Plötzlich arm im Libanon: Wenn das eigene Geld nichts mehr wert ist

Ihr Lieben, unsere Leserin Helen lebt mit ihrer Familie im Libanon. Dort herrscht seit 1,5 Jahren ein Ausnahmezustand. Zu Corona und etlichen Lockdowns kommt dort noch eine eine Wirtschaftskrise hinzu, die die libanesische Währung um 90 Prozent einbrechen ließ. Wenn das Gehalt der Menschen vorher bei 1000 $ lag, so ist es jetzt nur noch 40$ wert. Helen schreibt uns: „Die Menschen hier können sich wirklich nichts mehr leisten, ihr Geld reicht wenn überhaupt nur noch für den Strom und die Miete. Eine Tankfüllung kostet nun so viel wie ein gesamter Monatslohn.

Plötzlich sind die Menschen aus der Mittelschicht arm

„Es ist wirklich sehr schlimm anzusehen, wie Menschen aus der normalen Mittelschicht, die eben noch ein gutes Leben hatten, plötzlich arm sind“, sagt Helen. Gerade Lehrer seien stark betroffen, weil sie kaum Möglichkeiten hätten, mehr Geld zu bekommen. Lediglich eine Transportpauschale wurde erhöht, die aber auch eben nur für einen halben Tank im Monat reicht. Sie hat uns einen Gastbeitrag zur aktuellen Lage geschrieben, mit einem Spendenaufruf am Ende, um die Erzieherinnen in ihrem Kindergarten zwei Lehrerinnen gezielt zu unterstützen.

Sie schreibt: „Sie sind fast alle Mütter und aus dieser Perspektive möchte ich erzählen. Wie ist es als Mutter, wenn du plötzlich nicht mal mehr eine Trinkflasche aus der Drogerie für dein Kind kaufen kannst, weil diese ein Zehntel deines Gehaltes kostet? Wenn du dir keine Weihnachtsgeschenke leisten kannst, plötzlich deinem Kind erklären musst, dass du dir nichts mehr leisten kannst? Wenn du plötzlich nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben kannst, weil ein Besuch im Restaurant unbezahlbar geworden ist. Hier kommt ihr Gastbeitrag.

Die Menschen können es sich kaum noch leisten, zu heizen

Die Sonne scheint noch immer warm Ende November im Libanon. Der Winter fängt zumindest milde an hier am Mittelmeer. Für die Menschen ist es eine kleine Wohltat, viele von ihnen können es sich kaum noch leisten, zu heizen. Seit anderthalb Jahren fegt ein wirtschaftlicher Tsunami durch das kleine Land. Der Libanon ist nicht größer als Hessen, zählt gerade einmal sechs Millionen Bewohner. Mehr als die Hälfte der Menschen lebt heute unterhalb der Armutsgrenze, Lebensmittel wie Fleisch oder Käse können sich nur noch die wenigsten leisten.

Angefangen hat die Krise mit dem Zusammenbruch des Bankensystems. Regelrecht von heute auf morgen wurden die Konten der Libanesen eingefroren. Zutritt zu den Banken verwehrt. Die Geldautomaten waren über Nacht leer. Die Landeswährung verlor immer schneller an Wert. Die Libanesen konnten nur noch zusehen, wie ihr Vermögen – wenn sie welches hatten – immer kleiner wurde. Viele haben ihr Leben im Ausland gearbeitet und ihr Geld aufgrund der hohen Zinsen auf einer Bank im Libanon gehabt, wollten dann ihre Rente im Libanon verbringen. Sie haben nun alles verloren. Corona und die langen Lockdowns verschlimmerten die finanzielle Not der Menschen immer weiter, ein Großteil hat über Monate hinweg keinen Lohn erhalten, Hilfen vom Staat gab es kaum bis gar nicht.

Libanon: Die Währung hat massiv an Wert verloren

Heute, anderthalb Jahre später hat das libanesische Pfund über 90 Prozent an Wert verloren, ein Gehalt, welches einmal 1000 Dollar wert war, hat heute lediglich einen Wert von 70 Dollar. Menschen, die noch vor einem Jahr aus der Mittelschicht kamen, sind plötzlich arm.

Einer dieser Menschen ist Eliane, sie ist 25, verheiratet und Mutter einer 3-jährigen Tochter. Sie ist Lehrerin und unterrichtet die ersten Jahrgänge einer Schule. Ihr Mann arbeitet als medizinischer Angestellter in der gleichen Schule. Einst verdienten sie zusammen 2500 Dollar, lebten ein angenehmes Leben. Sie wollten reisen, eine große Familie gründen. Jetzt stehen ihnen nur noch 170 Dollar im Monat zur Verfügung. Der Großteil von diesem Geld geht für den Strom und die Miete drauf, zum Leben bleibt kaum noch Geld übrig.

Alle Preise sind an den Dollar gekoppelt, vorher hat der Strom ca. 100.000 LBP (Libanesische Pfund) gekostet, heute sind es je nach Verbrauch um 1 Million LBP, genau was Eliane im Monat verdient. „Wir bekommen ein wenig Hilfe von einer Familie aus der Nachbarschaft. Wenn wir diese Hilfe nicht kriegen würden, wüssten wir nicht mehr weiter.“ Eliane ist verzweifelt. Weihnachten steht vor der Tür, für Geschenke ist kein Geld da.

Kindern, wir können uns den Käse nicht mehr leisten

„Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man seinen Kindern nichts mehr bieten kann und ihnen erklären muss, dass wir uns nicht mal mehr ihren Lieblingskäse leisten können.“ Ein Stück Käse kostet bereits 1 Fünftel ihres kompletten Monatsgehaltes. Libanesen, die keinen Zugang zu Dollargehältern haben, können am gesellschaftlichen Leben nicht mehr teilhaben. Restaurantbesuche, Lebensmittel, Elektrogeräte, alles ist plötzlich unbezahlbar geworden.

Immer mehr gut ausgebildete Libanesen verlassen das Land. Sie versuchen in den Golfstaaten, Saudi-Arabien oder den USA besser bezahlte Arbeit zu finden um ihre Familien ernähren zu können. Für das Land ist dies dramatisch, vor allem gut ausgebildete Lehrer, Professoren und Ärzte gehörten zum wichtigsten Knowhow des Landes.

Einer dieser gut ausgebildeten Menschen ist Rita Wehbe. Ihr gehört ein Kindergarten im Norden des Landes, noch vor einem Jahr konnte sie gutes Geld mit ihrer Arbeit verdienen. Heute ist sie froh, wenn sie am Ende 100 Dollar für sich übrig hat. Sie hat die Gehälter der Erzieherinnen trotz der Krise um 25 Prozent erhöht, zahlt eine extra Transportpauschale, die fast genauso hoch ist wie der Lohn. Obwohl sie die Gebühren verdoppelt hat, geht fast alles für Löhne, Strom und Materialkosten drauf. Einst zahlten die Menschen 250 Dollar pro Monat, umgerechnet sind es jetzt nur noch 30 Dollar. Trotz all der Probleme will Rita das Land nicht verlassen, sie kämpft für eine bessere Zukunft für die kleinsten im Land. Mit viel Herzblut versucht sie, den Libanon ein Stück besser zu machen. Trotz all ihrer Bemühungen, die Gehälter ihrer Erzieherinnen zu erhöhen, leben diese heute in Armut.

Kein Weihnachtsbraten und keine Geschenke

Wie lange die Menschen im Libanon so weitermachen können, ist unklar. Fakt ist, dass sie es sich nicht leisten können werden, im Winter zu heizen. Es wird keinen Weihnachtsbraten geben und kaum Geschenke. Aber auch die Zukunft sieht düster aus. Viele Familien haben Angst, weitere Kinder zu planen. Sie können es sich einfach nicht mehr leisten. Dies fängt schon bei der Schwangerschaft an, denn weder für Arztbesuche noch die Geburt ist Geld vorhanden.

Spenden: Ihr wollt die Menschen vor Ort im Libanon unterstützen und ihnen zu Weihnachten ein wenig Freude bereiten? Helen unterstützt gezielt sechs Erzieherinnen vom Kindergarten Little Steps, die Grundschullehrerin Eliane und eine Lehrerin einer öffentlichen Schule, die Mutter von vier Kindern ist. Erstes Ziel ist es, dass diese Familien einigermaßen gut durch den Winter kommen, Geld zum Heizen und Essen haben. Wenn das Spendenziel von 5000 Euro für den Winter erreicht wurde, sammeln sie weiter, um die Familien das ganze Jahr über unterstützen zu können. Ein kleiner Teil wird auch für die Transportpauschale für den Kindergarten verwendet werden, damit sichergestellt wird, dass die Lehrerinnen täglich zur Arbeit kommen können. Hier gelangt ihhr zur Spendenmöglichkeit.

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1 comment

  1. Ich kann die Not verstehen, wenn Familien plötzlich Angst haben müssen nichts mehr zu essen zu haben und nicht heizen zu können.
    Ich frage mich jedoch ernsthaft: Wenn das Geld im Libanon nichts mehr Wert ist, würde Hilfe in Form von Sachspenden nicht viel mehr ankommen? Haltbare Lebensmittel für Mahlzeiten im Kindergarten (Kinder und dort Beschäftigte), Kleidung für die Kinder die warme Sachen benötigen weil sie gewachsen sind, Drogerie und Hygieneartikel und Geschenke für die Kinder zu Weihnachten fallen mir spontan ein. Natürlich ersetzt das nicht selbst etwas aussuchen zu können, aber es könnte in diesem Fall mehr Wert haben als ein Geldbetrag.

    Für diesen Artikel hätte ich mir insgesamt eine breitere Auseinandersetzung mit dem Thema, vor einem Spendenaufruf, gewünscht.

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