Raus aus dem Hamsterrad: Von unserer Weltreise mit Kindern

Susanne Dyrchs war mit ihrem Mann Chris und zwei Söhnen knapp anderthalb Jahre auf Weltreise. Vor der Reise drohte die Familie sich im Alltagsstress zwischen Beruf und Kita, einem Berg von To-Do-Listen und wachsendem Erwartungsdruck zu verlieren. An ihnen nagten die Fragen: Was wollen wir vom Leben? Wie und wo finden wir unser Familienglück? Und: Wie wollen wir Familie heute leben? Im Sommer 2017 hielten sie das Hamsterrad an und fuhren einfach los – ohne Plan oder Route. Seit 2019 lebt das Paar mit mittlerweile drei Kindern in einem kleinen, kanadischen Dorf am Meer.

Über das Suchen, Scheitern und Finden von Familie

In ihrem Buch „Wir-Zeit“ erzählt Susanne Dyrchs über das Suchen, Scheitern und Finden von Familie und teilt ihre Erfahrungen darüber, wie heilsam es sein kann, gemeinsam loszulassen und die eigene Komfortzone zu verlassen.

Weltreise mit Kindern
Susanne Dyrchs: Wir-Zeit

Auszug aus dem Buch, Prolog:

„Mama! Schau, ich bin ein Seeadler! Ich bin der König der Lüfte!“

Ich kann Joe nur schlecht hören, denn der Sturm trägt sein Jauchzen davon. Aber sehen kann ich ihn: Wie sich sein mittlerweile sechs Jahre alter, drahtiger Körper mit ausgebreiteten Armen gegen den Wind lehnt, um im nächsten Augenblick auf dem schier unendlich langen Strand loszusprinten – jederzeit bereit, abzuheben und sich aufzuschwingen in die salzige Meeresluft.

Mit den Kindern am Lagerfeuer in Kanada. Foto: Dyrchs

Durch die täglichen Wanderungen und Outdoor-Aktivitäten in den letzten Monaten ist sein Babyspeck auf ein Minimum geschmolzen und hat Platz gemacht für eine muskulöse Statur, die perfekt zu seinem temperamentvollen, energiegeladenen Wesen passt. Körper und Geist stehen im konstanten Dialog miteinander. Seine dunkelblaue Windjacke bläht sich auf, von Weitem könnten es tatsächlich Flügel sein, die seinen wuscheligen Lockenkopf einrahmen. Seine Füße hinterlassen tiefe Spuren im Sand. Das Wasser spritzt ihm bis zur Hüfte, wenn er durch die Gischt sprintet. Nichts kann ihn aufhalten, nichts kann dieses Kind stoppen.

Ein Naturspektakel: Die Zeit steht still

Die ankommenden Wellen sind mindestens drei Meter hoch, bauen sich auf, fallen in sich zusammen und prallen mit Getöse auf den Strand der australischen Ostküste. Chris und ich schauen uns dieses Naturspektakel an. Lassen uns Zeit. Uns allen. Minuten, Stunden, Tage rasen nicht mehr. Die Zeit steht beinahe still. Frieder, genannt Raupe, saust seinem großen Bruder hinterher, geschmeidig schneiden seine zusammengelegten Handflächen an den ausgestreckten Ärmchen die Luft in Stücke, grazil wedelt sein kleiner Körper über den nassen Sand.

„Hier kommt der Weiße Hai, der Herrscher der Meere! Ich bin so wild, raaaaah!“

Walsichtung an der Westküste Kanadas. Foto: Dyrchs

Ja, das stimmt, wild sind sie, unsere Kinder. Und frei. Jetzt, nach mittlerweile sechs Monaten unterwegs – on the Road sozusagen. Ein Landstreicherleben. Eins sein mit der Natur. Es gibt kaum etwas, das sie in ihrer Freiheit einschränkt, sie geben sich ihre Taktung weitestgehend selbst vor. Diese Freiheit macht ihnen keine Angst, im Gegenteil: Die letzten Monate haben sie gestärkt. Und auch uns, ihren Eltern, hat die daran geknüpfte Lebendigkeit und Leidenschaft der Kinder jedwede Angst genommen. Sie hat uns beflügelt und uns näher zu uns selbst gebracht. Uns als Eltern, uns als Paar, als Familie. Aber auch jeden Einzelnen von uns ganz allein und im Stillen zu sich selbst. Die Sorgen, wir könnten einen Fehler gemacht haben, womöglich etwas bereuen, sind mit dem um uns herum brausenden Wind davongeflogen. Wir besitzen mittlerweile fast nichts mehr und doch haben wir uns nie sicherer und sorgloser gefühlt, intensiver gespürt. Alle vier.

Alte Muster abschütteln

Es dauert, alte Muster abzuschütteln. Ein Urlaub mag kurzfristig ablenken, entspannen, anregen, aufregen – und doch bleibt man stehen. Erst eine länger andauernde Auszeit gibt die Kraft, den Raum und den Abstand, den es braucht, um sich seines Alltags zu entwöhnen, sich aus seiner Komfortzone hinaus zu bewegen, Steine aus Ansprüchen und Traditionen beiseite zu rollen und anderen Seiten in sich selbst Platz zu machen. Ich bin keine andere geworden in den letzten Monaten. Vielmehr habe ich mich wiedergefunden, tief vergraben unter einem Berg von Anforderungen, Stress, schlechtem Gewissen, Erwartungen und Ambitionen.

Mit der Familie in Chile. Foto: Dyrchs

Aber nicht nur ich habe mich wieder freigeschaufelt – auch als Familie haben wir uns auf Reisen ganz neu kennenlernen und finden müssen. Wir haben allen überflüssigen Ballast über Bord geworfen. Wir sind ständig in Bewegung, aber nicht mehr getrieben. Wir sind weit weg, aber ganz nah bei uns. Wir sind rund um die Uhr zusammen, und doch bieten sich selbst auf engstem Raum genügend individuelle Rückzugsmöglichkeiten. Und all das nur, weil wir primär an einer Stellschraube gedreht haben: Zeit. Wir haben für uns Zeit. Wir-Zeit.

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Ich liebe es, den Kindern zuzuschauen, ohne sie in ihrem konzentrierten Tun zu unterbrechen. Sie zu studieren. Von ihnen zu lernen. Stundenlang. Wie sie rennen und toben. Wie sie ihre selbstgebauten Angeln ins tosende Meer werfen. Wie aufrichtig sie sich über gefundene Krebspanzer, Muscheln und Steine freuen. Spielen ist die Arbeit der Kinder. Es steht mir nicht zu, sie dabei zu stören. Auch das musste ich lernen. Mittlerweile finde ich es respektlos, ein Kind ohne einen guten Grund in seinem ernsthaften Spiel zu unterbrechen. Denn es lehrt das Kind: Dein Spiel ist nicht wichtig, es ist nichts wert, ergo: Du bist nichts wert. Den daraus (für mich) resultierenden Vorsatz, unnötige Unterbrechungen zu vermeiden, nehme ich mir (täglich aufs Neue!) zu Herzen, um Stress für Joe und die kleine Raupe zu vermeiden.

Neuseeland. Foto: Dyrchs

Könnten wir jemals wieder einen Schritt zurück gehen, zurück in unser altes Leben, in dem wir ständig auf dem Sprung waren und uns vor lauter Park- und Halteverboten, Stopp- und Einbahnstraßenschildern nicht mehr frei bewegen konnten? Bis wir diese Entscheidung treffen müssen, dürfen wir noch über ein halbes Jahr gemeinsam reisen. Zu viert. Oder … halt. Ich lege die Handflächen auf meinen Bauch. Er hat schon begonnen, sich zu wölben. Zu fünft trifft es mittlerweile vielleicht besser. Ganz nebenbei schwanger zwischen vier Kontinenten. Möglich ist alles.

Frieder hebt einen gelbgoldenen Stein auf, den die Wellen an Land gespült haben.

„Echtes Gold!“, ruft er und läuft auf mich zu. „Mama, das ist unser Not-Gold. Wenn unsere Reisekasse leer ist, können wir davon für immer weiterziehen!“

Mit der ganzen Familie in Tofino, Kanada. Foto: Dyrchs

Ich öffne meine Arme, er springt hinein und ich halte unseren Dreieinhalbjährigen so fest ich kann. Wir sind uns nah. Ich bin glücklich. Habe ich mich je freier gefühlt? Als Frieder die Umarmung löst, schaue ich ihm in die Augen. Und bin bestürzt.

„Raupe, du weinst ja! Um Gottes willen, was ist denn los? Hab’ ich dir wehgetan? Hast du dich verletzt?“

Zu meiner Überraschung lächelt er mich verwundert an.

„Nein, Mama, mach dir keine Sorgen. Das sind nur Freudentränen. Wenn mein Bauch vor Freude gurgelt, dann kullern die raus.“

Er wirft den Kopf in den Nacken, lacht und wischt sich die Tränen aus den Augen, um sich nur Sekunden später loszureißen und wieder mit voller Wucht in das Abenteuer zu stürzen, das Leben heißt. Er rennt zu seinem Bruder, greift seine Hand. Der Große lässt ihn friedfertig gewähren.

Ich schmecke Salz auf meinen Lippen. Die Seeluft? Aufspritzendes Meerwasser? Tränen? Nein, denke ich, so schmeckt Glück. Und kein bisschen anders.

Schaukeln auf Hawaii. Foto: Dyrchs

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9 comments

  1. Wenn man weg ist, ist alles gut… Tut mir leid, ich halte diese idealisierten instagramwelten prinzipiell für idealistisch eingefärbt. Natürlich sind die Kinder schlank y sportlich, selbstbestimmt, immer glücklich weinend vor Freude und kacken Regenbogenfarben. Ich wünsche der Familie alles gute und hoffe, dass es ihnen wirklich so super duper geht. Ich kümmere mich dann mal wieder um meinen vierjährigen, den ich sehr Liebe aber durchaus mal anstrengend finde.

    1. Liebe Rebecca, du sprichst mir aus dem Herzen:) Ich gönne diese Erfahrungen jedem, habe aber in vielen Fällen die Erfahrung gemacht, dass bei genauem Hinsehen nicht mehr alles so toll glänzt wie Gold….

  2. Ich finde den Bericht natürlich auch toll.

    Allerdings frage ich mich bei vielen dieser Reiseberichte, was diese Menschen denn für einen Alltag hatten? Warum wird „Alltag“ so oft mit „Stress“ gleichgesetzt? Ist man dann denn nicht fähig, den Alltag ohne „Stress“ zu leben? Und ist das nicht eher Einstellungssache als eine Frage des „Um-die-Welt-Reisens“? Meine Kinder werden seltenst aus dem Spiel „rausgerissen“… warum denn auch? Dann gibt’s halt später Essen…oder wir gehen später einkaufen…oder…

    Klar gibt es äußere Umstände, in denen das nicht einfach geht, aber wieso sollte man einen Alltag voller „Stress und Zeitdruck“ haben? Bzw. warum ändert man da nix?
    Das würde mich tatsächlich interessieren, da ich das so oft höre!
    Liebe Grüße

    1. Also mein Leben ist Stress und zwar nicht zu knapp, aber es ist selbstgewählt und ich bereue es nicht.

      Ich habe einen anspruchsvollen Vollzeitjob, engagiere mich nebenbei noch sozial und in einem Verein, mache selbst regelmäßig Sport, will aber auch den beiden Kindern jeweils einen Sport und dazu noch eine musikalische Bildung ermöglichen.

      Dazu will ich natürlich an Elternabenden, Schulfesten u.ä. teilnehmen und zwar sowohl in der Schule des älteren Kindes, als auch in der Kita des jüngeren Kindes. Außerdem sind die Kinder in ihren jeweiligen Einrichtungen recht beliebt, so dass meine Frau und ich sie regelmäßig zu Kindergeburtstagen und Spieltreffen bringen müssen.

      Hinzu kommt noch die Pflege einer Angehörigen meiner Frau, die relativ viel organisatorischen Aufwand erfordert.

      Da ist wirklich alles getaktet, auch wenn ich früher mal dachte, dass ich gar nicht so der Typ für generalstabsmäßige Planung wäre und die Dinge lieber laufen lasse.

      Aber: In der Pandemie mit den Lockdowns und dem Wegfall vieler Termine habe ich gemerkt, dass mir dieser Stress tausendmal lieber ist als Nichtstun.

      Ich muss sagen, dass aus meiner Sicht dies die größte Erkenntnis aus der „Entschleunigung“ im Lockdown war. Ich habe meinen Stress und meinen vollgepackten Terminkalender wirklich schätzen gelernt. Ich mag meinen Stress zwar öfter verfluchen, doch ohne ihn wäre es irgendwie verdammt öde im Leben.

      So sehr ich ein paar Wochen Auszeit bei schönen Urlauben schätze, bin ich mir doch bewusst, dass die Musik für mich hier und jetzt spielt und nicht irgendwo in der Ferne. Und je lauter diese Musik spielt, desto besser.
      Ich nehme mir gerne wertvolle Impulse aus spannenden Reisen mit, aber ich muss mich nicht in der Ferne „selbst finden“.

      Die Komfortzone verlässt man doch nicht dadurch, dass man sich irgendwo in einem kleinen Fischerdorf an einen Strand legt und den Wellen zuschaut, sondern dadurch, dass man dort anpackt wo man gebraucht wird und etwas bewegen kann.

      1. Danke Flo! Ein richtiger und toller Kommentar! Man hört daraus die Lebensfreude im Alltag! Den letzten Absatz möchte ich insbesondere unterschreiben.

    2. @ Nadja: Danke! Ich frage mich bei solchen Berichten auch oft warum man unbedingt aus dem Alltag „fliehen muss“ um dem Alltagsstress zu entkommen. Ich gönne die langen Reisen allen Familien, die es gern machen wollen, verstehe aber den Drang „um die Welt Reisen zu müssen“, damit man wieder Zeit für sich und das Leben hat, nicht wirklich.

  3. wenn ich so berichte lese würde ich am liebsten auch unsere sachen packen und los. leider ( also ansonsten zum glück und es ist toll!) arbeiter mein mann im kleinen familienbetrieb und der steht und fällt mit allen vier die darin arbeiten. also kann er nicht einfach für ein jahr oder so weg.
    jetzt träume ich von wenigstens zwei wochen urlaub nächstes jahr in schweden. immerhin mehr bzw länger als wir normalerweise haben. uns würde so eine lange auszeit bestimmt auch gut tun. ich finde es toll und mutig wenn sich welche dazu aufraffen. denn das ist das wichtigste – zeit, ruhe, muße, für sich und zusammen. und etwas ohne stress und zeitdruck machen.

    1. Hallo Nadja,

      Hm, auch wir sind manchmal gestresst. Mit zwei Kindern (eines Kita-Kind, das andere in der Schule). Obwohl wir bewusst momentan keine nachmittags Aktivitäten haben (ja, unsere Kinder haben keine Hobbys momentan) gibt es genug Momente, wo wir auf die Tube drücken müssen, weil die äußeren Umstände es ergeben.

      Und sei es, dass wir am späten Nachmittag tatsächlich die Kinder beim Spielen stoppen müssen, um pünktlich essen zu können, damit die Kinder zur richtigen Zeit ins Bett kommen. Natürlich muss das Schulkind am nächsten Morgen Punkt 8 ausgeschlafen in der Schule sein.

      Seit der Schule/Ganztag ist alles noch mehr durchgetaktet als sonst. Und obwohl wir sehr bewusst beide Elternteile nur 80% arbeiten, um weniger Stress und mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen, genieße ich extrem die Urlaube, wo man nicht auf die Uhr gucken muss… Kinder erst um zehn im Bett? Egal. Mittag essen um drei? Auch wurscht.

      An den Wochenenden ist es hier mittlerweile herrlich entspannt, aber die Woche ist schon recht getaktet.

      Kurze Sache: ja, ich kann absolut nachvollziehen, wenn Familien eine längere Auszeit haben wollen und gönne es Ihnen von Herzen!!!

      Viele Grüße
      Stiefelkind

      1. @Stiefelkind : Das mit dem Schulkind und Schlafen versteh ich ja- aber ich geb dann meinen Kindern, wenn sie auf der Straße spielen abends einfach ein belegtes Brot in die Hand… oder sie spielen Picknick mit den Besuchs-oder Nachbarskindern… Mittagessen gibt’s bei uns ständig zu unterschiedlichen Zeiten…das meine ich ja…man kann das doch „entstressen“, wenn man will.

        @Flo…mir geht’s da wie dir von wegen Lockdown…aber Hobbies sind doch keine Stressoren…ich bin auch mit meinen Kindern in der Musikschule und beim Fußball und beim Turnen…aber das wollen sie ja…da ist ja dann keiner gestresst?!
        Und meinen Job mag ich. Da ist dann manchmal viel zu tun, aber das ist ja auch kein „Stress“.

        Ich wollte gar nichts gegen eine lange Reise etc. sagen, das ist super! Echt! Nur, dass mir so oft auffällt, dass Eltern/ Familien in ihrem Alltag ständig „gestresst“ sind und ich irgendwie nie verstehe, warum eigentlich…bzw. warum man dann nicht seinen Alltag umbaut. Das ist doch furchtbar, einen Alltag zu haben, den man dauerhaft als „stressig “ empfindet.

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