Tiefenentspannt durch den Mediendschungel: Wie lang darf mein Kind in Zeiten von Corona ans Handy?

Kind am Handy

Foto: Pixabay

Ihr Lieben, es ist doch vermutlich bei uns allen dasselbe – gerade jetzt, da wir so viel Zeit zu Hause verbringen wollen zumindest die größeren Kinder am liebsten dauernd ans Handy, Tablet oder an die Konsole.

Sie wollen sich rausträumen aus dem eigenen Zimmer, sich virtuell mit Freunden treffen, ja, auch Abstand gewinnen von den Eltern. Raus aus der Langeweile. „Nur noch EINE FOLGE“ gucken 😉

Neulich las ich sinngemäß etwas wie das hier bei Twitter über Eltern: Woche 1: „Ja, okay, Kind, noch eine Folge der Serie“. Woche 2 der Ausgangssperre: „Ja, okay, aber nur noch eine Staffel.“ Woche 3: „Ach, egal, guck halt den ganzen Tag.“ Vielleicht fühlen sich hier einige ertappt…

Aber wie viel Medienkonsum ist wirklich gut in welchem Alter? Was können wir erlauben, was sollten wir unbedingt verbieten? Wir haben mit Diplom-Pädagogin und Medienexpertin Patricia Cammarata (ihr kennt sie bestimmt durch ihr Blog dasnuf oder weil wir hier schon einmal über ihr Buch „Sehr gerne, Mama, du Arschbombe“ darüber gesprochen.

In ihrem Podcast „Nur 30 Min“ nur30min.de  spricht sie regelmäßig und erfolgreich mit ihrem Kollegen Marcus Richter über Kinder und digitale Medien, hält Vorträge (z.B. auch beim Digitalkompass für Eltern von Blogfamilia), außerdem hat sie gerade das sehr empfehlenswerte Buch: „Dreißig Minuten, dann ist aber Schluss“ geschrieben.  

Liebe Patricia, viele Eltern größerer Kinder geraten gerade an den Rand des Wahnsinns, weil ihre Kinder am liebsten rund um die Uhr an Handy, Tablet, Spielkonsole oder internetfähigem TV-Gerät sitzen würden. Was rätst du all den Verzweifelten (denn ja, auch ich gehöre mit drei Teenies dazu…)?

Patricia Cammarata: Zu allererst: Kinder verstehen durchaus, dass wir im Ausnahmezustand leben und jetzt andere Regeln gelten als sonst. Das würde ich auch kommunizieren.

Wenn es irgendwann zurück in den normalen Alltag geht, wird es eine Übergangsphase geben, aber das kennen wir auch von den Ferien, wo die Kinder lange aufbleiben können, lange schlafen und jeden Tag zwei Eis essen und dann in den Schulalltag zurückfinden müssen. Das klappt nach ein paar Tagen auch wieder.

In erster Linie gilt es jetzt gut durch die schweren Zeiten zu kommen. 

Ich würde es nicht anders handhaben als sonst: Besprecht, wie die Prioritäten sind. Erst Schule, dann Bewegung, dann Freizeit und zur Freizeit können auch die digitalen Geräte gehören.

Kein Handy vor und während der Schule. Endgeräte um 21 Uhr aus dem Zimmer (je nach Alter früher).

Eltern sollten auch prüfen, mit was sie sich gut fühlen. Wollen sie, dass die Kinder produzierend statt konsumierend unterwegs sind, müssen sie entsprechende Angebote suchen. Dasselbe gilt aber auch für Serienkonsum und Videospiele. Es gibt altersgemäße Inhalte und solche, die es nicht sind. Es gibt Computerspiele wie Zelda, die eine gute Spielmechanik haben und andere, die diese nicht haben.

Wenn sie wollen, dass die Kinder was anderes machen, müssen sie Alternativen bieten. Die Bibliotheken sind gerade geschlossen, da muss man eben ein paar Bücher mehr als sonst kaufen oder auf das kostenlose Angebot der Onlinebibliotheken zurückgreifen. 

Nun hältst du generell nichts von Medienzeitbegrenzungen – warum nicht?

Ich halte nichts von Medienzeitbegrenzungen per se. Ich halte schon etwas von Inhaltsauswahl und Alltagsprioritäten (s.o.).

D.h. wenn mein Kind einen ganzen Tag einen Calliope programmieren mag, hab ich damit kein Problem. Will es stundenlang Katzenvideos schauen, verstehe ich das nicht unbedingt, halte das aber für unbedenklich. Will es ein Spiel spielen, dass ihm ein schlechtes Gefühl macht und es sehr unter Druck setzt, würde ich das schon gerne diskutieren wollen und nach Alternativen schauen.

Es geht grundsätzlich viel mehr um das Was als um das wie lange.

In mir löst das dauernde Medienkonsumverhalten der Kinder zum Teil wirklich Aggressionen aus, dabei arbeite ich ja selbst hauptsächlich digital – wie erklärst du dir das?

Da müssten wir jetzt direkt miteinander reden. Was genau macht dich aggressiv? Fühlst du dich zurückgesetzt? Bist Du genervt, weil ihr einen großzügigen Rahmen setzt und der ständig überschritten wird? Bist du gereizt, weil deine Kinder durch den Konsum gereizt sind und du eigentlich die Erwartung hast, dass sie danach entspannt und fröhlich sein müssten? Bist du von der Begeisterung, die zuweilen fast in Besessenheit kippt überfordert, weil dich die Themen vielleicht gar nicht so interessieren?

Es ist immer ganz wichtig dem eigenen Gefühl nachzugehen und es ganz konkret zu machen. Es nicht so verwaschen und unklar lassen. Denn dann hast du keinen Hebel was zu ändern und deine Kinder auch nicht.

Mich macht es z.B. manchmal verrückt, dass ich die Spielminuten eins zu eins nacherzählt bekomme und doch nur Bahnhof verstehe. Dann bitte ich darum, dass wir erstmal ein anderes Thema anschlagen, eines, das uns beide interessiert und vertage das Gespräch auf einen Zeitpunkt, bei dem ich den Kopf frei habe, um dann auch ein paar Gegenfragen zu stellen, um so die Begeisterung meines Kindes zu verstehen.

Autorin Patricia Cammarata. Foto: Marcus Richter

Nun reden in Zeiten des Homeschoolings aber viele von Struktur und Tagesplänen und Regeln. Wie können wir Eltern ein gutes mediales Gleichgewicht hinkriegen (auch wenn wir es zB schwer haben mit Strukturen – und wir zwar keine festen Medienzeitbegrenzungen haben, aber das Gefühl, sie sitzen viel zu lang dran und vernachlässigen all den Rest?)

Manchmal helfen Oma-Sprüche wie „Erst die Pflicht, dann das Vergnügen“. Motivational ist das auch nachvollziehbar. Umgekehrt hat man doch keinen Bock. Wenn man das macht, das einem echt Spaß macht und das soll man unterbrechen, um etwas zu machen, auf das man keine Lust hat. Das haut nicht hin.

Deswegen gilt das bei uns so. Erst wenn die Schulsachen erledigt sind, kommt die Freizeit. Die Kinder müssen nicht um 6.15 Uhr wie sonst aufstehen, aber um 8 gibt es Frühstück und um 9 geht es allerspätestens los mit Schule.

Auch Bewegung kommt für uns alle gerade zu kurz. Deswegen richte ich mir nach Möglichkeit eine lange Mittagspause ein und gehe dann mit den Kindern zusammen raus. Sie dürfen auch gerne schlecht gelaunt hinter mir hertrotten. Ich hab zur Beteiligung an Hausarbeit mal gelesen: „Kinder müssen helfen, sie müssen nicht dabei lächeln.“ Das gilt auch hier.

So handhaben wir das die Tage. Weil der Alltag kaum Bewegung bietet, ist das Pflichtprogramm.

Sie können höchstens wählen, ob sie morgens mit Joggen gehen (oder Roller nebenher fahren) oder Mittags bzw. abends mit zum Spazieren kommen.

Gibt es Spiele, bei denen du sagst, sie eignen sich für Kinder gar nicht?

Na klar gibt es die.

Ich finde die USK geben da schon eine gute Richtschnur weil sie prüfen: Sind die Inhalte und die Spielmechaniken altersgemäß. Dabei richten die sich nach durchschnittlichen Entwicklungsständen. Da kann es schon sein, dass ein Kind mit 14 durchaus schon ein Spiel ab 16 spielen kann.

Generell sollte man als Eltern auch das Drumherum im Auge haben. Viele Spiele haben eine Chatfunktion über die grauenhafte Kommunikation auf das Kind einfällt. Da kann von Fäkalsprache bis Nazijargon alles dabei sein.

Manche Spiele werden mit anderen zusammen gespielt und können Druck ausüben, weil die Gruppe zu einem festen Zeitpunkt aktiv werden muss. Wenn da bei einem gerade selbst Abendessenszeit ist, hat man ein sehr angespanntes Kind am Tisch. Manche Spiele sind so programmiert, dass ab einem gewissen Level ein Weiterkommen nur über den Zukauf irgendeiner Währung funktioniert. Das ist alles nicht so wünschenswert.

Am besten man liest sich deswegen durch die Rezensionen bei Spielbar.de und https://www.spieleratgeber-nrw.de 

Diagramm: Katja Berlin.

Welche Regeln für das Digitale dürfen in keinem Kinderzimmer fehlen?

Überwachungsgeräte wie Alexa und Co. gehören in kein Kinderzimmer (eigentlich auch in keine Küche, aber das ist ein anderes Thema).

Inhalte müssen dem Alter und Entwicklungsstand entsprechen.

Spiele mit In-App-Käufen, die den Taschengeldrahmen um ein Vielfaches überschreiten, sind mit äußerster Vorsicht zu genießen.

V.a. bei jüngeren Kindern sollte so etwas wie Autoplay deaktiviert sein.

Und Kinder sollten sehr gut wissen: Es gibt Menschen, die Böses wollen und sich deswegen als Kinder ausgeben. Am besten deswegen bei jüngeren Kindern direkte Kontaktmöglichkeiten in den Apps unterbinden und später sicherstellen, dass nur man nur Kontakte annimmt, bei denen man sicher sein kann, dass es die Personen sind, für die sie sich ausgeben.

Ganz am Ende sollte das Kind aber wissen: Egal was schief geht, sie können sich an die Eltern wenden und die bemühen sich erstmal um Lösungen.

Du sagst, wir Eltern sollten uns für das interessieren, was unsere Kinder im Netz erleben, für sie ist es das, was wir früher im Wald an Abenteuern erlebten… wie können wir also Teil des Ganzen werden?

Ganz banal: Zuhören, die Gesprächsangebote annehmen, Nachfragen und dann auch zusammen erleben. Spiele zusammen spielen, Erlebnisse teilen (und dann am besten nicht in der Königsdisziplin der Kinder, das könnte eine sehr frustrierende Erfahrung werden. Sucht euch lieber Spiele, die man ohne viel Erfahrung spielen kann und Spaß dabei haben kann.).

Erzähl uns bei all der Verteufelung doch mal, wie wir alle – aber vor allem unsere Kinder – von all den Medienmöglichkeiten profitieren können.

Wir können zeit- und raumunabhängig Kontakt zu unseren Freundinnen und Freunden haben. Wir können in neue Welten schauen und dazulernen. Und wir können sehr, sehr viel lachen. Denkt doch mal an die ganzen Klopapier-Mems, die es gerade gibt.


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1 comment

  1. Hallo,
    danke für diesen interessanten und aufschlussreichen Artikel. Gerade in dieser Ausnahmesituation ist vieles anders. Manche Dinge, wie ein verantwortungsvoller Mediengebrauch, sollten aber auch in dieser Situation bleiben.

    Grüße
    Greta

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