Regretting Motherhood: „Ich wünschte, ich wäre nie Mutter geworden“

Mutterschaft Reue

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Ihr Lieben, Franziska schrieb uns über Instagram an und erzählte uns von ihrer Arbeit als Künstlerin und zum Phänomen „Regretting Motherhood“, also dem Bereuen der Mutterschaft. Für ein Projekt hat sie nun etliche Mütter befragt zu ihren ambivalenten Gefühlen, zur überhöhten Rolle der Mutter in der Gesellschaft und dazu, welche Rolle die eigene Kindheit und mögliche Überforderungen in jungen Jahren da auch spielen können. Ein spannender Einblick!

Liebe Franziska, du bist seit acht Jahren Mutter, aber es gab eine Art Wendepunkt in deiner Mutterschaft, als du irgendwann alleinerziehend und überlastet zusammenbrachst. Erzähl uns mal davon. Wie äußerte sich das?

Im Jahr 2012 habe ich jemanden kennengelernt und bin schnell schwanger geworden. Wir kannten uns eigentlich noch nicht so gut. Als ich erfahren habe, dass ich schwanger bin, war es zunächst ein Schock. Mein Körper jedoch befand sich irgendwie in einem totalen Freude-Moment. Bei dem Gedanken an eine Abtreibung musste ich sofort weinen, also war klar, dass ich das Kind behalte.

Der werdende Vater war zu dem Zeitpunkt noch nicht bereit, wie sich dann später zeigte und ließ mich mit einem einen Monat alten Kind 2013 sitzen. Ab dem Zeitpunkt war ich im ersten Jahr komplett auf mich allein gestellt. Ich funktionierte irgendwie bis ich dann 2015 meine erste Panik-Attacke hatte und den Notarzt rufen musste.

Wie ist es so weit gekommen bei dir?

Es war einfach alles zu viel, allein zu sein mit allem, keine Unterstützung zu haben, das ständige darum Kämpfen, dass der Kindspapa sich kümmert, Stress mit den Ämtern, die ständige Überforderung in dieser Mutterrolle etc. Ich bin irgendwann in diesen Modus gegangen, dass ich das auch allein schaffe und habe mir dann zusätzlich noch so viel aufgehalst an Tätigkeiten, dass es irgendwie klar war, dass mein Körper mir dann sagt: „Es reicht!“

Ich bin dann eine Nacht in der Psychiatrie gewesen. Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber ich wollte unbedingt mitgenommen werden. Ich wollte, dass sich jemand um mich kümmert. Kurz danach habe ich mich eine Woche zu meiner Schwester begeben, um mir darüber klarzuwerden, wie es weiter gehen soll.

Du hast dann viel darüber nachgedacht, was eigentlich schiefläuft oder gelaufen ist in deinem Leben und hast dich ausführlich mit dem Phänomen „Regretting Motherhood“ auseinandergesetzt. Hast du zu diesem Zeitpunkt deine Mutterschaft bereut?

Ja, ich fing an Reuegefühle für meine Mutterschaft zu entwickeln, wünschte, ich wäre nie Mutter geworden. Stellte mir aber auch Fragen wie: Was habe ich falsch gemacht? Warum passiert mir das alles? Warum verlassen Väter ihre Kinder? Warum bleibt alles an uns Frauen hängen? Am meisten habe ich darunter gelitten, dass ich mich so allein gefühlt habe und immer in dieser Hoffnung und dem Glauben gelebt habe, dass er irgendwann wieder kommt und doch noch seine Meinung ändert und wir eine „Happy Family“ sein werden.

2015 kam dann das Buch „Regretting Motherhood“ von Orna Donath heraus. Ich war so geflasht davon, dass ich diese Gefühle hatte und es dazu ein Buch gab. Als ich darin las, erkannte ich, dass es mehrere Faktoren und vor allem von außen kommend gibt, die Mütter bereuen lassen. Da kamen natürlich gleichzeitig Fragen auf.

Bei einer Lesung von Laurie Penny im gleichen Jahr, stellte ich ihr die Frage, was sie über Mütter denkt, die ihre Mutterschaft bereuen. An die Antwort kann ich mich leider nicht mehr erinnern, aber an den Dominoeffekt, der danach folgte, als Frauen einer feministischen Radiosendung in Erfurt auf mich zugingen und mich fragten, ob ich dazu interviewt werden möchte. Ich sagte sofort „Ja“. Mir war zu dem Zeitpunkt nicht bewusst, dass dieses Thema in Deutschland einen Shitstorm auslösen sollte. Ich sprach einfach darüber, weil es mich befreite.

Eine der Radiomacherinnen fragte mich: „Kennst du das Buch über die Mutterliebe von Elisabeth Badinter?“. Und so mit fing meine Forschungsreise an…

Dir auch die ambivalenten Gefühle zur Mutterschaft zuzugestehen – war das für dich ein emanzipatorischer Akt?

Die Gefühle der Reue wahrzunehmen und zuzulassen war für mich eine ganz neue Situation. Dadurch kamen natürlich viele Fragen auf: Was habe ich mir dabei gedacht, als ich mich für ein Kind entschied? Warum war mir nicht klar, wieviel Verantwortung ein Kind bedeutet? Warum mache ich alles allein? Warum gehe ich im Muttersein nicht auf?

Das Interessante ist, dass man mit der Entscheidung, ein Kind bekommen zu haben und es nun mal eben da ist, leben muss. Es ist etwas entstanden, was unumkehrbar ist. Und auch hier muss ich nochmal betonen, dass ich nicht mein Kind bereute, sondern all das, was ich durch die Mutterschaft erleben musste. Dass es aber dann doch zu einem gesellschaftlichen Tabu-Thema gemacht wird, war mir zu dem Zeitpunkt nicht klar. Der emanzipatorische Akt war für mich schlussendlich, diesen aufgekommenen Fragen nach zu gehen und Antworten darauf zu finden.

Du hast dich dann sehr reingekniet ins Thema um dich selbst besser verstehen zu können. Du hast dich auch mit der Frage beschäftigt, warum oftmals die Väter gehen, die Mütter aber bleiben und alles auf sich nehmen…

Ich muss sagen, dass ich mich vor meiner Mutterschaft noch nie mit feministischen Themen beschäftigt habe. Durch die Situation, in der ich steckte und die Fragen nach den Gründen für das alles, geschah das dann automatisch. Ich konnte gar nicht mehr aufhören, ich war wie in einem Flow und begriff Zusammenhänge immer mehr, das war eine wahnsinnig tolle Erfahrung.

Es machte mich stärker und ich wusste, dass es nicht nur für mich wichtig ist, sondern auch für meine Tochter. Ich hörte nicht auf, dafür zu kämpfen, dass der Kindspapa immer regelmäßiger sein Kind nehmen sollte. Heute sind wir bei 50/50 angelangt und das ist total super. Wichtig zu erwähnen ist, dass wir als Eltern eine schwere Zeit durch gemacht haben. Da spielen auch persönliche Prozesse eine Rolle, sowohl bei ihm als auch bei mir. Wir sind beide gereift und haben uns zu einem guten Team entwickelt. Er hat seine Themen bearbeitet und ich meine, vor allem die aus meiner Kindheit, wobei das nicht abgeschlossen ist.

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Bei deinen Recherchen bist du auch nochmal tiefer in deine eigene Kindheit eingetaucht. Du sagst, du hattest damals vermutlich schon zu viel Verantwortung. Inwiefern?

Ich bin 1985 in der DDR geboren, beide Eltern waren voll berufstätig. Meine Mutter hat nach der Arbeit die sogenannte „zweite Schicht“ angetreten. Das heißt: Kinderbetreuung und Haushalt. Mein Vater kam immer erst spät und immer dann, wenn das Abendbrot schon fertig auf dem Tisch stand. Ich bin die Erstgeborene und habe eine drei Jahre jüngere Schwester, auf die ich häufig aufgepasst habe. Früh konnte ich all die Dinge die meine Mutter gemacht hat. Durch die althergebrachte Rollenverteilung meiner Eltern wurde für mich schnell sichtbar, dass ich meiner Mutter unterstützen musste.

Mit elf Jahren gab es dann ein für mich traumatisches Ereignis, ich wurde mit meiner jüngeren Schwester allein gelassen für zwei Tage. Ich hatte die volle Verantwortung für sie und für mich. Das war eine total überfordernde Situation. Ich stand wohl auch weinend vor meiner Mutter und sagte: „Ich weiß nicht, wie ich das allein schaffen soll.“ Sie fuhren trotzdem.

Diese Erfahrung habe ich wiederholt erlebt, als ich mit einem Säugling alleingelassen wurde. Durch meine Mutterschaft werde ich einfach immer wieder in das Gefühl gebracht, das ich damals oft als Kind hatte. Verantwortung ist für mich eine Belastung. Ich leide immer wieder an Schmerzen im oberen Rücken (dissoziative Bewegungsstörung), ich komme schnell an meine Grenzen und gehe schnell in die Überforderung. Und, ich trage die Erschöpfung meiner Mutter in mir. Dieses ständige Funktionieren meiner Mutter hat schon etwas mit mir gemacht.

Zu guter Letzt möchte ich aber noch erwähnen, dass ich meine Mutter mal gefragt habe, warum sie das alles allein gemacht hat und mein Vater so wenig mitgeholfen hat im Haushalt. Ihre Antwort war: „Ich wollte das so.“ Seitdem sehe ich, dass Frauen auch lernen müssen Aufgaben abzugeben und sich von diesem anerzogenen Korsett, sie müssten alles allein machen, befreien sollten. Genauso wie das Männer auch tun sollten.

Du hast den Schmerz dann in Kreativität umgewandelt, wie?

Wenn du 24 Stunden 365 Tage allein mit einem Säugling bist und abends nicht rauskannst, dann musst du etwas tun. Da ich Künstlerin bin und damals ein Medienkunst-Studium in Weimar an der Bauhaus Universität angefangen habe, fing ich an, mehr zu fotografieren. Wenn sie geschlafen hat, habe ich mich selbst inszeniert. Wenn sie wach war, habe ich sie mit einbezogen. Kunst zu machen hat mir geholfen zu verarbeiten und die neuen Erkenntnisse umzuwandeln. Seitdem verbinde ich Kunst mit Forschung, das hat sich damals durch die vielen Themen rund um Mutterschaft so gefügt.

Wenn man dir heute die Frage stellt, ob du dich mit dem Wissen von jetzt noch einmal für die Mutterschaft entscheiden würdest, antwortest du heute anders als damals, oder?

Mit dem Wissen und der Erfahrung von heute würde ich noch einmal Kinder bekommen, ja. Weil ich die Gründe kenne und bearbeite. Die Angst, dass sich die Erfahrung wiederholt, bleibt natürlich trotzdem. Heute interessiert mich am meisten, wie ambivalent „die Reue der Mutterschaft“ sein kann. Für ein künstlerisches Forschungsprojekt hatte ich dazu aufgerufen sich bei mir für ein Interview zu melden.

Ich habe bereits 20 Mütter interviewt und meine Vermutungen haben sich bestätigt. Zum Einen haben die meisten gemeinsam, dass sie sich mit allem „alleingelassen“ fühlen und alles auf ihnen lastet. Zum Anderen spielt bei einigen der biografische Aspekt eine Rolle, wie es bei mir der Fall war, zu früh zu viel Verantwortung und die damit verbundene Überforderung und der Einfluss der Rolle der Mutter. Was alle gemeinsam haben, ist die Wut auf das patriarchale System und die familienunfreundliche Gesellschaft, in der wir leben.

Es gibt einen Begriff, den ich vor kurzem entdeckt habe: Matreszenz. Der meint so viel wie „das allmähliche Mutterwerden“, das sich über mehrere Jahre erstreckt. Du wirst ja, wenn du ein Kind geboren hast, als Mutter bezeichnet, aber mit der Geburt eines Kindes bist du es noch nicht. Es ist eine andauernde Entwicklung und ein Wachsen mit dieser Rolle.

Wenn ich diesen Begriff schon damals gekannt hätte, wäre der Druck eventuell nicht ganz so hoch gewesen. In den Interviews haben auch einige berichtet, dass sie auf dieses krasse Glücksgefühl nach der Geburt gewartet haben und es gar nicht eintraf. Dieses überhöhte Mutterideal und das aufgeladene Mutterbild haben eine große Gewichtung.

Ich würde es mit Hedwigs Dohms Zitat sagen: „Der Mütterlichkeit muss die Speckschicht der Idealität, die man ihr angeredet hat, genommen werden“. Es spielen einfach so viele Faktoren eine Rolle, die es Frauen leichter oder schwerer machen, die Mutterrolle individuell zu leben. Du musst als Mutter nicht alles mögen und du musst schon gar nicht alles mitmachen.

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8 comments

  1. Liebe Franziska,
    vielen Dank für deinen ehrlichen Artikel, das ist so ein mutiger Text von dir! Es tut mir im Herzen leid, dass du so einen schwierigen Start hattest. Ich kann es mir sehr gut vorstellen wie furchtbar es sein muss ganz alleine Tag und Nacht für ein Baby zuständig sein zu müssen. Die Last der Verantwortung und die Einsamkeit obwohl man doch nie allein ist.
    Liebste Grüße
    Lilu

  2. Hallo, mich würde interessieren, ist es ein Projekt oder eine wissenschaftliche Forschung? Also unter welchen Gesichtspunkten werden diese Interviews geführt und ggf. ausgewertet? Und wo kann man die Ergebnisse nachlesen?

    Ich finde es tatsächlich auch eine sehr spannende Frage. Ich habe mich bewusst für meine Kinder entschieden, natürlich zusammen mit dem Papa. Ich bereue die Entscheidung nicht, auch wenn man manchmal denkt, jetzt einfach dies oder jenes tun wäre schön. Auch in größeren Belastungssituatuionen nicht. Denn auch wenn wir uns beide um die Kinder und den Haushalt kümmern, bleibt doch der größere Teil an mir hängen. Dennoch hatte ich dieses Bereuen noch nicht. Gleichzeitig musste ich als Kind auch nie zu viel Verantwortung übernehmen.

    Ich sehe es auch so, dass man nicht einfach mit der Geburt des ersten Kindes Mutter ist. Eigentlich beginnt in meinem Augen die Entwicklung zu einer Mutter bereits wenn man sich über eigene Kinder konkret Gedanken macht und spätestens, wenn man von der Schwangerschaft erfährt. Gleichzeitig würde ich mich jetzt als Mama bezeichnen ohne ausmachen zu können, wann genau der Zeitpunkt da war. Aber wie bei allem entwickel ich mich auch als Mama weiter und bleibe nicht in einem bestimmten Zustand.

    Dieses unglaubliche Glücksgefühl nach der Geburt hatte ich auch nicht, ich musste auch nicht vor Freude weinen. Es war eher so okay jetzt ist er geboren. Und ein bisschen später, oh ich werde mir jetzt immer immer immer Sorgen um diesen kleinen Menschen machen. Das hat sich aber auch wieder gelegt, bloß gut😅
    Geliebt habe ich ihn aber sofort und Freude war auch da. Nur eben nicht dieses beschriebene und Filmen dargestellte unfassbare Glücksgefühl.

    Ein sehr interessantes Thema. Sehr gern mehr dazu.
    Es hilft doch immer zu lesen wie verschiedene Ausprägungen von Gefühlen und familienvorstellungen sowie Zusammenhänge sind. Überhöhte mütterbilder und perfekten familienalltag gibt es schon zu viel und setzt einen nur unter Druck. Meist passen die auch nicht zur eigenen Familie

    1. Ich sehe als künstlerisches Forschungsprojekt. Ich stelle Fragen zur Biografie und wie es dazu gekommen ist Reuegefühle zu haben und ob diese Ambivalent sind und welche äußeren Faktoren das Ganze begünstigen. Danke für dein Feedback.

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