Weniger ist mehr: Fuck, so kann sich das Leben als Mama auch anfühlen?

Weniger ist mehr

Ihr Lieben, ich habe schon mal darüber geschrieben, dass ich mir im Leben mit den Kindern manchmal einen Radierer wünsche, um etwas mehr innere und äußere Ruhe herzustellen. Auch Dreifachmama und Autorin Leonie Schulte hatte diesen Wunsch und hat sich hingesetzt, um unser aller Leben ein Stückchen schöner zu machen. Das Ergebnis ist ihr Buch Weniger ist mehr – Was Familien wirklich brauchen: Mehr Freizeit und Lebensfreude gewinnen. Denn viel zu oft sind wir als Mütter wahnsinnig ungnädig mit uns und unseren vermeintlichen Fehlern, dabei kriegen wir alle jeden Tag ziemlich viel ziemlich gut hin.

Liebe Leonie, mehr Freizeit und Lebensfreude für Mütter… sag uns bitte: Wie kann das gelingen? Hast du da ultimative Tipps für uns?

Natürlich gibt es einige Tipps, wie wir uns im Alltag entlasten könnten, etwa bei der Art, wie wir unsere Wohnungen und unsere Terminkalender entrümpeln, oder bei der Frage, wie wir das Familienmanagement fairer verteilen können. Darüber schreibe ich auch in dem Buch.

Das Wichtigste aber ist sich einmal ehrlich zu fragen: Was ist eigentlich das Wesentliche in meinem Leben? Und sich dann zu trauen, das Leben nach den Antworten, die ich gefunden habe, auszurichten. Das bedeutet im Zweifel auch, sich von alten Glaubenssätzen und von eingegangenen Verpflichtungen zu verabschieden. Man könnte damit also auch Menschen enttäuschen.

Aber ich bin überzeugt: Wenn wir den bedeutsamen Dingen wieder mehr Raum geben, werden die Dinge, die uns unnötig belasten, automatisch weniger. Das mündet dann im besten Fall eben in mehr Lebensfreude.

Du hast selbst drei Kinder und arbeitest viel. Wie schaffst du dir da Oasen, wobei tankst du auf?

Mich entspannt es total unter Leuten zu sein. Deswegen ist meine Lieblingsbar vielleicht meine Oase, auch wenn das jetzt etwas komisch klingen könnte. Ich hänge da ja jetzt nicht jeden Tag ab. Am Ende ist es aber egal, was ich tue, es kommt darauf an, wie ich es tue. Es klingt etwas abgedroschen, aber in diesem Satz „sei im Moment“ steckt viel Wahres.

Es stimmt ja nun mal: Nur die Gegenwart lässt sich erleben. Wenn wir ständig mit den Gedanken woanders sind, rauscht das Leben an uns vorbei. Darum bemühe ich mich, die Zeit mit meinen Kindern, meinen Freunden oder nur mit mir bewusst zu erleben und mich nicht so viel ablenken zu lassen. Dann tanke ich richtig auf.

Wenn ich mit dem Hund im Wald bin, höre ich zum Beispiel keine Musik. Und wenn ich mit meinen Kindern einen Film gucke, schaue ich nicht aufs Handy. Das musste ich aber auch erst einmal lernen, denn eigentlich tanze ich gerne auf zehn Hochzeiten gleichzeitig.

Ein Kapitel deines Buches lautet: „Werden, wer wir sein wollen.“ Viele Mütter haben bei all der Fremdbestimmung in ihrem Leben aber Schwierigkeiten, da überhaupt zu einer Gewissheit zu kommen. Hast du Tricks, wie wir selbst wieder besser verstehen, was uns Spaß macht und erfüllt?

Der erste Schritt ist, diese Fremdbestimmung und diesen ständigen Stress überhaupt einmal infrage zu stellen. Wir glauben ja, dass es normal ist, ständig müde und kaputt zu sein. Es ist das Leistungsideal, das uns da wie Bleigewicht auf den Schultern lastet. Als erstes also sollten wir uns die Erlaubnis geben, dass das Leben auch leicht sein darf.

Das ist ein wichtiger Schritt, um diesem Ohnmachtsgefühl, das wir oft haben, weil wir so fremdbestimmt sind, etwas entgegenzusetzen. Und er hilft uns, in Handeln zu kommen. Natürlich ist und bleibt Familie kein Spaziergang, und je kleiner die Kinder sind, desto stärker brauchen sie uns. Aber wir müssen uns den Dingen nicht ausgeliefert fühlen.

Ich finde, oft hilft es, einen Schritt zurückzutreten und das Leben aus etwas mehr Entfernung zu betrachten. Tun wir die Dinge zum Beispiel, weil sie uns Freude machen? Oder weil wir glauben sie tun zu müssen?

Ich hatte so einen krassen Aha-Moment in der Mutter-Kind-Kur vor ein paar Jahren. Ich war vor lauter Bedürfniserfüllung wirklich ausgelaugt. Und dann bin ich an diesem einen Morgen mit lauter Musik ganz allein am Strand entlang gejoggt. Etwas, was ich im Alltag hier im Ruhrgebiet ja eher nicht so mache. Dabei dachte ich nur: „Fuck, so kann sich das Leben also auch anfühlen!?“

Ich hatte wirklich vergessen, wie schön es ist, für einen Moment keine To-Dos im Kopf zu wälzen und einfach seinen eigenen Körper wieder zu spüren. Das war wie eine Droge. Genau davon wollte ich mehr. Dabei ging es mir nicht ums Joggen — ich laufe auch heute keinen Marathon —, sondern um das Gefühl wieder im Lot zu sein.

Wieder zuhause habe ich angefangen, sukzessive wieder mehr Raum nur für mich zu schaffen. Mal Sport, mal ausgehen, mal wegfahren. Abstillen nach zweieinhalb Jahren. Das sind viele kleine Schritte und ich bin noch immer nicht ganz bei mir angekommen. Aber ich bin auf dem Weg, und das macht mich heute schon viel gelassener.

Man muss nicht immer gleich für drei Wochen off sein, um sich selbst wieder spüren zu können. Es gibt ja ganz tolle Ansätze, um auch so etwas wie Selbstmitgefühl zu etablieren. Meditationen zum Beispiel. Auch da treten wir ja gedanklich einen Schritt zurück. Und bevor wir lange überlegen, was uns erfüllen könnte: Einfach machen. Wenn es murks ist, lassen wir es halt einfach.

Dein Buch heißt „Weniger ist mehr. Lass uns mal über unser Wohnen reden. Mal provokant gefragt: Ist es vielleicht sogar gut, weniger Platz mit der Familie zu haben, weil wir dann nicht ständig suchen und putzen müssen?

Nun, wer gezwungen ist auf wenig Raum zu leben, wird das zu Recht überhaupt nicht so empfinden. Es kommt also darauf an, ob wir das Privileg haben, uns diese Frage überhaupt zu stellen. Tatsächlich aber haben viele Familien in Deutschland dieses Privileg. Klar, Mieten steigen, Häuser werden teurer. Doch der Wohnraum, den wir pro Person nutzen, ist in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen.

Wir haben also mehr Platz. Allerdings nutzen wir den Wohnraum meist dazu, irgendwelchen Kram abzustellen. Nur wenig Fläche wird tatsächlich mit Leben gefüllt. Und viel Platz lädt eben dazu ein, viel zu besitzen. Weil aber jedes Teil, das wir besitzen, innerlich mit uns verbunden ist, fühlen wir uns schnell ziemlich beladen. Also ja: Manchmal ist es gut, weniger Platz zu haben, denn das nötigt uns, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. 

Mit Kindern sammelt sich ja auch ständig so viel Zeug. Wie werde ich das denn auf Dauer los?

Indem wir uns ganz ehrlich fragen: Brauche ich das wirklich? Und glaubt mir, ich weiß, wie schwer das ist. Wir haben lange sehr chaotisch hier gelebt. Das lag vor allem an dem vielen Zeug. Ich konnte mich schwer trennen, weil ich damit so viele Erinnerungen verbunden habe: an meine Kinder, an die Menschen, die uns die Dinge geschenkt haben. Da hilft es sich klarzumachen: Es sind nicht die Dinge, die uns mit den Menschen verbinden, sondern die Menschen selbst.

Und bei Erinnerungsstücken zum Beispiel sollten wir uns bewusst machen, dass wir sie für unsere Kinder aufbewahren, und nicht für uns selbst. Unser Kind freut sich als Erwachsener vielleicht über ein paar Shirts, die ersten Schuhe aus der Kindheit. Es will aber sicher keine zehn Kisten von meinem Dachboden schleppen.

Inzwischen fällt mir das Ausmisten leichter, weil ich weiß, dass das Loslassen von Dingen mir mehr Freiheit im Hier und Jetzt gibt. Es ist quasi eine Investition in die Beziehungen der Gegenwart. Und da nichts so stark ist, wie das Lernen am Modell, hoffe ich, dass meine Kinder auch irgendwann davon profitieren und auch die kritischen Konsumenten von morgen werden. Wie bei Schöner Wohnen sieht es trotzdem nicht bei uns aus.

In deinem Buch geht es nicht nur um materielle Erleichterung, sondern auch um mentale. Wie schaffe ich es, mit weniger Sorgen, dafür mit mehr Vertrauen durch den Familienalltag zu kommen?

In einem Interview mit Autorin Rike Drust habe ich von ihr ein Wort gelernt, das ich ganz großartig finde: Was wir Eltern nämlich brauchen, ist eine gehörige Portion Egal-Kompetenz. Und diese Superkraft haben wir schon in uns, wir müssen sie nur kultivieren.

Mit dem richtigen Maß an Egal-Kompetenz können wir die Dinge richtig einordnen. Wir sind oft wahnsinnig ungnädig mit uns und unseren vermeintlichen Fehlern, dabei kriegen wir alle jeden Tag ziemlich viel ziemlich gut hin. Vor allem wenn wir uns anschauen, was Kinder wirklich brauchen, um gut gedeihen zu können.

Für mein Buch habe ich unter anderem den Kinderarzt und Autoren Herbert Renz-Polster interviewt. Darin sagt er, die Aufgabe der Eltern sei, Heimatgeber zu sein. Was Kinder vor allem brauchten, sei das Gefühl grundlegender Anerkennung und gleichzeitig Zeit und Raum, die Welt zu entdecken. So gesehen haben wir doch allen Grund, viel Vertrauen in uns und unsere Familienleben zu haben, denn die meisten von uns erfüllen das doch längst.

Auch in Hinblick auf all die Sorgen um unsere Kinder täte es uns gut, viel mehr im Hier und Jetzt zu leben. Denn oft denken wir ja, wir müssten jetzt die Weichen für eine gute Zukunft legen und sind dann besonders streng zu uns und vielleicht auch zu unseren Kindern. Wir glauben, wenn wir hier einknicken, da nicht gut agieren, werden unserer Kinder auf ewig die Rechnung dafür zahlen müssen.

Wenn wir uns aber erlauben, es uns genau jetzt gut gehen zu lassen, profitieren doch die Kinder am meisten davon. Das ist kein Plädoyer für grenzenlosen Hedonismus. Sondern dafür, weniger durchs Leben zu hetzen, damit tiefe Begegnungen mit unseren Kindern und den Menschen, die für uns bedeutsam sind, wieder möglich werden. Das, so glaube ich, ist das beste Fundament für die Familie.

Wie verteilen wir unseren Mental Load fair auf mehrere Schultern, damit nicht alles an Planung an der Mama hängen bleibt?

Auch hier ist der erste Schritt, sich diesen ganze Mental Load überhaupt erst einmal bewusst zu machen. Also dass ein Einkauf nicht nur der reine Akt des Kaufens ist, sondern dass super viele Mikroaufgaben längst erledigt worden sind, ehe wir im Supermarkt stehen. Also die Überlegung: Wie ernähren wir uns gesund? Was essen die Kinder? Was haben wir noch da? Was sagt das Budget? Sowas halt. Das mal aufzuschreiben finde ich super lehrreich — für einen selbst und für den Partner oder die Partnerin, sofern man eine hat. Und dann: Vernünftig miteinander sprechen.

Ohne Witz, das war bei uns zuhause die größte Herausforderung. Der erste Wir-müssen-reden-Abend zum Thema Mental Load ist auch deshalb krachend gescheitert, weil ich mich schon lange damit auseinander gesetzt hatte und meinen Mann damit, nun ja, etwas überrollt habe. Also kurzer Reminder von Psychologin Cornelia Kroes in meinem Buch: Niemand kann Gedanken lesen! Gespräche scheitern oft schon deshalb, weil wir Dinge voraussetzen, die dem anderen gar nicht klar sind.

Ich finde es auch wichtig, allen Beteiligten klarzumachen, worum es eigentlich geht. Wie Patricia Cammarata in ihrem Mental-Load-Buch schreibt: Paare streiten ja nicht über die einzelnen Aufgaben, sondern über das Alleingelassen werden. Und das sollten wir ernst nehmen.

Von Mental-Load können Alleinerziehende natürlich ein Lied singen. Ich bin super dankbar, dass Sarah Zöllner vom Mutter-und-Sohn-Blog mit an Bord ist. Sie gibt in dem Buch Tipps, wie Alleinerziehende etwas mentalen Ballast abwerfen können. Außerdem hab ich einige Freundinnen und Freunde gefragt, was ihnen helfen würde. Und da kommen wir alle wieder ins Spiel, denn wir sind ja ihr Dorf. Ab und zu die Kinder übernehmen, zum Abendessen bleiben oder handwerkliche Hilfe anbieten — so schwer ist es eigentlich nicht.

Und zu guter Letzt: Wie trenne ich mich am besten von meinem schlechten Gewissen, das mir quasi qua Geburt mit nach Hause gegeben wurde?

Das schlechte Gewissen haben wir ja dann, wenn wir glauben, den Erwartungen nicht zu entsprechen – sei es nun unseren eigenen oder den der anderen. Auch hier liegt der Schlüssel meiner Ansicht darin, das Außen so weit wie möglich von uns wegzuschieben.

Ich kenne dieses Gefühl natürlich auch selbst. In einer krassen Überforderungsphase, in der ich irgendwie niemandem gerecht werden konnte, hat meine Mama einmal etwas zu mir gesagt, das mir sehr geholfen hat. Sie sagte: „Denk daran, dich gibt es nur ein einziges Mal auf dieser Welt. Unsere Aufgabe als Mensch ist es nicht zu sein wie alle anderen. Unsere Aufgabe ist es, uns zu unterscheiden.“

Daran denke ich auch heute oft, wenn ich merke, dass mir alles zu viel wird. Dass ich mir erlauben darf, ich zu sein – mit allen Stärken und Fehlbarkeiten, die dazugehören. Und das wünsche ich auch allen anderen Eltern: Dass es ihnen gelingt, kritischer mit dem Außen zu sein, und gütiger mit sich selbst.

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