„Können Sie bitte dafür sorgen, dass mein Dackel erschossen und mit mir eingeäschert wird?!“ Aus dem Leben einer Mama und Bestatterin

Ihr Lieben, wir finden es ja immer wieder faszinierend, hinter verschiedene Vorhänge zu schauen. Heute öffnet uns unsere Leserin Janina die Pforte zu ihrem Leben als Mutter und Bestatterin…

Liebe Janina, wenn dich deine Kinder fragen, als was du arbeitest, was sagst du ihnen dann?

Unsere Große ist bereits 11. Sie weiß, was ich beruflich mache und ist damit groß geworden. Wenn sie Fragen dazu hat, beantworte ich diese immer wahrheitsgemäß. Unsere Kleine ist grade zwei geworden, spricht noch nicht und stellt demnach auch keine Fragen, aber wenn sie damit anfängt, wird auch sie stets möglichst ehrliche Antworten von uns bekommen.

Wie kam es dazu, dass du Bestatterin wurdest, war das schon immer dein Traum?

Als ich aus der Schule kam, hatte ich noch keinerlei Kontakt mit dem Tod und dem Sterben. Ich bin fast sicher, dass ich nicht mal wusste, dass es den Beruf des Bestatters gibt. Eine offizielle Berufsbezeichnung gibt es erst seit 2003, die staatlich anerkannte Ausbildung zur Bestattungsfachkraft ist erst seit 2007 möglich.

Vor dieser Zeit wurden Bestattungen meist von Handwerksbetrieben wie Tischlereien mit ausgeübt und genau in einen solchen Betrieb habe ich eingeheiratet, nicht wissend, worauf ich mich einlasse. Als meine Schwiegermutter in Rente gehen wollte, war es unsere freie Entscheidung, ob wir das Unternehmen weiterführen wollen oder eben nicht.

Wir haben uns dafür entschieden und es nie bereut. Ich bin beruflich angekommen und sehr froh, diesen Beruf ausüben zu dürfen – mit allen Vor- und Nachteilen. Ich bin Bestatterin mit Herz und Überzeugung. Daran halte ich fest.

Was muss man als guter Bestatter mitbringen neben Empathie, Flexibilität, Kreativität und Organisationstalent?

Empathie ist definitiv das A und O. Man muss Nähe zulassen, aber auch Distanz wahren… eine schwierige Gradwanderung. Emotionale Stabilität ist daher unabdingbar.

Kann man sagen, ihr seid so eine Art Weddingplaner, nur eben für den Abschied?

Schön ausgedrückt und ja, irgendwie schon, nur anders herum, weniger lustig und die Organisation ist zeitlich natürlich sehr begrenzt.

Was wir tun: Wir begleiten die Angehörigen auf ihrem schweren Weg und sorgen dafür, dass Sie Zeit und Raum für sich und ihre Trauer haben. Unser Ziel ist es, dass Angehörige fähige Unterstützung finden und in angemessener Form Abschied nehmen können.

Die Aufgaben sind dabei vielseitig, wir beraten, begleiten, organisieren und gestalten. Wir sind 24 Stunden am Tag erreichbar und unsere Arbeit beginnt mit dem Klingeln des Telefons. In der Regel findet als Erstes das Trauergespräch statt, wir führen dies meist in den Räumlichkeiten des Verstorbenen oder der Angehörigen. Das persönliche Umfeld gibt in diesem Moment eine gewisse Sicherheit und die Familien fühlen sich zu Hause einfach besser.

Ich lasse die Angehörigen immer erstmal erzählen, die meisten sind dabei sehr offen, beschreiben die letzte Zeit, was genau passiert ist. Ob es zu erwarten war oder ob jemand plötzlich aus dem Leben gerissen wurde, ist dabei nebensächlich, es tut immer weh und man ist nie darauf vorbereitet. Erst wenn diese Last der Trauer ein wenig gesackt ist, fange ich mit meiner „To-do-Liste“ an.

Ich benötige für die Erledigung der Formalitäten ein paar Dinge des Verstorbenen, z.B. das Stammbuch (falls vorhanden), Geburtsurkunde, Meldebescheinigung etc., das variiert ein wenig, je nach dem, wer gestorben ist. Ich erkundige mich nach Rentenkasse(n), Krankenversicherung(en), Versicherungen im Allgemeinen und Kirchenzugehörigkeit.

Dann geht es um die Bestattungsart, den Bestattungsort und den Bestattungstag, die Überführung, Ankleiden und Einbetten, Aufbahrung und Abschied am offenen Sarg, die Auswahl des Sarges und der Urne, um Musik, Bilder, Erinnerungen, freie Trauerredner, Fotografen, Auswahl des Floristen für den Blumenschmuck, Lokalität für eine Kaffeetafel, besondere Dekorationen, gestalten der Traueranzeigen und Trauerkarten. Ich informiere die Pastorin, den Organisten, die Küsterin, die Friedhofsverwaltung, den Gärtner und organisiere Sargträger (falls benötigt).

Ich kontaktiere Krankenhäuser, Standesämter, Ordnungsämter, involvierte Polizei, Krankenkassen und Rentenkassen. Ich spreche mit Vereinen, z.B. Schützen, Feuerwehr oder Jägerschaft. Ich gebe Traueranzeigen auf und drucke die Trauerkarten selbst. Ich koordiniere Termine, vermittle an den Steinmetz, beantrage Sondergenehmigungen und erfülle Sonderwünsche.

Am Tag der Bestattung sorge ich für einen reibungslosen Ablauf, reserviere Kirchenbänke und Parkplätze für die Familie, dekoriere, fotografiere, führe Kondolenzlisten, nehme Trauerbriefe entgegen, verteile Liederzettel (falls vorhanden), spiele im richtigen Moment Musik ein und leite die Sargträger und die Trauergemeinde aus der Kirche bis zum Grab.

Ich bin mir sicher, dass ich bestimmt etwas vergessen habe, aber im Großen und Ganzen besteht mein Job aus diesen oben erwähnten Dingen. Abwechslungsreich und weitreichend.

Nimmst du die Trauer der Menschen, denen du begegnest manchmal auch mit nach Hause?

Das bleibt leider nicht aus, auch wenn ich stets versuche, es nicht mit nach Hause zu nehmen. Viele der Verstorbenen kannte ich persönlich. Ich kenne die Familien und die Hintergründe, all die Schicksale – oft unfair und überraschend. Das kann ich nicht vor der Haustür abschütteln. Aber ich habe einen großartigen Mann, der mich in schwierigen Situationen immer wieder auffängt.

Erzählst du dann auch den Kindern davon?

Natürlich. Wenn ich bedrückt bin – oder gar weine – merken sie das ja eh. Ich denke, ich würde ihnen eher Angst machen, wenn ich meine Gefühle vor ihnen verstecken würde. Kinder können im Grunde sehr gut mit diesem Thema umgehen, weit besser als Erwachsene und wenn wir erreichen wollen, dass dies kein Tabu-Thema mehr ist, dürfen wir unsere Kinder nicht ausschließen.

Wie hat sich dein Bild vom Tod gewandelt, seit du damit beruflich zu tun hast?

Mein Bild hat sich in dem Sinne gewandelt, dass ich jetzt überhaupt eines habe. Ich habe mich vorher nie damit beschäftigt. Der Tod ist manchmal sehr „dreckig“. Er bringt vielerlei Wahrheiten ans Licht und hat furchtbare Eigenschaften im Gepäck.

Wenn ich das sage, dann meine ich nicht den Verstorbenen selbst, sondern die Umstände drumherum. Ich erlebe immer wieder, dass Familien bereits beim Trauergespräch über das eventuelle Erbe streiten, die Verantwortung von einem zum anderen schieben und laut darüber diskutiert wird, wer die Kosten trägt, anstatt gemeinsam zu entscheiden und eine Lösung zu finden. Daraus entsteht dann Streit, dieser führt zu Hass, Neid und Gier. Das macht mich traurig, ich finde, es sollte in solchen Momenten nicht um Geld gehen.

Im Todesfall sollte eine Familie sich halten und füreinander da sein, der Verlust ist schlimm genug, da braucht keiner diese zusätzliche Belastung. Ich finde für jede Familie den richtigen Weg und auch mit wenigen Mitteln kann eine wunderschöne und würdevolle Trauerfeier gestaltet werden.

Natürlich gibt es viele Familien die in schweren Zeiten zusammenhalten und es ist wunderbar zu beobachten, wie diese durch traurige Ereignisse noch fester zusammenwachsen. Und selbstverständlich gibt es auch positive Seiten. In vielen Fällen, vor allem wenn der Verstorbene schwer krank war, kann ich ganz klar sagen, dass der Tod hier eine Erlösung war und das kann man auch ganz deutlich in den Gesichtern dieser Menschen sehen.

Gerade nach schwerer Krankheit rate ich dringend dazu am offenem Sarg Abschied zunehmen. Bei Kerzenschein und leiser Musik fällt es auch den Angehörigen leichter die „Erlösung“ zu sehen und zu spüren. Das hilft enorm bei der Trauerbewältigung. Manchmal, das finde ich sehr interessant, sterben Witwer oder Witwen, vor allem wenn sie sehr lange zusammen waren, in kurzer Zeit hintereinander, so, als könnten sie nicht ohne den anderen. Oft fällt der Todestag auf den Hochzeitstag oder ein für sie besonderes Datum.

Andere sterben, wenn ein neues Familienmitglied unterwegs ist. Das mag alles Zufall sein, vielleicht aber auch nicht. Aber ich will auch ehrlich sein, bei Unfallopfern oder Kindern (auch schwer erkrankt) kann ich keine positiven Seiten finden. Auch Familien, die ich in den letzten Jahren öfter besucht habe, können meist nichts Positives daran finden. Viele verabschieden mich mit Worten wie: „Wir mögen dich ja wirklich gerne, aber…!“ Das ist ok für mich.

Was war der prägendste Arbeitstag, den du je hattest?

Das ist gar nicht so leicht, es gibt einige. In den meisten Fällen habe ich meine Gefühle voll und ganz unter Kontrolle, zumindest für den Moment, aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich bin ein Mensch mit Gefühlen und wenn ein 4-jähriger in der Kirche ruft: „Ich will meinen Papa zurück!“, gehe auch ich weinend und allen voran zum Friedhof.

Wir haben das Gefühl, dass alle gerührt „Ohhhh“ rufen, wenn eine Frau sagt, sie ist Hebamme. Wie reagiert denn dein Umfeld, wenn du sagst, dass du täglich mit dem Tod zu tun hast?

Das „Ohhh“ kommt mir bekannt vor, aber dann kommt meistens Stille. Der Stille folgen dann aber durchaus pikante und teils lustige Fragen, wie: Kann ich meinen Sarg selber bauen? Liegen auf dem Meeresgrund hunderte von Urnen? Brechen Sie den Verstorbenen beim Ankleiden die Knochen? Die sind dann ja ganz steif! Sprechen Sie mit den Verstorbenen? Kann ich die Asche mit nach Hause nehmen? Werden die Verstorbenen von Würmern durchlöchert?Aber das skurrilste was ich tatsächlich mal gefragt wurde war… Können Sie bitte dafür sorgen, dass mein Dackel erschossen wird, damit er mit mir eingeäschert werden kann?!

Was meinst du, warum das Sterben immer noch ein solch großes Tabu in unserer Gesellschaft ist?

Angst. Jeder für sich. Jeder auf seine eigene Weise. Sie ist überall. Einzig die Angst macht aus dem Tod und dem Sterben ein Tabu-Thema.

Tagtäglich mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert zu sein: Was gibt dir das für dein Leben?

„Keiner von uns kommt ihr lebend raus. Also hört auf, euch wie Andenken zu behandeln. Esst leckeres Essen. Spaziert in der Sonne. Springt ins Meer. Sagt die Wahrheit und tragt euer Herz auf der Zunge. Seid albern. Seid freundlich. Seid komisch. Für nichts anderes ist Zeit“, sagt Anthony Hopkins. Ich denke, das trifft es ganz gut.

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3 Kommentare

  1. Das ist ein wahnsinnig wichtiger Job. Toll beschrieben, schönes Interview!
    Wenn diesen Job so empathische Menschen machen, ist das für alle Beteiligten eine Wohltat.
    Liebste Grüße!

  2. Wow, ein wirklich außergewöhnlicher Beruf! Hut ab und wie schön, dass du den Beruf mit so viel Herzblut und Engagement machst, wirklich klasse. Danke sehr für den Einblick in dein Leben.Alles Gute!

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