Wenn ich weiter arbeite, gefährde ich Menschen! Ines über ihr moralisches Dilemma

physiotherapy 567021 1280 665x435 - Wenn ich weiter arbeite, gefährde ich Menschen! Ines über ihr moralisches Dilemma - Ines ist Physiotherapeutin, die Praxis muss noch offen bleiben. Doch sie hat Angst, dass sich dort viele Menschen anstecken...

Mein Name ist Ines und ich möchte hier mal etwas zum Thema Isolation loswerden – und zwar mal aus einem ganz anderen Blickwinkel.

Ich arbeite als Ergotherapeutin und wir stehen wie viele ähnliche Berufsgruppen gerade vor einem moralischen Dilemma. Wir sind alle angehalten, zu Hause zu bleiben, die meisten arbeiten nun im Homeoffice.

Mein Beruf gehört in die Kategorie medizinischer Berufe. Die Praxen sind also offen und wir müssen sehen, wie wir überleben. Dies bedeutet im Klartext: Entweder Praxis selbst schließen, kein Einkommen mehr haben und Angestellte entlassen. Oder wir versuchen, so viele Therapien durchzuführen wie möglich, um finanziell zu überleben.

Unsere Therapien sind langfristig notwendig, weil sie vielen Patienten helfen – sie sind allerdings nicht akut lebensnotwendig. Heißt also wiederum, dass es für unsere Patienten gesundheitlich wohl wichtiger ist, den Kontakt zu uns zu vermeiden. Wir merken, dass sich viele Patienten an die Empfehlungen der Regierung halten. Das finden wir gut – und gleichzeitig bringt es uns in finanzielle Not.

Und dann gibt es aber auch Menschen, die eigentlich zur Risikogruppe gehören, die aber entweder noch nicht richtig verstanden haben, wie gefährlich das alles ist oder die aus Angst vor Einsamkeit ihre Termine bei uns wahrnehmen – da habe ich wirklich Bedenken, dass wir mit diesen Menschen noch Kontakt haben.

Viele Praxen haben bereits bei dem jeweils zuständigen Gesundheitsamt um offizielle Schließung gebeten, mit dem Hinweis, die hygienischen Vorschriften der aktuellen Lage nicht einhalten zu können. Eine offizielle Schließung würde dann zur finanziellen Unterstützung führen, die nicht nur aus einem utopischen Kredit besteht. Die Antworten der Gesundheitsämter sind teilweise lächerlich und frustrierend. Man könne doch die Stühle im Wartezimmer einfach etwas weiter voneinander weg stellen und Kinder und ältere Menschen zu unterschiedlichen Zeiten einladen. Dass dies nicht die Lösung ist, besonders in Anbetracht des Weges zur Praxis hin, dürfte sich jedem erschließen.

Und so stehen wir alle hilflos da, gefährden sich und andere. Wir möchten uns gerne an die Vorgaben halten, ohne ständig daran denken zu müssen, dass alles, was wir uns in den letzten Jahren aufgebaut haben, in Gefahr ist.

Ich weiß kaum noch, was richtig ist in diesen noch nie so dagewesenen Zeiten. Ich würde mich sehr über Austausch freuen, wie es andere Berufsgruppen machen und ob mich jemand verstehen kann….

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5 Kommentare

  1. I feel you.
    Ich empfinde es als SO falsch!
    Zum einen: wir sind nicht systemrelevant wenn es darum geht unser Kinder in eine Notbetreuung geben zu dürfen, aber wenn es darum geht welche Institutionen geöffnet bleiben müssen sind wir systemrelevant…das passt nicht zusammen!
    Zum anderen:
    Ich schließe mich und meine Kinder zu Hause ein, wir passen so sehr auf um diese Kurve in die Länge zu ziehen, schränken unser Leben extrem ein und nehmen wirklich viel auf uns! Und dann geh ich zur Arbeit, treffe auf so viele Menschen in kürzester Zeit, die fast alle Risikopatiente sind, mit den Öffis zu uns kommen…Sollte ich mich anstecken verteile ich den Virus noch schnell bei allen Alten, kranken, bringe es in meine Familie. Und dann wird mein Gehalt dank Kurzarbeit auch noch gekürzt.

  2. Hallo, ich führe eine Kosmetikstudio. Heute habe ich mich schweren Herzens entschlossen, dass Geschäft zu schließen. Für die Beautybranche gibt es immer wieder unterschiedliche Infos von verschiedenen Ämter, ob wir nun geöffnet haben dürfen und oder schließen müssen. Ich habe aus der Vernunft heraus nun das Studio geschlossen um mich, unsere Kundinnen und meine Mitarbeiterinnen zu schützen. Ich weiß leider nicht, wie ich die Zeit überstehen soll. Man baut sich jahrelang eine Existenz auf und plötzlich steht man bei 0. Mir ist heute richtig bewusst geworden, dass ab nächste Woche kein Einnahmen auf meinem Konto mehr fließen und ich nun nicht weiß, wie ich meine Rechnungen und Ausgaben zahlen soll. Es gibt teilweise Hilfen, damit werde ich mich beschäftigen, wenn es mir nervlich besser geht, Ich bin heute den ganzen Tag am weinen. Es ist alles ein Alptraum. Allerdings freue ich mich, auf die Zeit mit meinen Kindern.

    1. Hallo Nina!

      Sei gedrückt. Es tut mir so leid. Ich mag gar nicht daran denken, was ist, wenn alles vorbei ist. Gibt es dann noch unseren Frisur, den Optiker? Erst vorletzte Woche hat hier eine kleine Pizzeria aufgemacht… Neben all den Toten finde ich die Gefahr für Klein-/Mittelbetriebe furchtbar! Ich hoffe inständig, dass der Staat hält, was er verspricht und all denen finanziell helfen, die es nötig haben (werden).
      Ich drück dir die Daumen! Und allen anderen, die Angst um Gesundheit und finanzielle Stabilität haben. Wir denken an euch!

  3. Bei uns sieht es genau so aus! Physiotherapiepraxis mit 3 Therapeuten. Wir können vielleicht noch den Plan eines Therapeuten füllen, alle anderen Behandlungen werden abgesagt. Ich kann jeden Patienten verstehen, der aus Sorge absagt dennoch ist es wirtschaftlich eine Katastrophe!
    Klar, niemand weiß wie es weitergeht, aber irgendeine Strategie von offizieller Seite für das ambulante (nicht lebensnotwendige) Gesundheitswesen wäre ein Anfang… Aktuell fühlen wir uns sehr allein gelassen als Praxis.

  4. In unserer Praxis ist es genau so. Es ist zum Verzweifeln! Ich bin Physiotherapeutin und fasse mindestens jeden zweiten Patienten an und habe engen Kontakt zu den Patienten. Ich habe auch kein Verständnis für das Gesundheitsamt, dass Heilmittelerbringer weiter arbeiten sollen. Unsere Arbeit ist sehr wichtig, aber nicht lebensnotwendig.
    Ich bin angestellt und unsere Praxis wird auch nicht geschlossen. Das kann kaum eine Praxis finanziell wuppen. Wie so oft werden wir übersehen…

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