Impfneid, Ausgangssperren – sind die Braven am Ende die Doofen?

Corona

Foto: pixabay

Ihr Lieben, ihr lebt ja vermutlich auch seit langem in Wellen. Mal zieht euch eine runter, mal lässt euch eine mal wieder ein bisschen durchatmen, vielleicht sogar ein bisschen Sonne genießen. Die Pandemie-Wellen schütteln uns und unser Nervenkostüm jedenfalls kräftig durcheinander. Gerade im Moment geht es bei mir wieder so einigermaßen, weil die Osterferien ohne Homeschooling ganz guttaten, aber der Zustand kann sich wöchentlich, ach was, täglich, wenn nicht gar stündlich ändern.

Soziale Kontakte pflegen per Telefon

Nun merke ich, dass ich wieder mehr telefoniere. Je länger ich mich nicht wirklich verabreden oder mit echten Menschen treffen kann, desto mehr sehne ich mich nach Gesprächen – im Notfall dann halt per Telefon. Ganz eigentlich telefoniere ich nämlich gar nicht mehr so gern seit ich Kinder habe, denn ihr kennt das ja selbst….

Sobald jemand in der Leitung ist und wir als Mama plötzlich nicht mehr so geistig präsent im Alltag der Kinder, haben sie plötzlich Fragen oder brauchen dringend was oder fangen genau dann an zu streiten. Also telefoniere ich grad ganz gern, wenn ich spazieren gehe. Bisschen Natur drumherum und keiner, auf den ich aufpassen oder um den ich mich kümmern muss.

Schwarzmarkt, um an Impfungen zu kommen?

Und so quatschte ich also neulich mit einer alten Freundin, die in einer Großstadt lebt und es kam die Sprache auf die schleppenden Impfungen gegen Corona. Da erzählte sie von einem „Schwarzmarkt der Impfungen“. Von Schwangeren etwa, die die Berechtigung für die Impfung als „Begleitperson“ für 400 Euro anbieten. WIE BITTE?!

Das ist ja fast wie bei Konzerttickets, die dann unter der Hand für das Doppelte und Dreifache verkauft werden. So weit ist es jetzt also schon gekommen?! Zu THE GERMAN ANGST kommt jetzt also auch noch THE GERMAN IMPFNEID.

Meine Freundin jedenfalls brachte das auf 180. Seit Monaten halte sie sich an jede erdenkliche Regel, schränke sämtliche Aktivitäten und Kontakte ein, beachte brav alle Vorgaben und hat plötzlich die Sorge, damit irgendwann einfach nur noch doof dazustehen.

Sind die Braven die Letzten, die an eine Impfung kommen?

Zu den Letzten zu gehören, die dann irgendwann mal geimpft werden, weil sie einfach wartet, bis sie dran ist, während sie jetzt von allen Ecken und Enden hört, wie sich Impftermine erschlichen werden, weil irgendwer dann doch noch einen Arzt kennt oder sich als Ehrenamtlicher durchmogelt oder vor einem Impfzentrum vor Feierabend auf übrig gebliebene Dosen hofft. Oder sich eben eine Berechtigung als Begleitperson erkauft…

Sie hat einfach die Sorge, mit ihrer Angepasstheit abgehängt zu werden, irgendwann ausgelacht zu werden für ihre Untätigkeit, für ihre Konformität. Für all den Verzicht, den sie geleistet hat, dann am Ende noch hämisch angegrinst zu werden von den kleinen Pandemieteufelchen, die von Schulter zu Schulter springen und unken: Hehehehe, guck mal, die Doofe hat´s halt nicht gerafft. Wer nix wagt, der nix gewinnt.

Jede Impfung gegen Covid-19 bringt uns ein Stück weiter zurück zur Normalität

Meine Freundin ging sogar noch weiter und meinte: Gerade diejenigen, die das mit den Regeln nicht so genau nähmen – so ihr Gefühl – seien nämlich jetzt plötzlich die Ersten, die irgendwie an eine Impfung gekommen sind. Weil sie es ja bräuchten. Weil sie ja auch weiter nicht bereit seien, sich so einzuschränken, wie es eigentlich angebracht wäre.

Junge Leute mitten im Leben, die schon geschützt seien, obwohl die eigene Mama mit Mitte 60 und Vorerkrankungen noch nicht einmal einen Termin habe, weil die Wartelisten einfach viel zu lang sind. Oder andere eben rein rechtlich vorher dran sind.

Impfneid: Was wir daraus lernen

Fakt ist: Wenn es mehr Impfstoff gäbe, bräuchten wir uns solche Gedanken nicht zu machen. Wir brauchen einfach jetzt mal eine ganz, ganz große Menge! Fakt ist auch: Jeder und jede Geimpfte ist einer oder eine mehr auf dem Weg zurück in eine neue Normalität. Fakt ist genauso: Wir wollten dieses doofe C nie und wollen es jetzt so kurz vor einer möglichen Schutzimpfung auch einfach nicht mehr bekommen. Wir wollen gesund bleiben! Und das ist gut so! Trotzdem bleibt da ein fader Beigeschmack bei vielen. Kennt ihr solche Gefühle? Ich glaube, die sind normal.

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7 comments

  1. Moin,
    ich finde die Frage, ob mich irgendwer irgendwofür auslacht, nicht entscheidungsrelevant, und ich bin Leuten dankbar, die sich ohne Termin abends hinstellen und mit Glück eine Impfung nehmen, die sonst verfällt, weil jede Impfung uns dem Ende der massiven Einschränkungen näher bringt, egal in welchem Arm sie landet.
    LG Anne

    1. Sehe ich auch so. Ich wüsste auch nicht, warum ich die Doofe sein soll, wenn ich mich an die Regeln halte. Ich halte mich an die Regeln, um mich und meine Familie zu schützen. Und auch, um nicht zu denen zu gehören, die die Seuche weiter verbreiten und so dazu beitragen, dass sie weiter am Laufen gehalten wird.

  2. Interessante Gedanken. Ich finde es ist durchaus ein Unterschied ob man geimpft wird weil eine Person einen als Kontaktperson angegeben hat, z.B. wegen Pflege oder ob man sich eine Impfung erschleicht weil man den Hausarzt gut kennt o.ä. Das eine ist illegal, das andere einfach ( zumindest hier in BW) im Rahmen der Priorisierung. Ob diese Priorisierung gerecht ist steht auf einem anderen Blatt aber darüber zu diskutieren ist so müßig wie darüber, ob Maßnahme xy sinnvoll ist.

    Ich sehe keine Gefahr, dass man nachher „der Dumme“ ist. Jeder muss für sich entscheiden, wie er mit der Situation, den Maßnahmen und Impfangebot umgeht.

    Man übernimmt Verantwortung, für sich/seine Familie doch nicht erst seit der Pandemie. Einer findet die Entscheidung blöd, der andere gut… So what…

    Bei uns ist Astra nur nach Absprache für U60 zugelassen, in Luxemburg gibt es Aktionen explizit Astra für U 60. Jeder muss für sich die Entscheidung treffen, kein anderer kennt das individuelle Risiko/Ängste etc. und wenn man nicht so sehr auf andere schaut lebt es sich viel einfacher ;-)))

    1. Liebe Lisa,

      genau das habe ich gestern auch gedacht. Ich bin vom Typ her sehr ehrlich und befolge immer brav alle Regeln. Das heißt nicht, dass mir das leicht fällt oder gefällt, aber das nehme ich sehr ernst. Nicht ohne Grund wurde vom Etikrat eine Impfreihenfolge fest gelegt. Und plötzlich will keiner mehr was davon wissen, um sich irgendwie vorzudrängeln. Ich gönne jedem die Impfung. Aber zum aktuellen Zeitpunkt bedeutet das leider, dass man damit immer jemand älterem die Impfung weg nimmt, der eventuell daran sterben könnte. Und ja, ich fühle mich trotzdem als die Dumme, wenn ich das Gefühl habe, alle anderen denken in erster Linie nur an sich.

  3. Moin,

    Ja, ganz ähnliche Gedanken habe ich auch.
    Aber: nicht genutzt Impfungen zu Feierabend zu verteilen, ist super wichtig, damit diese nicht sinnlos verfallen. Herr Prof Drosten sagte sinngemäß, wir brauchen auch eine Solidarität der Älteren. Jeder spontan abgesagt Impftermin nimmt alle eine Impfung weg, wenn die Dosis nicht anderweitig verimpft wird.

  4. Ich habe auch bereits eine Dosis angeboten bekommen von dem „guten“ Impfstoff, mit dem anderen Dreck (O-Ton des Arztes, bei dem ich vergangene Woche zur Kontrolluntersuchung war), impfe er sowieso in seiner Praxis nicht. Er sagte, eine Begründung ließe sich für alles finden..

    Ich habe abgelehnt, aber vorwiegend aus dem Grund, da mir all die schnell zusammengeschusterten Impfstoffe einfach momentan noch kein Vertrauen geben. Mir steckt zu viel Druck dahinter und auf Druck reagiere ich eher skeptisch.

    Sagen will ich jedoch damit, diesen Markt gibt es sehr wohl. Und er brummt. Und die vielbeschworene Solidarität gibt es meiner Beobachtung nach in vielen Fällen nur dann, wenn sie gerade gut aussieht, in Wirklichkeit ist sich in den meisten Fällen aber jeder selbst der Nächste, Familie eingeschlossen. Das ist keine Kritik, sondern eine Feststellung und wahrscheinlich sogar biologisch so angelegt in Krisenzeiten.

    Es mag auch hier Ausnahmen geben, aber Ulrich Wickert hat mal ein Buch geschrieben, „der Ehrliche ist immer der Dumme“. So ganz unrecht hat der Titel nicht…….

  5. Ja, solche Gedanken kenne ich. Hier vor Ort (Nachbarn, die man draußen trifft 😉 ) sind allerdings einige Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen – und so gibt es auch keinen Austausch. …und mit Zwillingsbabys und großem Kind zuhause komme ich gerade nicht zum telefonieren.;-)
    In Sachsen, wo wir wohnen, können sich seit gestern ALLE mit Astra Zeneca impfen lassen – da fragt man sich plötzlich nochmal mehr, wie sehr einem die eigene Konformität (also in dem Fall, dass man sich eigentlich an die STIKO-Empfehlung halten will) im Weg steht – und weiß nicht, was man tun soll. Denn: wird man am Ende „ausgelacht“ (wie du oben schreibst)?

    Und vor allem wird es ja spannend, wenn es neue Regeln/Gesetze für Geimpfte gibt – und all die jüngeren Leute, die sich die ganze Zeit in vielerlei Hinsicht „angepasst“ verhalten haben, immer noch keine Lockerungen erfahren dürfen.

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