Gastbeitrag: So ist die Weihnachtszeit mit autistischen Kindern

Weihnachtswahnsinn

Ihr Lieben, von Silke hatten wir bereits im Februar einen Gastbeitrag, der uns alle sehr berührte. Heute schreibt sie uns, wie sich die Vorweihnachtszeit anfühlt, wenn man Mutter eines autistschen Jungen ist. Denn dann ist vieles anders. Tausend Dank, dass Du Deine Erfahrungen mit uns teilst, liebe Silke! 

"Glitzerlichter, Weihnachtsmusik, aufgeregtes Warten auf Geschenke, gemütliche Treffen mit Freunden und Familie, Weihnachtsmärkte besuchen, leckere Kekse in neuen Variationen backen und schnabulieren und das Ganze am besten mit Schneelandschaft und Schlittenfahren … auf das alles freuen sich alle Kinder und Eltern im Dezember. Wirklich alle?

Nein, denn für einige Familien mit autistischen Kindern sieht die Weihnachtszeit ein bisschen anders aus. Auch für uns, denn mein 16jähriger autistischer Sohn mag keine Glitzerlichter, da sie ihm in den Augen schmerzen und Ausflüge in den Schnee sind sehr kurz, da er wegen seiner anderen Wahrnehmung Mütze, Schal und Handschuhe an sich nicht toleriert. Essen mit Freunden und Verwandten sind wegen der Klapper- und Kaugeräusche nahezu nicht aushaltbar, so dass wir dann immer einen Rückzugsbereich brauchen, in dem er zur Ruhe kommen kann. Aber Kekse – die sind super, die liebt er wie alle Kinder J

Um nicht nur unsere eigene Situation in den Vordergrund zu stellen, habe ich mich bei anderen Familien mit autistischen Kindern und auch bei Autisten selbst umgehört und mir erzählen lassen, was für sie schön und was schwierig in der Advents- und Weihnachtszeit ist.

Sabine erzählte mir: „Meine autistische Tochter ist in der Weihnachtszeit am liebsten in unserem kleinen Wohnzimmer. Sie mag die gedimmten Lichter. Musik will sie aber nicht hören.“
Mila berichtete, dass sie als Autistin große Schwierigkeiten in der Weihnachtszeit hat, da die Menschen vermehrt Körperkontakt suchen. Sie versteht nicht, warum sich Leute im Dezember noch mehr berühren als sonst. Am Liebsten geht sie daher in benachbarten Orten einkaufen, um möglichst niemanden zu treffen, der sie kennen und ein Gespräch mit ihr anfangen könnte.

Sebastian schrieb mir, dass sein Sohn ausflippt, wenn er blinkende Weihnachtsbeleuchtung in Wohnungsfenstern sieht. Wenn sie Auto fahren oder einen Spaziergang unternehmen und an einem solchen Haus vorbei kommen, fängt Tom an zu schreien, hält sich die Augen zu und trampelt oder wirft sich verzweifelt auf den Boden.

Svenja berichtete mir: „Ich schließe mich dem Weihnachtsrummel nicht an. Wir sind nicht gläubig, nutzen die Winterzeit aber, um es uns gemütlich zu machen, Filme anzuschauen und uns zurückzuziehen. Im Winter funktioniert das viel besser als im Sommer, wenn sich alle draußen aufhalten und man sich dem Sommertreiben nicht entziehen kann. Wir genießen das Zurückgezogene und setzen uns dem Weihnachtstrubel bewusst nicht aus.

Tunar schrieb mir: „Ich verstehe nicht, warum für die Menschen Weihnachten so wichtig ist. Wenn ihr Gott für sie so entscheidend ist, warum schließen sie mich aus, warum werde ich gemobbt und darf nicht dabei sein, wenn sich die anderen nach der Schule treffen?“

Gunnar erzählte mir, dass der Weihnachtsabend für seine autistische Tochter eine schlimme Zeit ist. Ständig läuten die Kirchenglocken, die sie nicht ertragen kann. Es bleibt ihm nur, auf eine lange Autotour mit ihr zu gehen, damit sie viel Zeit außerhalb des Ortes überbrücken kann, deren Geräusche sie gerade an diesem Abend nicht erträgt.
Tina schrieb mir: „Für meinen großen Autistenmann Malte (17) ist es nicht leicht mit der Verwandtschaft an Weihnachten. Wir fragen ihn jedes Jahr, ob wir Einladungen aussprechen oder annehmen sollen und er entscheidet sich immer wieder dafür, möchte es versuchen. Allerdings ist ein Rückzugsort für ihn enorm wichtig. Und so verbringen wir Weihnachtsabende und Feiertage zwar mit der Verwandtschaft, aber mindestens die Hälfte der Zeit, zieht sich Malte in einen Nebenraum zurück und genießt die Ruhe und beschäftigt sich mit sich selbst oder einer weiteren Person. In der Zwischenzeit haben alle gelernt, darauf Rücksicht zu nehmen und es zu akzeptieren – auch wenn es nicht jeder versteht. Für uns ist es ein schöner Kompromiss und ich liebe meinen Sohn dafür, dass er sich immer wieder selbst versucht.“

Saskia erzählte mir am Telefon belustigt, dass ihr Sohn sich überhaupt nicht für die Geschenke interessiert, sondern eigentlich nur für die Verpackungen. Er liebt es, das Papier zu zerreißen, vor seinen Augen hin und her zu wedeln, es gegen das Licht zu halten, es zu zerkauen und wieder auszuspucken. Die Geschenke, die darin eingepackt sind bzw. waren, interessieren ihn erstmal überhaupt nicht. Auch das ist sehr ungewohnt für die Leute, die ihn beschenken. „Aber ich schaue mir das inzwischen nur noch belustigt an und freue mich darüber, dass er sich über das bunte Papier freut.“

Tom schrieb mir: „Ich mag keinen Adventskalender. In der Schule wurde erklärt, dass Advent Ankunft bedeutet. Ankunft von was? Für mich ist es die Ankunft von Verwandtschaft. Ich mag keine Kalender.“

Yanina beschrieb mir, wie schwierig es für ihren Sohn ist, die Feiertage und überhaupt die Ferientage gut über die Bühne zu bringen, da jeder Tag anders ist und die klare Struktur von Schultagen fehlt. Sie visualisiert die Tage mit Hilfe von Bildkarten, so dass er sich besser orientieren kann. Schwierig wird es, wenn sich Zeiten verschieben, Gäste absagen oder sich sonst etwas ändert.

Maxi erzählte mir, dass sie mit ihrer autistischen Tochter gemeinsam die Geschenke einkauft, die sie bekommen wird. Susanne mag keine Überraschungen. Sie gerät immer aus der Fassung, wenn sich etwas Neues ereignet, auch wenn ein neuer Gegenstand in ihr Leben tritt. Daher kaufen sie vorher gemeinsam alles ein. Sie packen auch alles gemeinsam ein, damit Susanne genau weiß, was in welchem Paket ist. Weihnachten packt sie es dann wieder aus und kann sich über das bereits Bekannte freuen.

„Flöte spielen und Gesang – das ist der Supergau für Marius!“ erzählte mir Hans. „Bei uns zuhause findet das sowieso nicht statt und wenn wir eingeladen sind, fragen wir vorher nach, ob Gesangs- und Musikeinlagen geplant sind. Wenn ja, kommen wir später und an guten Tagen funktioniert es dann für Marius auch mit Ohrenstöpseln.“ Er berichtete, dass viele deshalb schon beleidigt waren, aber dass er auch nicht mehr tun kann, als immer wieder über die autistische Wahrnehmung aufzuklären. „Wer es nicht verstehen will, hat eben Pech gehabt und muss beleidigt sein.“

Kurt erzählte mir lächelnd, dass er den Hausmeister seines Schwimmbades im Ort kennt. „Am Heiligen Abend ist dort eigentlich geschlossen. Wir dürfen hinein und stellen einige Kerzen auf. Dann schwimmen wir alleine im warmen Wasser und danach gehen wir glücklich ins Bett. Am 1. Feiertag essen wir Milchreis mit Ketchup. Ein schöneres Weihnachten kann es für meine Maira nicht geben.“

Vielleicht kennt Ihr auch eine Familie mit autistischem Kind? Dann wäre es schön, wenn Ihr ein paar Dinge berücksichtigen würdet, denn die vielen Sinnesreize und der Kontakt zu vielen Menschen macht es vielen Autisten gerade im Dezember nicht leicht.
Bitte fragt vor einem Treffen nach, ob Musik oder funkelnde Lichter oder spezielle Gerüche von Duftkerzen möglicherweise störend sind.
Bitte nehmt es nicht übel, wenn sich ein autistisches Kind immer wieder auch zurückziehen möchte, um sich von den vielen Eindrücken zu erholen.
Bitte habt Verständnis, wenn eine gemeinsame Mahlzeit eventuell nicht möglich ist.
Bitte habt Geduld, wenn Ihr ein Geschenk gemacht haben solltet und das autistische Kind dieses vielleicht erstmal gar nicht auspacken möchte oder sich mehr für die Verpackung als für den Inhalt interessiert.
Bitte ruft bei der Familie einfach mal an und fragt, ob es ihnen gut geht und ob sie Lust hätten, sich mit Euch zu treffen. Denn in den Ferien sind Familien mit behinderten Kindern oftmals isoliert.
Bitte fragt einfach ganz allgemein, ob es etwas zu berücksichtigen gibt, denn viele ganz individuellen Probleme und Vorlieben habe ich hier sicher gar nicht aufgeführt. Jeder Autist ist anders, so wie auch jeder andere Mensch sich von anderen Menschen unterscheidet.
In diesem Sinne wünsche ich Euch allen einen sehr schönen Dezember und den Familien mit autistischen Kindern angenehme und zufriedene Stunden. Um Weihnachten kommt man hierzulande kaum herum – möge jeder das daraus machen, was ihm gefällt und gut tut.

Danke allen, die dabei auch für unsere autistischen Kinder einen offenen und liebevollen Blick haben.

Alles Liebe für Euch!"

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9 comments

  1. Weihnachten
    Weihnachten ist nicht nur für Autisten schwierig, sondern auch für hochsensible Menschen. Meine dritte Tochter und ich sind „betroffen“, bei uns beiden äußert sich das unterschiedlich. Sie kann enge Klamotten am Hals und Bauch nicht ertragen und läuft auch draußen oft Bauchfrei rum, daher vermeiden wir längere Spaziergänge. Ich selbst bin unheimlich Geruchs u Geräuschempfindlich, Weihnachtsmärkte oder größere menschenansammlungen sind für mich purer Stress. Daher gestalten wir unsere Vorweihnachtszeit und eigentlich das ganze Jahr ziemlich reizarm bzw planen genug Erholungszeiten danach ein. So gibt es für meine Kinder zB kein Spielzeug, dass ständig irgendwelche Geräusche von sich gibt, so etwas „müssen“ sie dann bei Freunden oder im Kiga/Hort benutzen.
    Ich selbst brauche auch regelmäßige online-Auszeiten, weil mich zuviele negative Artikel, Kommentare und Anfeindungen extrem belasten.
    Jeder muss irgendwie seinen Weg finden, sich die meiste Zeit wohl zu fühlen . Und niemand sollte sich deshalb schuldig oder ausgegrenzt fühlen müssen.

    Gut, dass es solche Artikel gibt, über solche Sachen muss definitiv mehr gesprochen werden.

  2. alles immer negativ
    Ich finde den Weihnachtsbeitrag nicht gelungen, weil es letztlich nur ein abschreckendes Bild von Menschen mit Autismus zeigt. Nicht eine Darstellung ist wirklich positiv, die Sicht auf Menschen aus dem Spektrum ist und bleibt defizitär. Als Autistin mit autistischem Kind möchte ich sagen, wir machen Super Weihnachten, mein Sohn ist zwar ein Kontrollfreak und möchte alles Vorbestimmen, aber er findet Weihnachten toll. Wir haben nicht viel Besuch, dafür aber gute Laune und Plätzchen. Er wartet jetzt gespannt auf sein erstes Türchen am Advntskalender.

    1. Liebe Nathalie,
      danke für Deinen Kommentar! Hättest Du Lust, mal über Eure Weihnachtszeit zu schreiben? Dann melde Dich gerne! Wir würden uns freuen!!!!

  3. Schule
    Hallo, ich begleite einen autistischen 8 jährigen Jungen in einer behinderten Schule. Ich würde gerne wissen wie eure Kinder mit der Schule klar kommen. Mein Junge sitzt nicht sehr lange ruhig. Er hat den drang immer aufzustehen und laut zu reden. Die Lehrer haben leider nicht so Verständnis für ihn. Ich arbeite viel mit ihm alleine. Aber in der Gemeinschaft soll er sich ja auch integrieren.
    Wie läuft das bei anderen so ab in der Schule?
    Vielleicht habt ihr ja ein paar Adressen für mich mit denen ich mich mal austauschen kann. Das würde mir sehr viel bedeuten.
    Ganz herzlichen Dank.
    Liebe Grüsse Ute

    1. Liebe Ute
      Danke für Deinen Kommentar. Silke, die Autorin, dieses Textes hat einen Blog: http://ellasblog.de/. Dort findest Du sicher viel, was Dir helfen kann. Vielleicht schreibst Du Silke auch einfach mal an? LG Katharina

  4. Ich habe Ihren Text gefunden
    Ich habe Ihren Text gefunden und finde es sehr toll über Weihnachten in Bezug auf Autismus zu lesen…und doch habe ich am Ende gedacht…..gilt das alles nicht eigentlich auch für alle Menschen?:
    Sollte nicht jeder aus dem Raum gehen dürfen und sich zurück ziehen oder Überfordert sein von Glockenleuten oder zu vielen Menschen, ohne dass das für Aufsehen sorgt oder sogar Misstimmung. Ich sehe es so…und finde….autistische Menschen so wie auch eigentlich alle anderen Behinderungen sind für mich wie Aushängeschilder, sie zeigen uns „scheinbar“ nicht-behinderten immer und immer wieder, wie man eigentlich, im höchst entwickelten Maße als Menschen miteinander umgehen soll: fein, voller Nachsicht, Liebe und Rücksicht, Achtsam und Verständnisvoll für mein Gegenüber ob mit Diagnose oder scheinbar Kerngesund…

  5. Danke
    So offen und ehrlich erzählt. Soviele Kleinigkeiten auf die diese Zeit für euch zur besonderen machen. Und für uns auch. Für jeden eigentlich, Und wenn wir mal ganz ehrlich zu uns selbst sind, gibt es doch für jeden etwas das zwar zu Weihnachten gehört, aber das man eigentlich nicht mag. Vielleich sollten wir mehr Mut haben und dies dann eingestehen. Dein Artikel hat meinen Blick für diese Welt wieder erweitert. Es gibt viel schönes und viele Menschen mit Besonderheiten. Ich erlebe immer wieder wie ich für meine Situation sensibel bin, siehe z.B. auf dem Weihnachtsmarkt: https://wheelymum.wordpress.com/2015/11/26/leben-als-wheelymum-5-weihnachtsmarkt/ die anderen dabei aber übersehe. Ich danke dir.
    Mit Tränen in den Augen Wheelymum

  6. Danke für den Einblick …
    Danke für den Einblick und eine ganz schöne Zeit, wie auch immer ihr sie verbringt! Ich habe auch einen behinderten Sohn – er liebt allerdings Lichter und Musik 😉
    Schönen Advent und schöne Feiertage!
    Gerne mehr Beiträge dieser Art!

  7. Ich zuehe
    Meinen hut vor allen Familien, die diese Aufgabe meistern! Und danke, dass ihr auch solche Themen bringt!