krank-Tage mehr haben oder nehmen wollen. Unser Leben ist dadurch ziemlich entschleunigt, trotz Kind.

Hat sich dieses Modell durch Zufall ergeben oder war es immer euer Plan, in einem Halbe-Halbe-Modell zu leben?

Wir haben schon vor der Geburt - oder eigentlich, bevor ich schwanger war - darüber gesprochen, wie wir uns das Leben mit Kind vorstellen. Für mich war klar, dass ich mein altes Leben nicht komplett aufgeben will. Das betrifft alle Bereiche.

Meine Arbeit macht mir Spaß und ich wollte nicht so lange in Elternzeit und danach nur wenige Stunden machen. Außerdem mache ich gern und relativ viel Sport, auch dazu wollte ich weiter Zeit haben. Nach der ersten Phase im ersten Jahr habe ich nun wirklich viele Freiheiten zurück. Außer, dass ich abends um 22 UHr hundemüde bin und nicht mehr so oft feiern gehe :D.

Für meinen Mann wiederum stand fest, dass er sich auch um sein Kind kümmern will, wenn es da ist, und es nicht nur zum Abendbrot sehen will. Durch das halbe Jahr Elternzeit von Matthias haben die beiden auch von Beginn an eine enge Bindung und es ist nie ein Problem, wenn ich mal weg bin.

Wie sind die Reaktionen auf euer Modell, wenn ihr darüber sprecht? Lasst mich raten: Dein Mann wird dafür vor allem bewundert?!

Von Frauen höre ich oft, dass die mich beneiden. Wenige haben so viel Zeit für sich wie ich, da die Partner Vollzeit arbeiten und an ihnen nach 20 oder mehr Arbeitsstunden in der Woche auch alles rund um die Kinderbetreuung hängen bleibt.

Sie müssen jeden Tag von der Kita zur Arbeit und zurück hetzen, das ist natürlich super stressig! Viele sagen auch, dass es finanziell für sie nicht ginge. Das trifft sicher manchmal zu, da muss sich politisch noch einiges ändern, weil da einfach auch falsche Anreize geschaffen werden oder Kitaplätze fehlen oder zu teurer sind.

Oft merken wir aber, dass das eigentlich nur ein Vorwand ist, weil beide Gehälter nicht so weit auseinander liegen oder beide sehr gut sind. Wir verzichten natürlich auch auf Geld dadurch und müssen kürzer treten. Trotzdem weiß ich, dass wir da sehr privilegiert sind, weil es für einige Familien sonst sehr knapp wird.

Männer spiegeln mir übrigens oft, sie würden ja eigentlich auch sehr viel machen, obwohl sie das klassische Modell wählen. Es scheint ein bisschen einen wunden Punkt zu treffen.

Wie genau nehmt ihr die Aufteilung? Tragt ihr in Listen ein, wer wann was und wie viel gemacht hat? Oder putzt der Mann einfach das Bad, wenn du das letzte Mal dran warst?

Wir hatten schon eine Aufgabenaufteilung für den Haushalt, als wir zusammengezogen sind. Da haben wir uns ein bisschen an den persönlichen Vorlieben orientiert. Ich hasse saugen und wischen, das macht also mein Mann. Dafür mache ich Wäsche und putze das Bad. Als dann unser Sohn kam, war natürlich alles auf den Kopf gestellt.

Vor allem die Wäscheberge waren dreimal so groß ;D. Direkt nach der Geburt war unser Deal, den mein Mann so vorgeschlagen hat: Ich muss stillen und ausruhen, sonst nichts. Er hat den Haushalt gemacht, eingekauft, Kitas besichtigt, gewickelt.

Fürs Stillen hab ich mich freiwillig entschieden, aber wir haben nach ein paar Wochen auch mal die Flasche gegeben, wenn ich mal einen Abend weg war oder mal ein bisschen länger schlafen wollte. Gerade in den ersten Monaten habe ich gemerkt, dass es wirklich schwierig ist als Mutter, weil das Kind einfach so sehr von dir abhängt, dein Körper erschöpft und kaputt ist von der Schwangerschaft, Geburt und den schlaflosen Nächten.

Das haben Männer nicht und manchmal war ich da schon neidisch auf meinen Mann.

Gibt es denn auch Aufgaben, die eher dir liegen und andere, die eher sein Ding sind? Oder wird tatsächlich alles geteilt?

Ja, mein Mann liebt backen und basteln, ich hingegen bin eher der Finanz- und Behördentyp. Ich kümmere mich um alle Rechnungen, Kitagutscheine, Elterngeldanträge usw. Eigentlich untypisch. Aber ich kann auch leider überhaupt keine handwerklichen Sachen, da ich das nie gelernt und auch nicht wirklich Interesse daran habe. Am Ende haben wir aber den gleichen zeitlichen Arbeitsaufwand für unsere Aufgaben.

Wer von euch geht zum Kita-Elternabend? Wer bleibt zu Hause, wenn euer Sohn krank ist?

Kitaabende und U-Untersuchungen beim Arzt machen wir abwechselnd. Da wir beide flexible Arbeitszeiten und „nur“ 30 Stunden haben, schaffen wir es bisher, an Kind Krank Tagen abwechselnd zu arbeiten und bummeln dann ein paar Stunden einfach ab. Das ist aber trotzdem natürlich Verhandlungssache: Wer hat den wichtigeren Termin oder dringende Aufgaben?

Da haben es ganz klassische Familien einfacher, da dann einfach die Hausfrau zuhause bleibt, wie sonst auch. Das ist anstrengend und hängt auch viel vom Arbeitgeber ab. Gerade bei Männern wird ja schon oft komisch geguckt, wenn die wegen eines kranken Kindes zuhause bleiben wollen. Das muss sich unbedingt ändern, denn es sorgt dafür, dass Chef*innen Vorurteile gegenüber Müttern haben. Die würden ja oft fehlen und wären nicht zuverlässig usw.

Ihr habt sicherlich auch schon von Mental Load gehört, also den vielen Dingen, die man im Kopf behalten muss, das Ans-Geschenk-denken, wenn ein Geburtstag ansteht zum Beispiel, die ganze gedankliche Leistung eben. Meist liegt die bei einer Person. Bei vielen Paaren, die wir bereits interviewt haben, liegt diese Arbeit - auch bei Paaren, bei denen beiden Vollzeit arbeiten - bei der Frau. Wie ist das bei euch?

Oh ja, ein wichtiges Thema! Ich hab dazu neulich mal einen spannenden Test gemacht und wir teilen das auch ziemlich gerecht auf. Das ist aber ein Punkt, der früher mehr bei mir lag und den wir immer wieder neu diskutieren.

Ich bin ziemlich (über-)organisiert und ungeduldig und mir gehen Sachen oft nicht schnell genug. Davon ist mein Mann, manchmal zu Recht, genervt. Ich mache es dann einfach schon, weil ich denke, dass es dann erledigt ist. Mütter - auch ich - müssen da mehr Vertrauen haben und loslassen.

Väter machen dann zwar Fehler, aber die passieren Müttern ja auch. Neulich war zum Beispiel mein Mann beim Kinderarzt und ich hatte nicht wie üblich die Wickeltasche im Kinderwagen gelassen. Natürlich passierte dann das Unvermeidliche: Kind kackt. Meine Schuld, also raste ich mit nassen Haaren und der Wickeltasche hinterher.

Wenn man sich alles teilt, muss man eben auch die „Übergabe“ besprechen, das haben wir schon oft gemerkt. Das ist ein bisschen Mehraufwand, aber dafür hat man an anderer Stelle den Kopf wieder frei.

Seid ihr selbst in gleichberechtigten Verhältnissen aufgewachsen?

Nein, überhaupt nicht. Meine Mutter war die meiste Zeit alleinerziehend und mein Mann wuchs ganz klassisch auf. Sein Vater war ziemlich viel arbeiten und seine Mutter zuhause. Beide Familien finden unser Modell super und sagen, sie hätten es sich gewünscht, dass es damals auch schon so machbar gewesen wäre.

Ihr habt jetzt schon ein bisschen Erfahrung: Welche Vorteile hat euer Modell und worauf sollte man als Paar achten, wenn man auch zu einem solchen Modell wechseln möchte?

Vorteile gibt es eine Menge! Keiner ist vom anderen finanziell abhängig, das ist wohl der größte. Dann haben wir beide viel Zeit mit dem Kind, das ist uns auch wichtig. Und wir haben Zeit für Freunde, Sport und uns! Für mich kann ich noch sagen, dass ich nicht in der Muddi-Schublade gelandet bin bei der Arbeit, sondern weiterhin tolle Projekte und Verantwortung bekomme, weil ich flexibel bin. Mein Mann weiß zudem, wie anstrengend es mit einem Kleinkind ist und wertschätzt somit die Carearbeit vermutlich deutlich mehr als viele andere Männer. Mich entlastet auch sehr, dass unser Sohn eine zweite, gleichberechtigte Bezugsperson hat.

Was ich empfehlen kann, ist reden, reden, reden. Und zwar am besten vor der Geburt schon! Auch danach muss man immer wieder gucken, ob beide glücklich sind mit der Aufteilung oder ob einer gerade überfordert ist. Ich war immer mal wieder soweit, dass ich einfach kaputt war. Mein Mann sagt dann: Mach mal Urlaub ein Wochenende mit einer Freundin, ich übernehme. Das mache ich auch in zwei Wochen das nächste Mal und ich weiß: Es wird kein Problem und auch kein zusätzlicher Aufwand. Ich muss nicht vorkochen oder meinem Mann nicht sagen, was unser Sohn gerade am liebsten isst oder welche Windeln er kaufen soll oder wann Badetag ist. Ich kann einfach fahren und mir Bilder von einem glücklichen Kind schicken lassen.

 

Tags: Gleichberechtigung, Beziehung, Partnerschaft, Liebe, Familie, Eltern, Kind, Job, Vereinbarkeit, Familienalltag

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Kommentare

Swantje — Di, 11/19/2019 - 05:28

Toller Beitrag! Wir leben ebenfalls das 50 50 Modell und sind sehr zufrieden damit.

Patrick Heck — Di, 11/19/2019 - 11:02

Toller Artikel, danke! Meine Frau und ich haben ein gemeinsames Unternehmen und teilen uns Arbeit, Kind und Haushalt gleich auf. Das ist wunderschön, weil ich auch als Mann dadurch ganz viel Zeit mit dem Kleinen verbringe und trotzdem arbeiten kann. Allerdings kann ich nur bestätigen, dass es ganz viel Reden und Abstimmung braucht, wenn man sich sein Lebensmodell selber strickt. Das ist oft ganz schön anstrengend. Trotzdem würde ich es nie mehr anders machen wollen. An der Herausforderung wachsen wir jeden Tag und haben das Gefühl wir können so wirklich unseren Traum leben.

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