Trennungsfamilien helfen: Weil Kinder beide Eltern brauchen

Trennungsfamilien

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Ihr Lieben, warum gibt es in Deutschland bisher so wenig Bewegung, um Trennungsfamilien eine gemeinsame Elternschaft zu ermöglichen? Das fragt sich Soziologin Nina Weimann-Sandig in ihrem neuen Buch Weil Kinder beide Eltern brauchen. Stattdessen, so sagt sie, würden Rollenklischees zementiert und Gräben zwischen getrennten Müttern und Vätern gezogen, die uns – und vor allem unsere Kinder – keinen Schritt weiterbringen. Hier kommt ihr Gastbeitrag:

Woran liegt es also, dass wir in Deutschland so oft in diese Fronten laufen? Ihr merkt schon: es geht um ein Thema, das durchaus polarisiert und sicherlich auch hier im Blog unterschiedliche Emotionen auslöst: die Frage, wie Eltern bei einer Trennung bzw. nach einer Trennung auch gemeinsam Eltern bleiben können.

Kinder möglichst schonend durch die Scheidung bringen

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Nina Weimann-Sandig

Ich beschäftige mich mit dem Thema sowohl als Soziologin, aber auch als Mutter, die ihre Kinder möglichst schonend durch die eigene Scheidung begleiten wollte. Immer wieder finde ich es erschreckend, dass viele Studien ergeben, dass eine große Zahl an Kindern und Jugendlichen denken, sie hätten Schuld oder zumindest eine Teilschuld an der Trennung ihrer Eltern! So sollte kein Kind aufwachsen müssen.

Als Eltern sollten wir uns immer wieder vor Augen halten, was wir tun können, damit unsere Kinder nicht leiden müssen. Ich weiß, viele denken: „Ach, das sagt sich so leicht, die hat keine Ahnung!“ Doch, habe ich. Auch ich habe viele Hürden nehmen müssen, denn gemeinsame Elternschaft nach der Trennung ist kein Selbstläufer.

Tatsächlich ist es ein langer und harter Weg, ein Prozess, den beide Elternteile miteinander zu gehen bereit sein müssen (und irgendwann dann auch die neuen Partner:innen). Denn klar ist auch: nicht jede Beziehung wird freiwillig beendet. Oft ist ein Elternteil schon viel weiter (hat vielleicht auch schon eine neue Partnerschaft), während der andere die Trennung vielleicht gerne vermeiden würde.

Als Paar getrennt, als Eltern gemeinsam

Diese Phase verläuft sehr emotional. Ganz klar, wir alle sind nur Menschen und wir alle ertragen Schmerz nur in begrenztem Maße. Aber genau in dieser emotionalen Phase müssen wir eine Sache verinnerlichen: entweder wir erleben eine Trennung auf zwei Ebenen, nämlich als Paar UND als Eltern – und verletzen damit nicht nur uns, sondern auch unsere Kinder. Oder aber wir ziehen die Trennung auf der Paarebene durch und lassen die Elternebene außen vor und zeigen uns und unseren Kindern: als Paar gehen wir getrennte Wege, als Eltern sind wir weiterhin gemeinsam für Euch da!

In meinem neuen Buch „Weil Kinder beide Eltern brauchen – Neue Perspektiven nutzen, faire Betreuungsmodelle finden“ möchte ich zeigen, wie ein solcher Weg aussehen kann.

Ängste, die eine Trennung auslösen kann

In den verschiedenen Kapiteln befasse ich mich mit den Ängsten, die eine Trennung auslösen kann (Werde ich vielleicht mein Kind verlieren? Wie kann ich nach der Trennung wieder zu mir finden) und gehe Schritt für Schritt von der ersten Trennungsphase über alle notwendigen Regelungen hin zu der Zeit, in der man durchaus gerne wieder eine neue Partnerschaft haben möchte.

Ich befasse ich mich mit den Vor- und Nachteilen der existierenden Betreuungsmodelle und gebe viele praktische Tipps. Die stammen natürlich nicht nur von mir, sondern vor allem auch aus Trennungsstudien und den Empfehlungen von Trennungseltern, die eine gemeinsame Elternschaft erfolgreich praktizieren.

Grabenkämpfe überwinden nach dem Beziehungs-Aus

Die Besonderheit liegt darin, dass ich als Betroffene alle Schritte des Trennungsprozesses selbst meistern musste und diese Extremsituation nur zu gut kenne. Zugleich habe ich als Soziologin einen Blick über meinen eigenen Tellerrand hinaus. Ich habe in den letzten Jahren viel zu Trennungsfamilien geforscht, kenne die Sichtweisen von Müttern, Vätern aber eben auch von Kindern bzw. Jugendlichen in Deutschland. Alle Fragen, Probleme und neuen Entwicklungen, die mir in den Studien begegnet sind, habe ich in meinem Buch kompakt und (hoffentlich) anschaulich zusammengestellt.

Viele Leute haben mir als Resonanz auf mein Buch geschrieben: „Wäre alles schön, aber mit der Gegenseite kann man nicht vernünftig reden.“ Ich glaube, es muss viel passiert sein, dass man von einem ehemaligen Partner oder einer früheren Partnerin nur noch von der „Gegenseite“ spricht.

Eltern durch die Trennungsphase begleiten

Gegenseite bedeutet: die Fronten sind völlig verhärtet, man hat nichts mehr, wovon man zehren kann, der frühere, gemeinsame Weg liegt in Scherben. Tatsächlich habe ich dieses Buch geschrieben, um Wege aufzuzeigen und Scherben zu vermeiden. Weil Scherben nur noch ganz schwer zu kitten sind. Weil Scherben immer wieder und immer weiter weh tun. Weil Scherben das Weiterleben verdammt schwer machen.

Mein Buch möchte Eltern in der Trennungsphase begleiten, Halt geben und immer wieder deutlich machen: diese Scherben muss es nicht geben! Wir leben heute in einer individualisierten Gesellschaft und haben unterschiedliche Lebenspläne. Wenn diese Lebenspläne nicht mehr zusammenpassen, dann haben wir heute die Freiheit, uns zu trennen.

Von der Freiheit, Schluss zu machen

Diese Freiheit, nicht nebeneinander her leben zu müssen, sondern einen Schlussstrich ziehen zu können, hatten die Menschen früherer Generationen nicht. Wir können also auch einmal ganz offen und ehrlich über diese Freiheit reden. Auch mit unseren Kids, gerade wenn sie selbst schon im Jugendalter die erste Verliebtheit erfahren haben.

Tatsächlich merken es Kinder übrigens schon ab einem sehr frühen Lebensalter, ob ihre Eltern nur zusammenbleiben, weil es „die Gesellschaft“ (also Freunde oder Familie) von ihnen erwartet, es häufig Streit, wenig Liebesbekundungen und wenig Wärme gibt. Das ist auch eine Besonderheit meines Buches: es kommen Jugendliche selbst zu Wort, die in Trennungsfamilien leben. Und die haben ebenfalls wichtige und nützliche Tipps, hinsichtlich der Do´s and Don´ts von Eltern bei Trennungen.

Zum Beispiel möchten sie viel mehr in die Kommunikation und Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Sie möchten wissen, wie Familie auch nach einer Trennung aussehen kann und auf keinen Fall zum Spielball elterlicher Streitigkeiten werden.

Viele internationale Studien zeigen, wie wichtig eine gesunde und stabile Beziehung zu beiden Elternteilen für das Aufwachsen von Kindern ist. Wichtig ist hierbei aber: es geht um gesunde Eltern-Kind-Beziehungen in den Studien wie auch in meinem Buch. Häusliche Gewalt oder fehlende Bindung des Kindes zu den Eltern oder einem Elternteil sind Ausnahmesituationen, die selbstverständlich ein ganz anderes Agieren erfordern.

Gemeinsame Kindererziehung nach der Trennung

Mein Buch richtet sich an Eltern, die in ihrer Partnerschaft Wert daraufgelegt haben, sich der Kindererziehung zusammen zu widmen, die in der Zeit der funktionierenden Partnerschaft gemeinsam für die Kinder da waren. Was hier gut geklappt hat, kann auch nach der Trennung gut klappen! Trennung, aufgrund von häuslicher Gewalt brauchen eine ganz andere Form der Beratung und Betreuung.

Zum Glück haben wir nur eine geringe Quote von eskalierenden Elternkonflikten, bei denen die Kinder Schaden nehmen. Selbstverständlich ist es wichtig, in der Öffentlichkeit darüber zu sprechen, aber es ist auch wichtig zu zeigen, dass ein Großteil der sich trennenden Eltern durchaus in der Lage ist oder in der Lage wäre, sich mit einer gemeinsamen Elternschaft zu befassen. Oftmals scheitert das aber an fehlenden Informationen – leider in Deutschland auch an einer fehlenden Beratung – zur gemeinsamen Elternschaft nach der Trennung. 

Staatliche Unterstützung für getrennte Eltern?

In anderen europäischen Ländern ist begleitende Supervision oder Mediation bei der Trennung von Eltern gesetzlich vorgeschrieben. Eine staatliche Unterstützung, die Eltern unabhängig vom Einkommen in Anspruch nehmen können und die bei eigenen Beratungsstellen angedockt ist. In Deutschland scheuen viele Eltern angebotene Beratungen der Jugendämter, weil sie deren Unabhängigkeit infrage stellen oder das Interesse an einer gemeinsamen Elternschaft, das zeigen unsere Studien deutlich.

Viele Eltern –  und übrigens auch viele Kinder und Jugendliche – wünschen sich vielmehr eine unabhängige Beratung und Begleitung von spezifisch ausgebildeten Fachkräften, die ihnen zeigen, wie gemeinsame Elternschaft nach der Trennung funktionieren kann.

Ich persönlich bin sehr gespannt, ob die Novellierung des Familienrechts von der Ampel-Regierung noch bearbeitet werden wird. Tatsächlich ist dies für mich aber der oberste Grundsatz einer familienfreundlichen Politik: der gelebten Vielfalt von Familienformen dürfen durch Trennungen keine Steine in den Weg gelegt werden. Wenn man als Eltern beschließt, auch nach der Trennung gemeinsam für das Kind da sein zu wollen, dann hat man das Recht auf vielfältige staatliche Unterstützung.

Solltet ihr gerade eine Trennung meistern müssen, dann wünsche ich Euch ganz viel Kraft! In meinem Buch finden übrigens auch Angehörige wie Großeltern oder Freunde Tipps, wie sie helfen können (und was man vielleicht besser vermeiden sollte). Denn gerade in den Trennungsphasen ist der Rückhalt von Familien und Freunden enorm wichtig.

Eure Nina

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8 comments

  1. Und wenn der Grund der Trennung gerade das fehlende Engagement des Vaters war? Er will das Kind sehen, aber ich muss weiterhin Vorschläge machen, was die Beiden unternehmen können und Essen mitgeben. Gemeinsame Elternschaft gab es hier nie.

    1. Miep- genau so kenne ich es auch! Dass sein Parallelleben aufgeflogen ist, hat mir langfristig die Entscheidung abgenommen zu gehen, weil er Familie in keinster Weise gelebt hat, sondern in erster Linie sein Leben. Dennoch, auch nach 6 Jahren Pseudointeresse (wie bei dir- Vorschläge machen, Essen mitgeben, Kinder motivieren bis zur vollkommenen Selbstaufgabe) hat es nicht funktioniert, dass die Kinder hinmöchten. Aber der arme Tropf hat sein „Interesse“ so toll vorgetragen, dass ich von allen Seiten flott gemacht wurde im Gerichtssaal. Dann triff ich jmd, der sagt, dass ihr Richter dem Vater gesagt hat, er muss es leider akzeptieren, wenn die Kinder nicht zu ihm wollen. Definitiv also Richterabhängig. Zum Kotzen für die betroffenen Kinder.

  2. Meine Kinder sind leider auch Scheidungskinder. Vor über sechs Jahren habe ich sehr schnell einen Schlussstrich gezogen, nachdem das 4 Jahre anhaltende Parallelleben meines Exmannes ans Tageslicht kam. Er hat nie wirklich Familie geliebt, keine richtige Bindung zu den Kindern aufgebaut, dennoch hatte ich nach der Scheidung die Hoffnung, dass er aufwacht und nun endlich sich um ein gutes Verhältnis zu den Kindern bemüht. Aber auch da waren seine eigenen Interessen vorrangig. Dennoch habe ich alles getan, dass die Kinder irgendwie eine Bindung zum Vater bekommen, immer wieder Neues ausprobiert und ihm Tipps gegeben. Sie als die Kinder sich immer mehr verweigert haben (mittlerweile neun und zehn Jahre alt) wurde ich kurzerhand von ihm verklagt, weil ich angeblich die Kinder entfremden würde. Er bekam recht, die Kinder wurden auch nach über vier Jahren immer wieder kehren die Enttäuschungen gerichtlich genötigt gegen ihren willen zu ihrem Vater zu gehen. Das ganze hat vier mal geklappt, danach haben sie sich wieder verweigert. Natürlich folgte wieder eine Klage. Und was soll ich sagen, auch in dieser bekam er recht und ich wurde von allen Seiten angegriffen. Der Richter selbst meinte, dass es hier nicht um die Wünsche der Kinder geht, sondern wir als Eltern miteinander reden müssen. Das hat mich sehr entsetzt! Frisch nach einer Trennung kann ich das verstehen aber nicht nach über sechs Jahren. Von Seiten des Jugendamtes gab es keinerlei Hilfe, die haben pauschal Ihr Urteil gefällt, nicht wie Ihnen angeraten war bei der psychologischen Beratungsstelle, die die Kinder über ein Jahr lang betreut hat, eine pädagogische Beurteilung eingeholt. Nichts. Mutter ist schuld, unfähig und lässt sich von ihren Kindern auf der Nase rumtanzen. Entschuldigung, da hilft mir kein Buch, den Kindern übrigens auch nicht. Ich habe explizit gefragt, was ich denn machen soll, wenn die Kinder sich verweigern. Ob ich sie an den Haaren in den Hausflur zerren soll, worauf hin er von Rechtswegen geantwortet wurde „wenn es nötig ist ja“. Wenn nur einer von beiden sich bemüht als Eltern vernünftig für beide Kinder da zu sein, der andere Elternteil sich aber „in seinem freien Leben“ eingeschränkt fühlt und dennoch alles will, ohne etwas dafür zu tun, dann ist es eben leider die „Gegenseite“, da ein Miteinander nicht umgesetzt wird.

    1. Viele Wort zu einem komplexen Thema. Ich finde wichtig, die Dinge einfach zu halten und Staat und Gerichte möglichst nicht zu bemühen.

      Aufklärung muss früh beginnen, auch an Schulen, nämlich dass romantische Liebe gerne in Katastrophen endet … und welche Hilfen es für alle gibt.

      Habt ihr schon mal vom „Familienrat“ gehört? Lohnt sich.

  3. Ich bin selbst ein Scheidungkind. Es hat mich nachhaltig geprägt und geschädigt, bis in meine eigene kleine Familie hinein. Es hat mich viel Aufarbeitung und Therapie gekostet, die Mutter und Ehefrau zu werden, die ich heute bin.
    Es schockiert mich immer wieder, mit welchem Egoismus heutzutage immer mehr Beziehungen beendet werden anstatt an ihnen zu arbeiten. Die Kinder leiden unsäglich.
    Wenn man sich die Themen hier durchschaut sind die meisten traurigen und schwierigen Kinderschicksale diejenigen, bei denen die Eltern getrennte Wege gehen.
    Hoffentlich kann dieses Buch ein Bisschen helfen.

  4. Hier wurde das Thema neue Partnerschaft/ Partnerschaft vergessen. Oft passiert auch dadurch Entfremdung/ Trennung weil es dem neuen Partner/ der neuen Partnerin “ zuliebe“ abgeschafft wird. Die “ neue“ Familie wird über die alte gestellt und besonders Männer geben dem oft nach auch aus eigener Bequemlichkeit.

    1. Die Schlussbemerkung zum Verhalten von Männern ist ja wohl peinlich, meist sind es doch die Mütter die den Kontakt zu den gemeinsamen Kindern total verwehren.

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