Fast perfekte Eltern: „Bring Bier mit, wir müssen über Kinder reden“

Laura Marie Wilke

Foto: Benjamin Zibner

Ihr Lieben, ist das nicht schön, wenn auch Eltern sich ihren Humor bewahren? Es erleichtert so vieles, einfach auch mal öfter über Dinge zu lachen, es schenkt einfach Leichtigkeit. Laura Marie Wilke und Benjamin Kuhlhoff beherrschen diese Kunst ziemlich genial, wie man schon am Namen ihres Podcasts und des gleichnamigen Buches dazu hört: Bring Bier mit, wir müssen über Kinder reden. Wir haben da mal nachgehorcht….

Bring Bier mit, wir müssen über Kinder reden

So so, ihr beiden, ihr seid als FAST perfekt. Erzählt doch mal. Was macht ihr gut. Was läuft bei euch regelmäßig schief mit den Kids? 

Laura: Ich würde sagen, dass ich es gut im Griff habe, auf meine eigenen Bedürfnisse zu blicken. Das ist mit zwei Kleinkindern ja manchmal gar nicht so einfach. Wenn nicht gerade irgendein Virus wütet, klappt es in unserer Familie ziemlich häufig, dass jeder mal ein bisschen Zeit für sich hat. Und das wiederum gibt Kraft und macht Lust auf Familienzeit.

Regelmäßig schief läuft, dass ich die Snacks für den Spielplatz, das Geld für die Gruppenkasse, die Wechselklamotten für den Ausflug, das Geschenk für den Kindergeburtstag usw. usw. usw. vergesse. Das Immer-an-alles-denken-müssen finde ich eines der anstrengendsten Dinge am Elternsein und ich scheitere regelmäßig daran. 

Ihr wollt der Elternschaft das Verbissene nehmen, ihr wollt mehr Lockerheit und Humor. Wann brauchtet ihr euren Humor besonders, um eine Situation zu überleben? 

Laura: Humor ist doch gerade zu Pandemie-Zeiten im Homeoffice mit Kleinkindern das Einzige was noch für ein kleines Feuer in Herz und Hirn sorgt. Zwar werden die Witze und Sprüche mit den fortschreitenden Wochen immer platter (und das abendliche Glas Wein parallel dazu immer voller), aber es hilft doch. Eine andere Extrem-Elternsituation ist das Wochenbett mit Kind 1. Fassungslos, erschüttert, überglücklich und völlig ahnungslos was das passiert, helfen blöde Sprüche und zu versuchen, das alles jetzt nicht zu ernst zu nehmen. Ich habe noch nie so herzhaft gelacht wie nach der ersten Dünnschiss-Dusche eines Babys. 

Benni: Das Babykriegen und haben ist ja im Grunde der Freifahrtschein für öffentlichen Fäkalhumor. Das ist eine der schönen Sachen daran. Im Grunde gibt es jeden Tag eine extreme Situation, in der man am liebsten weinen würde, aber dann doch besser einfach schallend lacht. Ich habe zum Beispiel einmal ein Erdnussbuttersandwich gegessen und wenig später meinen Sohn gewickelt. Nach dem Wickeln entdeckte ich auf dem Handrücken noch ein paar hellbraune Reste und mir war im Zuge geistiger Umnachtung völlig klar, dass das ja nur Erdnussbutter sein kann. Nach dem Ablecken wusste ich: Es war keine Erdnussbutter. Und nach dem Erbrechen habe ich dann erstmal Tränen gelacht. 

Machen wir uns alle zu viel Druck? Sollten wir als Eltern viel öfter mal alle Fünfe gerade sein lassen und eine Dose Bier öffnen? Oder den Häagen Dasz-Becher mit Cookies and Cream (ich habe Dream statt Cream geschrieben, ich denke, das sagt bereits alles, oder?)?

Laura: Ich finde, das hilft enorm. Als kinderlose Frau war es meine Lieblingsbeschäftigung in netter Gesellschaft zu essen und zu trinken, zu klönen und die Zeit dabei zu vergessen. Mit Baby schien das auf einmal nicht mehr möglich zu sein. Die Erkenntnis, dass man sein altes Ich nicht begraben muss, weil man Eltern geworden ist, empfand ich als sehr befreiend. Klar ändert sich mega viel und die meisten der eigenen Bedürfnisse stehen nicht mehr an erster Stelle, aber ein paar sollte man sich doch bewahren. Wer Lust hat, mit der besten Freundin auch noch die zweite Flasche Wein zu öffnen, sich wenn die Kinder schlafen eine komplette Tüte Lakritze reinzuschrauben oder von nichts mehr träumt, als mal wieder einen ganzen Tag im Bett zu liegen und eine Serie durchzubingen, sollte das nicht nicht tun, weil er/sie Mutter oder Vater ist. 

Benni: Wer nicht schon mal mit dem Killer-Kater auf dem Spielplatz sein Kind angeschaukelt hat, der werfe die erste Biertulpe. Es tut natürlich höllisch weh und ist körperlich anstrengend, wenn man am Vorabend mal nicht der vernünftige Vater war, aber es sind eben auch die Momente, die einem das Gefühl geben, das es das „alte“ Leben noch irgendwo gibt. Und der Aufruf zur Lockerheit ist ja nicht gleichbedeutend mit Nachlässig- oder Unaufmerksamkeit gegenüber den Kindern. Im Gegenteil, ich glaube für Kinder ist es eben auch eine Befreiung, wenn alle Beteiligten nicht darauf schauen, was man denn laut Ratgeber A in Situation B machen sollte, sondern sich darauf verlässt, dass man es schon okay macht, wie man meint. Und wenn es schiefgeht, dann wir keines der Kinder einen bleibenden Schaden davontragen, nur weil die Snackbox mal nicht mit handgepustetem Dinkelbrot gefühlt ist.  

Laura Marie Wilke und Benjamin Kuhlhoff. Foto: Benjamin Zibner

Ihr geht in eurem Buch auch der Frage auf den Grund, warum Eltern so oft über andere „schreckliche“ Eltern lästern. Verratet Doch mal, woher das kommt…. 

Benni: Es ist wie immer: Man versucht sich abzugrenzen und seine eigene Unsicherheit zu überspielen. Denn gerade beim ersten Kind ist alles neu, man ist komplett verunsichert und hat sich selbst noch nicht in der Rolle eingefunden. Und dann hilft es sich andere anzugucken und zu erkennen: So will ich es schon mal nicht machen. Außerdem macht es eben auch manchmal Spaß in Klischees zu verfallen, während man ja selbst sein eigenes lebt. 

Apropos Klischees… Was meint ihr: Werden alle Eltern irgendwann spießig?

Benni: Das kommt wohl darauf an, was man als spießig ansieht. Wenn es darum geht, in der gleichfarbigen Funktionskleidung mit dem eBike durch die Gegend zu fahren, dann ist das sicherlich zu verhindern. Da müssen dann auch Freunde mal kurz einschreiten, wenn man Tendenzen erkennt. Aber eine gewisse Hinwendung zur Verlässlichkeit kann sich wohl kaum ein Eltern-Duo absprechen. 

Nun schreibst du, Laura, dass du besonders gern Schimpfwörter mit Bügelperlen schreibst. Zeigt das nicht ganz wunderbar den Spagat, den wir da täglich leisten? Wir machen so Sachen wie Basteln zwar (auch wenn wir vielleicht nicht wirklich dafür gemacht sind), tun es aber nach unseren eigenen Regeln? Können wir das bitte mal kurz philosophisch durchdenken? 

Laura: Ich bastele super gerne, wenn es keine Regeln gibt. Irgendwas Aufgemaltes ausschneiden und nach Vorgabe aneinander kleben. Voll öde. Phantasielos. Das versuchte ich zu vermitteln. Seid frei, klebt wild, malt wie ihr wollt, prickelt nicht wie andere es erwarten. Nun lebe ich hier aber teilweise mit Kindern zusammen, die (beim Basteln!!!) gerne klare Vorgaben haben und akkurate Vorlagen lieben. Trotzdem hat das Kind die spannendsten Einfälle und erfindet gerne Geschichten um sein Werk. Man kann also auch in starren Systemen, seine Kreativität ausleben, wenn man will. Wieder was gelernt.  

Benjamin, du findest Sand in der Unterhose doof, fandest ehrlich gesagt auch Kinder doof, bevor du selbst Vater wurdest… war das eine 180-Grad-Wende, die dich heute sogar zum Elternvertreter in der Kita gemacht hat? 

Benni: Das war eine 180-Grad-Wende mit anschließendem Doppelsalto in ein null Grad kaltes Wasserbecken. Ich hätte natürlich vor der Geburt meiner Tochter auch nie gedacht, dass ich da reingeraten würde. Aber ich habe bereits in der Schule immer kläglich versagt, wenn es darum ging, sich wegzuducken, wenn Aufgaben verteilt werden. Das haben andere besser im Blut, zu erkennen, wann denn mal eben dringend das Schuhband zugemacht werden musst – obwohl man Birkenstocks an den Füßen hast. Und Schwupps, ist man Elternvertreter. Aber andererseits versteht man so eben auch manchmal besser, was in der Kita so im Hintergrund abgeht und kann sogar auch seine Meinung einbringen. Es ist also nicht alles schrecklich. 

Was war das Peinlich-Lustigste, das ihr je mit euren Kindern erlebt habt? 

Benni: Ich würde sagen, als einziger Vater in einer Art Baby-Singkreis zu sein und sich irgendwann im Kreis laufend und Tierstimmen imitierend zu Gitarrenklängen zu bewegen, ist mir im Nachhinhein schon unironisch peinlich. Eigentlich gibt es jeden Tag einen Moment, in dem man vor Lachen umfallen könnte. Auch wenn das einfach unpassend ist. Aber ich kann nicht verleugnen, dass ich die Art, wie kleine Kinder unvermittelt umfallen, jedes Mal lustig finde. Doch je älter die Kinder werden, desto komplizierter wird es, die innere Freude zu verstecken. Neulich habe ich eine längere Fahrradtour mit unserer Tochter (5 Jahre) gemacht. Wir hielten an der Ampel an, sie guckte zu mir hoch und sagte aus dem Nichts: „Ich schwitze wie ein Schwein!“ Da war ich schon sehr stolz und habe ihr ein Spaghetti-Eis spendiert. 

Welche ultimativen (Über-)Lebens-Tipp möchtet ihr anderen Eltern noch schnell zurufen?

Benni: Glaubt keinen Eltern, die erzählen, ihr Kind schläft seit der ersten Woche durch! Vergleicht euch nicht mit irgendwelchen Insta-Eltern-Bubbles. Lasst Chaos und Fehler zu! Lasst euch auf Spielideen von Kindern ein. Und geht auf Augenhöhe, wenn ihr mit euren Kindern sprecht! Und kauft das Buch zum Podcast „Bring Bier mit, wir müssen über Kinder reden!“. Gerne im Buchladen nebenan. 

Du magst vielleicht auch


Mehr zum Thema





2 comments

  1. Ich finde die beide so ultra komisch und echt, dass das der beste Podcast für Eltern in Deutschland ist. Bin sehr gespannt auf das Buch. Danke für das coole Interview!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.