Verlassen: Meine Mutter ließ mich an meinem 10. Geburtstag zurück

Ich bin ein Kind der Siebziger Jahre, in der damaligen DDR geboren. Als die Mauer fiel, war ich 13.
Meine Eltern waren sehr jung, 19 und 21, als ich mich auf den Weg machte. Ich bin wohl auch nicht das Ergebnis einer großen Liebesschnulze, sondern eher mehr ein Fehltritt meines Vaters, für den er dann geradestand und meine Mutter heiratete. Die Beziehung war nicht gerade „gefestigt“, es gab viel Zank und Streit, immer wieder Trennungen, außereheliche Liebschaften und leidenschaftliches „wir probieren es doch noch mal miteinander“.

Als ich 8 war hatten sich meine Eltern wieder mal heftig miteinander gestritten – dieses Mal aber war alles anders – meine Mutter zog aus. Zu einem anderen Mann. Der wohnte in einer WG und ab und an holten mich die beiden ab und ich konnte einen Nachmittag mit ihnen verbringen – in meiner Erinnerung haben wir da aber nur ferngesehen und nie großartig etwas unternommen. Ich habe meine Mutter mehrmals gefragt, ob sie mich irgendwann mitnehmen würde, ganz zu sich – es gab immer ausweichende Antworten, nie bezog sie klar Stellung.

Meine Mutter fand einen neuen Partner

Irgendwann, da war ich fast 10, hatte sie einen neuen Freund. Der war schwerbehindert, er saß nach einem Unfall im Rollstuhl. Warum das wichtig war? Er durfte durch diese Schwerbehinderung in den Westen fahren – Rentner und Behinderte hatten da besondere Rechte. Meine Mutter hat damit angegeben, wie toll das doch wäre und ich dürfte mir jetzt was ganz Großes aussuchen, was der Freund mir dann mitbringen würde. 

Da wir zu denen gehörten, die West-Fernsehen empfingen, wusste ich ganz genau, was in der damaligen BRD so angesagt war – und ich wünschte mir nach langem Überlegen einen Walkman. Ohne zu wissen, was der kostete, sondern einfach, weil ein Walkman in dem Moment das Obercoolste war, was ich mir vorstellen konnte.

Mein Geburtstag, der Tag, der alles veränderte

Dann kam der Tag meines 10. Geburtstags. Ich war bei meiner Uroma, der Oma meiner Mutter. Meine Mutter kam dort hin, gratulierte mir zum Geburtstag und überreichte mir ein Geschenk. Drinnen war kein Walkman, sondern ihr alter Kassettenrecorder. Klar hatte ich mir eigentlich einen Walkman gewünscht, aber der Recorder war für mich okay, Hauptsache endlich eigene Musik hören!

Was mir nicht bewusst war – ich habe meine Mutter an dem Tag das letzte Mal gesehen. Sie hatte einen Brief für meinen Vater dabei, in dem stand, dass sie keinen Bock mehr auf so eine „materialistisch eingestellte Göre wie mich“ habe und zukünftig keinen Kontakt mehr wünschen würde. 
Mein Vater hat geweint, als er den Brief las. Ich habe nie erfahren, was noch in dem Brief stand, aber ich kenne das Scheidungsurteil meiner Eltern und da sind von ihrer Seite her ähnliche Aussagen getroffen worden. 

Mein Vater hat kurz danach eine großartige Frau kennen gelernt, die einen kleinen Sohn hatte und gemeinsam bekamen die beiden noch ein Kind – meine Schwester. Ich habe schnell angefangen, die andere Frau mit „Mama“ anzusprechen und später sahen meine Kinder in ihr die Oma.

Das letzte Mal, dass ich etwas von meiner leiblichen Mutter gehört habe, war, als ich 18 wurde. Da hat sie sich bei meinem Vater gemeldet und gefragt, ob ich denn schon berufstätig sei, sie wollte das für die Steuer wissen. Ich habe dann versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen – sie ließ mich mich mit dem Hinweis, dass sie weder Geld noch Besitz hätte, um das ich sie anbetteln könne, abblitzen.

Mein Leben ohne meine Mutter

Ich bin heute fast 44, in ein paar Tagen hatte ich Geburtstag. Ich habe also ¾ meines Lebens ohne meine Mutter verbracht. Trotzdem tut das immer noch weh, vor allem, da ich mittlerweile selbst Kinder habe, die teilweise schon älter sind als ich damals – und ich kann mir einfach nicht vorstellen, was eine Mutter dazu bringen kann, einem Kind so etwas vorzuwerfen.  Hat sie mich wirklich wegen eines Walkmans verstoßen? Ich glaube heute eher, dass sie psychische Probleme hat…

Ich weiß, dass meine Mutter noch mindestens ein Kind bekommen hat, einen Sohn, der jetzt etwa 30 Jahre alt sein müsste. Ich habe ihn nach einiger Suche gefunden, auch er scheint keine gute Kindheit erlebt zu haben. Er ist Alkoholiker, hat starke psychische Probleme, lebt in einem Heim für mehrfach Suchtkranke und wird wohl niemals ein normales Leben führen können.

Insofern bin ich froh, dass ich den Verlust meiner Mutter gut verarbeitet hat. Ich habe heute selbst Familie und meine Kinder sind mir das Wichtigste. Das Fehlen meiner Mutter wird jedoch immer ein Teil meiner Geschichte sein….

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4 comments

  1. Solche Geschichten machen mich traurig und wütend zugleich. Traurig, dass Kinderseelen gebrochen werden, weil so viele Erwachsene selbst nicht geeignet sind, Eltern zu sein. Leider immer passiert und wird auch in Zukunft passieren.
    Mich erleichtert aber an deiner Geschichte, liebe Antje, dass die Frau deines Papas als lieb beschrieben wird. Oftmals sind Stiefeltern nicht mit den Kindern der vorherigen Partner einverstanden und verhalten sich unfair bis böswillig. Dann leiden nicht nur die Kinder unter den Verlust der Mutter oder des Vaters, sondern ebenso unter der Verhaltensweise der Stiefeltern.

  2. Unglaublich traurig. Das Verhalten deiner Mutter ist auf gar keinen Fall nachvollziehbar. Dein immernoch währender Schmerz allerdings schon.
    Ich wünsche Dir alles Gute mit deiner Familie.

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