Mein Jahr als Au-pair: Kaum Wertschätzung als Rund-um-die-Uhr-Kindermädchen

Mein Name ist Rahna und ich bin in Bulgarien geboren. Ich bin als Au-pair Mädchen nach Deutschland gekommen und hier geblieben. Heute habe ich selbst Kinder und sehe meine Zeit als Au-pair sehr kritisch. Zumal ich mit vielen ehemaligen Au-pairs Kontakt habe, die noch weit Schlimmeres in ihrer Zeit erlebt haben. Ich hatte wohl noch Glück mit der Familie, für die ich gearbeitet habe, ich betrachte meinen Fall eher als eine moderate, aber kontinuierliche Form von Ausbeutung.

Als ich Bulgarien verlassen wollte, befand sich das Land in einer tiefen wirtschaftlichten Krise. Viele junge Menschen hatten Angst um ihre Zukunft und wollten nur noch weg. Es gab nur wenige Möglichkeiten, legal ins Ausland zu gehen. Meine Freunde bewarben sich an Unis oder für Greencards.

Ich bewarb mich nach dem Abitur an verschiedenen Hochschulen, schrieb eine Bewerbung nach der anderen, aber es geschah einfach nichts. Keiner wollte mich haben. Ich verzweifelte zunehmend. Wenn ich die Nachrichten im Fernsehen sah, wurde mir bange. Ich wusste, dass ich in Bulgarien keine Zukunft haben würde.

Au-pair Mädchen: Meine Chance auf Arbeit in Deutschland

Meine Mutter arbeitete in der Vertretung einer großen deutschen Firma in Sofia, und sie hatte viele Kontakte ins Ausland. Der Cousin eines Arbeitskollegen, selbst ein Bulgare, lebte seit über 20 Jahren in Deutschland, arbeitete als HNO-Arzt und plastischer Chirurg. Er suchte dringend ein bulgarisches Au-pair Mädchen, das seinen Kindern Bulgarisch beibringen sollte. Ich wusste: Das ist meine Chance.

Wir trafen uns im Büro meiner Mutter. Ich hatte mich so gut wie möglich auf das Kennenlernen vorbereitet, war aber unglaublich nervös. Ich brauchte diesen Job so dringend… Der Mann saß bereits im Büro als ich kam. Hellblaues akkurat gebügeltes Hemd, braune Cordhose und Ledersegelschuhe. Er hatte graumeliertes Haar und sah sehr sympathisch aus. Wir sprachen sehr kurz miteinander, was mich ziemlich überraschte, denn es ging schließlich darum, dass ich mich um seine Kinder kümmern sollte. Er stellte mir nur wenige Fragen, die in meinen Augen völlig irrelevant für den Job waren. Wie auch immer – ich bekam den Job.

Den frostigen Februar verbrachte ich in Warteschlangen vor der deutschen Botschaft in Sofia. Anfang März hielt ich meinen Reisepass mit dem Dreimonats-Visum wie eine teure/kostbare Trophäe in den Händen. Meine Mutter erzählt mir heute noch, dass sie mich zu Hause glücklich tanzend vorfand. Ich war überglücklich – in einer Zeit, in der es in Bulgarien nichts gab, worüber man glücklich sein konnte. Es war 1997.

Deutschland schien zunächst das Paradies zu sein

Ich kam am 15. März in einer kleinen Stadt im Süden Deutschlands an. Nach 35-stündiger, anstrengender Busfahrt mit langen Wartezeiten an den Grenzen, zusammengepfercht zwischen Männern, die nachts ihre Schuhe auszogen und nach einer Mischung aus Alkohol, Zigaretten und billiger Knoblauchwurst aus dem Mund rochen. Das Wetter bei der Abfahrt am Busbahnhof Sofia war kalt, der Schneeregen vermischte sich mit den Tränen meiner Mutter, und alles rund um uns war braungrau von den Autoabgasen.

In dem deutschen Städchen erwartete mich das Paradies auf Erden. Die Magnolien blühten, der Himmel war irgendwie übertrieben blau, hier und da tanzten weiße Wölkchen zwischen den schönen Fassaden der Häuser. Menschen fuhren auf Fahrrädern, die Wege waren sauber. Ich bekam ein eigenes Zimmer, frisch gestrichen und neu möbliert. Mein Monatslohn betrug 350 D-Mark, wobei der Vater beschlossen hatte, mir 300 davon auszuzahlen und 50 davon für die Zeit danach ansparte. Eine Fahrkarte für die öffentlichen Verkehrsmittel bekam ich nicht, sondern ein Kinderfahrrad. Damit fuhr ich bei jedem Wetter.

Die ersten Wochen waren sehr hart. Das Heimweh erschlug mich, und ich wusste nicht recht, wie ich mich verhalten sollte, was von mir erwartet wird, und vor allem wusste ich wenig über den Alltag in Deutschland mit Kindern. Mir war gar nicht klar, welche Aufgaben ich demnächst haben werde. Ich wusste nichts über meine Rechte und Pflichten und auch nicht, dass mir ein Sprachkurs zustand, dass ich ein Recht auf freie Zeit hatte. Das alles erfuhr ich erst viel später.

Die Ausbeutung begann: Ich arbeitete rund um die Uhr

Und so stand ich der Familie sieben Tage in der Woche zur Verfügung. Ich kümmerte mich um die Kinder, brachte sie zur Kita und holte sie ab. Kümmerte mich um die Wäscheberge, kaufte ein und kochte. Putzen gehörte zu den Aufgaben einer Putzfrau aus Bosnien. Der Au-pair Mutter war es besonders wichtig, dass ihre hochwertigen Kochtöpfe richtig per Hand gespült werden. Auch ihre Unterwäsche bedurfte eines besonderen Umgangs. Das fiel dann wieder in meinen Aufgaben-Bereich.

Im April bekam ich eine starke Erkältung und merkte schnell, dass Kranksein und besonders Arztbesuche unerwünscht waren. Ich musste in dem ganzen Jahr zwei Mal zum Arzt, und das bekam ich richtig zu spüren. Nachdem die Arztrechnung ins Haus geflattert war, verschlechterte sich die Stimmung enorm.

Ab Mai kamen beide Kinder morgens früh direkt nach dem Aufwachen zu mir ins Bett, um zu kuscheln, wir malten viel und lasen Bilderbücher. Sie halfen mir beim Einkaufen und Kochen, hingen gemeinsam mit mir die Wäsche auf. Zudem lernten die Kinder sehr schnell bulgarisch, was toll war. Beide hatten sehr viele Verkleidungskostüme in einer Truhe im Kinderzimmer, ich fand sie zu schön, um sie nur einmal im Jahr anzuziehen, also gingen wir immer öfter als Pikachu, Marsupilami oder Rotkäppchen zum Bäcker.

Im Juni ließ ich mir einen Bibliotheksausweis ausstellen, auch, weil er für Au-pairs kostenlos ist. Ich hatte inzwischen ein Arbeitsvisum für ein Jahr bekommen. Wenn wir am Wochenende zum Markt gingen, stellten mich die Kinder den Verkäufern als ihre Mutter vor. Die Verkäufer staunten, wie unterschiedlich wir doch aussahen.

Ich gab mein Bestes, wurde aber immer einsamer

An den Abenden, an denen es nicht so viel zu bügeln gab und die Kinder bereits in ihren Betten schliefen, setzte ich mich in meinem Zimmer in den Sessel und starrte die Orchidee auf der Fensterbank an. Ich war sehr einsam. Ich schrieb in dieser Zeit ständig Briefe und Tagebuch. Wenn ich es mir leisten konnte, kaufte ich mir eine Telefonkarte für 12 Mark und bei Aldi Süßigkeiten und rief aus einer stinkenden Telefonzelle meine Eltern an. Zwischen Tränen, Satzteilen und Schokolade schmolz mein Guthaben, und meine Traurigkeit wuchs.

Meine sozialen Kontakte beschränkten sich auf Gespräche in der Familie oder auf ein paar Sätze mit anderen Eltern beim Abholen der Kinder. Die Gast-Eltern arbeiteten viel, und wenn sie zu Hause waren, schloss sich jeder in sein Arbeitszimmer ein. Manchmal kam der Vater spät abends leicht angetrunken nach Hause. Er weckte den Jungen, um mit ihm Fußball im Flur zu spielen, weil er ihn den ganzen Tag nicht gesehen hatte. Die Mutter sagte dazu nichts und tat so, als ob sie schlafen würde.

Ab September kochte ich fast täglich typisch bulgarische Küche wie gefüllte Paprika, Pansensuppe oder Banitza. Es kam öfter vor, dass der Vater abends nach dem Essen, bevor er seine obligatorische Gauloises rauchte und ein Glas Rotwein trank, zum Telefon griff, um seinen Cousin in Sofia anzurufen und ihn voller Begeisterung zu fragen: „Rate mal was ich gerade gegessen habe?“ Die Mutter machte einmal wöchentlich Salzkartoffeln mit Fischstäbchen und grünem Salat. Als mein Vertrag zu Ende ging, ersetzte sie mich durch einen Thermomix und schenkte mir als Abschiedsgeschenk ein Kochbuch für Anfänger.

Ich sehnte das Ende des Au-pair-Jahres herbei

Das Jahr lief weiter, Tag für Tag. Ich musste alle Ausgaben in ein Heft eintragen und penibel jeden Kassenzettel aufbewahren und vorlegen als Nachweis. Wenn mein Haushaltsgeld erschöpft war, setzten wir uns zusammen und gingen Punkt für Punkt alle Ausgaben durch. Weil ich den Kindern auf dem Markt Bratwurst im Brötchen gekauft hatte statt Brote von zu Hause mitzunehmen, gab es riesigen Ärger. Also kaufte ich den Kindern Eis von meinem Gehalt.

Im Dezember freute ich mich schon riesig auf Weihnachten und Silvester. Meine ältere Schwester studierte damals in Berlin, und ich durfte sie dort über die Feiertage besuchen. Meine Mutter sollte aus Sofia einfliegen, damit wir ihren 60. Geburtstag zusammen feiern konnten. Da ich mir keine Bahnfahrkarte leisten, konnte fand ich eine Mitfahrgelegenheit in der kostenlosen Stadtzeitschrift. Als ich den Gast-Vater nach meinem Lohn fragte, um für meine Mutter und meine Schwester Geschenke kaufen zu können, behauptete er, dass er mir bereits den Monatslohn für Dezember ausgezahlt hätte. Eine glatte Lüge und der wohl schlimmste Moment in diesem Jahr für mich. Ab dann zählte ich nur noch die Tage bis zum Ende meiner Au-pair-Zeit.

Warum ich das erzähle? Ich weiß, damals war es noch eine andere Zeit, aber auch heute gibt es viele Au-pairs, die nicht gut in ihren Familien behandelt werden. Schaut hin, wenn Euch etwas auffällt und sprecht diese Frauen an. Vielleicht helft Ihr damit jemandem in Not.

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4 comments

  1. Hallo,
    Ich war schon häufig aupair-Mutter. Bevor wir/ich mich dafür entschieden habe, wollte ich mich ausführlich darüber informieren. Was garnicht so einfach ist. Erst hatte ich eine Agentur bei der ich mich sehr unwohl gefühlt habe. Es ging nur um die Bedürfnisse und Erwartungen der Gastfamilie.
    Dann habe ich eine kirchliche Agentur genommen. Es gab ein sehr langes und intensives Gespräch bevor sie uns als Gastfamilie in Betracht zogen. Nach der Ankunft der Au-pair-Mädchen fanden immer mindestens 2 gemeinsame Gespräche statt. Und was für mich eine große arbeitserleichterung war, sie bieten ein umfangreiches Programm für die Au-pair-Mädchen an. So das sie in Kontakt zu anderen gleichaltrigen kommen und Ansprechpartner haben wenn etwas nicht gut läuft. Die Agentur hat auch ein Auge darauf das der Arbeitsvertrag, Bezahlung und ganz wichtig die Au-pair-Mädchen auch versichert bzw. Krankenversichert sind.
    Was man aber nicht vergessen darf, man wird Gast-MUTTER, d.h. die jungen Menschen sind nicht Nur zum arbeiten da, sie werden teil der Familie, wollen das Land und die Kultur kennenlernen. Und wir als Familie lernen auch eine andere Kultur kennen.
    Zu allen unseren aupairs haben wir noch einen sehr guten Kontakt. Manche haben wir auch in ihren Heimatländern besucht. Andere sind in Deutschland geblieben.

  2. Liebe Rahna,
    Es tut mir leid, dass du während deiner Zeit als Au-Pair so schlechte Erfahrungen gemacht hast. Ich habe selber auch als Au-Pair gearbeitet und auch nicht nur gute Erfahrungen gemacht und dasselbe auch von vielen anderen Au-Pairs gehört. Ich denke, es ist ganz wichtig, sich vorher gut zu informieren und dann auch für seine Rechte und Interessen einzustehen. Das ist heute sicher viel einfacher als damals. Aber alle Beteiligten sollten sich bewusst sein, dass es bei einem Au-Pair-Aufenthalt um einen kulturellen Austausch geht und nicht um ein Arbeitsverhältnis. Grade wenn Familien ihr erstes Au-Pair haben brauchen sie oft noch mal ein paar Hinweise, welche Verantwortung das auch für sie bedeutet. Absolut kritisch sehe ich es, wenn Frauen aus „ärmeren“ Ländern, in denen sie für sich selbst keine Perspektive sehen, über den Umweg als Au-Pair eine Aufenthaltsgenehmigung oder Arbeitsrecht in einem „reichen“ Land suchen und sich damit in eine extreme Abhängigkeitssituation begeben. Nimm dies bitte nicht persönlich, ich weiß, dass du dich in einer schwierigen Situation befunden hast, aber dafür sind Au-Pair-Programme einfach nicht da!

  3. Leider passiert es immer wieder – besonders wenn die Suche privat läuft – daß die Aupairs ausgenützt und ausgebeutet werden. Einen gewissen Schutz davor bieten Agenturen. Sie bringen au-pairs und Gastfamilien zusammen und moderieren bei Konflikten. Es gibt gewerbliche Agenturen und andere im non-profit Bereich z.B. kirchliche wie. in-via (katholisch) oder den Verein für internationale Jugendarbeit (evangelisch). Man findet sie unter dem gemeinsamen Internet-Auftritt https://www.weaupair.com/

    1. Wie anmaßend muss man eigentlich sein, um jemandem, der über seine Au-pair-Erfahrungen so offen und persönlich schreibt, zu erzählen „man hätte sich ja vorher informieren müssen“ und „dafür sind die au-pair-programme nicht da“. Das ist arrogant. Klar, wenn man in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, kann man es sich leisten, für „kulturellen Austausch“ als Au-Pair ins Ausland zu gehen. Wer aber seine Zukunft auf diese Weise sucht, ist existentiell betroffen und hat ganz andere Probleme. Aber Hauptsache ihr erzählt mal wieder den „armen Osteuropäerinnen“ wie es funktioniert. Da wird mir echt schlecht.

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