In London ist es nun sehr still – wie Katharina die Corona-Krise in England erlebt

Ihr Lieben, wir freuen uns, dass wir Leserinnen auf der ganzen Welt haben. Denn dadurch erfahren wir, wie es Mamas in anderen Ländern in der Corona-Krise geht. Wir hatten schon Interviews mit Magdalena aus Italien und Catherine aus Dubai. Heute erzählt uns Katharina aus London, wie sich das Familien-Leben verändert hat:

Liebe Katharina, Du lebst seit 5 Jahren in London. Wie ist dort gerade die Stimmung?

Seit ungefähr vier Wochen ist es hier sehr still. In der Vergangenheit habe ich mir oft gewünscht, dass es etwas ruhiger wäre, weniger Verkehr, weniger Baustellenlärm. Jetzt ist es mir etwas zu ruhig. Die Leute haben sich mittlerweile an die Restriktionen gewöhnt und gehen kaum noch raus. Das war zu Beginn der Krise nicht so. Unser Park wurde für zwei Wochen geschlossen, weil sich die Leute nicht ans Social Distancing gehalten haben. In meiner Nachbarschaft erlebe ich große Solidarität.Wir unterstützen uns gegenseitig und vor allem die Personen, die sich selber isolieren müssen. 

Euer Gesundheitssystem (NHS) war schon vor der Krise immer wieder in der Kritik. Wie hast du in den letzten Jahren die medizinische Versorgung in London empfunden – und was ist ganz anders als in Deutschland?

Als wir nach London gezogen sind war ich im 7.Monat schwanger. Da habe ich das Gesundheitssystem als Kulturschock empfunden. Die Vorsorge der Schwangeren findet in der Regel im Krankenhaus statt. Das war natürlich eine ganz andere Atmosphäre als bei meiner Frauenärztin zuhause in Deutschland, die ich schon seit Jahren kannte. Wenn man hier krank ist, bekommt man einen Termin in einer dir zugewiesenen Gemeinschaftspraxis in der ausnahmlos Allgemeinmediziner arbeiten. Zugang zu einem Kinderarzt hat man hier nur im Krankenhaus oder wenn man privat versichert ist mit Überweisung. Deshalb sind die Notaufnahmen in den Krankenhäusern generell sehr viel voller als in Deutschland, weil man weiss, dass man dort besser und schneller Hilfe erhält.

Meine erste Geburt im Krankenhaus wollte ich auch auf keinen Fall wiederholen. Ich lag nach einer sehr schweren Geburt mit ungefähr 30 anderen Frauen in einem Raum, die Betten nur mit Vorhängen voneinander getrennt. Die Klimaanlage bei 40 Grad Celsius Außentemperatur war leider ausgefallen und die Nachtschwester, eingestellt durch eine Zeitarbeitsfirma (um den NHS finaziell zu entlasten) war unkundig und unmotiviert. Da war es mir ganz recht nach einer Nacht entlassen zu werden. Als ich das zweite Mal schwanger war, habe ich mich bewusst für eine Hausgeburt entschieden und meine Hebamme Faye, auch vom NHS, hat von Anfang an alle Untersuchungen bei uns zuhause vorgenommen (außer natürlich die Ultraschalle, aber da standen mir glaube ich eh nur 2-3 zu). Die Geburt hat super geklappt, und war wirklich eine tolle Erfahrung. 

Und ich muss sagen, dass als unser Sohn einen kleinen Unfall hatte, wir wirklich toll in unserem lokalen Krankenhaus betreut worden sind. Die Ärzte und Krankenschwestern waren alle total engagiert. Das ändert leider natürlich nichts daran, dass der NHS total unterfinanziert ist und es daher auch kaum Mittel für Vorsorgeuntersuchungen gibt.

Welche Beschränkungen wegen der Krise gelten für Euch momentan?

Mein Mann und ich arbeiten seit fünf Wochen von zuhause aus. Die Schule meines  älteren Sohnes ist seit vier Wochen geschlossen und seitdem kommt auch die Nanny von unserem jüngeren Sohn nicht mehr. Ich arbeite in Teilzeit und habe außerdem mit Beginn des Homeoffice den Job gewechselt, sehr schlechtes Timing. Mein neuer Arbeitgeber hat mich technisch gut ausgestattet und hat auch Verständnis für meine Situation, aber die Produktivität mit zwei sehr lebhaften Jungs zuhause ist natürlich eingeschränkt.

Momentan dürfen wir nur einmal am Tag nach draussen, entweder um Sport zu machen oder um essentielle Sachen einzukaufen. Lebensmittel beziehen wir fast ausschliesslich über das Internet (Onlinesupermarkt, Kochbox, Gemüsebox) und von unserem Milchmann. 

Wie erlebst Du Deutschland während der Krise?

Ich habe das Gefühl, dass Deutschland momentan zu den sicheren Staaten in der Coronokrise gehört. Ich finde, Deutschland hat angemessen auf die Krise reagiert, schnell und informiert. Hier sind alle sehr beeindruckt, dass Deutschland so eine niedrige Todesrate hat. Und ich werde oft gefragt, ob ich nicht gerade lieber in Deutschland wäre. 

Du hast sicher Familie in Deutschland – wie besorgt bist du da?

Die Sorge, momentan nicht für meine Familie in Deutschland da sein zu können, macht mir sehr zu schaffen. Und auch die Ungewissheit, nicht zu wissen, wann ich das nächste Mal nach Deutschland fahren kann. Meine Eltern gehören ja leider zu der Risikogruppe, genau wie meine Oma. Sie wohnt in einem Pflegeheim auf dem Land und feiert dieses Jahr ihren 100. Geburtstag. Da macht man sich natürlich auch Sorgen. 

Ganz generell: Was vermisst Du an Deutschland?

Die direkte Art der Deutschen. Die Briten sind sehr höflich und sprechen Problem meist nie direkt an. Eigentlich finde ich diese höfliche Art sehr angenehm und stoße mich mittlerweile manchmal an der „ruppigen Art“ wenn ich in Deutschland bin. Aber manchmal finde ich das schwer, gerade in Zeiten wie diesen.

Wie beschäftigt Ihr Euch nun tagsüber?

Da es seit Wochen sehr sonnig und warm ist, sind wir viel im Garten. Die Jungs spielen viel in der Matschküche und im Sandkasten, bauen Höhlen oder buddeln Löcher und suchen nach Dinosaurierknochen. Wir malen und lesen viel (auch mit der Oma über Skype) spielen Fußball, kochen und backen gemeinsam. Morgens drehen wir eigentlich immer eine Runde in umserem Park und spielen ein bischen Fußball. Der Kleine lernt gerade sprechen, das ist sehr unterhaltsam. Wenn er schläft, übe ich mit dem Großen ein bischen lesen und schreiben, damit er nicht alles verlernt. 

Wie geht es Deinen Kindern damit?

Der Kleine findet es super, dass wir soviel Zeit zusammen verbringen können und sein Papa und der große Bruder immer hier sind. Der Große hat eher mit der Situation zu kämpfen. Er hat sehr viele Freunde in der Nachbarschaft, die sich vor der Krise oft zum Spielen getroffen haben und das geht momentan leider einfach nicht, Er geht auch wirklich gerne in die Schule, vermisst seine Lehrer und die tägliche Struktur. Ich finde es auch schwierig ihm nicht sagen zu können, in 4 Wochen wird es besser oder im September geht die Schule wieder los. Wir wissen es ja einfach nicht.

Was wollt Ihr als erstes machen, wenn das alles überstanden ist? 

Der Große meinte gerade er möchte gerne ans Meer fahren. Das klingt gut. Und ich freue mich darauf meine Freunde und Familie wiederzusehen und in den Arm nehmen zu können.



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