Interviews

13/04/2018 - 07:15

Land-Mama Lisa

"Oh nein, schon wieder ein Junge! Mein herzliches Beileid" - Interview mit einer Dreifach-Jungs-Mama

Liebe Christiane, du hast vor wenigen Wochen dein drittes Kind bekommen, wie klappt es mit der Umstellung von der Vierer- auf eine Fünferkonstellation?

Die Umstellung von "Wir sind vier" auf "Ab jetzt Großfamilie" klappt besser, als befürchtet. Die großen Geschwister - zum Zeitpunkt der Geburt auch erst 17Monate und drei Jahre - lieben den Kleinen über alles und küssen ihn und kuscheln mit ihm, wo es nur geht.

Und wie klappt das im Alltag?

Der Kleinste ist zum Glück ein ganz lieber Schatz. Er weint selten (und wenn, dann aus gutem Grund), schläft mehrfach ein paar Stunden und die Nächte sind wirklich gut. Und wenn er mal nicht so gut drauf ist und meine Nähe braucht, kommt er ins Tuch und wir beide genießen (beim Haushalt machen) das Kuscheln. Nichtsdestotrotz gibt es aber auch ein paar Dinge, die mit drei Kindern eben leider nicht mehr so gut gehen.

Was klappt zum Beispiel nicht so gut?

In Ruhe stillen ist zum Beispiel oft schwer, was ich für mich und den Kleinen schade finde. Aber da sind nun mal die beiden anderen, und wenn der Große Hilfe auf der Toilette braucht, während ich stille, muss der Kleine nun mal von der Brust, damit ich dem Großen helfen kann. Der Mittlere ist ein wahnsinniger Wirbelwind, klettert permanent auf Tische und Stühle und stürzt oft. Auch da muss dann ab und an eine kurze Stillpause eingelegt werden.

Wie kriegst du das dann hin?

Ich ziehe mich oft mit dem Baby zum Stillen zurück, wenn mein Mann da ist. Allen auf einmal gerecht zu werden, ist schon eine Herausforderung. Und bewährte Strukturen strikt beibehalten, funktioniert auch oft nicht. Da muss alles neu durchdacht und probiert werden. Wir haben etwa immer um 19 Uhr gegessen. Das ist aber nun mal jetzt genau die Zeit, wo der Kleinste todmüde ist. Also müssen wir entweder früher essen, oder der Papa isst mal alleine mit den Großen.

Generell ist es jetzt nun mal so: Die Kinder sind in der Überzahl. Da reicht es eben manchmal nicht, dass man nur zwei Arme hat. Das ist aber ja nicht zu ändern. Da muss dann einer mal zurück stecken. Wichtig ist nur, dass man das gut ausgeglichen bekommt.

Und wie lief die Schwangerschaft? Immerhin musstest du dich ja gleichzeitig noch um zwei weitere Kinder kümmern...

Die dritte Schwangerschaft war wirklich richtig, richtig anstrengend. Mir ging es die ersten Monate überhaupt nicht gut. Mir war so schlecht, ich musste mich oft übergeben und ich war sooooo müde. Ich habe oft drei Kreuzzeichen gemacht, dass der Große im Kindergarten war. Und da wir zum Glück Oma und Opa in der Nähe haben, konnte ich den Mittleren dort hinbringen, wenn es mir ganz schlecht ging.

Wann wurde es besser?

Ab Mitte der Schwangerschaft ging es mir endlich besser. Mit wachsendem Bauch wuchs die Neugier und Vorfreude des Großen. Er hat sich sehr auf "sein Baby" gefreut. Natürlich war er traurig, dass ich ihn nicht mehr so oft tragen konnte und nicht mehr so mit ihm toben konnte, aber mein Mann und ich haben immer versucht, das aufzuteilen. Er hat überwiegend die wilden, chaotischen Sachen mitgemacht, ich hab das Kuscheln, Lesen, Puzzeln übernommen.

Super schön war einfach, als der Große die Tritte vom Baby das erste Mal gespürt hat. Ab dem Tag hat er dem Baby immer "Guten Morgen" gesagt und den Bauch geküsst und berührt, wann er nur konnte. Ja, eine Schwangerschaft mit zwei Kleinkindern ist anstrengend, aber auch wunderschön

Wie war das denn, als dir nach zwei Jungs für das dritte Kind auch ein kleiner Junge angekündgt wurde?

Da sich diese Schwangerschaft vollkommen anders angefühlt hat, als die beiden anderen, bin ich davon ausgegangen, ein Mädchen zu bekommen. Bei einer Untersuchung sagte meine Ärztin auch, dass sie meint, es wird diesmal ein Mädchen.

Wir haben uns natürlich gefreut, denn mal ganz ehrlich, ein bisschen weibliche Unterstützung für mich wäre einfach schön. Und außerdem gibt es so wahnsinnig süße Klamotten für Baby-Mädchen. So haben wir uns also einen Namen für ein Mädchen überlegt. Bei der nächsten Untersuchung hab dann sogar ich sofort eindeutig gesehen, dass es kein Mädchen ist, was da in mir heran wächst.

Wie hat die Ärztin Dir das mitgeteilt?

Zu der Ärztin - übrigens zum Glück nicht meine eigentliche, sondern nur die Fachärztin für das Screening - möchte ich sagen: Tun Sie Ihren Patienten den Gefallen und reflektieren Sie mal in regelmäßigen Abständen Ihr Verhalten Ihren Patientinnen gegenüber. Es ist schon mal ein Unding, während der Untersuchung in einer Tour zu gähnen. Ohne Hand vor den Mund, ohne mal was dazu zu sagen... Nach dem 20. Gähnen hab ich sie gefragt, ob sie schlecht geschlafen hätte. Nein, das wäre die schlechte Luft. Und das Fenster könnte man nicht öffnen, dann wäre es zu laut. Und dann kam der Satz der Sätze...

Welcher?

"Oh nein, schon wieder ein Junge! Mein herzliches Beileid."

Oh ha! Wie hast du reagiert?

Also jemandem sein Beileid auszusprechen, weil es der dritte Junge wird, geht GAR NICHT! Und dann auch noch zu sagen: "Tut mir leid, ich kann kein Bild vom Gesicht machen, nur ein pornografisches" ....das MUSS einfach nicht sein!

Was hättest du ihr da am liebsten gesagt?

So viele Frauen kommen zu Ihnen und sind angespannt, ob mit ihrem Baby alles in Ordnung ist. Da ist so ein Verhalten einfach nicht richtig. Und wenn das Humor gewesen sein soll, ist er an der Stelle schlichtweg vollkommen deplatziert. Erst denken, dann reden - haben meine Eltern mir schon als Kind beigebracht. Fand ich früher einen sehr nervigen Satz. Jetzt finde ich ihn einfach richtig! Zum Glück ist meine eigentliche Frauenärztin das glatte Gegenteil von ihrer Kollegin!

Mal abgesehen von der Unart, es dir mitzuteilen, wie hast du denn darauf reagiert, dass es doch kein Mädchen wird?

Naja, wir hatten uns ja wie gesagt schon auf ein Mädchen eingestellt, deswegen dachte ich schon kurz "Och, schade". Aber das war nur ein kurzer Augenblick. Dann habe ich einfach nur gedacht, was ich jetzt schon für zwei tolle Jungs habe. Alle guten Dinge sind DREI.

Mein Mann hat sich gefreut, dass es wieder ein Junge wird, hätte sich aber genau so über ein Mädchen gefreut. "Hauptsache gesund", hat er immer gesagt. Und genau so ist es

Wie reagiert denn euer Umfeld auf den dritten Jungen?

Wir hatten die unterschiedlichsten Reaktionen auf unseren dritten Sohn. Viele haben gesagt, dass sie uns - besonders mir - doch so ein Mädchen gegönnt hätten. Eine Freundin hat mich fest in den Arm genommen und "Meine Jungs-Mama" gesagt - das fand ich soo schön.

Etliche sagten: "Wie praktisch, brauchst du keine neuen Klamotten zu kaufen" ... äh, doch, klar! Lieber fürs Baby, als für mich. Beim Einkaufen kommen die typischen Sprüche, wie "Drei Jungs?? Da wissen Sie aber auch abends, was sie getan haben!“ Ja, stimmt. Das wusste ich bei einem aber auch schon.

Ganz ehrlich, bedauern braucht mich keiner. Drei Jungs sind super. Ich liebe sie aus tiefstem Herzen.

Meinst du, Jungs haben ein Image-Problem in unserer Gesellschaft? Weil viele Jungs mit Lautstärke und Rauferei gleichsetzen?

Es kann schon sein, dass Jungen ein Image-Problem haben. Zumindest, wenn es viele auf einmal sind. Bei einem Jungen und einem Mädchen sagt ja keiner was.
Wobei dieser Aberglaube, dass Jungs anstrengender sind als Mädchen, einfach Blödsinn ist. Ja, viele Jungs sind wilder als Mädchen. (Oder wirkt das nur so, weil man von Jungs das Raufen und laut sein regelrecht erwartet!?).

Als Erzieherin kann ich sagen, dass es schon so ist, dass viele Jungs lieber toben und Fußball spielen als basteln oder so. Das hat einfach etwas mit Entwicklung und Interessen zu tun. Ich hatte auch schon viele Jungs, die Stunden in der Bauecke bauen konnten, oder es liebten, Bügelperlenbilder zu machen. Ebenso hatte ich einige Mädchen, die am liebsten nur im Toberaum spielen wollten. Es gibt immer solche und solche.

Was möchtest du deinen Jungs denn fürs Leben mit auf den Weg geben?

Oh, ganz viel: Jeder von euch ist einzigartig, wunderbar und von uns geliebt, so wie er ist. Ändert euch niemals, nur um jemand anderem zu gefallen. Egal, was ihr macht oder tut, wir und eure Großeltern und Paten sind immer für euch da und stehen immer hinter euch. Ihr seid NIE allein.

Genießt euer Leben! Seid neugierig, bereist und entdeckt die Welt. Setzt euch Ziele und verfolgt diese. Glaubt an das Gute im Menschen. Behandelt andere so, wie ihr selbst behandelt werden wollt. Seid respektvoll, fair und höflich. Mir fallen noch so viele Dinge ein. Aber die jetzt genannten Punkte sind uns am wichtigsten.

Zum Weiterlesen: "Du hast vier Jungs? Du Arme!"
 

Tags: Junge, Jungsmama, drei Kinder, Familie, Liebe, Mutterschaft, Mama, Schwangerschaft, Baby, Geschwister, utter, Kinder

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Kommentare

Katrin — Fr, 04/13/2018 - 08:43

Sehr schön geschrieben! Ich bin auch eine 3-fach Jungen-Mama (7, 4 und 3 Jahre) und finde es wunderbar. Der schlimmste Satz überhaupt: "Naja, dass Nächste wird dann ein Mädchen" (und den höre ich immer noch regelmässig). Das hat mich besonders nach der Geburt des Kleinsten sehr getroffen, da er häufig direkt mit den Glückwünschen zusammen gesagt wurde.

Kerstin — Fr, 04/13/2018 - 20:46

Wir haben auch 3 Jungs. Eine Grundschullehrerin guckt mich an : „Oh noch ein Baby!“ Blick in den Kinderwagen: „Oh je und dann auch noch einen Jungen.“ Tja was soll man darauf sagen? Ich verließ mit Tränen in den Augen die Bäckerei mit meinem Neugeborenen.

Meike — Mo, 04/16/2018 - 13:06

Wir haben im vergangenen August unser 2. Mädchen bekommen, obwohl uns 3 verschiedene Ärzte einen Jungen ankündigen und wir bis zur Geburt davon ausgegangen waren. Nachdem bei unseren Bekannten die erste Überraschung verflogen war, haben wir auch von diversen Leute Sprüche zu hören bekommen a lassen "da freut euch Mal auf die Pubertät, ihr Armen!" Oder "naja, dann wird das 3. Halt ein Junge." Daher glaube ich gar nicht, dass es an einem Image-Problem der Jungs liegt. Vorstellen könnte ich mir, dass einfach viele ein Junge und ein Mädchen als Idealvorstellung sehen. Alles, was abweicht, wird erstmal bedauert.

Katharina — So, 04/22/2018 - 08:35

Hallo! wir haben 3 Mädchen und da gab es ähnlich blöde Reaktionen. "und macht ihr jetzt so lange weiter, bis es ein Junge wird, " oh wieder ein Mädchen, na dann trotzdem herzlichen Glückwunsch ", "der arme Papa" etc. Ich finde das so schade, es setzt die Wertigkeit kleinen Menschen so herab. Erst denken,dann reden- das passt da wirklich gut!

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