Brief an mein Kind, das kein Kind mehr ist

Meine liebe X,

ich beginne diesen Brief bewusst nicht mit „Mein liebes Kind“, denn das würde dir nicht gerecht. Du bist kein Kind mehr. Du willst bald mit drei Freundinnen allein nach Hamburg, mit Zug und Hostel und ohne Eltern.

Du warst am Wochenende so viel weg, dass wir uns kaum gesehen haben. Und weil wir beide am Samstag außerhäusig übernachtet haben und Freundinnen getroffen haben, war das eine ganze besondere Situation, als ich dich abholte und wir uns im Auto von unserer jeweils letzten Nacht erzählten und darüber quatschten, welche Musik lief und über was wir gelacht haben. Wow, ganz neue Situationen entstehen da.

Noch neuer war das, als du Freitag Freundinnen zum Übernachtungsbesuch im Gartenhäuschen da hattest und ich in der Nacht plötzlich so laute Musik hörte, dass meine „Ruhe!“-Rufe aus dem Fenster nicht gehört wurden. Ich musste also runter gehen und nachschauen. Wenn, dann im Pyjama, dachte ich mir. Wer nachts zu laut wird, muss eben auch mit peinlichen Müttern rechnen. So will es das Pubertätsgesetz.

Es lief HipHop aus einer tragbaren Box, als ich da also in kurzer Schlafanzugshose mit Daunenjacke auf euch zukam und es nur „Ey, da kommt deine Mutter!“ flüsterte und ich die kleine illegale Versammlung auflöste.

Ich lag danach wach im Bett und realisierte so deutlich wie nie zuvor: Wir haben eine neue Epoche erreicht. Eine, an die ich mich als Mutter (du bist doch grad erst geboren! Ich bin doch eigentlich selbst noch ein Kind!) erstmal gewöhnen muss. Dein Papa schlief seelenruhig neben mir, aber mein Kopf leistete Schwerstarbeit. Sollte ich sauer drauf reagieren? Oder witzig? Oder gar nicht? Das war ja auch mein erstes Mal.

Und boah, ist das toll, dass du da so einen tollen, großen Freundeskreis hast. Indem ihr euch ausprobiert, heimlich Leute trefft. (Psst, wir haben das auch gemacht… Natürlich!)

Am Morgen lächelte ich also, ließ mir nicht anmerken, wie wenig Schlaf ich hatte und sagte: „Ey! Stellt euch doch beim nächsten Mal nicht so unschlau in die Mitte der Nachbarschaft und weckt alle. Da gibt´s doch viel bessere Möglichkeiten.“ Und dann grinstest du auch.

Du stellst grad fest, dass in jeder Familie andere Regeln herrschen. Bekommst mit, WIE sehr wir dir vertrauen, was du schon alles darfst in deinem Alter. Was aber auch an dir liegt, denn es gibt bei uns kein Alter, ab dem ein Kind von uns etwas Bestimmtes darf, sondern eine Reife, die entscheidet. Und da bist du einfach recht weit.

Und weil du das ganze Wochenende so beschäftigt warst, setztest du dich eben am Sonntagabend bis spät in die Nacht hin und lerntest für deinen Test am Montag. Wer feiern kann, kann auch arbeiten – mit einem lächelnden Auge aber, weil die Tage mit deinen FreundInnen so schön waren. Weil das mit dem allein in die Stadt fahren so gut geklappt hat, weil sich alles plötzlich so viel unabhängiger anfühlt. Weil hier grad Erfahrungen fürs Leben gemacht werden, die unvergesslich bleiben. Weil Mathe im Leben nicht alles ist, was es zu lernen gilt.

Ich schau mir das an und bin manchmal ratlos, oft aber auch voller Bewunderung. Wie du dein Leben gestaltest. Wie du deinen eigenen Weg gehst. Wie du dich auf die gesundeste Weise von uns löst. Es ist alles gut so, wie es ist. Aber es ist echt auch noch neu und wir wachsen gemeinsam dran. Okay?

Deine (echt grad mal wieder krass stolze und dich bewundernde) Mama

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1 Kommentar

  1. Ich wollte nur einmal sagen, dass ich deinen Text berührend und wunderschön finde. Meine Töchter sind noch jünger, aber so, wie du das beschrieben hast, wünsche ich mir das später auch.

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